Glaubt man den deut­schen Medi­en herrscht sie die­ser Tage. Sie sei begrü­ßens­wert und nötig und mit­rei­ßend (das Bild der Wel­le wird wie­der­holt evo­ziert) und sowie­so nötig für ein erfolg­rei­ches Tur­nier (die Rede ist vom Ball­sport­spek­ta­kel). Der ins Nichts gerich­te­te Opti­mis­mus der lau­tes­ten Ver­tre­ter einer Gesell­schaft soll aus sich selbst her­aus (denn die eigent­li­chen Zustän­de ändern sich ja nicht wäh­rend einer sol­chen Ver­an­stal­tung) Ver­än­de­rung bewir­ken, kom­men­de Wah­len beein­flus­sen und so wei­ter. Ein sich selbst ernäh­ren­der Ver­drän­gungs­me­cha­nis­mus, der einem Sym­ptom, näm­lich jenem der zumin­dest gefühl­ten gesell­schaft­li­chen Dys­pho­rie ent­ge­gen­tritt als Ursa­che, Wir­kung und Sym­ptom zugleich. Alles was es dafür braucht, ist ein Ball, der in das, für das natio­na­le oder natio­na­lis­ti­sche Selbst­ver­ständ­nis, rich­ti­ge Netz fliegt. Manch­mal reicht auch schon ein guter Ver­such. Alles eine Fra­ge der Nar­ra­ti­on. Schon bre­chen die Däm­me, die Krie­ge wer­den ver­ges­sen, die Kata­stro­phen haben Pau­se. Das lässt sich mit gutem Men­schen­ver­stand und ein wenig Igno­ranz leicht recht­fer­ti­gen: Ablen­kung für gebeu­tel­te Völ­ker, ein wenig Freu­de nach schwie­ri­gen Tagen, Brot und Spiele.

Die­se gigan­ti­sche, poli­ti­sier­te und kapi­ta­li­sier­te Ver­drän­gungs­ma­schi­ne­rie ist wahr­lich kei­ne Neu­erfin­dung, ihre öffent­li­che Beschwö­rung aber wird immer per­ver­ser oder hilf­lo­ser. So klei­det sich das gan­ze in Deutsch­land aus­ge­tra­ge­ne Fuß­ball­tur­nier in die pas­sen­der­wei­se mit Spon­sor Lidl kor­re­spon­die­ren­den Zir­kus­dach­far­ben, die von einem gra­fisch frag­wür­di­gem Intro­vi­deo bis zu an jeder Bar ange­brach­ten Fah­nen ein gezwun­gen fröh­li­ches Bran­ding (nicht umsonst auch das Wort für das Ein­bren­nen von Nar­ben in die Haut) in der Welt plat­ziert: Ver­eint im Her­zen Euro­pas. So bunt, man kann es kaum glau­ben. Wer in den Genuss die­ser Ver­ei­ni­gung kom­men soll und darf, bleibt unklar. Man muss­te sich qua­li­fi­zie­ren, das schon.

Tur­nier­di­rek­tor Phil­ipp Lahm wur­de in den Tagen vor Beginn der Fest­spie­le hun­dert­fach nach sei­nem Ziel gefragt und er hat­te nur eine Bot­schaft: Wir wol­len end­lich mal wie­der fröh­lich zusam­men fei­ern. Sie­ben Euro kos­tet der hal­be Liter Bier, ein End­spiel­ti­cket gibt es für min­des­tens 95 Euro, im Durch­schnitt für 500 Euro. Nicht alle Spie­le sind kos­ten­los im TV zu emp­fan­gen. Die Stars sit­zen ganz nah­bar, so wird behaup­tet, bewacht von Secu­ri­ty in ihrer Home-Base am Pool oder füh­ren Inter­views auf mit Gra­nu­lat über­zo­ge­nen Stei­nen sit­zend. Egal. In den Fern­seh­an­stal­ten hat man längst begrif­fen, dass die kal­ku­lier­te Lei­den­schaft gut fürs Geschäft ist, nach Mona­ten der von Vie­len (die armen Vie­len!) als anstren­gend emp­fun­de­nen jour­na­lis­tisch-kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit sport­li­chen und poli­ti­schen The­men des Fuß­balls übt man sich die­ser Tage eher in einer andau­ern­den Bewer­bung der Euphorie.

So zeigt das staat­li­che deut­sche Fern­se­hen in einer unkom­men­tier­ten Mon­ta­ge Bil­der jubeln­der Men­schen­mas­sen. Man schnei­det von Stadt zu Stadt und sieht immer wie­der die Reak­tio­nen auf das­sel­be Tor: Bier spritzt durch die Luft und eksta­ti­sche Gesich­ter strah­len, Gesich­ter, die sich ver­däch­tig oft selbst fil­men oder vor die offi­zi­el­len Kame­ras tre­ten, um ihre Freu­de zu zei­gen. Eine Freu­de, die es nur gibt, wenn sie doku­men­tiert wird. Attrak­ti­ons­mon­ta­ge, dazu ein Hauch von Rie­fen­stahl, aber man muss vor­sich­tig sein mit sol­chen Ver­glei­chen. Die deut­sche Eupho­rie, soviel wird klar, ist die lächer­lichs­te und bedroh­lichs­te zugleich.

Lächer­lich ist sie, wenn man sie mit jener der ande­ren Kul­tu­ren ver­gleicht, deren Repor­ter bei Toren kom­plett die Kon­trol­le ver­lie­ren und deren Fans, auch wenn in Unter­zahl, deut­lich lau­ter und nach­hal­ti­ger mar­schie­ren und sin­gen und pfei­fen als die Gast­ge­ber. Bedroh­lich ist sie, weil sie sich nicht natür­lich ein­stellt son­dern fast mecha­nisch als Teil eines grö­ße­ren Pro­jek­tes. Eupho­rie ist kein Zustand son­dern eine Bedin­gung. Sie wird so eng mit Kapi­tal und Poli­tik ver­zahnt, dass ihr Aus­blei­ben nicht zu akzep­tie­ren wäre. Nie­mand ist wirk­lich für sie ver­ant­wort­lich, sie exis­tiert mehr als Kle­be­stoff zwi­schen den Dingen.

Klar ist: Wer Eupho­rie erzeu­gen will, muss über die Gefüh­le der Men­schen herr­schen. Das geht seit jeher am bes­ten über die Medi­en. So spra­chen die Mode­ra­to­ren und Exper­ten nach dem erfolg­rei­chen Eröff­nungs­spiel der deut­schen Mann­schaft fast aus­schließ­lich über die Eupho­rie und deren Wich­tig­keit. Wie eupho­risch nun alle sei­en, das wäre ja die Eupho­rie, die es brau­che. Die­je­ni­gen, die schon ein­mal Eupho­rie erleb­ten, wur­den gefragt, ob die­se nun ver­gleich­bar sei. Die­je­ni­gen, die sie such­ten, wur­den mit leuch­ten­den Augen gefragt, ob sie sie nun gefun­den hät­ten. Dabei fiel auf, dass das mit der Eupho­rie unter Umstän­den wie mit der Lie­be ist: Man kann sie nicht her­bei­re­den. Das gilt aller­dings nur für die tat­säch­li­che Eupho­rie, die medi­al ver­mit­tel­te lässt sich sehr wohl rein durch Erzäh­lung erschaffen.

Die zeit­ge­nös­si­schen Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter pro­du­zie­ren gräu­li­che The­men­songs oder ste­hen auf Fan­mei­len zwi­schen betrun­ke­nen Män­nern und lachen in die Kame­ra: Seht, seht, wie fröh­lich alle sind, wie gut es uns geht, wie offen wir doch sind! Das ist auch der kla­re Auf­trag der Kame­ras in den Sta­di­en. Sie suchen den Rausch wie ande­re nach Fei­er­abend. Das Fuß­ball­fan­sein wird mit dem Mensch­li­chen per se gleich­ge­setzt. Wer da nicht mit­geht, raunt der Repor­ter, hat kei­ne Gefüh­le. Die Eupho­rie ist ein Gespenst, sie muss nicht exis­tie­ren, um zu wir­ken, Reißbretteuphorie.

Irgend­was aber stimmt nicht. Die hoch­auf­ge­lös­ten Bil­der wir­ken fast so irre­al wie die Gra­fik des Intro­vi­de­os, man wähnt sich nicht nur wie sonst in einer Simu­la­ti­on, man kann ihr beim Simu­lie­ren zuse­hen. Ein Zoom in die Augen des gro­ßen fran­zö­si­schen Stars, die Unter­sicht im Ange­sicht der erwünsch­ten Hel­den. Fans skan­die­ren Lie­der aus Wer­be­spots, sie haben die Eupho­rie gekauft. Der Lade­bal­ken friert in den strah­len­den Gesich­tern der TV-Exper­ten ein. Sie sagen: Eupho­rie! Und dafür wer­den sie bezahlt. Wird es mal ruhi­ger oder lang­wei­li­ger im Sta­di­on oder gibt es gar Gewalt wie zwi­schen den Anhän­gern Eng­lands und Ser­bi­ens oder wer­den die alten faschis­ti­schen, frem­den­feind­li­chen oder myso­gy­nen Lie­der aus­ge­gra­ben wie von den kroa­ti­schen, unga­ri­schen oder eng­li­schen Fans wird schnell noch lau­ter von der Eupho­rie gere­det, weg­ge­schnit­ten, ande­res the­ma­ti­siert. Bloß nichts Nega­ti­ves zulas­sen. Dabei wer­den die faschis­ti­schen Lie­der doch auch eupho­risch gesun­gen, oder nicht?

Zum Fina­le der ers­ten Euro­pa­meis­ter­schaft im Pari­ser Prin­zen­park­sta­di­on zwi­schen der Sowjet­uni­on und Jugo­sla­wi­en kamen übri­gens nur knapp 18000 Men­schen, weil man in Frank­reich über das Aus­schei­den der eige­nen Mann­schaft zu ent­täuscht war und die Res­sen­ti­ments gegen den Ost­block zu groß waren. Es war schon damals so: Weni­ge inter­es­sie­ren sich wirk­lich für den Sport. Statt­des­sen geht es um eine abs­trak­te Wahr­neh­mung von Ergeb­nis und Stim­mung, Hel­den und Wer­ten, die sich an eine Tätig­keit anleh­nen, bei der Glück, Zufall und Tages­ver­fas­sung eine mehr als ent­schei­den­de Rol­le spie­len. Ein mehr als ein­sturz­ge­fähr­de­tes Gebil­de, das nur des­halb über­lebt, weil es tief im Inne­ren weiß, dass es eigent­lich völ­lig unbe­deu­tend ist. Sobald es ein­stürzt, wird es davon berich­ten, dass das eigent­lich kei­ne Rol­le spielt. Solan­ge es steht aber, gibt es sich als Zen­trum der Welt.

Und was ist, wenn man nicht der eige­nen Nati­on die Dau­men drückt? Was ist mit der Eupho­rie, wenn man es mit den Bel­gi­ern oder Polen hält? War­um ist Eupho­rie eine Fra­ge der Her­kunft? Fra­gen über Fra­gen, die sich viel­leicht in der übli­cher­wei­se wenig ziel­füh­ren­den Ety­mo­lo­gie beant­wor­ten las­sen. Denn ursprüng­lich bedeu­te­te die grie­chi­sche eupho­ría auch, dass man etwas leich­ter ertra­gen kön­ne bezie­hungs­wei­se einen guten Ertrag. Letz­te­rer ist den Deut­schen gewiss, kei­ne Sor­ge, ers­te­res ist ent­schei­dend dafür, die­se vier Wochen zu über­ste­hen, egal ob man sich für Fuß­ball inter­es­siert oder nicht.