Die Grenzen in Anthony Mann

Eine filmische Grenze, gibt es das? Sicherlich gibt es Grenzen, die man mit der Kamera nicht übertreten sollte. Moralische Grenzen. Vergessen wir nicht, dass die Kamera eine Waffe ist, die in Erinnerung und deren Entblößung töten kann. Man kann auch Grenzen filmen. Zwischen Menschen etwa, den Raum, die Distanz zwischen zwei Menschen filmen. Vielleicht ein Glas, das sie trennt, eine Tür, eine Welt, die in einem Schnitt verschwindet oder verschwinden lässt. Politische Grenzen kann man nicht filmen. Man kann nur ihre Illusion filmen und ihre Konsequenzen. Ihre Ungerechtigkeit und Lächerlichkeit. Man kann den Schritt über eine Grenze in einer Einstellung filmen, nicht aber seine Bedeutung. Die Bedeutung ist dann eine Sache der Blicke, der Reaktionen, der Montage, die diesem Schritt folgt (Theo Angelopoulos kam sehr nahe, dass Gegenteil zu beweisen in seinem Eternity and a Day). Grenzen sind auch Limits. Wie weit kann man filmen, wie nah? An welchen Ort kann man eine Kamera bringen? Aber Film ist kein Extremsport, ist es nicht vielmehr eine Reaktion?

Bildschirmfoto 2016-04-29 um 11.54.13

Bildschirmfoto 2016-04-28 um 00.45.35

Eine Grenze existiert auch zwischen dem Betrachter und dem Film. Die Haut des filmischen Materials ist eine Form von überwundenem Rassismus. Eine Wunde in der Schicht der Berührungslosigkeit, die uns mit den Augen etwas berühren lässt, wovor wir normalerweise den Blick abwenden. Anthony Mann ist ein Filmemacher, in dessen Filmen Grenzen und Rassismus eine große Rolle einnehmen. Vielleicht ist es keine Rolle, sondern eine Grenze gegen die seine Filme anrennen. Es gibt einige Szenen, die darauf hindeuten. Was ist zwischen uns und dem Bild? Natürlich erstmal die Zeit, die unterschiedliche Zeit, die unterschiedliche Wahrnehmung von Zeit. Man muss sich in der Zeit ändern, um mit oder in einem Film Grenzen zu überwinden. Ein Blick auf die Uhr macht die Grenze zwischen Zuseher und Leinwand manifest. Sie muss aber flüssig werden, marginal. Es gibt die Temperatur des Kinosaals, das Licht dort, das eine Grenze markiert. Man darf nicht spüren, ob es war oder kalt ist, man darf auch keinen Körper haben, um diese Grenze zu überwinden. Doch ist es nicht das schönste Gefühl, wenn man sich im Schwebezustand zwischen zwei Welten weiß, wie wenn man im Traum weiß, dass man träumt und dennoch alles im Traum bei vollem Bewusstsein erleben kann? Wenn man seine Hand auf den eigenen Beinen spürt, während die Augen ein anderes Leben leben. Das Kino ermöglicht das gleichzeitige Sein eines Anderen und eines Ichs. Diese Gleichzeitigkeit ist ein Begehren und gleichzeitig die Überwindung der Grenzen. Das Kino ist wie der ständige Schritt über die eigene Schüchternheit hinweg hin zu einem ersten, verbotenen oder tödlichen Kuss.

Bildschirmfoto 2016-04-29 um 11.53.15

In einem Film wie Border Incident gibt es die Grenze nicht nur als thematische Idee (jene zwischen Mexiko und den USA wie in The Furies oder mit Amerikanern und Natives in The Tin Star; man kann bemerken, dass Fremdenfeindlichkeit bei Mann eine schreckliche Gegebenheit ist, die aus einer anderen Zeit stammt und sich in die Menschen eingeschrieben hat, sodass es kein Verbesserungspotenzial gibt, sondern nur den Zynismus und das Bestreben es selbst anders zu machen.) sondern auch als formale Idee. Denn natürlich gibt es zwei Möglichkeiten die Leinwand zu sehen: Als Grenze zwischen Auge und Bild oder als Schwelle beziehungsweise Haut. Anthony Mann verspürt eine enorme Frustration aufgrund der Unfähigkeit, mit der Kamera zu berühren. Seine Zärtlichkeit liegt in der Gewalt dieser Unfähigkeit und so lässt er immer wieder Figuren gegen oder bis Millimeter vor die Linse der Kamera rennen und fallen, um sie fast aus der Leinwand springen zu lassen. Manchmal erschüttert das Bild leicht, weil die Linse berührt wird. Seine Tiefenschärfe existiert für den Effekt einer Plötzlichkeit unmittelbar hinter oder vor der Haut des Films. Es ist als wollte Mann sagen, dass er nicht an diese Grenze glaube, aber wahrscheinlich ist es einfach so, dass er derart tatsächlich die Grenze selbst gefilmt hat. In The Tin Star, der mehr an Rahmungen als an Plötzlichkeit zu glauben scheint, wird die Grenze im Moment eines Schusses auf die rassistische Figur überwunden. Der Darsteller stolpert mit dem Rücken zur Kamera fast in diese hinein. Für eine Sekunde bleibt uns nur das Schwarz einer verstellten Sicht. Es ist eine ambivalente Sache wie fast alles bei Mann (man denke an die Figuren von James Stewart bei ihm, zum Beispiel in The Far Country ), denn für diese Überwindung brauchte es eine Bereitschaft zu Töten. Hier gibt es eine Verwandtschaft zur politischen Problematik eines Sicario von Dennis Villeneuve. Es ist aber auch eine Beobachtung des amerikanischen Zustandes, jenes Zustandes, der am besten Grenzen auflösen kann, aber auch am schlimmsten wieder errichten kann. Es ist als wollte Mann uns sagen, dass man immer neue Grenzen baut, wenn man alte überwindet. Sein Lösungsvorschlag ist der freundschaftliche Blick des Verstehens meist zwischen zwei Männern. Mehr gibt es nicht von Mann, vielleicht, ziemlich sicher ist es zu wenig, aber vielleicht ist es mehr als man erwarten kann.

Bildschirmfoto 2016-04-29 um 11.55.20

Bildschirmfoto 2016-04-29 um 11.52.11

Wenn man nach der Grenze fragt, muss man vielleicht auch nach dem Boden fragen. Er ist die Haut der Erde. Der Staub verwischt die Sicht. Anthony Mann hat selbst die Grenzen des Bodens bearbeitet. In Border Incident werden mexikanische Arbeiter getötet und in eine Art Sumpf geworfen, der aus harten Brocken Erde besteht, die unter dem Gewicht der Körper nachgeben. Grenzen, die töten, die Körper nicht halten können. In The Furies ist es ein junges Kalb, das seinen Kopf gerade noch aus einem solchen Sumpf steckt. Auf der einen Seite die amerikanischen Landbesitzer, auf der anderen die Mexikaner, die auf diesem Land leben. Besitz ist keine Frage von Gerechtigkeit. Vielmehr ist es der traurige Ausdruck einer Lebensart, aus der Rassismus entsteht. Das bringt uns wieder zur Moral. Die filmischen Grenzen von Anthony Mann sind moralische Grenzen in Form und Inhalt. Seine Kamera ist eine Waffe, auf die geschossen wird, um zumindest für Augenblicke Grenzen verschwinden zu lassen.

Il Cinema Ritrovato: Festivaldialog

Das Il Cinema Ritrovato schickt gerade letzte Lichtstrahlen auf seine Leinwände. Kurz nach ihrer Abreise aus Bologna unterhalten sich Andrey und Rainer über ihr Bild dieses einzigartigen Festivals.

Rainer: Waren Ingrid Bergmans Augen wohl wirklich so blau, wie es uns das Festivalsujet weismachen will?

Andrey: Bestimmt für alle, die ihr in selbige geblickt haben. Aber ich habe hier bislang keinen einzigen Film aus dem Bergman-Tribute gesehen – nicht etwa aus Desinteresse, sondern weil mich das Alternativprogramm stets mehr reizte. Bologna besteht eigentlich nur aus Alternativprogrammen, findest du nicht? Egal, in welchem Film man sitzt, zumindest für einen kurzen Moment juckt einen das Bewusstsein, einen anderen zu versäumen, der womöglich ebenso spannend (und ebenso rar ist).

Rainer: Ich empfinde das ehrlich gesagt ganz anders. Natürlich kann man hier, wie auch bei anderen Festivals, von einem Screening zum nächsten hetzen, aber die besondere Qualität des Il Cinema Ritrovato ist für mich, dass hier keine so gespannte Atmosphäre, sondern eher Urlaubsstimmung herrscht. Da finde ich es dann auch nicht so schlimm, wenn ich mal etwas verpasse. Was soll es überhaupt bringen, den raren und überraren Filmen und Kopien nachzurennen?

Andrey: Nun, die offensichtliche Antwort wäre: Um die Zeit, die einem in diesem cinephilen Schlaraffenland beschieden ist, voll auszuschöpfen, um seinen Horizont zu erweitern und sich filmhistorisch auf den Gebieten weiterzubilden, zu denen einem der Zutritt für gewöhnlich mangels Verfügbarkeit der hier gezeigten Artefakte verwehrt bleibt, damit es einen später nicht reut, dass man einst den verlorenen Schlüssel zum Werk eines geschätzten Regisseurs oder einer faszinierenden Periode in Händen hielt und ihn achtlos beiseite geworfen hat.

Rainer: Das ist ein sehr nobles Anliegen, aber mich darauf zu Lasten persönlicher Vorlieben zu konzentrieren, würde denke ich erst recht meine cinephile Energie erschöpfen, sodass ich womöglich nach einiger Zeit gar nichts mehr mit diesem Schlaraffenland anfangen können würde. Da folge ich im Zweifelsfall doch lieber meinen Leidenschaften und verzichte auf einen Film, den ich vielleicht nie mehr wiedersehen kann (wenn er wirklich so rar ist, dass er zu meinen Lebzeiten nicht mehr gezeigt wird, liegt das womöglich eh daran, dass er nicht allzu gut ist, aber das ist eine andere Frage). Kino soll doch auch Freude machen, oder? Diese Grundeinstellung spüre ich hier in Bologna sehr stark.

Filmvorführung auf der Piazza Maggiore

Andrey: Das resultiert wohl auch aus der zuvor genannten „Urlaubsstimmung“ – das Wetter ist schön, das Essen gut und relativ preiswert, das Programm im schlimmsten Fall „bloß“ interessant, die Atmosphäre entspannt (in der Hinsicht, dass man nicht von seiner Umgebung gestresst wird, wenn man sich nicht stresst – das Gegenteil von Cannes), ebenso die Menschen, die eigentlich alle im Geiste Vertraute zu sein scheinen. Und die alte Universitätsstadt mit ihrem warmen, rötlichen Fassadenkleid macht den Eindruck eines offenen Campusgeländes, auf dem jeder immerzu Freigang hat. Soweit der idealisierende Touristenblick, aber ein bisschen frage ich mich schon, inwieweit die steigende Popularität dieses „Genussfestivals“ (das ich durchaus genieße) nicht symptomatisch ist für die Verlagerung erlebter Filmgeschichte in exklusive Domänen, wo die seltenen Kopien den Status erlesener Rebsorten annehmen und die Projektion zur Degustation wird.

Rainer: Und inwiefern ist das ein Problem? Es ist doch schön, wenn Film als Genussware wahrgenommen wird und wann in der Geschichte gab es denn einen Ort an dem Filmgeschichte bewusster erlebt und als Selbstverständlichkeit wahrgenommen wurde als hier? Es ist mir nicht klar, welches Alternativprogramm du bevorzugen würdest – geht es dir um die Kinoerfahrung vergangener Jahrzehnte, wo man einfach mehrmals die Woche zur Unterhaltung ins Kino ging? Damals war das Bewusstsein für Filmgeschichte und Film als Kunst aber weit weniger vorhanden. Man konnte viele Filme sehen, aber fast ausschließlich aktuelle. Die zunehmende Marginalisierung dieser Kinokultur darf und kann man betrauern, aber ich sehe in dieser Spezialisierung eigentlich eine große Chance für die Filmkultur, auch wenn sie natürlich eine zunehmende Elitenbildung mit sich bringt, die man bekämpfen müsste (allgemein würde ich das Il Cinema Ritrovato aber ohnehin niederschwelliger einstufen als zum Beispiel das Österreichische Filmmuseum).

Andrey: „Exklusiv“ war vielleicht das falsche Wort, aber dieses Festival hat schon etwas von einer Enklave, und Enklaven neigen immer ein bisschen dazu, den Rest der Welt zu vergessen. Andererseits wird ja viel von dem, was hier gezeigt wird, später nach außen getragen und findet seinen Weg in die Cinematheken. Gibt es eigentlich etwas aus dem hiesigen Programm, das du besonders gerne wieder- und anderen zugänglich gemacht sehen würdest?

Rainer: Interessanterweise sind meine Favoriten alle ohnehin Werke relativ bekannter Filmemacher und nicht allzu schwer zu sehen. So zum Beispiel Otto Premingers Bunny Lake Is Missing, Anthony Manns The Heroes of Telemark oder Roberto Rossellinis Europa ’51. Nichtsdestotrotz waren auch die spezielleren Programme wertvolle Erfahrungen, vor allem die Vorläufer des Iranischen Neuen Kinos hätten sich mehr Präsenz verdient – und German Concentration Camps Factual Survey, nach nunmehr siebzig Jahren durch die Arbeit des Imperial War Museums das erste Mal in seiner endgültigen Form zu sehen, sollte zu einem Pflichtfilm für Mittelschüler werden.

„The Heroes of Telemark“ von Anthony Mann

Andrey: Viele der Filme, die du genannt hast, sind digital restauriert worden und wurden hier als DCP gezeigt. Rossellini und (soweit ich weiß) auch Preminger sind schon seit Längerem auf Bluray erhältlich. Ich mache mir dann doch eher Sorgen, dass es so etwas wie die Renato-Castellani-Schau nie über die Grenzen Italiens schafft. Obwohl das jetzt nicht alles Meisterwerke waren, ergänzen sie das neorealistische Universum um einen interessanten Aspekt. Und bei den ganzen Technicolor-Vintage-Prints sowie den japanischen und sowjetischen Farbfilmen würde ich mich auch freuen, diese filmspezifische Visualpracht anderswo strahlen zu sehen. Andererseits fand meine intensivste Kinoerfahrung hier im Rahmen einer Digitalprojektion (und außerhalb eines Kinos) statt, beim Screening der restaurierten Fassung von Rocco e i suoi fratelli auf der Piazza Maggiore.

Rainer: Wenn man es von dieser Warte aus betrachtet, kann ich mich dir nur anschließen: mehr Technicolor-Vintage-Prints braucht das Land. The Heroes of Telemark war allein durch die absurd hohe Qualität der Kopie eine außergewöhnliche Kinoerfahrung. Leider wurde die Vorführung dieses Films, wie auch viele andere durch inkompetente Projektionisten gestört. Wahrscheinlich zeigen sie deshalb Jahr für Jahr mehr digitale Kopien…

Andrey: Die wenigen Digitalprojektionen, die ich besucht habe, wurden auch nicht wesentlich professioneller gehandhabt. Wenn ich mich recht entsinne, habe ich hier überhaupt keine einzige Vorführung erlebt, die nicht von irgendwelchen Störungen, Defekten oder anderen Irritationen geplagt war – der plötzliche Wettersturz während des Screenings von Louis Malles Ascenseur pour l‘échafaud am Tag unserer Ankunft war offenbar ein Menetekel, seiner sommerwilden Schönheit zum Trotz. Auch mit den Beginnzeiten nahm man es nie so genau, ausufernde Einführungen mit hinkenden Übersetzungen führten periodisch zu Verzögerungen, ich hörte sogar von einer 40-minütigen Verspätung. Eigentlich ist diese organisatorische Schludrigkeit absurd bei einem derart ostentativ cinephilen Festival, aber bezeichnend für Bologna ist auch, dass es diesbezüglich kaum böses Blut gibt, gerade mal ein leises Raunzen. Am Ende ist man immer noch froh, hier zu sein.