Rear Projections: Secret défense von Jacques Rivette

Keine Szene in Jacques Rivettes fabelhaften Secret défense existiert für die folgende oder ein größeres Konstrukt, sondern sämtliche Szenen sind in sich selbst ein ganzer Film, eine Sensation. Statt der relativen Existenz von Bildern, die nur atmen, damit eine Plotidee Luft bekommt, inszeniert Rivette für den Augenblick. Das wiederholte Aus- und Anziehen einer Jacke, eine unbewegliche Geste, ein Bild an der Wand, eine Spiegelung in einem Zugfenster am Bahnhof, all das ist Zeugnis der Dokumentation, die sich in der hochfiktionalen Welt von Rivette abspielt. Das Unbeschreibliche daran ist, dass er trotzdem in jeder Sekunde die Frage provoziert: Was kommt als nächstes? Diese Ansammlung an Momenten bedeutet und bedeutet nicht. Nichts liegt hier Ideen zu Grunde, alles folgt einer Logik der Bewegung. Die Bilder fragen danach gedeutet zu werden, aber geben neue Rätsel auf. Unter den Thrillern, die Rivette drehte, ist Secret défense mit Sicherheit der vollendetste. Die Geheimnisse und in sich selbst verschachtelten Schachteln, in denen diese bewahrt werden, sind hier virtuos ineinander gefügt.

Secret défense von Jacques Rivette

Sylvie, gespielt von einer Sandrine Bonnaire am Rande der Ingrid Bergman ist Rivettes Versuchsobjekt. Sie arbeitet in einer gleichermaßen an Vertigo und der Orestie angelegten Handlung als Wissenschaftlerin, es geht um Genforschung, sie füllt blaue Flüssigkeiten in Glasbehälter, sie füllt rote Flüssigkeiten in Glasbehälter. In ihr arbeitet eine Spannung zwischen aktiver Protagonisten, die Steine ins Rollen bringt und passiver Mitfahrerin, die eigentlich immerzu nichts dafür kann. In dieser Art mischt Rivette zwei Tendenzen des Genres zu einer faszinierenden und irritierenden Figur. Eines Tages taucht ihr Bruder auf, Grégoire Colin in unbeweglichem Trotz. Er habe herausgefunden, dass der Tod ihres Vaters kein Unfall war, sondern Mord. Zusammen würde das mit einem gewissen Walser (Jerzy Radziwilowicz) hängen, Sie will zunächst nichts davon hören, dann wird sie neugierig und rutscht schließlich immer tiefer hinein. Es beginnt etwas, das man eigentlich gerne mit Floskeln wie „Katz-und-Maus-Spiel“ umschreiben würde. Allerdings spielt die fließend perfektionierte Kamera von William Lubtchansky und die in sich greifenden und aneinander vorbei gleitenden Bewegungen nicht mit bei diesem Spiel. Vielmehr zeigt Rivette auch die Wege, die zwischen Katz und Maus liegen. Wie Cristi Puius Aurora oder Michelangelo Antonionis Professione: reporter entgleitet die Narration immer wieder in ihre Umstände. Wie Puiu einmal zur überdurchschnittlichen Länge von Aurora sagte: „Es ist halt nicht so einfach, jemanden umzubringen.“

Eine unvergessliche Fahrt mit der Metro begleitet Sandrine Bonnaire in einem Findungsprozess und auf einer Reise. Sie steigt ein, fährt, steigt aus, geht durch den Bahnhof, wartet wieder, steigt wieder ein und fährt. Sie wird immerzu konfrontiert, muss verarbeiten, handelt, verarbeitet, verliert sich in der Fiktion, die sich nicht von einem Überbau ernährt, sondern von einem Mosaik, das sich beständig entzieht. Rivette fährt zielsicher auf sämtliche Auflösungen zu, um sie dann nochmal hinauszuzögern. Als würde man durch Schatten wandern, in Erwartung eines Lichts, um dann in einem anderen Schatten zu landen. Jede Offenbarung trägt ein neues Geheimnis in sich oder wird gar zum Geheimnis in der Person, der es offenbart wurde. Irgendwann wird das Versteck bei Rivette immer interessanter, als das was versteckt wird. Man denke an das Spinnennetz in seinem Le Pont du Nord, die Pillen in Céline et Julie vont en bateau oder jedes nächste Bild in Duelle. So wird Secret défense beinahe zum Meta-Thriller. Nur vergisst man, dass es überhaupt ein Thriller ist.

Secret défense von Jacques Rivette

Die Bilder sind so aufgeladen mit Präsenz, dass sich die vergehende Zeit in Räumlichkeit verwandelt. Und der Raum wird zur moralischen und ästhetischen Frage. Existiert er etwa nur als Kulisse, als Stimmungsbild oder wie erklären sich die als Statisten getarnten Phantome, die in und aus den Bildern rücken wie Erinnerungen? Woher kommen die merkwürdigen Töne im Film? Wieso sind so viele Glasscheiben mit Kratzern versehen? Was ist es, dass uns weiter suchen lässt im Bild? Immer wieder kadriert Lubtchansky die Figuren hinter Glas, etwas ist unberührbar, festgefahren. Als wäre die Welt eine Rückprojektion. Alles erzählt von der Unvermeidlichkeit einer Reise, was dadurch verstärkt wird, dass die Wahrheiten des Films sich aus der Vergangenheit entfalten. Rivette sucht häufig Silhouetten und schattenhafte Figuren, die sich vor Fenster stellen. Dabei verändert er Positionen oft nur minimal und erzählt durch einen Schnitt die ganze Verunsicherung einer Figur, erzeugt Desorientierung und diese unheimlichen Drang jede kleine Präsenz im Film als eine Notwendigkeit wahrzunehmen.

Rot und Blau tauchen immer wieder im Film auf. Sie spielen ein eigenes Spiel. Sei es in den obligatorischen Handschuhen einer verdächtigen Frau, in knalligen Tönen an Wänden oder als anderweitige auffällige Kostümelemente. Eigentlich spielt jedes Objekt ein eigenes Spiel. Einmal verharrt Bonnaire auf einem Gemälde, die Kamera schwenkt darüber, im Ton sind Geräusche zu hören, die nicht in die Welt des Films zu gehören scheinen. Sie tragen einen hinfort, bringen einen zum Blicken, Lauschen, die Wahrnehmung wird geschärft. Nach Filmen von Rivette geht man oft mit anderen Augen durch Städte. Man nimmt sie als Labyrinth war, man vermutet hinter jedem Objekt ein Geheimnis und Löcher in Wänden existieren nur, um durch sie hindurch zu verschwinden. Neben Städten und entlegenen Orten sind es auch Häuser, die Rivette wie kaum ein Zweiter in ihrer Architektur verdeutlicht und gleichzeitig zu einem kaum zu durchdringenden Mysterium werden lässt. Man denkt dabei immer an seinen Céline et Julie vont en bateau, weil die Häuser zwischen ihrer realen Existenz und Kulissenhaftigkeit oszillieren. Eigentlich wird dort Theater gespielt wie in L’amour par terre. Aber die Kulisse des Theaters ist real. Genau in diesem Verhältnis findet sich Rivette. Die Location für das Haus von Walser habe er wegen der Treppe dort ausgesucht, sagt der Hitchcock-Fan Rivette. Eine Treppe, die schließlich das große Drama am Ende des Films begleiten wird. Dennoch filmt er die Treppe nicht so wie Hitchcock. Sie ist kein Zeichen für irgendwas, kein Indikator, sondern sie ist eine Treppe.

Secret défense von Jacques Rivette
So oder so merkt man immerzu, dass irgendetwas nicht stimmt im Film, etwas ist nicht ganz dort, wo es sein sollte. Das gilt räumlich und zeitlich. Figuren werden meist in amerikanischen oder halbnahen Einstellungen leicht untersichtig kadriert, immer in Bewegung, die von der Kamera in beschwingten Fahrten oft im Halb- oder Gegenlicht eingefangen wird. Es entsteht eine enorme Verdichtung, die gegen und doch mit der Zeit arbeiten, die zwischen Katz und Maus vergeht. Vor allem die langsamen Zufahrten erzeugen eine immense Spannung, die nur aus Bewegung besteht. Lubtchansky zeigt uns auch wieder, was Schwarz ist. In dieser Hinsicht kann man ihn ruhig als Gustave Courbet des Kinos ansehen. Im Schwarz seiner Bilder lauert ein Unbehagen, das nur aus der Dunkelheit besteht. Auch die Montage von Nicole Lubtchansky arbeitet hin auf diese Präsenz des Kinematographen, die weiß, dass ein Schnitt das Auge mehr verunsichern kann, als ein Plotpoint. Dass alles geschieht aber nie so, dass es auf sich selbst aufmerksam macht. Es ordnet sich weder einer Handlung unter noch sich selbst, sondern existiert schlicht und unendlich als Kino. So wie der Übergang zwischen Tag und Nacht nicht einfach nur Wachsein und Schlafen bedeuten kann.

Cannes 2016: Sieranevada von Cristi Puiu

Realismus im Kino kann bedeuten: Dass man das Gefühl hat, die Ereignisse auf der Leinwand würden auch dann stattfinden, wenn die Kamera sich wegdrehen würde. Dass sie also nicht gestellt oder ausgestellt sind in ihrer exklusiven Hier-und-Jetztigkeit – als Sondervorführung for your eyes only – sondern ihre unausgesprochene Vergangenheit und Zukunft mit einschließen, ein temporales Off, dass dem Zuschauer nicht Untertan ist. Was diesen Effekt verstärkt, ist Gleichzeitigkeit, die Wahrnehmung einer Parallelität von Zeitläufen. Nicht im Sinne einer Parallelmontage, die den illusorischen Eindruck erzeugt, an zwei Orten zugleich zu sein, sondern verstanden als Bewusstsein einer Versäumnis, eines Mitdenkens dessen, was vielleicht gerade anderswo passiert. Diese Möglichkeit des Mitdenkens wiederum wird freigeschalten, wenn der Impetus einer Szene nicht darin liegt, auf etwas „hinauszulaufen“, was man womöglich herbeisehnt – ein Herbeisehnen, das zu stark ist, um andere Sehnsüchte oder Denkräume neben sich zu dulden. Ein gewisser Realismus verdankt sich auch der Belanglosigkeit.

Sieranevada von Cristi Puiu

Unter diesen Gesichtspunkten ist Cristi Puiu einer der großen Kinorealisten der Gegenwart. Sein neuer Film Sieranevada, der vor einigen Tagen bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere hatte, kann man als undramatisches Drama der Nebensächlichkeiten und der Verzögerung bezeichnen. Er spielt fast vollständig in einer engen, dunklen, echten Mehrzimmerwohnung, wo sich eine große Familie versammelt, um des Todes einer Vaterfigur zu gedenken. Die Verzögerung beginnt schon in der ersten langen Totalen – einer von vielen – in der die „Hauptfigur“ Lary, ein Arzt, seine Familie abholt und mit dem Auto um den Block fahren muss, weil er keinen Parkplatz findet. Als wir mit ihm in der Wohnung ankommen, laufen die Vorbereitungen für den Leichenschmaus schon auf Hochtouren, doch zum Essen kommt die immer hungrigere Michpoche erst am Ende der knapp dreistündigen Laufzeit, weil immer etwas dazwischenkommt. Was bis dahin abläuft, ist eine subtil-komplexe Choreografie von Auf- und Abtritten, fruchtlosen Wortwechseln und beiläufigen Bewegungen – das einzig Spektakuläre daran ist der Ablauf selbst.

Der Film eröffnet in jedem Zimmer einen anderen Zeit-Raum, der unabhängig von den anderen funktioniert, wenn die Tür geschlossen ist, und spielt dann mit den Zirkulationen zwischen diesen Räumen. Im Korridor fließt alles ineinander: Die Kamera schwenkt  an offenen Portalen vorbei und gewährt Einblicke in die verschiedenen Abteilungen im Versuch, Gleichzeitigkeit zu filmen, das parallele Verstreichen verschiedener Zeitlichkeiten. Während Moartea domnului Lazarescu und Aurora noch einigermaßen linear gestaltet waren, fokussiert auf die Wege einer Figur, ist Sieranevada ein orchestriertes Durcheinander ohne Zentrum, obwohl Lary eine Art Ankerpunkt bildet. Die Familienbande sind zersplittert, nichts an der Zusammenkunft ist harmonisch. Aber es kommt auch nicht wirklich zu Streit oder zu Konflikten, die nicht dem Alltag anzugehören scheinen. Es hat einfach jeder seine eigenen Probleme, und ist mit diesen auch ein wenig alleine. Man kann darüber reden, und in Sieranevada wird viel geredet – über Kommunismus, 9/11, Privatangelegenheiten, in jedem Zimmer über etwas anderes – doch das erzeugt meistens nur neue Komplikationen. Eine Sehnsucht nach Harmonie ist spürbar, aber alleine schon deswegen vergeblich, weil sich die Verhältnisse konstant verschieben. Der Tonfall ist abhängig davon, wer gerade anwesend ist, zuhört oder hinsieht. Nur einmal, als eine Gruppe orthodoxer Geistlicher vorbeischaut und für ein Ritual den Raum mit polyphonen Gesängen füllt, scheint der Wohlklang der Musik etwas wie Eintracht zu stiften.

Sieranevada von Cristi Puiu

Faszinierend ist, dass alles, was da ist, auch da ist, Geschichte z.B. (familiär und national). Nichts wird ausbuchstabiert oder erklärend deklariert, und nichts fügt sich zu einem ganzheitlichen Bild, stattdessen bleibt diese Beinahe-Echtzeit-Erfahrung ein Puzzle voller fehlender Teile, eine Art offenes Konnotationskino. Eine der Figuren offenbart sich als Verschwörungstheoretiker als Überzeugung, der nach der Wahrheit hinter den Fassaden der Gegenwart sucht. Aber seine Ansichten werden angezweifelt, und die Wirklichkeit bleibt ein unlösbares Rätsel, wie das Wimmelbild des Films mit seinen überlappenden Vernetzungen und Verflechtungen, seinen widersprüchlichen Perspektiven. Man wähnt sich mittendrin im Gewusel, gerade weil man nie den kompletten Überblick hat. Wie durch die Augen eines Toten, sagt Puiu, erschließt sich diese Nicht-Gemeinschaft. Im Hintergrund läuft permanent Musik im Radio, die niemand bewusst zu hören scheint. Als ein später Gast kurzzeitig für Aufruhr sorgt, geht Puiu raus auf die Straße und widmet sich anderen Dingen, die aber auch keine Antworten sind. Letztlich löst sich die Spannung in einem Lachen auf, doch dieses Lachen ist eigentlich eine Kapitulation.

Die Bazin-Connection: Von Stroheim/Puiu

Hier gibt es bestimmt einige Überlegungen anzustellen und dieser kurze Text kann nur ein Anfang sein. Es scheint mir so als wäre Cristi Puiu in vielerlei Hinsicht tief mit dem Werk von Erich von Stroheim verwurzelt. Wie ich darauf komme? André Bazin. Der französische Filmtheoretiker hat Von Stroheim als einen jener, wenn nicht gar den Stummfilmregisseur neben F.W.Murnau und Robert Flaherty identifiziert, der die Realität respektieren würde und daher die Montage mehr als notwendiges Übel, denn als genuin filmische Methode akzeptierte, identifiziert. Die Kamera würde nicht alles auf einmal sehen, aber sicher stellen, dass sie nichts von dem verlieren würde, für das sie sich entschieden habe. Man könne sich vorstellen, dass Von Stroheim einen Film in einer Einstellung drehe und dabei all die Hässlichkeit, die sich unter der Oberfläche des Daseins befinde, offenlegen würde. Damit würde man Bazin bis heute kaum widersprechen können. Nun hat Cristi Puiu seine Abschlussarbeit an der Universität über André Bazin geschrieben und rumänische Filmtheoretiker wie Andrei Gorzo (zum Beispiel hier) argumentieren immer wieder mit Bazin, wenn sie sich Puiu nähern. Er lässt sich sehr leicht in jene Kategorie stecken, die Bazin Filmemacher der Realität nannte. Eigentlich ist es gar so, dass Puiu diesen Begriff, der durch Von Stroheim geprägt war, auf eine neue Spitze getrieben hat. Es wäre jetzt etwas zu einfach, wenn man in den obigen Formulierungen über Von Stroheim einfach Puiu einsetzen würde, aber mir scheint, als könnte man das tun. Einzig hat Puiu diese Ideen noch weitergetrieben und einen stärkeren Fokus beziehungsweise ein deutlich präsenteres Bewusstsein gegenüber der Kamera und der Erzählperspektive für sich entwickelt. Bei Puiu akzeptiert die Kamera wohl, dass sie etwas verliert, selbst von dem, was sie sehen will. Dennoch finden sich auch hierfür Spuren bei Von Stroheim.

Dauer

The Death of Mr. Lăzărescu

The Death of Mr. Lăzărescu

Beide Filmemacher sind besessen von der Dauer der Dinge. Sie sind daran interessiert die erzählte Zeit und die Erzählzeit auf eine Ebene zu bringen, daher auch die Idee Bazins vom völligen Auslassen der Montage. Von Stroheim findet Sequenzen der Echtzeit, die von Jonathan Rosenbaum etwas irritierend als Slow-Motion bezeichnet wurde, vor allem in Blickwechseln zwischen Mann und Frau. Exemplarisch dafür jene Szene in The Wedding March zwischen dem auf seinem Pferd thronenden Nicki (Von Stroheim) und Mitzi (Fay Wray) im Fußvolk. Ein Flirt der Blicke vollzieht sich minutenlang bei Von Stroheim und erst in dieser Dauer entblößt sich das Begehren, die Widerwärtigkeit und die Liebe hinter den Figuren. Bei Puiu sind es eher die zurückgelegten Wege (zu Fuß und per Auto), die dieses Gefühl für die Zeit manifestieren. Seine drei Langspielfilme erzählen allesamt von Wegen. In seinem Debüt Stuff&Dough ist es eine Autofahrt nach Bukarest und zurück, in The Death of Mr. Lăzărescu ist es die verzweifelte Suche nach einem Krankenhaus mit Platz und Aufmerksamkeit und in Aurora sind es die Wege mehrerer grausamer Morde. Im Kern entsprechen diese Wege den Blicken bei Von Stroheim, da sich beide für den Zwischenraum interessieren, der sich zwischen zwei Handlungen und dem Drama offenbart. Sie interessieren sich für die Zeit dazwischen. So gibt es auch bei beiden Filmemachern jeweils lange Einstellungen auf sich ankleidende Figuren, Momente der stillen Reflektion (man denke an die zweifelnde Ehefrau in Blind Husbands am Abend auf der Hütte oder den pausierenden Viorel irgendwo auf dem Fabrikgelände in Aurora) und ein Gefühl für die Gleichzeitigkeit der Dinge. Letztere zeigt sich bei Von Stroheim immer wieder durch Cut-Aways, zum Beispiel auf Tiere oder Beobachter (eine Technik, die Bazin im Normalfall missfallen haben müsste), wogegen Puiu mehr auf Tiefenschärfe setzt. Allerdings gibt es diese bei Von Stroheim auch und das nicht nur in der berühmten Hochzeitsszene in Greed, bei der im Bildhintergrund durch das Fenster sichtbar ein Trauermarsch vorbeigeht. Es war Luchino Visconti, der davon geträumt hat, das Leben eines einfachen Mannes 24-Stunden zu filmen (Flaubert hat ähnliches von der Literatur verlangt). Es bleibt auch keine Überraschung, dass Thomas Mann sich nur Von Stroheim als Filmemacher vorstellen konnte, wenn es darum ging, wer sein mit der Zeit verschränktes Werk Der Zauberberg verfilmen sollte. Ein Buch, das man sich sehr gut in den Händen von Puiu vorstellen könnte. Beide Filmemacher nutzen die Dauer, um auf die Unwegsamkeiten des Banalen und Alltäglichen hinzuweisen. Ein mühsames Vom-Pferd-Steigen von Wolfram in Queen Kelly, das Drehen einer Drehorgel in Merry Go Round oder das Einladen von Getränken in Stuff&Dough und das Umgehen einer Pfütze in Aurora.

Kameraposition

Greed

Greed

Nun ist es so, dass Puiu von seinem Erstling Stuff&Dough bis zu seinem letzten fertiggestellten Werk Trois exercices d’interprétation an der Idee arbeitet, dass sich eine objektive Erzählposition durch eine Unmöglichkeit auszeichnet, die Unmöglichkeit, alles zu sehen. Objekte oder Personen, die Dunkelheit oder schlicht ein ungünstiger Winkel oder eine überraschende Bewegung lassen Figuren und Handlungen aus dem Blickfeld der Kamera verschwinden. Die Kamera ist dabei immer neutral, nie darf sie sehen, was eine Figur sieht, sie ist immer eine autonome Kraft (Gorzo verweist auf einem „Slip“ Puius, der sich am Anfang von Stuff&Dough entdecken lässt, als Puiu in einen POV aus dem Fenster schneidet. Einen solchen „Slip“ gibt es allerdings einige Male in diesem Film, beispielsweise auch später als die Protagonisten mit einem Polizisten diskutieren oder als einige Leichen an einem Feldweg entdeckt werden.). Es ist ein offenbar vom Direct Cinema beeinflusster Ansatz und doch finden sich schon Spuren bei Von Stroheim, der natürlich alleine aus technischen Gründen nicht im selben Handkamerastil wie Puiu drehen konnte. Damit meine ich nicht unbedingt diese Bereitschaft an tatsächlichen Orten zu drehen, wobei das sicher dabei hilft, aber es geht mir tatsächlich mehr um jene Szenen, in denen sich Von Stroheim keinen Schnitt erlaubt wie beim finalen Kampf von Greed als die Kamera einen winzigen Schwenk macht, um den aus den Bild stolpernden Protagonisten zu folgen. Jean Renoirs Diktum, dass der Bildausschnitt immer ein wenig zu eng sein solle, wird also bei Von Stroheim wie bei Puiu angewandt. So überrascht es auch nicht weiter, dass beide Filmemacher sehr viel mit Blicken ins Off arbeiten. Bei Von Stroheim ist das ein ästhetisches Prinzip, der zitternde, oft tränenreiche Blick in ein bestimmtes oder unbestimmtes Off und die Spannung, die dadurch zwischen dem On und dem Off entsteht. So ist es nicht nur in The Wedding March, dass ein solcher Blickwechsel entsteht, sondern schlicht in jedem seiner erhaltenen Filme gibt es mindestens eine solche Szene der Blicke. Spannend wird es dann, wenn Von Stroheim diesen Blick ins Off nicht als solchen inszeniert, sondern in einer Totalen arbeitet, wie zu Beginn von Blind Husbands oder Foolish Wives. Vor allem in letzteren sind die Blicke zwischen Von Stroheim und der Dienerin sehr subtil. Drückt der Off-Screen bei Von Stroheim also oft ein Verlangen aus, das sich in der Spannung zwischen dem was gesehen wird und wir nicht sehen können, erdet, so handelt es sich bei Puiu vielmehr um eine Verlorenheit und Leere, ein abgestorbenes Verlangen. Denken wir an die zahlreichen Blicke ins Off von Puiu selbst (ich werde keine Parallelen des Schauspielstils der beiden Filmemacher suchen) in Aurora. Wir sehen oft nicht, was die Figuren sehen, aber wie bei Von Stroheim geht es auch nicht darum, sondern es geht darum, wie die Figuren sehen. Ihre Reaktion verrät mehr als ihr Point-of-View.

Aurora

Aurora

Dennoch bleibt der in Wien geborene Filmemacher einer, der mit der Kamera wie ein Chirurg arbeitet, während sich Puiu sklavisch mit der von Bazin vorgeschlagenen Objektivität des Mediums verbrüdert. Hier muss man allerdings aufpassen, denn es ist ja gerade der Respekt vor der Autonomie der Kamera, der bei Von Stroheim das Chirurgische bewirkt. Der Grund für dieses perfektionistische Nachbauen von Gebäuden, zum Beispiel in Foolish Wives, dieses manische Verfolgen der Realität liegt in einer Angst vor der Objektivität der Kamera. Es geht um das Unsichtbare, was die Kamera sichtbar machen kann, das was man nicht kontrollieren kann und was eben in der Flüchtigkeit eines filmischen Moments in der Realität existieren muss, damit es im Film manifest wird. Die Kamera würde sonst durch die leeren Hüllen der Sets durchschauen. Puiu hat einmal gesagt, dass er wisse, dass man mit Film nicht objektiv sein könne, er sei kein Idiot, aber es würde ihn reizen, die Grenzen dieser Objektivität auszuloten. Daher sei hier nochmal klargestellt, dass es hier und auch bei Bazin nicht um einen naiven Realismusbegriff geht. Es geht vielmehr um einen Respekt vor der Realität. Ohne hier in die Tiefe einer kritischen Auseinandersetzung mit Bazin gehen zu wollen, sei darauf hingewiesen, dass beide Filmemacher natürlich keine Objektivität erlangen können. Es ist vielmehr eine ethische Frage. So machen beide Filmemacher immer wieder bewusst, dass es sich um einen Film handelt und dass die Position der Kamera etwas „fremdes“ in der diegetischen Welt sein muss. Bei Puiu, der im modernen europäischen Kunstkino arbeitet, ist das weniger überraschend, als bei Von Stroheim, der trotz aller Rebellionen und Widerstände ein Hollywoodregisseur war. Das hängt natürlich auch mit den Überresten eines frühen Kinos zusammen, aber Von Stroheim macht einem immerzu klar, dass man Teil eines Spiels ist, das liegt auch daran, dass man ständig in heimliches Lachen und versteckte Emotionen der Protagonisten einbezogen wird, die einem förmlich zublinzeln. Bei Puiu ist es vielmehr ein Zweifel, der in die Illusion führt, ein Zweifel an der Wahrnehmung, an Fakten, an den Dingen an sich. Bei beiden öffnen sich durch das Spiel und den Zweifel an den Oberflächen die Räume dahinter. Gerade weil die Kamera sich zurückhält und die Dinge in der Zeit beobachtet, wird sie zu einem Seziergerät. Gerade weil sie sich einschränkt, entblößt sie.

Radikalität einer Weltsicht

Foolish Wives

Foolish Wives

Was Bazin, Puiu und Von Stroheim überdies verbindet ist die schonungslose Radikalität ihrer Weltsicht, die ständig um egoistische Lügner und deren obsessive Reaktionen kreist und zwar nicht aus einem moralischen Impetus heraus (wobei dieser bei Von Stroheim nicht immer zu leugnen ist), sondern aus Überzeugung. Bei Von Stroheim finden wir uns in einer Welt der diabolischen Fragilität, hysterische und zerstörte Frauen treffen auf selbstsüchtige und verführende Männer, wogegen bei Puiu die Nüchternheit einer Machtlosigkeit regiert, die völlige Bewegungslosigkeit am Ende seiner Filme steht dafür. Natürlich ist Puiu deutlich härter und illusionsloser als Von Stroheim, aber immer wieder finden sich ganz ähnliche Szenen. Beide Filmemacher vermögen außerordentlich gut das Unbequeme eines Unwohlseins inszenieren. So kann man kaum die Szene vergessen, in der Von Stroheim seine Bedienstete in Foolish Wives belügt oder den Ehestreit in Greed. Es ist dieses Gefühl, dass man am liebsten aus dem Raum verschwinden würde, das bei Von Stroheim auch immer am unerträglichen Wetter hängt. Es ist die Hitze und Schwüle, der Regen, der Sturm, der die Figuren in unbequeme Situationen bringt. Man denke an die Frau, die keinen Blick von ihrem Gatten bekommt in Blind Husbands oder The Merry Widow, in dem sich die Frau ständig unliebsamen Begegnungen gegenüber sieht. Bei Puiu gibt es ganz ähnliche Momente, etwa der spontane Besuch der Mutter mit Freund in Aurora oder das merkwürdige Warten im Garten am Ende von Stuff&Dough (ganz zu schweigen vom Warten in den Krankenhäusern in The Death of Mr. Lăzărescu…). In der ersten Episode in Trois exercises d’interprétation findet sich sogar eine Figur, die praktisch von der ersten Sekunde an einfach nur gehen will. Hier will niemand eine Szene spielen, die Figuren sind ständig auf der Flucht. Bei Von Stroheim auf der Flucht in die Liebelei, bei Puiu auf der Flucht in die innere Hölle. Langeweile und Druck sind weitere unbequeme Eigenschaften, die beide Filmemacher darstellen. Druck löst sich oft in Übersprunghandlungen. Bei Von Stroheim ist das ein verkrampftes Lachen oder ein Tränenmeer, bei Puiu lediglich ein Blinzeln mit den Augen oder ein Ausbruch von Wut. Beide setzen beständig Menschen unter Stress, die dafür nicht unbedingt geschaffen sind und beide finden erstaunliche Wege für ihre Figuren, diesen Stress zu ignorieren. Denn Von Stroheim und Puiu sind Filmemacher der Verdrängung, die diese Verdrängung als solche erkennbar machen. Ständig drücken sich Figuren vor Verantwortung, obwohl sie zunächst welche übernehmen. Zum Teil verschwinden sie sogar einfach. Eine Erlösung ist bei beiden daher eine Illusion. Vielleicht das Ende des Films, aber nicht der Welt. Aber viel eher ist es nicht das Ende des Films, sondern der Welt.

Widerwillen im Film

Einige skizzenhafte Gedanken zum Widerwilligen im Film, vielleicht auch zum Verachtenden.

Wir denken an die abweisenden Küsse von Jeanne Moreau. Ihre Augen hassen die Welt und in ihren Augen verliebt man sich. Diese Szene im Regen bei La notte von Michelangelo Antonioni, diese mächtige Hilflosigkeit, dieses Nicht-Wollen und dennoch über die nächtlichen Jazz-Straßen gehende in Ascenseur pour l’échafaud von Louis Malle. Es ist eine Würde und Schönheit, die diese nicht akzeptieren kann. Deshalb ist es auch so unüberlegt, wenn Filmemacher sie manchmal als „Schönheit“ verwenden. Jeanne Moreau muss sich selbst hassen. Louis Malle, ein Filmemacher, der immer wieder das Widerwillige einfängt, jenes Widerwillige, das immer dann die Seele touchiert, wenn es auf das Leben an sich gerichtet ist wie in Le feu follet. So wie es sich mit Jeanne Moreau und dem Sex verhält, so ist es mit Gary Cooper und der Gewalt. Gary Cooper geht einen Schritt aus der Leinwand in den Zuschauersaal, wenn er Gewalt anwenden muss, er drückt dabei eine Unbeholfenheit und Stärke zugleich aus und genau darin liegt die Bedeutung dieses Widerwilligen, es ist eine zweite Ebene auf klaren Überzeugungen, es ist der Zweifel vor der Angst, der bei Cooper in Filmen wie Friendly Persuasion oder High Noon so deutlich zum Vorschein tritt. Es ist auch eine amerikanische Idee: Der Mann, der tut, was er tun muss. Jede Gewalt, die angewendet wird, will vermieden werden und daraus entsteht das Aufplatzen der Illusion, die man von sich selbst aufbaut, es entsteht Selbsthass, der im amerikanischen Kino oft vergessen wird, nicht aber bei Gary Cooper.

Gary Cooper Grace Kelly

Dieser Zweifel am Tageslicht in den letzten Stunden der Nacht, das Vergessen der Nacht in der Sonne; großes Filmemachen findet die Dunkelheit im Glanz der Sonne. Es ist die Müdigkeit der Bewohner von Fontainhas bei Pedro Costa, die nicht wie in Hollywood von A nach B gehen können, da sie zu müde sind, zu müde, um einen Liebesbrief zu schreiben, es sind die versteckten Frauen bei Mizoguchi, die Frauen bei Mizoguchi, auch wenn sie sich nicht verstecken, sie scheinen nie gefilmt werden zu wollen, es sind die Figuren bei Renoir, die keine Lust auf das Framing haben, die das Bild verlassen wollen, oft auch die Welt verlassen wollen im Anflug von Gewalt oder Liebe, es ist die Art wie Jacques Tourneur in Canyon Passage einen Western inszeniert, als hätte er keine Kraft, keine Lust auf dieses Genre, die Beiläufigkeit des Lebens, die Geschwindigkeit, die keinen Film zulässt, Film, der den fatalen Augenblick festhalten kann und der fatalen Schönheit in ihrem Zerfall beisteht und sie dabei doch entblößt. Die Schönheit des Kinos ist widerwillig, sie ist eine Illusion. Widerwillige Illusionen wie bei Abbas Kiarostami, bei dem der Zweifel am Licht jederzeit mitschwingt und ein neues Licht generiert. In Canyon Passage scheinen die Figuren schneller zu gehen, als in anderen Western, sie sprechen ihre Zeilen trocken herunter, aber das Trockene ist nicht unbedingt das Widerwillige, denn das Trockene strahlt eine gewisse Souveränität aus, eine Abgeklärtheit gegenüber der Machtlosigkeit, während das Widerwillige deutlich mehr leidet und deutlich weniger akzeptiert.

Nehmen wir drei Szenen, in denen das Widerwillige hervortritt. In Opening Night muss Gena Rowlands betrunken auf die Bühne treten. In ihrem Widerwillen und ihrer Verachtung taucht ihr Wille auf, ihre Kraft und Würde, denn das Widerwillige ist keineswegs die Ausnahme, es ist die Regel und das nicht nur in diesem Film. Film ist hier in der Lage einen unsichtbaren Kampf gegen innere Kräfte sichtbar zu machen. Selbsthass, Trägheit oder Angst können (im Kino) zu Hindernissen werden, die weit über die billigen Drehbuchkniffe von teuren Drehbuchratgebern hinausreichen. Es ist die Zeit, die nicht nur in Opening Nights dieses Hindernis bedingt, Zeit als auf uns zukommender Druck, als Schwüle, der wir uns nicht entziehen können, Schwüle, die unsere Schönheit zerfließen lässt; es ist Film, der dieses Zerfließen in Schönheit verwandeln kann. Die zweite Szene stammt aus Anchorman: The Legend of Ron Burgundy von Adam McKay. Steve Carell als Brick Tamland ist an der Reihe mit dem Versuch, ein Date mit der neuen Nachrichtensprecherin Veronica Corningstone zu bekommen. Er will das gar nicht. In dieser herrlich komischen Szene offenbart sich die ganze Absurdität des Widerwillens, der eben nicht zuletzt darin besteht, dass man so viele Dinge tut, die keinen Sinn ergeben. Beim Sprechen seines fehlerhaft auswendig gelernten Anmachspruchs bewegt sich Carell schon leicht nach hinten, hier wird der Widerwille zur Flucht während man nach vorne geht, ein Vertigo-Effekt des menschlichen Verhaltens. Gibt es einen Schwindel im Widerwillen? Schwindel als Lüge, Schwindel als Krankheit. Es ist sicher eine Lüge dort, eine Lüge, die sich selbst belügt, aber noch viel mehr den Gegenüber, denn der kann – im Gegensatz zur Kamera – den Widerwillen oft nicht erkennen. Das ist es auch, was den Widerwillen so geeignet für das Kino macht. Es ist eine Chance für den Kinematographen etwas Unsichtbares zu entdecken, was sich nur durch die Kamera festhalten lässt; nur durch das Kino können wir den Widerwillen in einer fremden Person wirklich spüren und ihre Lüge zu unserer Wahrheit werden lassen. Mit dem anderen Schwindel verhält es wie in Vertigo von Alfred Hitchcock, denn das Vertrauen in Überzeugungen und Bilder löst sich mit der Zeit und in der Zeit und durch die Zeit auf. Dieses schwindende Vertrauen bricht den Willen, es ist als würde man den Partner beim Betrug erwischen, dann schwindet der Wille zur Liebe wie am Ende von La notte, bei dem der Widerwille allerdings schon vor dem Betrug kommt. Wenn Jimmy Stewart am Ende auf den Turm klettern muss, dann ist da ein Wille und das Wider liegt im Ungreifbaren, in der Erinnerung, im Psychologischen. Hitchcock verbindet den Widerwillen auch mit dem Glauben an das Übernatürliche, Übersinnliche. Ohne diesen Glauben herrscht oft ein Zweifel, der das Überwinden des Widerwillens nicht zulässt. Das Kino als Über-Sinn, also müssen wir ans Kino glauben, um unseren Widerwillen aufzuheben, aber das Kino ist tot, also glauben wir noch an die Präsenz seiner Geschichte? Ein Widerwille gegenüber der Gegenwärtigkeit der Gegenwart, eine Emotion des Museums so wie Vertigo.

Gena Rowlands Opening Night

Wir denken an den Widerwillen zur sozialen Interaktion in Cristi Puius Aurora, an die fehlende Bereitschaft zu einem normalen Leben in Filmen wie Casino von Martin Scorsese oder Zero Dark Thirty von Kathryn Bigelow, wir denken an die Selbstzerstörung von Erich von Stroheim, bei dem sich Widerwillen gegenüber des Anderen in jeder Geste manifestiert und der Kleidung immerzu abschätzend trägt und wie Jeanne Moreau genau darin seine Würde findet, die driftende, treibenden Gestalten des Kinos, die nicht genau wissen, wohin es sie führt, wie Mouchette, die konsequent nur im Selbstmord sein kann, wie die Erinnerung (oder mehr) einer Liebe in Solaris von Tarkowski, die wir hinter Türen sperren, gewaltvoll, im Kino ist Widerwillen immer viel gewaltvoller als im echten Leben, weil im Kino das Gefühl, der Impuls reagiert, wie in den Melodramen von Douglas Sirk, in denen ein riesiger Spalt zwischen dem was man will und dem was man rational tun muss, klafft.Und dann gibt es da Ingmar Bergman. Bei ihm spielt sich immerzu ein Melodram und die Vernichtung dieses Melodrams zur gleichen Zeit ab. Das Melodram, das sind seine Naheinstellungen und die Schreie in seinem Kino, diese Blicke in die Seele, plötzliche Panik, Ausbrüche des Gefühls, der Trauer. Und der Rest, das ist immerzu der Widerwille, jenes Element, das diese Gefühle nicht herauslassen will, das abgehärtete oder abgeklärte Versteckspiel der Emotionen, das sich vielleicht mit Existentialismus beschreiben oder zumindest damit erklären lässt. Der heftigste Ausbruch dieses Widerwillens sind das Schweigen, das Lachen und das Spielen der Figuren bei Bergman. Ihr Lachen versteckt oft ein Grauen, ihr Spielen vergisst es und transformiert es und macht es dadurch greifbar und ihr Schweigen ist genau jener Druck der Zeit, der uns verstummen lässt, ein Widerwille zu sprechen, ein Widerwille gegenüber sich selbst, es ist nicht nur Persona, dieses Echo einer Selbstverachtung, einer Angst und eines unterdrückten Melodrams, das selbst zum Melodram wird, findet sich von Kris bis Saraband. Der Unterschied scheint mir nur, dass Bergman manchmal den Willen hatte, diese Gefühle zu filmen und manchmal den Widerwillen zu filmen, selbst gefilmt hat. Letztere sind seine besseren Filme.

Erich von Stroheim

Dieser Konflikt dominiert das Kino und egal was einem schlaue Industrielehrende verkaufen wollen, das Kino ist dafür geboren, diesen inneren Konflikt darzustellen: Was man will und was man nicht kann, was man kann und nicht will. Darunter liegt die zitternde Schwäche einer Wahrheit, die zerfließt und die wir nur für flüchtige Momente der Einsamkeit erspüren können, in einem Schnitt bei Godard, den Augen Gary Coopers, dem Gang von Jeanne Moreau oder Robert Mitchum oder einer Kamerabewegung bei Josef von Sternberg.

Das Kino ist ein fatales Spiel

Schon länger regt sich in mir die Frage, ob die Anwesenheit einer Filmkamera eher zu einer Lockerung der Realität beiträgt oder dadurch eine größere Ernsthaftigkeit einsetzt. Vereinbart man in Anwesenheit der Kamera einen Spielcharakter oder ist man im Angesicht dieses Instruments, das Unsichtbares sichtbar macht, ist man noch deutlich mehr in der Bedeutung, dem Sinn und der Sinnlichkeit dieser Realität verhaftet. Ich denke, dass die Lösung immer beides zugleich sein muss. Das Spiel führt letztlich zum Sinn und der Sinn fordert ein Spiel.

Immer wieder arbeiten Filmemacher mit unterschiedlichen Methoden, den Schauspielprozess sichtbar zu machen. Nehmen wir als Beispiel Cristi Puius Trois exercices d’interprétation, der eigentlich gar nicht als Film für die Öffentlichkeit gedacht war. Tatsächlich handelt es sich hierbei um einen filmgewordenen Schauspielworkshop. Drei Gruppen von Schauspielern probieren sich in einer zeitgenössischen Interpretation von Vladimir Solovyovs Three Conversations. Dabei kommen einige Elemente zum Vorschein, die das Schauspiel im modernen Kino definieren. So geht es um das Prinzip der Wiederholung, also das Sichtbarwerden der Arbeit am Schauspiel. Diese Wiederholung gleicher Textpassagen durch unterschiedliche Schauspieler, diese Variation macht uns zugleich auf die Bedeutung und die Möglichkeiten des Schauspiels aufmerksam. Wie ein Satz gesagt wird, hat enorme Relevanz. Der Filmemacher, der wohl am meisten an dieser Arbeit am Spiel gearbeitet hat, ist Jacques Rivette. In Filmen wie L’amour fou oder La Bande des quatre sehen wir immer wieder den Prozess des Spiels, die schmerzende Wiederholung, die Leere nach und von ausgesprochenen Texten, die Schwierigkeit eines Ausdruck, die Zweifel und die Alltäglichkeit im Umgang mit dieser Arbeit, die ein Spiel ist. In neuen Kontexten eröffnen sich neue Perspektiven auf den jeweiligen Text. Rivette verbindet dabei immer private Situationen seiner Figuren mit ihren Rollen im Film. Noch eine Stufe weiter damit ging John Cassavettes in seinem Opening Night, da dort Figuren, Rollen und tatsächliche Schauspieler in einen merkwürdigen Dialog treten.

L'amour fou von Jacques Rivette

L’amour fou von Jacques Rivette

Durch dieses Spiel mit dem Spiel wird also zugleich auf eine Meta-Ebene des Schauspiels verwiesen und diese Meta-Ebene durch eine Intimität gebrochen. Denn was wir jederzeit sehen, ist die Menschwerdung von Rollen, etwas Individuelles, Körperliches und Sinnliches dringt durch die gleichen oder ähnlichen Textpassagen und verändert deren Ton. Die Kamera erzeugt diese Intimität und zerstört sie zugleich. Es überrascht nicht, dass wir am Ende des Films genau mit dieser Frage konfrontiert werden von Puiu. Ist eine völlige Konzentration, eine völlige Intimität vor einer Kamera überhaupt möglich? Oder „spielen“ wir immerzu etwas, weil die Kamera Konsequenzen hat? Die Angst vor dem Sichtbarmachen greift um sich und das liegt nicht daran, dass die Kamera Intimität zerstört, sondern daran dass sie Intimität erhöht. Man denkt an das frühe Kino oder direct cinema und die Interaktion von Passanten mit der Kamera, man denkt an dieses ewige Posieren. Daran liegt es vielleicht auch, dass mir Dokumentationen, in denen die Protagonisten zumindest ab und an in die Kamera blicken logischer vorkommen als solche, in denen man sich verkrampft darum bemüht, dass es keinen Kamerablick gibt. Wozu? Um die Fiktion zu wahren? Wenn man sich beispielsweise Raymond Depardons Faits divers ansieht, wird man immer wieder kurze Interaktionen mit der Kamera bemerken, die nichts von der Direktheit und Intimität nehmen, sondern ganz im Gegenteil, zu diesen beitragen.

La bande des quatre von Jacques Rivette

La bande des quatre von Jacques Rivette

Beim Spiel kommen bei den besseren Filmemachern immer die Menschen und Körper hinter den Spielern zum Vorschein. In unserer Zeit hat sich der Schauspielbegriff längst von seinen naturalistischen oder rhetorischen Funktionen gelöst. Vielmehr geht es uns beim Spiel um eine Erfahrung, in deren Dauer wir Zeuge einer Menschwerdung sein dürfen. Natürlich hängen daran immer noch naturalistische Ideale, aber diese zielen jetzt im eigentlichen Sinne darauf, dass der Schauspieler als Person verschwindet. Nicht die realistische Darstellung interessiert Filmemacher wie Cristi Puiu oder Claire Denis, sondern das Spiel selbst, diese schmale Linie zwischen der Fiktion und der Dokumentation des Prozesses, indem wir gleichzeitig die Illusion einer Identifikation spüren und uns doch ermahnt fühlen, weil wir lernen zu wissen, dass die Erscheinung eines Menschen und sein Spiel immer dazu dienen, etwas essentielles zu verbergen. Diese Essenz finden wir genau dann, wenn wir beides zugleich sehen. Das Ergebnis der Erscheinungsarbeit und die Arbeit an der Illusion. Ansonsten ist das Spiel auch die Flüchtigkeit und Bescheidenheit der Darstellung. Es geht beim Spiel für das Kino nicht um den großen Schauspielmoment, den Monolog, der tränenreiche Abschied, vielmehr geht es um den Körper, der alles erfährt und dadurch erfahrbar macht, es geht um die Sinnlichkeit. Wir haben Respekt vor dieser Sinnlichkeit und es ist keine Überraschung, dass nicht erst seit Robert Bresson immer wieder der Laiendarsteller gesucht wird, um sozusagen diese Sinnlichkeit in aller Naivität und Unschuld vor die Kamera zu werfen. Dieses Vorgehen wird heute deutlich schwieriger, weil auch die meisten Laien mit Mechanismen der fatalen Kamera vertraut sind und darin geübt, ihre Sinnlichkeit zu verstecken. Als Folge greift die Arbeit mit dem Spiel im Kino zu extremeren Mitteln, die sich in Filmemachern wie Albert Serra, der so lange dreht bis seine Laien völlig erschöpft sind und nicht mehr kontrollieren können, was sie tun oder Bruno Dumont, der Schauspielern keine Information über ihre Position oder den Kontext der Szene gibt und beständig auf eine Deformation von Verhaltensweisen setzt, äußert. Vor allem Serra ist dabei auf der Suche nach einer Unschuld, eine Unschuld, die alle jagen im Schauspiel, diesen Moment, in dem etwas zum ersten Mal passiert und man es sieht. In diesem Zusammenhang ist es keine Überraschung, dass Erich von Stroheim unbedingt einen echten Messerstich am Ende von Greed haben wollte. Er wollte den Schmerz in den Augen seines Darstellers sehen. Er hat ihn nicht bekommen.

Aurora von Cristi Puiu

Aurora von Cristi Puiu

Es ist aber auch klar, dass eine Freude am Spiel in diesen Unschuldschoreographien kaum zum Vorschein kommen kann (zumindest dachte ich das bis P’tit Quinquin). Was ich damit sagen will, äußert sich womöglich auch in der beständigen Verwendung professioneller Schauspieler im Neuen Rumänischen Kino, dass doch eigentlich von seiner Verortung hin zu einem Bazin-Realismus nach Laiendarstellern schreit. Doch wenn wir Cristi Puius eigene Performance in Aurora ausklammern, werden bei den großen Namen des zeitgenössischen rumänischen immerzu professionelle Darsteller benutzt. Woran könnte das liegen? Eine Überlegung wäre, dass die Filmemacher des italienischen Neorealismus an einer dokumentarischen Wahrheit interessiert waren, die heute schon lange überholt ist. Die Rumänen scheinen vielmehr Interesse am Wesen der Fiktion zu haben beziehungsweise am Verhältnis zwischen Fiktion und Realität. Ein Film wie Corneliu Porumboius When Evening falls on Bucharest or Metabolism behandelt auch folgerichtig das Leben hinter dieser Illusion, das Spiel hinter dem Spiel. Ist dann alles ein Spiel?

Wenn es nach Arnaud Desplechin geht, dann ist zumindest das Kino ein Spiel. Darum geht es, um das Spiel. In seinem La vie des morts zeigt sich, dass nicht die Offenbarung einer komplexen Charakterpsychologie entscheidend für Identifikation und Menschwerdung im Kino sind, sondern die versteckte Existenz dieser Psychologie in den Körpern der Darsteller. Wir müssen spüren, dass hinter den Fassaden ein Leben lauert. Wie Desplechin, Olivier Assayas oder die schon erwähnte Claire Denis kann man dieses Leben durch kurze, flüchtige Momente spürbar machen, eine Geste, ein Blick (und es ist klar, dass der Schauspieler selbst hier genauso verantwortlich ist wie die Montage oder die Kamera). Eine andere Möglichkeit liegt in der Sprache. Das Verhältnis von Schauspieler und Text wurde im deutschen Kino nie vielschichtiger behandelt als von Rainer Werner Fassbinder. Bei ihm verraten sprachliche Formulierungen das Sinnliche und Politische hinter dem Spiel, obwohl sie jederzeit als solches markiertes Spiel sind. Ein solches Vorgehen wird im deutschen Kino heute oft hinter angestrengten und noch häufiger scheiternden Realismusbemühungen liegen gelassen. Der Meister im Umgang mit dem Verhältnis zwischen Text und Schauspieler ist aber sowieso ein Franzose, Éric Rohmer. Bei ihm geht es beim fatalen Spiel im Kino um eine Energie, die aus einem Text oder einer Idee etwas Konkretes macht, etwas Gegenwärtiges, das trotz aller Gegenbehauptungen nicht nur dem Theater sondern auch dem Kino eigentümlich ist. Bei Rohmer geht es nicht nur darum, was gesagt wird, sondern immerzu auch darum wie es gesagt wird. Der moralische Diskurs seiner Filme wird erst durch die Stimmen manifest, man könnte ihn zwar schreiben und lesen, aber erst dadurch, dass die Moral bei Rohmer an Körper gebunden ist, wird sie relevant. Jeder Satz, jedes Zucken kann etwas über eine Figur oder Menschen aussagen.

La vie des morts von Arnaud Desplechin

La vie des morts von Arnaud Desplechin

Doch das Spiel – zumal im Kino – ist natürlich auch eine Sache der Verwandlung. Wie Jean-Luc Godard bemerkte, ist das Kino eine Kunst der Masken und Verwandlungen. Die Möglichkeit einer ständigen Transformation; wenn das Kino ein Spiel ist, dann spielt es auch mit seiner Kontinuität und seiner Wahrscheinlichkeit. Filme wie Holy Motors von Leos Carax, Phoenix von Christian Petzold oder Time von Kim Ki-duk arbeiten mit der Verwandlung und der ewig faszinierenden Frage nach dem Erkennen und der Identität. Oft wird dann die Dramaturgie zu einem Spiel, man sieht Figuren dabei zu wie sie sich unerkannt in einer Rolle bewegen, aber man kennt ihr Geheimnis und wird so Zeuge eines Spiels statt einer Sinnlichkeit bis plötzlich aus diesem Spiel eine Sinnlichkeit bricht. Es ist klar, dass dieses Spiel mit der Verwandlung auch ein Spiel mit der Form beherbergt. Es ist keine Überraschung, dass die meisten Filmemacher, die sich Gedanken über das Spiel im Kino machen, sich auch Gedanken über das Spiel des Kinos machen. Die Kombination zweier Bilder oder das Abpassen des exakten Moments eines Schnitts sind mir immer vorgekommen wie ein Spiel. Insbesondere im digitalen Zeitalter trifft das wohl mehr denn je zu. Erstaunlich aus heutiger Sicht wie man auf eine derartige Kunst Regeln legen konnte. Aber wie wir sehen ist das Regelhafte und das Wahrhaftige im Kino immer in einem spannenden Wechselverhältnis, ganz ähnlich wie die Unschuld und das Spiel.

Mit Masken wird das Spiel auch zu einer Flucht, die das eigentliche Leben verbirgt und gerade dadurch bewusst macht. Jean-Luc Nancy hat geschrieben, dass der Sinn der Erscheinung in der Realität liegt, die sie verbirgt. Ähnliches gilt für das Spiel im Kino, obwohl das Kino weniger Verantwortung hat als die Erscheinung an sich. Damit will ich sagen, dass es im Kino manchmal auch reicht, eine Freude am Spiel auszudrücken wie das nicht zuletzt in Holy Motors geschieht oder auch in American Hustle von David O. Russell. Doch selbst diese Flucht gelingt nicht ganz, weil der Zuseher immerzu in der Lage ist, das filmische Schauspiel mit dem täglichen Schauspiel zu vergleichen. So wird die Freude des Spiels im Kino bei Carax ganz schnell zu einer Kritik des Spiels im Leben. Ist das so? Das Spiel liegt aber auch im Unsichtbaren. Erich von Stroheim war ein Meister dieser Inszenierungen, die man nicht wirklich sieht, aber spürt. So hat er sich bekanntermaßen bis hin zu den korrekten Unterhosen (selbst wenn diese nie sichtbar waren) seiner Komparsen um das Unsichtbare des Spiels bemüht. All das Wissen, all die Arbeit, die man im Ergebnis nicht mehr sieht, aber spürt. Sie hängt mit Körperhaltung, spontanen Gesten oder auch nur der Dauer zwischen Frage und Antwort zusammen. Oder würde jemand daran zweifeln, dass man mit seidenen Unterhosen, auf die das kaiserliche Emblem Österreichs gestickt ist, anders durch Reih und Glied geht, als mit seiner normalen Baumwollunterwäsche?

Holy Motors von Leos Carax

Holy Motors von Leos Carax

Wir bemerken also, dass es einen Unterschied gibt zwischen Filmen, die einen avancierten Umgang mit dem Spiel wählen und solchen, die das Spiel zelebrieren. Zu letzteren gehört sicherlich Hong Sang-soo, der ähnlich wie Puiu in seinem Schauspielworkshop viel mit der Wiederholung von Konstellationen und Dialogen arbeitet. In neueren Werken wie Our Sunshi oder In another country greift durch den eigenwilligen Einsatz des Spiels im Kino eine Art augenzwinkernder Surrealismus, der letztlich doch genau durch diese Unwahrscheinlichkeiten und simplifizierten Konstellationen eine sinnliche Wahrheit und Komplexität der Realität offenbart. Nehmen wir In another country, in dem Isabelle Huppert drei verschiedene Französinnen in Korea spielt, die immer wieder in ganz ähnliche Situationen geworfen wird und immer wieder auf einen grandiosen Life Guard, der immer vom selben Schauspieler gespielt wird, trifft. Dieses clevere Spiel mit dem Cast ermöglicht auf der einen Seite ein Anzeigen der Konstruktion des Films, wieder diese Meta-Ebene, aber zugleich ermöglicht es eine sinnliche Erfahrung von Traumzuständen, Sehnsüchten und dem Verhalten zwischen Fremden, eine Art Erforschung von Unbeholfenheit. Genau umgekehrt in der Besetzung ging bekanntlich Luis Buñuel in seinem Cet obscur objet du désir vor, in dem eine Figur von zwei verschiedenen Schauspielerinnen gespielt wird. Wieder wird dadurch der Schauspielprozess sichtbar, aber gleichzeitig offenbart sich eine Sinnlichkeit, die mit unserer Wahrnehmung zu tun hat.

Our Sunshi von Hong Sang-soo

Our Sunshi von Hong Sang-soo

Es stellt sich auch die Frage, welche Distanz ein Filmemacher wählen muss, um das Kino zum Spiel werden lassen. Es scheint klar, dass in klassischen Schuss-Gegenschuss Auflösungen weniger Raum für wahrhaftiges Spiel bleibt, die Totale jedoch verneint ganz oft das Gesicht, in dessen Regungen sich doch die schärfste und zugleich feinste Linie zwischen dem Spiel und der Realität des Kinos finden lässt. Auf der anderen Seite kann man das Spiel mit dem Spiel so ziemlich aus allen Perspektiven betreiben. Schuss-Gegenschuss kann im Gesicht von Jimmy Stewart ähnliche Gleichzeitigkeiten zwischen Sinnlichkeit und Meta-Ebene erzeugen wie eine Totale bei Hou Hsiao-Hsien. Es geht hierbei um eine Balance zwischen Freiraum und Käfig, die ewige Debatte über Kontrolle und Freiheit im Kino. Beim Spiel gibt es beide Extreme. Es gibt Filmemacher wie Bresson, David Fincher oder Jean-Pierre Melville, die alles kontrollieren und gerade dadurch eine Art Freiheit im Spiel erreichen und es gibt Filmemacher wie Serra, Lisandro Alonso oder eben Puiu, die sehr viel vom Leben, von der Welt hineinlassen in das Spiel und dadurch gerade das Spiel in den Vordergrund rücken. Ein perfekter Kompromiss findet sich in der letzten Szene von Beau travail von Claire Denis. Dort reagiert wie so oft bei Agnès Godard die Kamera auf den Schauspieler, sie wahrt die Distanz für den Freiraum und beginnt dann mit ihm zu tanzen. Letztlich geht es beim fatalen Spiel im Kino um diesen Tanz, der erst das Fatale ermöglicht (und das wollen wir doch). Die Kraft zwischen Kamera und Spiel, eine Liebesgeschichte mit einem unendlichen Spektrum an möglichen Emotionen.

Die einzige Übung, das einzige Spiel ist letztlich das Kino selbst, die Umsetzung. Alles andere ist reine Theorie. Es gibt als zugleich kein Spiel und nur Spiel im Kino. Und es ist das Kino, das uns immerzu mitteilt wie ernst es ist und wie weit weg von der Realität es ist. Zum Schluss nochmal Cristi Puiu:

“So this is how cinema has to be made now, I think—every film must be an exercise. Though these specific exercises were not made with the intention of being shown publicly, I am very happy that programmers are now inviting the film to festivals. I think that it deserves to be seen, and that the exposure is great for the people I worked with. “Actors” is really an administrative term. We live in society without wanting anarchy, so we say that some people are actors, others are directors, others are cinematographers, physicists, mathematicians, doctors, and so on. But I don’t believe this to be true. Anybody can be anything, the only differences come from your choices to study one domain or another. I am working with a camera, you have a computer to type on, others are using medical equipment, and there are no professions. There are only people trying to understand the world better by using different sets of tools.”