Wörter für die Welt da draußen #9: Zistrose

Erst dachte ich, ein Kind hätte sie aus dünnem Papier gefaltet und in der Landschaft verteilt, so unwirklich zart glitzerten sie im winterlichen Sonnenlicht auf einem längst vergessenen Wanderweg im sardischen Hinterland. Ihre blassen Blütenblätter erzitterten selbst in kaum merklichen Brisen und schon ein einzelner Regentropfen, ich war mir sicher, hätte die ganze Blume umkippen und durchsichtig auf der rotsteinigen Erde schimmern lassen.

Aber das konnte nicht sein, schließlich sah ich dieses Pflänzchen überall wachsen und den widrigsten Bedingungen trotzen. Wie so oft strömt gerade aus den zerbrechlichsten Körpern der reichhaltigste Saft. Die größten Bücher wurden auf den dünnsten Seiten gedruckt, die tiefste Liebe mit der brüchigsten Stimme gestanden. Ich stand vor dieser Blume und beobachtete wie ihr Schatten ins Meer fiel, während ihr holziger Dunst sich mit dem südlichen Licht vermischte, bis mir ganz schwummrig wurde.

Man sagt, dass Napoleon Bonaparte seine Heimat Korsika schon von Weitem am Geruch dieser Zistrosen vernahm. Ihr betörender Harz lässt Haare wachsen und verschließt Wunden. Ladansträucher unter denen die Dichter und Ziegen schlafen wollen. Ich widerstand meiner Versuchung, eine Blume zu pflücken, um sie nach Hause zu tragen. Sie würde verenden, so weit vom Meer. Stattdessen bastelte ich mir eine aus Papier. Ein schwacher Versuch, aber irgendwie muss man beginnen zu leben.

Ivana Miloš, Rockrose Unfurling, 2022, Aquarell auf Papier, 13 x 13 cm

Wörter für die Welt da draußen #7 Weißfleck-Widderchen

Wie auf Grashalmen schlafende Zebras, müde vom Tag und leicht beschwipst vom Heidekraut, so erschienen mir tausende frischgeschlüpfte Bärenspinner bei ihrer Rast auf einem Waldweg kurz bevor die Nacht begann. Ich durchwanderte die geheime Schlafkammer der Weißfleck-Widderchen nahe Dobrinj auf Krk. Es roch nach Geborgenheit und Majoran und weit entfernt hörte ich die letzten Wellen des Tages.

Wenn diese Schmetterlinge schlafen, sprechen sie, aber niemand kann sie hören. Sie erzählen vom Wind, der sie beherrscht. Sie berichten von der Erde, aus der sie stammen. Sie beschwören das Feuer, das sie entfachen. Sie beachteten mich nicht. Ich bin ein Schatten auf ihren Fühlern. Alles, was sie suchten, war die sanft wiegende Rauheit der Gräser, an die sie sich klammerten, wie Matrosen an den Mast im Sturm.

Warum müsst ihr so schön sein, wenn die Welt um euch verbrennt? Eure weiße Flecken, euer gelbgeringeltes Flattern, eure weißgespitzten Antennen; ich weiß, dass ihr mich nur täuschen wollt. Ich will euch glauben. Aber sagt mir doch, warum verbringt ihr eure Tage in der Sonne, während wir uns einsperren mit Schlüsseln und Verpflichtungen?

Ivana Miloš, Bjelopjegavi ovnić (2021), watercolor on paper, 20×20 cm

Wörter für die Welt da draußen #6 Milchsterne

In einem kurzen Sonnenloch, das ein verregneter Mai zuließ, schlenderte ich durch einen unwirklich friedlichen Schaugarten. Er befand sich im bereits nach solcher äußerer Schönheit benannten Ziersdorf und in der naturbelassenen und doch kontrollierten Symmetrie der Anlage, wähnte ich mich mitten in den elegischen Gartenbeschreibungen von Goethe oder Rousseau, ehe mich einige im Tageslicht aufblitzenden Sterne in ihren Bann zogen.

Ein leuchtender Nachthimmel im Schatten eines Ahornbaumes, eigentlich entfernte, fruchtbare Planeten, die vor meinen Augen aus der Erde kletterten. Sie blinkten auf und manche von ihnen verpufften zu Staub. Sie zogen einen Schweif nach sich, der sich mit dem unheimlichen Geruchsmeer des Gartens vermischte, bis selbst die Vögel begannen, zum Mond zu fliegen.

Die von der Gelassenheit der Jahreszeiten benetzte Gärtnerin sprach mit zerbrechlicher Stimme, die sich nicht mehr an alle Namen der Bewohner ihres Ziergartens erinnerte: Das sind Milchsterne. Sie flogen aus der Umlaufbahn und sind direkt in diesem Garten gelandet. Was sie mir verschwieg, war, dass dieses giftige Pflänzchen auch als Gärtnertod bezeichnet wird. Schnell wandte sie sich von den Sternen ab, das nahende Unheil in dieser Schönheit nicht länger ertragend.

Ivana Miloš, Milchsternstraße (2021), watercolor on paper, 176 x 250 mm

 

Wörter für die Welt da draußen #5: Eigallerte

In einer Wagenrinne auf einem alten Auwaldweg nahe Jettsdorf sammelte sich trübes Regenwasser. Darin trieben knapp unter der Oberfläche zwei schillernde Laichklumpen, umklebt von froschigen Eigallerten, die gleich einer verblassten Götterspeise oder einer wasserfarbenen Traubenrispe vom kommenden Leben einiger Springfrösche kündeten.

Erstarrt schwebte die Zukunft unter dieser durchsichtigen Schicht, die alles schützte und sich nach und nach verflüssigte, sodass die dumpfe Unwirklichkeit der Pfütze möglichst sachte über die ums Überleben kämpfenden Kaulquappen fiel.

Ganz erstaunlich wie dieser wabernden Flüssigkeit ein Körper entschlüpfen kann. Man glaubt sich fast zu erinnern an die Zeit, in der wir alle im Schlamm des Meeres dahinsiechten, nichts sehend, aber jede Regung spürend und bereit irgendwann, in einer unvorstellbaren Zeit, das Wasser zu verlassen.

Ivana Miloš, Jajašca žablja (2021), watercolor on paper, 18 x 26 cm

Wörter für die Welt da draußen #4 Goldglänzender Rosenkäfer

Im aschgrauen, vom Winter durchfeuchteten Laub, das schwernötig und verdrießlich auf dem Waldboden verfaulte, glitzerte mir plötzlich ein goldenes Licht entgegen. Ich war auf einem schmalen Pfad entlang der Kamp nahe der Rosenburg unterwegs und hatte mich eigentlich schon an die geruchlose Gleichförmigkeit dieser Jahreszeit gewöhnt, als ich das grüne Leuchten aus dem Unterholz bemerkte.

Vorsichtig schob ich die Blätter beiseite, um einen mir wohlbekannten, aber in dieser Jahreszeit doch ungewöhnlichen Käfer am Boden zu entdecken. Er war ganz erstarrt vor Kälte oder Schreck. Sein giftgrüner Rücken erinnerte mich an einen Smaragdstein. Wie geheime Zeichen waren weiße Striche in dieses Grün eingezeichnet. Ich versuchte sie zu deuten und las immer nur den Namen des bewegungslosen Tierchens: Goldglänzender Rosenkäfer.

Ich hatte ihn in farbenberauschter Ekstase auf Holunder oder Goldgarbe erlebt, aber so verloren zwischen den moribunden Blättern des vergangenen Sommers erschien er wie ein Trugbild. Man vergisst die möglichen Farben der Welt so schnell im Winter! Nicht sicher, ob er zu früh aus dem Dunkel hervorkroch oder zu spät Schutz unter dem Laub suchte, bedeckte ich ihn wieder sorgsam mit zerfallenden Blättern. Hatte ich ein Todesglänzen gesehen oder ein Versprechen des kommenden Frühlings?

Ivana Miloš, Buba zlata snijeg na vrata, 2021, Monotypie und Gouache auf Papier, 25 x 35 cm