Collector’s Guilt

Es gab einmal mich und ich sammelte Sachen. „Sachen” waren auch die Eindrücke, die Filme in mir auslösten und „Sachen“ waren leider manchmal auch die Filme selbst, die ich verdinglichte, indem ich sie in meine imaginäre Schatztruhe, die einem Kasten mit bunten Steinen ähnelte, aufnahm.

Es gab einmal mich und ich wollte die Filme, die mir gefielen und vielleicht noch weiter gefallen würden, festhalten, um sie immer wieder zu sehen (was ich jetzt leider viel zu selten mache) .

Es reichte mir nicht, sie in der Hand halten zu wollen als DVDs oder Filmstreifen. Ich machte mir Hefte, in denen ich ausgedruckte Bilder und Zeitschriftenartikel von und über die Filme einklebte. Viele dieser Hefte konzentrierten sich nicht auf die Filme selbst, sondern eher auf Schauspieler. (Und auf Schauspielerinnen, aber Genderfragen habe ich nie gerne gesammelt, weil sie zu Küchengesprächen führen. Vor einer Woche hat mich jemand tatsächlich gefragt, ob ich die Darstellung von Frauen in den Filmen von Jonas Mekas nicht problematisch finde.) Auf jeden Fall war das kein Versuch einer tieferen Auseinandersetzung mit den Filmen, sondern eine Beschäftigung, die mir Genuss brachte, weil ich dann die Filme und all meine andere Sachen „haben” könnte. Die Freude meiner Mutter daran, aus Gone with the Wind erfahren zu haben, dass man Blush mit dem Zwitschern der Wangen ersetzen kann und dass man sich Kleider aus Gardinen machen kann, war ansteckend und da mir diese Freude immer an ihr gefallen hat, fiel es mir schwer, meine eigene Verdinglichung mancher Filmen zu kritisieren und es dauerte lange bis ich angefangen habe ein Schuldgefühl zu bekommen. Meine halb-imaginären, halb-verdinglichten Sammlungen schienen mir schon immer mittelmäßig, weil alles, was mir viel gefallen hat, mir schon immer unverdinglichbar und unsammelbar zu sein schien.

Vive la baleine

Es gab einmal mich und ich fing an meine Sammlungen auszustellen. Meine Ausstellungen fanden oft in Form von Playlists auf youtube statt, selten finden sie jetzt auf meiner leinwandlosen und leicht gesprenkelten Wand bei Filmabenden für und mit Freunden statt. Wenn es einem hilft, die Filme zu sehen oder zu zeigen, dann hat das Sammeln keine Schuld. Institutionen, die Filme sammeln und zeigen, haben nichts mit dem schuldigen Sammeln zu tun, denn sie sammeln, um Bliss zu verteilen.

Es gab einmal mich und ich sammelte mein Wissen, das Wissen in meinen Gemäldealben und mein Wissen aus Filmen über “echte” Schiffe, Tiere und sonstiges, weil diese Sachen in der Welt zu sehen weniger interessant war und geblieben ist und ich verbarg meine imaginäre Sammlungen, in denen manche Filme Dinge sind in meinem imaginären Haus, das wie das Haus aus Fanny och Alexander von Ingmar Bergman oder das Haus in Un conte de Noël von Arnaud Desplechin aussieht und das vielleicht so aussieht, weil das beides Häuser sind, in denen man als Kind Sachen sammeln kann. Ich weiß und sammele immer weniger und spüre immer mehr.

Fanny och Alexander

Es gab einmal mich und ich war so und so bin ich ab und zu auch heute noch. Und so war ich wieder mit einigen der Kurzfilmprogramme aus der Retrospektive zu Tieren, die im Österreichischen Filmmuseum zu sehen war und auch mit einigen der kurzen Vorfilme mit oder über Tiere/ mit und über Tiere/ mit Tiere und über Menschen (und Tiere), die zu sehen waren.

Es gab einmal mich auf dieser Retrospektive, in diesem guten Haus, und dieses “mich” hat jegliches Reflektieren über die Beziehung Tier-Kamera-Kino-Mensch-Maschine auf unbestimmte Zeit verschoben und sich die Sammlung, die Menge an kurzen Filmen angeeignet, in den eigenen Playlists auf youtube, wo das Rot in Cat’s Cradle, das man sowieso nicht sammeln kann, nie rot genug sein wird und die genauso unsammelbaren Katzen von Marey, wie so viele der anderen Filmen nichts verloren haben. Einen Versuch Pelešjans Vremena goda/Tarva yeghanakner zu sammeln würde ich nicht wagen. Manche Filme konnte ich in meiner halb-gedanklichen, halb-virtuellen Sammlung speichern und sehr oberflächlich kategorisieren und die Kategorien, obwohl es mich ekeln würde sie so zu nennen, wenn ich meine imaginäre Kasten zusammenstelle, hatten  sie “exotisch”, “enzyklopädisch” und andere solche Wörter im Titel.

Cat's Cradle

Ich bemerkte, dass Fütterung von Riesenschlangen mit seinen Riesenschlangen, die Hasen fressen, in seinen drei Minuten mehr Spannung hat als Mad Max: Fury Road in seinen zwei Stunden. Ich sammelte mir “peculiarities” wie eine Gesangsnummer mit einem Mensch und einer Ente (Gus Visser and His Singing Duck), die hunderten Lemminge, die ins Wasser springen  in C’mon Babe (Danke schön), ein Elefant, der durch Stromschlag getötet wird (Electrocuting an Elephant). Vielleicht empfand ich auch Genuss an dem Gedanken, dass so viele Menschen so etwas nie sehen durften. Mein Sammeln ist auch schuldig, weil in der Kategorisierung der verdinglichten Filme ethische Fragen ignoriert werden und ich sie als Objekte, die Genuss gebracht haben abgespeichert habe. Ist es eine Schuld? Eine besondere Stelle in meiner Sammlung bekamen Vive la baleine und L’Hippocampe ou „cheval marin“, weil ich es wagte, sie als “enzyklopädisch” zu etikettieren. Vielleicht beim ersten wegen der Bilder, die ich nie in Alben gefunden hätte, beim anderen wegen der Beschreibung des Verhaltens von Seepferden, über das ich nie in Bücher gelesen hätte. Ich lernte etwas über Physik und Bewegung von Étienne-Jules Marey, aber es war zu schön,um etwas zu lernen und ich vergaß es, als ich gesehen habe, wie man Hunde in Würste und dann wiederum in Hunde verwandeln kann (Dog Factory) und Tiere so groß wie die Erde werden lassen kann (King-Size Canary).

Über Film sollte man nie in der Vergangenheit schreiben. Ich befreie mich von der Schuld, werfe meine Sammlung weg und fange an über die Filme nachzudenken.

Viennale 2015: Singularities of a Festival: ROT

Notizen zur Viennale 2015 in einem Rausch, der keine Zeit lässt, aber nach Zeit schreit. Ioana Florescu und Patrick Holzapfel geben ihre Eindrücke vom Festivaltag wieder. Dabei werden sie nicht zwangsläufig schreiben, um welchen Film oder welches Programm es sich handelt. Es sind einfach Eindrücke, die gleich jenen undefinierbaren Empfindungen kurz vor dem Einschlafen durch die Schläfen wandern, bis sie sich hinter den Augen sammeln, von wo aus sie je nach Inspiration unsere Träume und Filme füllen.

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Patrick

  • Am Mittag wurden Akkreditierungen und erste Tickets ausgegeben. Man steht in einer Reihe und lechzt nach dieser Goldenen Eintrittskarte. Oh, wird es ein Traumland sein? Dieses Jahr habe ich eigentlich keine Erwartungen, weil der Stress die Erwartungen überfährt. Ein Traumland im Stress gibt es nicht, zumindest würde man beim Erwachen keine Fingernägel mehr haben. Zwei Filme sind es, die mich am meisten interessieren: Cemetery of Splendour von Apichatpong Weerasethakul und Mountains May Depart von Jia Zhang-ke. Alles andere, so sage ich mir penetrant lügend vor dem Schlafengehen, muss ich nicht sehen.

  • Am Abend will das Filmmuseum uns eine Filmgeschichte mit Hund&Katz&Gromit erzählen (vielleicht auch nicht). Dazu programmieren sie ein Kuriositätenkabinett, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob alle Filme darin wirklich ihren Platz haben. Es reißt wieder diese Unsicherheit in mir auf…ich bin mir nie sicher, ob ein kuratorisches Programm größer sein sollte als die Qualität einzelner Filme darin. Ich bin mir sicher, dass es mehr beinhaltet als das bloße Zeigen von persönlichen Favoriten, ich bin mir auch sicher, dass ich auf solche Gedanken nur kommen kann, weil es ein solches Programm gibt. Aber einen Film wie Trash Cat von Kelsey Goldrich in diesem Kino zu sehen, ist ein wenig seltsam. Es ist einer dieser cleveren Ideen, die kein Film sind. Hippes Pointen-Kino mit neuen Medien und so.

  • Kinderlachen im Filmmuseum. Wo waren die Kinder letztes Jahr bei John Ford?

  • Das Einkreisen von Filmtiteln im Falter-Viennale-Planer ist eine unfassbar beruhigend wirkende Tätigkeit.

 

Catscradle

Ioana

  • Ich fange bald an einzupacken, obwohl es erst ab morgen 6 Filme/Tag gibt. Brille, dicke Jacke klein gemacht für die Nächte, an denen man bis um 2 in der Früh im Kino ist, Wasser, Halstabletten, Hustensirup, Kaugummi, Taschentücher, Proteinshakes, das Programm. Bleibt noch Platz fur den Katalog? Für Red Bull? Tasche, Rucksack, Viennale Tasche (sie passt nicht zu der Kette, an der die Akkreditierung hängt) oder Troller? Ein Heft. Für das Heft brauche ich auch einen Stift. Die Schlüssel, sonst schlafe ich am Josefstädter neben dem Tramp, der wie Michel Simon aussieht. Zigaretten für die nächsten zwei Wochen drehen, nur einige, so viel Zeit gibt es zwischen den Filmen nicht. Ich freue mich. Ich beeile mich.

  • Diese fallende Tiere sind unglaublich schön. Ich würde gerne die Filmstreifen haben, aber was würde ich dann damit machen? Ich hoffe, dass es eine Zeit geben wird, in der sich mehr Menschen auf die fallenden Tiere von Étienne-Jules Marey freuen als auf den ersten Schnee.

  • Ja, rot sieht besser aus auf Film. Die anderen Farben auch. Das Rot in Cat’s Cradle sieht sogar besser als Film-Rot aus.

  • Drei Frauen haben sich vor dem Filmmuseum Komplimente für ihre Jacken gemacht. Es war komisch, weil sie alle genau dasselbe Modell zu tragen schienen.