Der Mond und die Töchter des Feuers

Verschone uns mit deinen Göttern! Wir haben andere Sorgen!
(Rufe aus einem Haus in Der gute Mensch von Sezuan von Bertolt Brecht)

Im Jahr 2023 zeigte Pedro Costa zwei neue Filme, in denen er mit Musik und Gesang arbeitete. As filhas do fogo, in dem drei Frauen in einem Triptychon zu den barocken Klängen Biagio Marinis dialogisch angeordnete Textfragmente aus Anton Tschechows Drei Schwestern intonieren. Und den Viennale-Trailer, in dem eine den Mond verdeckende Frau Hanns Eislers Über den Selbstmord in englischer Übersetzung singt, nach dem Text Bertolt Brechts aus dessen Theaterstück Der gute Mensch von Sezuan. In beiden Filmen singt Elizabeth Pinard, in As filhas do fogo tritt sie zusammen mit Alice Costa und Karyna Gomes auf, allesamt professionelle Sängerinnen mit kapverdischen Wurzeln.

Die Arbeit mit diesen Sängerinnen, mit der Musik, beschäftigt Costa schon länger, er hat sie vor Jahren begonnen und nun zum ersten Mal in der für andere Künste oft blinden Filmwelt präsentiert. Soviel zu den groben Rahmenbedingungen dieser beiden Werke. Abgesehen davon, dass Costa seinen Kurzfilm in Interviews als Test für einen kommenden Langfilm bezeichnet und der Trailer letztlich eine Auftragsarbeit für ein internationales Filmfestival ist, verbinden sich die beiden Filme gerade über das Wesen einer Musik, die sich in einem zerbrechlichen Schweben zwischen Klage und bösen Vorahnungen trifft.

Dass hier etwas Kommendes angedeutet wird, darf ruhig doppelt verstanden werden. Denn nicht nur soll da ein Film kommen, es ist auch so, dass diese Filme eine auf das Unverständliche, Unvorstellbare gerichtete Passage darstellen. Diese Passage findet statt zwischen den unbegreiflichen Gräueln, die uns umgeben, seien sie natur- oder menschengemacht und sie findet auch statt zwischen den Menschen, der Kunst, den Worten, den Blicken. Dieses bedrohliche Kommende hängt auch mit den literarischen Vorlagen zusammen, die jeweils vor dem Zusammensturz einer Welt entstanden, Tschechow 1901 in Russland, Brecht kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Costa überführt diese knappen Stoffe in dieses heute alle wachen Geister treffende Sentiment eines kommenden Untergangs, einer nahenden, unvermeidbaren Katastrophe, die bereits eingetreten ist.

So zeigt As filhas do fogo zunächst die drei Frauen in einer von feurigen, aschedüsteren Farben heimgesuchte Welt, in der die Unmöglichkeit eines Ausgangs und die sich gegen die Verzweiflung stemmende Würde aufeinander treffen. Diese ersten Bilder des Films folgen der Genealogie des vulkanischen Kinos, man denkt an die in der getrockneten Lava kriechende Ingrid Bergman und den von einer ähnlich würdevollen Resignation durchzogenen Empedokles bei Huillet und Straub, den Helden Hölderlins, den real existierenden Naturphilosophen, der einmal schrieb, dass man einmal gestört von bitterem Unglück, sich nie mehr vom schmerzvollen Leid wird befreien können. Filme wie Stromboli oder Schwarze Sünde eint, dass in ihnen eine Ausweglosigkeit herrscht, die nur vom Feuer aufgefangen werden kann.

Diejenigen, die wie wir alle auf Vulkanen Häuser bauen, kennen diese Verzweiflung, die schon weiß, dass alles niedergerissen werden wird. In den 16mm-Aufnahmen Orlando Ribeiros, die Costa stumm ans Ende seines Films stellt, sieht man dann auch, was eine solche Explosion, nämlich die auf der kapverdischen Insel Fogo 1951 bedeutet für die Menschen, nämlich eine Implosion, in der eine Orientierungslosigkeit herrscht, die die eigene Kleinheit und Machtlosigkeit erkennt und doch, ja doch, weiter steht und schaut und lebt. Die singenden Frauen singen nicht von 1951, sie singen in der Gegenwart des Kinos, wo immer alle Zeiten zugleich herrschen, die der Geister, der Ungeborenen, der Nachgeborenen.

In diesen bedrohlichen Fatalismus hinein baut Costa mit Hilfe seines Lichts, der Musik und einer auf einen unsichtbaren Dritten gerichteten Kadrierung ein Aufbegehren gegen das Schicksal. Die sich gegen das Schweigen erhebenden Stimmen der Sängerinnen schöpfen aus einer Kraft, die jenem der sie umgebenden Lava in keinster Weise nachsteht. Doch sie verlautbaren nicht nur ein Lamento in die Nacht, sondern suchen sich auch im kontrapunktischen Zwischen-Spiel, dass zu einem Gemeinsamen, sich gegenseitig bedingenden Aneinanderklammern anschwillt. Aus dem hoffnungslosen Schicksal der Einzelnen filtert sich ein Chor, der sich Ergänzenden. In diesen Chor werden auch wir, die Zuschauenden, eingeladen, denn die sich stets ans Hors-champ richtenden Gesichter, gerade so im Licht, das sie nicht in der Dunkelheit ertrinken, sprechen mit uns, befragen uns in ihrer sich entziehenden Frontalität.

Dass Pinard sich dabei bewegt und vor einer Rückprojektion entlang einer unendlichen Mauer wandelt, rückt sie rein bildtechnisch, obwohl an den linken Rand des Triptychons gedrängt, in dessen Mitte. Ihre Bewegung, aber vielmehr noch die Stimmen, denn es ist ein Film, den man zu hören lernen muss (statt ihn bloß zu sehen), folgen nichts außer sich selbst. Jede erste gesungene Silbe ist eine kleine Eruption, die sich jener des Feuers widersetzt. Wie in Tschechows Theatertext sieht man die Flammen, ohne dass man ein Bild von ihnen zeigen muss. Nicht der Gott des Feuers ist es also, dem diese Heldinnen folgen wollen, sondern ihren eigene menschlichen Fähigkeiten, der Kunst, der Sprache, der Liebe. Das Feuer wird kommen, von seinen Töchtern können wir lernen, wie wir ihm begegnen. Ein um sich scharrendes Zicklein in den Aufnahmen Ribeiros erzählt von diesem Leben, das immer ein Überleben bedeutet.

Das Halt-Suchen wandelt sich im formal ähnliche arbeitenden Viennale-Trailer in eine Art Anklage. Denn in Brechts Text heißt es: In diesem Lande und in dieser Zeit / Dürfte es trübe Abende nicht geben. Es dürfte sie nicht geben, aber es gibt sie. Von welchem Land ist hier die Rede, von welcher Zeit? Es wäre verlockend, dem Film eine Art subversive Kritik an Österreich oder dominant-weißen Kulturellen anzudichten, vielmehr aber beschleicht einen das Gefühl, dass es sich um jedes Land und jede Zeit handelt, in der sich Gedanken an den Selbstmord, das Ende in die in Ungerechtigkeit lebenden Menschen einnisten.

Im Format des Trailers verweist auch dieser Film auf etwas Kommendes, das bereits da ist. Pinard ist hier, wie Shen Te aus Brechts Stück, eine Präsenz, die spürt, dass es das Gute nicht gibt und die es dennoch weiterträgt. Sie sieht das Elend und erdenkt sich eine Welt, in der es keine Möglichkeit gäbe, dass dieses Elend in den Selbstmord führt. Diese Präsenz ist, wie jene der Frauen in As filhas do fogo zugleich menschlich und das Menschliche übertreffend, sie ist mehr als bloßes Ideal, sie ist das Beste im Menschen. Von diesen Frauen scheint Costa, wie bereits von Vitalina Varela zu lernen, was es bedeutet, trotzdem zu leben, weiter zu leben, ohne Hoffnung, aber auch ohne Furcht.

Traue nicht deinen Augen
Traue deinen Ohren nicht
Du siehst Dunkel
Vielleicht ist es Licht.

(Bertolt Brecht)