Kein Bedarf für Posamenten (Etalagen III)

Licht hatte hier noch nie gebrannt. Es ist eines dieser Geschäfte an stetig befahrenen Straßen, wo man zwar täglich vorübergeht, doch in Eile geraten, sie kaum wahrnehmen kann. Um überhaupt das Angebot zu begreifen, müsste man auf einen einsamen Zeitpunkt ohne den drängelnden Fußverkehr warten, jenseits üblicher Öffnungszeiten. Bestenfalls bei Regen oder nachts, wenn nicht gerade mit sich selbst beschäftigte Spaziergänger den zu schmalen Weg verstellen. So muss bis an die Kante des Gehsteigs zur Straße zurückgetreten werden, möchte man sich hier ein Bild machen. Dort erkennt man, was beim zügigen Passieren immer nur bunte Schlieren im Blickfeld hinterlässt. Im linken Fenster hängen weit über der Höhe des eigenen Kopfes fünf Handschuhe in marineblau, scharlachrot, senfgelb und petrolfarben sowie weißer Spitze. Ihre Verformungen deuten darauf hin, wie lang sie schon auf diesem Platz thronen. Alle zur linken Hand gehörig, unwahrscheinlich dass ihr rechtes Gegenstück noch aufzufinden ist. Darunter befinden sich unzählige mit Stecknadeln befestigte Aufnäher, verpackt in Klarsichthüllen: ein Sportwagen, eine Trompete, ESSO, Dumbo, ein Wanderschuh, Feuerwehrwagen, Herzbären, Dalmatiner, Enzian und Edelweiß, noch mehr Sportwägen, sowie eine Lokomotive. Für jedes Loch der aufgerissenen, verschmierten Jeans würde man fündig, sicher auch für das blutende Knie oder die tränenunterlaufenen Augen. Vielleicht wäre hier ein geeignetes Versteck, als Kind für einen Moment zu verschwinden, wenn der elterliche Ärger über den unachtsamen Umgang mit der eigenen Kleidung droht, um tröstend wie verzückt zu sehen, dass es nicht nur auf Sorgfalt und Pflege ankommt, sondern ebenso den Reiz am Prachtvollen und Inszenierten. Rechts daneben im Fenster fein säuberlich rasterartig angeordnete Knöpfe, zahllos, überall dort, wo neben Spitzeborten, Ledergürteln, Fransen, Geflechten, Perlenketten und Samtsäumen noch Platz bleibt. Die meisten standardmäßig Bernsteinfarben, hin und wieder aber auch in besonderen Ausführungen: entweder mit Emblem oder als Herz, Knoten, Muschel, Schnecke oder Schmetterling. Unter dem Knopfraster befinden sich nochmals bunte Klöppelarbeiten streifenweise aufgehangen. In der rechten Ecke hängt darüber eine Schwarz-Weiß-Fotografie, die wellig drapierte Spitze-Streifen abbildet. Im dritten Fenster befinden sich von oben herab, womöglich über einen Leiste geworfen, Halstücher und Schals: einfarbig, kariert, opak-floral oder gestrickt, der rot leuchtende mit kunstvollen Maschen sticht die anderen aus. Ein wenig überdecken sie die etwas protzig geratenen Perlenketten darunter. Immer wieder tauchen in den entlegeneren Ecken diverse Varianten von Säumen auf, unter ihnen dominieren vor allem Musterungen mit Wiesenblumen und Ranken. Auf der linken Seite des Fenstersimses liegen wieder Handschuhe, diesmal als Paar – gelb, rosa, dunkelbraun, grau, zudem die elegantere Ausführung in weinrot. Rechts davon ein angelehntes Brett mit Knöpfen sowie zwei Scheren. Trotz des zarten Antlitzes, erschlägt der ausgestellte, schiere Pomp. Versucht man einen Blick in die Tür zu werfen, fällt auf, dass ebenso die Auslagen des Durchgangs mit Schleifchen, aufgerollten Fäden, Steck- und Sicherheitsnadeln, Reißverschlüssen, Gürtelschnallen und zwei schillernden Blumensträußen aus Plastik vollgestopft sind. Ans Fenster der Tür gerückt und um eine Ecke geblickt, wird auf einmal doch Licht im düsteren und stickigen Innern sichtbar, dessen nebeliger Schein von aufgewirbelten Stoffflusen in Minttönen glüht. Ein Vorhang wird gezogen.

(Liechtensteinstraße)

Service ohne Namen (Etalagen II)

Angenagelte Schuhsohlen bedecken eine mit Raufaser tapezierte Wand. Lustlos und abgehangen, in gelblich schimmernden, verbeulten Plastiktüten der Größe nach aufgereiht. Eine Stelle bleibt frei, der Nagel schämt sich. Die meisten Verpackungen zeigen kein besonderes Interesse an ihrem Inhalt, nur eine einzige mit der Aufschrift »Deo«. Man darf zweifeln. Nichts wird weniger anrüchig sein, als Schuhsohlen, die nicht wissen, was sie tun. Das Fenster daneben in selber Manier, Schlösser in unterschiedlichster Ausführung. Ganz oben hängend kleine, sicher dekorativ bestimmte, Vorhängeschlösser, allmählich größer werdend, zudem Fahrradschlösser – etwas verloren –, sowie Schließzylinder und Türschlösser. Allesamt mit steckendem Schlüssel und Ersatz. Nach unten hin verliert sich die ordentliche Reihung, ein antiquiertes Schloss entstellt die Symmetrie. Das grell leuchtende Werbeschild weist mit einem Schlüssel-Emblem und dem Zusatz »Service« auf die angebotenen Dienstleistungen hin: Ein rostiger Schlüssel nebst ledernen Kinderschuhen. Hier lernen alte Schlösser wieder laufen. Darunter, auf einem Sims gereihte Absätze aus Kunststoff und Holz, in fünf Farben, unterschiedlich geformt; sowie sechs Dosen Schuhcreme in Schwarz, Weiß und Braun. Nun tritt aus der unheimlich peniblen Gegenüberstellung die notdürftig verheimlichte Unordnung in drei Etagen hervor, indem sich das gesamte Sortiment mit einer entrückten Logik nochmals entlädt: Zunächst Türgriffe und Schnürsenkel. Dann Fenstergriffe und Innensechskantschlüssel, erneut Zylinder diverser Größen und Vorhängeschlösser, diesmal mit Zahlen-Kode. Darunter sechs Bürsten, reihenweise Schuhwachs, zwischendurch wieder Fahrradschlösser und staubige Schuhspanner. Davor drei Sukkulenten in bunten Töpfen, mit Preisetikett. Nur durch einen schmalen Abtritt und eine zurückgezogene Tür ist das kaum einsehbare Geschäft vom Gehsteig getrennt. Halb Werkstatt, halb Tresen. Schuhe und Schlüssel – Dinge, die an einen anderen Ort verhelfen. Hinter irgendeine Tür, deren Schloss sie öffnen, über deren Schwelle sie treten, verlieren sie einen Teil ihrer Bedeutung, den nur das Kino in neurotischer Erhabenheit retten will. Einmal zusammen in Marnie von Alfred Hitchcock. Fetische, ohne Frage anachronistisch, die das städtische Gewirr beherrschen, aber auf diese Weise vielleicht gar nicht mehr existieren. Gleich der Geschäfte mit unbekanntem Namen? Zweifelhaft die Vorstellung, Schuhe und Schlüssel mit dem selben Werkzeug zu bearbeiten.

(Servitengasse)