Betrachtungen zu Djokovic versus Berrettini, 09. Juni 2021

Seinem Triumph über das römische Ungetüm Matteo Berrettini folgend, schrie Kosovogegner Novak Djokovic derart laut in den Pariser Nachthimmel, dass man fürchten musste, sein stolzes Herz würde durch die Luftröhre flutschen und wie ein zuckender Fisch in den roten Sand fallen, um dort zu verenden. Wie immer hatte der impulsive Mann sein Herz aber ohnedies in den anstrengenden und nach einem Sturz gar blutigen Stunden zuvor auf dem Platz gelassen. Wahrscheinlich galt der Schrei auch gar nicht dem, aufgrund der Sperrstunde, bereits vor Ende der Partie geräumtem Stadion oder seinem vorhandschleuderndem Gegenüber oder seinen maskenverweigernden Familienangehörigen auf der Tribüne, sondern dem Pariser Prinz Nadal, der einige Kilometer entfernt in seinem Hotelzimmer erschrocken auffuhr, weil er wusste, dass er nun zum tausendsten Mal gegen den serbischen Augenaufreißer spielen musste, nachdem er selbst zum tausendsten Mal das Halbfinale erreicht hatte.

Nun könnte man sich beinahe beschweren über die Eintönigkeit in Paris und des Tennissports allgemein (vielleicht muss man auch deshalb immer diese idiotischen Strohhutflaneure mit ihren teuren Uhren ertragen, die im Bildhintergrund lieber auf ihr Handy starren statt den unbezahlbaren Platz in der ersten Reihe wirklich zu nutzen), aber die Faszination überwiegt. Seit mehr als einem Jahrzehnt klammern sich die gleichen Athleten an den Olymp und eine mal mehr mal weniger vielversprechende Horde an Jünglingen versucht verzweifelt, sie von dort zu verdrängen. Dieses Jahr sind das der durchaus olympisch dreinschauende und klingende Stefanos Tsitsipas und der ärmellose Goldkettenbaumler Alexander Zverev, die im anderen Halbfinale aufeinandertreffen. Wozu also noch diese Schreie und Emotionen, diese Sucht nach den Rekorden?

Ganz einfach, es geht um nichts geringeres als darum, die Zeit zu besiegen. Jedes Jahr, in dem Nadal und Djokovic (und womöglich sogar wieder Federer, wir werden auf Rasen sehen) an der Spitze bleiben, ist ein Jahr wider der Logik körperlichen Zerfalls. Man spürt, dass sich in diesen bis in die letzte Sehne optimierten Körpern kein einziges Blutkörperchen mehr verstecken kann. Wenn anderswo derzeit über optimierte Lebensläufe gesprochen wird, kann das Handgelenk von Djokovic nur lachen. Das allein würde aber nicht reichen und das Gebrüll am Ende, das übrigens auf einen grenzwertigen Wutausbruch nach einem vergebenen Matchball folgte, ist Zeugnis einer vulkanischen Mentalität, die schon lang jenseits der physischen Schmerzgrenze arbeitet, um in glühender Besessenheit weiter Richtung Titel zu streben.

Jenseits der Dreisatzturniere ist der Generationswechsel längst eingeläutet, aber je länger die Spiele dauern desto stärker wiegt das, was den Körpern entgleitet. Und dann sieht man jedes Mal wieder, was man wirklich nicht glauben kann, nämlich, dass die alten Herren auch mehr Stehvermögen haben als ihre Nachfolger. Sie scheinen den Sieg mehr zu wollen als ihre Gegner. Im vergangenen Jahr erteilte Nadal Djokovic im Pariser Finale eine Lehrstunde. Das Echo des Urschreis verspricht ein anderes Spiel und selbst wenn wir es schon tausendmal gesehen haben, ist es immer noch das beste Spiel, das es in diesem Sport geben kann.

Betrachtungen zu Koepfer versus Federer, 05. Juni 2021

Seine auch mit 39 Jahren federleichte Erlauchtheit des Filzballsports gab sich trotz der beleidigend leeren Ränge zu später Stunde im nach dem zweifach verheirateten Gründer von Tennis de France benannten Stadions nahe des orchideenfreundlichen Jardin des serres d’Auteuil die Ehre, um, so wissen wir heute, ein Spiel zu spielen das nichts bedeutete. Zumindest nicht, wenn man es mit dem Fortgang des Turniers hält. Der Kontrahent des im gleichen Rot wie die Balljungen auflaufenden Roger F., dessen Trainer mit fragwürdiger, aber zumindest konsequenter Sponsorenkleidung auf der Tribüne platznahm, war der als Pit Bull (nicht der „Rapper“) verschriene Deutsche Dominik Koepfer. Dieser hatte vor wenigen Jahren noch parallel zum Studium am College in New Orleans in den gelben Ball gedroschen und zählt sicherlich zu den deutschen Spitzenspielern mit größerem Sympathiepotenzial. Aber wenn ein Mann mit einem solchen Nachnamen noch einen Spitznamen braucht, dann weiß man bescheid. Das amüsierte Kommentatorenduo Stach und Becker hatte seine Freude mit der Metaphorik beißender Hunde und so soll auch diese kläffende Geschmacklosigkeit, aus dem um solche nie verlegenen Sportuniversum, anerkannt werden.

Pit Bull also schlich auf den Platz, aber in den funkelnden Augen erkannte man bereits, dass er daran glaubte, dem großen Federer, der nach einem Jahr Zwangspause und Knieoperationen trotz erstaunlicher, weil altbekannter Eleganz noch nicht ganz so unwirklich über den sandigen Platz schweben konnte, den Zahn zu ziehen. Federer dagegen betrat den legendären und einschüchternden Tennisplatz mit der Aura eines Kunstwerks jenseits der technischen Reproduzierbarkeit. Bei Nadal sprechen sie von einem Wohnzimmer, aber ehrlichgesagt sieht der Spanier so aus, als wollte er alles aus diesem entfernen außer seiner dutzenden Ticks, die er wie ein Kellner in einem Nobelrestaurant rund um das von weißen Pelargonien umsäumte Staubfeld verteilt. Federer aber strahlt wahrhaftig die Ruhe des Wohnzimmers aus und dort, wo er im Sand schlafen würde, erstarren seine Gegner in panischer Ehrfurcht.

Die Geschichte des darauffolgenden Spiels ließe sich wie folgt zusammenfassen: Koepfer kämpfte mit Herz, aber sein Verstand setzte aus, als Federer mit Strohalmen warf, an die er sich klammerte. Ja, es war das Spiel eines alten Mannes, der es eigentlich nicht unbedingt nochmal wissen wollte an diesem Abend, aber es auch nicht auf sich sitzen lassen konnte, dass er mit so vielen ungezwungenen Fehlern abreisen würde. Koepfer spielte mit der Courage des Verlierers, immer wenn er begeisterte, riß wieder ein Faden und Federer, der stellenweise wirkte wie ein Schlafloser im nächtlichen Kampf mit einer Mücke, schien mehrfach das Handtuch zu werfen, ehe er es doch wieder fand irgendwo zwischen den Pelargonien, sich das Gesicht abwischte, die Finger anpustete und nochmal über seinen ersten Aufschlag nachdachte.

Als man bereits glaubte, dass der Pit Bull wirklich zubeißen würde, bekam Federer eine zweite Luft, die entweder seinem Ehrgeiz zuzuschreiben ist (warum sonst würde er sich solche Spiele noch antun?) oder einer taktischen Meisterleistung, die mit dem Haushalten der Kräfte zu tun hat. Federer agierte wie ein plötzlich zuschnappender Haifisch, wenn wir bei der Tiermetaphorik bleiben wollen. Aber ein Hai tänzelt nicht so über den Sand und ein Hai schiebt sich nicht nach jedem Biss die Locke aus dem Gesicht. Irgendwann schrie Koepfer dann in den Nachthimmel, was Becker und Stach, die nur allzu gerne über das sprechen, was die Spieler sagen und schreien, beunruhigte. Bis dahin hatte er den Schweizer in viele lange Ballwechsel verwickelt und des nicht zuletzt deshalb bis nach Mitternacht geschafft.

Koepfer hat erreicht, dass Federer mehr arbeiten musste, als er wollte, um dann doch zu gewinnen. Dass er heute die Konsequenzen daraus zog und das Turnier vorzeitig verließ, ist bitter für den Pitt Bull und bedauerlich für all jene, die sich solche Spiele ansehen, weil sie dem Realismus des Lebens entfliehen wollen. Für alle, die wissen, dass Federers eigentliches Wohnzimmer grasbewachsen ist, ist dieser Ausstieg nur ein weiterer Grund zu träumen.