Anonimul 2016 – Ein Festivalbericht

Nach zwei U-Bahn Fahrten, einer sechsstündigen Zugfahrt, einer eben so langen, schönen Bootsfahrt und einem halbstündigen Lauf komme ich in Sfântu Gheorghe an, die Ortschaft im Donaudelta, wo das „Anonimul International Independent Film Festival“ zum zwölften Mal stattfindet (2014 gab es Projektionen ausschließlich in Bukarest). Es dauert länger von Bukarest zum Festival, als von Wien nach Bukarest. Die Fragen zu wie und wo projiziert wird, stellt man sich erst nach dem Aufstellen der Zelte und nach dem Duschen (es gibt eine Warteschlange).

Es gibt drei Leinwände: Zwei in Kinosälen, die Teil des luxuriösen Resorts nebenan sind und ein Freiluftkino dort, wo ich und viele der 5000 Besucher des Festivals zelten. Der Eintritt ist frei. Die Eröffnungsgala startet mit einigen Einwohnerinnen, die Katyusha singen. Nach weiteren Liedenr und einer Rede kommt Park Chan-wook, der diesjährige Ehegast des Festivals auf die Bühne. Er fühle sich mehr wie auf einer Nachbarschaftsparty, als wie auf einem Filmfestival und habe 24 Stunden gebraucht, um hier anzukommen, aber der Sonnenuntergang vom Boot aus gesehen, habe ihm gefallen. Sein Dolmetscher scheint sehr gut zu sein, aber um das wirklich einschätzen zu können, müsste ich Koreanisch auch verstehen.

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Dass The Handmaiden, Park Chan-wooks neuster Film und der diesjährige Eröffnungsfilm, mir einer der besten Filme, die ich während des Festivals zum ersten Mal sehe, zu sein scheint, sagt genug über meine Unzufriedenheit mit der Auswahl aus. In den folgenden Tagen werden andere Filme von „Director Park“, wie man ihn hier nennt, gezeigt, eine Masterclass hält er auch.  Bei einigen dieser Screenings stoße ich auf den großen Schock des Festivals: Hier, irgendwo im Donaudelta, sehr nahe am Rande der Welt, gibt es analoge Projektionen. In einem Land, in dem es nur noch weniger als 30 Kinos gibt und in dem man fürchtet, dass nur die in den Malls überleben werden (trotz der fantastisch-guten Pläne zum Rehabilitieren des Kinos in Rumänien, die die aktuelle Kulturministerin Corina Şuteu und ihr Berater für Film, Andrei Rus, entwickelt und anzuwenden begonnen haben), ist das schon erstaunlich. Plötzlich ist die schöne Donaudelta nicht mehr nur ein Biosphärenreservat. Irgendwann überlege ich, ob ich fragen sollte, wie sie die Filme besorgt haben, aber ich mache es nicht, weil mir die Idee, dass „Director Park“ sie in seinem Rucksack 24 Stunden getragen hat, wesentlich mehr als die anderen möglichen Antworten gefällt.

Bei der Masterclass erfährt man, dass Park Chan-wook über seine Filme gerne in Prozente spricht, und dass ein Film, seiner Meinung nach zwangsläufig gut wird, wenn man schon ein gutes Drehbuch und gute Schauspieler hat. Aber auch, dass er Gut und Böse nicht für klar voneinander abgegrenzte Kategorien hält.

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Ich verzichte darauf, Toni Erdmann zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen zu sehen, merke aber, dass er auch hier fast einstimmig gemocht wird. Auf ein zweites Anschauen von Cristi Puius Sieranevada verzichte ich natürlich nicht.  Überraschender Weise ist Puiu selbst auch da, manche der Schauspielerinnen aus seinem Film auch (die Überraschung kommt davon, dass seine Präsenz auf dem Festival nicht angekündigt war. Dass er zu einem Festival kommt, das seit der Gründung das Zeigen rumänischer Filme als einem seiner Hauptziele hat, ist jedoch nicht überraschend).

Der große Off-Screen-Humor-Moment des Festivals wird auch von ihm geliefert. In Witzmodus nimmt er das Standmikrofon, neigt es wie ein Rockstar und kündigt an, dass er ein Lied der (furchtbaren) rumänischen Band Iris singen wird. Sonst nimmt er (bösartig) Bezug auf eine der Fragen, die ihm bei der Pressekonferenz in Cannes gestellt wurden.

Was passiert sonst auf dem Festival? Ich gehe, wie immer auf Festivals, auf denen es so etwas gibt, brav in die rumänischen Kurzfilmprogramme, in der (komischen) Hoffnung, dass ich wahnsinnig interessante Filmmemacher lange bevor sie internationale Anerkennung erlangen, entdecken werde.  Auch wie fast immer, passiert das kaum. Das Kurzfilmprogramm „Schauspieler hinter der Kamera“, in dem Filme von Danny DeVito, Chloë Sevigny und Laetitia Casta laufen, verpasse ich, weil ich wegen der zeitlichen Verschiebung des ganzen Abendprogramms nicht mehr verstehe, wann was anfangen soll.

Während ich mit nassen Haaren, einem leichten Sonnenstich (schattenloser 20-minütiger Weg zum Schwarzen Meer), in Flip Flops und nach einer klebrigen Mischung aus Mückenspray, Sonnencreme und Meer stinkend im Kino direkt unter der Klimaanlage sitze, verstehe ich (schon wieder), dass meine Filmfestivalroutine und meine Urlaub-am-Meer Routine nicht kompatibel sind. Irgendwann frage ich mich, ob ich die einzige bin, die es bereut, das Festival im Jahr als Nuri Bilge Ceylan zu Gast war, verpasst zu haben.

Das Festival fand zwischen dem 8. und dem 14. August statt.