Diagonale 2015: Was bleibt von einem Festival?

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Was bleibt von einem Festival und seinen Filmen, wenn man zu spät kommt und zu früh wieder fährt, wenn man mit den Gedanken immer wieder woanders ist und sich nie voll und ganz konzentrieren kann auf den Moment, wenn man mehr schlecht als recht seinem eigenen Sichtungsplan hinterherhechelt? Es sind eher Eindrücke als Filme, eher Szenen als Sequenzen, eher Bilder als Atmosphären.

Das Gesicht Zakaria Mohamed Alis, frontal und zentral auf der viel zu nahen Leinwand des Schubertkinos, der mit traurigem Blick in die Kamera von der Unmöglichkeit spricht, die Gesellschaft zu ändern, in Peter Schreiners unverkennbar glänzendem, digitalem Schwarzweiß. Die Frage, zu wem er das sagt.

Die seltsame Trance eines späten Publikumsgesprächs mit einer dispersen Gruppe von FilmemacherInnen nach der gestaffelten Projektion ihrer kurzen Arbeiten in der Sektion „Innovatives Kino“, das absurde Frage-Antwort-Spiel, das mir plötzlich vorkommt wie eine improvisierte Performance und ihren Höhepunkt erreicht, als jemand eine Erkundigung mit den Worten beschließt: „Why does it hurt so much?“

Der Anblick des dementen Vaters aus Albert Meisls schonungslos-voyeuristisch-liebevoller Familiendokumentation Vaterfilm, der am Esstisch sitzend wirkt, als hätte man den Heiligen Jeremias aus dem Caravaggio-Gemälde in das Setting eines provinziellen Einfamilienhauses verpflanzt und auf Video aufgenommen, die Tragik, die Natürlichkeit, das Nicht-Wegschauen-Können.

Die endgültige Erkenntnis, dass es völlig absurd ist, das Kino-Dispositiv mit irgendeinem anderen zu vergleichen, als ich im Festivalzentrum an einer Sichtungsstation sitze und die bespielten Bildschirme links und rechts von mir nicht ausblenden kann, ohne meine Nase gegen das LCD zu drücken, aus dem Augenwinkel wahrnehmend, wie sich Kollegen fahrig durch ihre Filme klicken, auf der Suche nach ich weiß nicht was, dem Money Shot vielleicht?

Die widersprüchliche Erkenntnis, dass es dennoch funktioniert, wenn es funktioniert, als ich an der gleichen Sichtungsstation von der unheimlichen Montage-Musik, dem Sirenengesang der Studiologos in Johann Lurfs großartigem Twelve Tales Told gebannt werde, trotz Ramschqualität und Kleinbild im Kleinbild.

Die belebende Wirkung von Michael Glawoggers Haiku und Die Stadt der Anderen, zwei strahlende, zuckende, überschäumende Kurzfilme, die ihr Ziel in dem Augenblick vergessen, als sie darüber hinausschießen, die alles, alles, alles vom Kino wollen, das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, aber auch die Melancholie und die Sehnsucht und die Trauer, am besten hier und jetzt sofort.

Der Anfang von Constantin Wulffs Ulrich-Seidl-Porträt, wo der Regisseur sich dem Blitzlichtgewitter der Fotografenmauer in Berlin stellt, bombardiert von unablässigen Signalrufen: „Hier! Ulrich! Herr Seidl! Herr Seidl!“ – eine Szene aus dem A-Festival-Alltag, die einem seiner eigenen Filme entstammen könnte.

Der Punkt in Ludwig Wüsts (Ohne Titel), an dem sich alles in konturlose Farbkleckse auflöst und Licht aus der Leinwand hervorzuquellen beginnt wie weißes Blut, womit es der Film nach zwei, drei misslungenen Versuchen doch noch schafft, mich zu überraschen und zu berühren.

Die schöne Heimfahrt, die im Halbdunkel beginnt und im Dunkel endet. Erst als ich zuhause in Wien bin, habe ich das beruhigende Gefühl, wirklich in Graz angekommen zu sein.

Diagonale-Dialog 4: Wahrnehmungen

Da man auf einem Festival besonders viele Filme sieht, beginnt man früher oder später auch über die eigene Wahrnehmung von und mit Film nachzudenken. Was sieht man eigentlich? Wie sieht man eigentlich? Warum sieht man eigentlich? Dabei zeigt sich auch wie Film und im Besonderen ein Filmfestival zu einer persönlichen Entwicklung beitragen kann, die nicht weltfremd ist sondern mitten hinein in die Welt zielt. Und das bedeutet bei Rainer und Patrick wie schon im vergangenen Jahr auch oft: Konflikt.

Patrick: Wie war das Michael Glawogger Memorial?

Rainer: Weniger deprimierend als ich erwartet hatte. Sich diese frühen Filme anzusehen ist in mehrerer Hinsicht spannend. Es zeigt wie sich langjährige künstlerische Kollaborationen gebildet haben (anders formuliert: wie die österreichische Filmszene miteinander verbandelt ist) und natürlich wie sich die Formsprache eines Filmemachers entwickelt hat. Glawogger hat in den 80er Jahren sehr interessante Dinge gemacht: das poetische Bildgedicht Haiku und die frühen Experimentalfilme aus seiner Zeit in den USA haben es mir besonders angetan. Diese Filme zeugen von einem irrsinnig feinen Gespür für visuelle Gestaltung.

Patrick: Inwiefern feinsinnig?

Rainer: Farben, Komposition, Licht und in weiterer Folge Rhythmus und Musikalität – nicht dass schon alles in jeder Hinsicht perfekt wäre, aber man sieht wo es hinführt. Du hast parallel das neue Werk eines anderen großen österreichischen Autorenfilmers gesehen, hast du darüber etwas zu berichten?

Patrick: Ja ich war in Ludwig Wüsts (Ohne Titel). Manche Bilder waren schön. Der Film hält für mich aber weder konzeptuell (wir haben eine Frau mit einer Kamera und sehen die Bilder dieser Kamera, aber wir sehen trotzdem immer genau das, was wir sehen sollen), noch rhythmisch (alles wirkt abgehackt und dieses Unabsichtliche wirkt so merkwürdig absichtlich, Szenen finden sich selbst zu gut und bleiben daher stehen ohne tieferen Grund), noch narrativ (Film spielt mit krassen Themen, aber macht nichts damit), noch bezüglich der Stimmung (durch die Verspieltheit in der Form wird das Drückende im Film unterwandert), noch ästhetisch (Oberflächen werden gefilmt, aber mit Material, das die Konturen gar nicht hervorbringt) zusammen. Ich war enttäuscht.

Ohne Titel

Rainer: War überhaupt ein krasser Slot gestern früh. Bo Widerbergs Ådalen 31 wurde ebenfalls zur gleichen Zeit gespielt – dafür habe ich um 16 Uhr gar nichts von Interesse für mich gefunden. In Zeiten, wo man von VOD und vollen Festplatten verwöhnt ist, finde ich solche Entscheidungen und Überlegungen sogar sehr erfrischend.

Patrick: Welche Entscheidungen meinst du?

Rainer: Einerseits die kuratorischen, andererseits die des Zusehers (also von mir selbst). So wie du gestern argumentiert hast, dass du nicht in die Glawogger-Filme gehst, weil du auch nicht gegangen wärst, wenn er nicht verstorben wäre. Dieses Entscheidungen und womöglich noch die Begründungen dazu.

Patrick: Jetzt wirft du aber viele Dinge durcheinander? Was hat denn das mit Festplatten zu tun? Da hast du doch auch die Qual der Wahl? Und außerdem ist ein Festival schon im Kern so verschieden davon, dass ich das einen sehr bizarren Vergleich finde. Und ich habe meine Entscheidung nicht damit begründet, dass ich nicht in das Glawogger Programm gehe, weil ich nicht gegangen wäre, wenn er nicht verstorben wäre. Das klingt ja gefährlich einseitig. Also deine Frage zielt ja ein bisschen darauf: Wie trifft man eine Entscheidung auf einem solchen Festival. Ich glaube, dass man eine Entscheidung immer für einen Film trifft und nie gegen einen anderen. So sollte es zumindest sein. Ich habe lediglich geäußert, dass mir das immer suspekt ist, wenn Filmemacher usw immer sichtbar werden, wenn sie verstorben sind. Das ist etwas, was mich traurig macht. Dann bekommen sie plötzlich Programme und Interesse als würde der Tod ihre Arbeit aufwerten. Daher machen mir solche Programme oder Events immer etwas Angst.

Rainer: Naja, aber die Filme auf der Festplatte verschwinden ja nicht. In diesen Fällen ist es eher ein Aufschieben, auf Festivals hat es etwas Endgültiges – das ist doch schon was anderes.

Patrick: Du findest also, dass eine solche Entscheidung zum einen eine endgültige ist und zum anderen, dass das eine kluge Sache aus kuratorischer Sicht ist? Ich habe das Gefühl, dass ich jeden Tag eine Auswahl habe und dass selbst bei Streaminganbietern Angebote verschwinden und ich eine Wahl treffen muss. Schon die Existenz der Zeit an sich, zwingt mich zu dieser Auswahl.

Rainer: Ja sicher gibt es das auf anderer Ebene auch, aber bei einem Festivals tritt es stärker ins Bewusstsein (zumindest bei mir) und ich mache mir dann Gedanken darüber und ich frage mich dann auch, was die Kuratoren zu diesen Programmen bewegt.

Patrick: Aber ist das, was man als sehenswert einschätzt nicht sowieso subjektiv? Also wie kann das eine kuratorische Entscheidung sein. Du behauptest jetzt, dass das lauter Highlights waren (gleichzeitig lief noch Wie die anderen), aber jemand anderer empfindet das vielleicht an einem anderen Slot so?

Rainer: Ja das ist ja gerade der Punkt. Dann überlege ich mir: Wie kann der Kurator das nicht auch so empfinden, dass das alles Highlights sind? Beziehungsweise, ob meine Vorlieben so anders sind. Für wen kuratiert der Kurator eigentlich. Das sind schon auch Fragen, die mich beschäftigen.

Patrick: Aber da stecken doch auch oft ganz praktische Überlegungen dahinter? Du vereinfachst gerade die Aufgabe des Kurators und reduzierst sie etwas, oder?

Rainer: Ich möchte mit meinen Überlegungen nicht das Berufsprofil des Kurators herabwürdigen. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass du meine Äußerungen etwas überinterpretierst. Ich wollte ganz einfach darauf hinweisen, dass ich den Entscheidungsprozess bezüglich der Filme, die man auf einem Festival ansieht sehr interessant finde – auch aus der Sicht des Kurators, der sich ja bestimmt ebenfalls mit solchen Fragen und Prozessen konfrontiert sieht.

Patrick: Ich mag den Gedanken des „Verpassens“ im Bezug zu Filmen nicht. Ich glaube nicht, dass man einen Film verpassen kann. Man kann ihn nur sehen. Natürlich gibt es auf einem solchen Festival einen Eventcharakter. Aber so ein Film besteht sowieso nur dann, wenn ich dort bin, wogegen ich zum Beispiel bei Ausstellungen oder Installationen das Gefühl habe, dass sie ohne mich weitergehen.

Black Rain White Scarfs

Rainer: Ich habe das Gefühl wir diskutieren schon zu lange über das Thema. Reden wir lieber über Lukas Marxt.

Patrick: Über den Trailer oder seinen Film im Programm?

Rainer: Beides?

Patrick: Beides sind sehr schöne Spiele mit der Wahrnehmung und dem Tondesign. Aus einfachen Set-Ups entstehen da Dinge, die man so nicht erwartet und ich glaube, dass das viel mit dieser Krise der Realität zu tun hat, die wir fast in allen Filmen des Innovativen Kinos beobachten können und auch in dokumentarischen und fiktionalen Programmen. In diesem Sinn ist Marxt wohl am Puls der Zeit, denn es scheint schon fast normal, dass aus einem Hochhaus ein Raumschiff wird, wie das vereinfacht in Black Rain White Scarfs passiert.

Rainer: Ok, diese Raumschiffanalogie habe ich so nicht wahrgenommen. Ich bin da vielleicht naiver und sehe „bloß“ ein phallusähnliches Hochhaus im Nebel und achte mehr darauf was der Film mit mir als Betrachter macht, als was im Film selbst stecken könnte.

Patrick: Du fragst dich nicht, was du siehst? Also ich behaupte nicht, dass das ein Raumschiff ist, aber natürlich überlege ich mir, was dort passiert.

Rainer: Ich sehe Häuser und später Nebel, lasse den Blick schweifen und versteife mich schließlich auf irgendein Detail oder bemerke, dass ich mit meinen Gedanken schon ganz woanders bin. Das ist eine schöne Form von Freiheit, die Marxt mir da ermöglicht. Der Trailer funktioniert für mich etwas anders. Da frage ich mich „Moment mal, irgendetwas stimmt da nicht im Zusammenspiel von Bild und Ton“. Mehr als eine solche Frage kann man von einem Einminüter wohl nicht verlangen.

Patrick: Aber du denkst an einen Phallus?

Rainer: Eines dieser angesprochenen Details.

Patrick: Ist das keine Interpretation?

Rainer: So tiefgehend ist es nicht, eher: „Oh witzig, das sieht aus wie eine Eichel.“ Ich integriere das ja nicht in eine feministische Filmanalyse. Was ich sagen will, ist dass ich bei Avantgardefilmen sehr viel stärker vom Bild an sich ausgehe und das perzeptive Stadium gar nicht verlasse – ich denke da nicht und das intensiviert meine Seherfahrung.

Patrick: Und wie kommst du dann damit klar, wenn Lurf in Embargo Waffenfirmen filmt? Glaubst du, dass das egal ist für den Film?

Rainer: Das wusste ich im Vorhinein nicht und es wurde durch den Film selbst auch nicht sichtbar. Dazu mache ich mir natürlich auch Gedanken, aber erst im Nachhinein. Ich fand den Film aber auch ohne dieses Zusatzwissen sehr meisterhaft – also rein viszeral.

Patrick: Ich verstehe das und ich glaube, dass das unglaublich faul ist. Ich glaube, dass man als Zuseher arbeiten sollte an einem Film. Sei es mit seinen Gefühlen, mit seinen Gedanken und vor allem mit der Auseinandersetzung mit dem, was man da sieht. Insbesondere für den Avantgarde-Film gilt das doch. Natürlich lädt da vieles und manches ein zum Abdriften, aber selbst das hat ja schon eine Bedeutung (zum Beispiel bei Lurf), weil man sich durchaus fragen kann (wie du richtig gesagt hast „im Nachhinein“), warum das mit einem passiert ist und so weiter. Film hat etwas mit Sehen und Hören zu tun. Sich hinzusetzen mit der Erwartung, dass man einfach Treiben kann, ist fatal. Dazu empfehle ich dir eine Massage. Das bedeutet nicht, dass gute Filme nicht solche Wirkungen erzielen. ganz im Gegenteil. Aber ein guter Film ist immer eine Form der Partizipation. Ich sehe, dass deine Art der Auseinandersetzung durchaus auch partizipativ ist. Aber wenn du solche Dinge sagst wie, dass dir wichtig ist, was der Film mit dir als Betrachter macht, dann fehlt mir da etwas. Du bist dann ja mehr mit dir selbst als mit dem Film beschäftigt. Und dazu musst du nicht unbedingt ins Kino, obwohl das Kino natürlich erst solche Reflektionen ermöglicht. Aber dann verwendest du diese Filme halt nur als Mittel, um über deine Wahrnehmung etc nachzudenken und denkst nicht intensiv an das, was sie machen, was sie sind.

Rainer: Genau die Frage was sie machen und was sie sind kann ich doch umso deutlicher ergründen, wenn ich mich zunächst einmal voll auf den Film einlasse und mich nicht sofort frage was das alles soll und welche Geschichte da dahinter steckt. Ich meine ja nicht, dass ich mich faul berieseln lasse, sondern dass ich mich voll auf den Film einlasse und ihn für das nehme was er ist: Licht, Schatten, womöglich Farben und Ton. Gerade ein Avantgarde begrüßt so einen Zugang, da man gewöhnlich keiner Handlung folgen muss. In einem weiteren Schritt kann ich mich dann aus dieser Immersion lösen und darüber nachdenken was nun eigentlich passiert ist und warum ich den Film so wahrnehme. Wenn ich dann vom Konzept erfahre und von den Ideen die dahinter stecken, kann ich danach noch immer darüber reflektieren und viele Filme profitieren zweifelsohne davon aber diesen ersten jungfräulichen Zugang, der oft ganz überraschende Dinge mit mir macht, würde ich nicht missen wollen.

Patrick: Das ist interessant. Du weißt ja, dass ich da ganz bei dir bin. Also mit dem Einlassen und so weiter, mit dem jungfräulichen Zugang. Aber warum erscheint es dir dann so fremd, dass ich da ein Raumschiff sehe? Warum glaubst du, dass ich deshalb mir weniger unschuldige Gedanken mache? Das passiert doch gleichzeitig, oder nicht? Ich kann doch nicht sehen und gleichzeitig ignorieren, was ich dazu fühle oder denke?

Diagonale-Dialog 3: Steckenbleiben

House and Universe von Antoinette Zwirchmayr

Tag 3 auf der Diagonale und nicht mehr ganz so frisch und munter machen sich Patrick und Rainer auf ein Neues daran zu ergründen, worauf es eigentlich ankommt.

Patrick: Ich habe jetzt schon dreimal Neil Young auf der Toilette gehört. Das ist beruhigend. Vor allem, wenn man aus dem Chaos des Schubertkinos kommt. Ich finde die Organisation mit den Tickets dort ja eigentlich untragbar. Aber vielleicht ermöglicht es die Architektur nicht anders. Trotzdem fehlt da auch eine Klarheit, wer sich wo und wann anstellen soll und wer vielleicht besser nicht da rum steht. Egal. Wo bist du gestern stecken geblieben?

Rainer: Für große Massen ist meinem Gefühl nach ohnehin nur das UCI ausgelegt, sobald eine Vorstellung ausverkauft ist, wird’s eigentlich bei allen knapp. Aber gehe ich richtig in der Annahme, dass sich deine Frage auch auf Filme bezog?

Patrick: Lass deiner Fantasie freien Lauf.

Rainer: Ich bin in einem Pub steckengeblieben und dementsprechend ist meine Fantasie noch am ausnüchtern. Ursprünglich wollte ich eigentlich ins Festivalzentrum gehen, aber dort ist es aus den gleichen Gründen, wie du sie angeführt hast nicht auszuhalten – zu viele Menschen, zu wenig Platz und man muss sehr lange anstehen um an Getränke zu kommen, die ohnehin zu teuer sind.

EMBARGO von Johann Lurf

EMBARGO von Johann Lurf

Patrick: Ja…und hast du dich in den Kinos wohler gefühlt?

Rainer: Bedingt. Die beiden Programme, in denen wir zusammen war haben mich nicht wirklich vom Hocker gehaut. Außer Johann Lurfs EMBARGO, fand ich da alles eher mau bis banal, dafür waren die beiden Filme von Mia Hansen-Løve sehr solide. Ich bin mir noch nicht sicher ob ich Eden verzeihen kann, dass er etwas disparat durch die zwanzig Jahre seiner Handlung hetzt und dabei zu oft Texteinblendungen à la „Zwei Jahre später“ verwendet, aber von der inszenatorischen Intensität hat er mich sogar mehr gepackt als Le père de mes enfants – beides in jedem Fall sehr persönliche, authentische (was auch immer das heißen mag) und demütige Filme.

Patrick: Ich fand im Programm mit Lurfs faszinierendem EMBARGO auch noch House and Universe von Antoinette Zwirchmayr hervorstechend. Sie hat da sehr zärtliche Bilder für die Nähe von Natur und Mensch gefunden, die sich über Formen und Assoziationen in einer Art Harmonie bewegen, die mich letztlich an Fotos von Saul Leiter erinnert haben. Nur spürt man bei ihr den Wind. Ich sehe hier allgemein sehr viele Sonnenaufgänge in den Filmen. Da bin ich mir aber nicht sicher, ob die demütig sind oder sogar forciert. Ich glaube, dass Mia Hansen-Løve vor allem demütig gegenüber der Realität ist mit ihren Filmen. Ein Sonnenaufgang wäre bei ihr keine große Symbolik sondern wohl einfach nur ein schöner Moment im Treiben der Welt.

Rainer: Das hast du schön gesagt. Was hältst du allgemein von ihr?

Patrick: Ich habe erst die Hälfte ihres Werks gesehen. Ich denke, dass sie eine sehr gute Filmemacherin ist mit ganz spannenden Entscheidungen. Man kann bei ihr beobachten, wie man eine Szene anfängt, wo man kleine Regungen finden kann, die vielleicht viel mehr über die Figuren sprechen als die großen Gefühle und man kann sehr gut sehen wie Bewegung vor und mit der Kamera etwas flüssiges bekommen kann, dass man als lebensnah bezeichnet. Aber mir fehlt manchmal ein zweiter Schritt. Bei ihr ist es oft: So ist das Leben! Das mag ich, aber wenn ich mir ganz ähnlich (damit meine ich mit Ellipsen, Natürlichkeit, Fluss) arbeitende Filmemacher wie Maurice Pialat oder Claire Denis ansehe, dann spüre ich da mehr Ebenen. Bei Denis sind das Körper zum Beispiel, bei Pialat eine Weltsicht und die schwimmen da einfach mit bei denen. Aber das ist vielleicht ein unfairer Vergleich. Es ist jedenfalls bewundernswert, was sie da macht. Und ich musste auch an deine Kommentare gestern zu Wie die anderen denken, da Tout est pardonné in Wien beginnt. Diese Faszination Orte zu sehen, die man kennt. Eigentlich unglaublich, aber da ist das Kino noch wirklich unschuldig. Da reicht es jedem plötzlich nur die Dinge anzusehen. Eigentlich absurd, weil man sie ja kennt.

Rainer: Diese Anziehungskraft bekannter Orte ist tatsächlich mysteriös. Ich würde sagen, da schwingt einerseits stolz mit, dass sich ein Filmemacher mit dem Ort befasst, an dem man lebt, oder den man kennt und andererseits das Fesselnde daran, diesen Ort über den Blick eines Anderen zu erfahren. Die feinen Unterschiede von Fremd- und Selbstwahrnehmung machen es denk ich aus.

Eden von Mia Hansen-Løve

Eden von Mia Hansen-Løve

Patrick: Da empfinde ich dich als sehr idealistisch, wobei ich hoffe, dass ein Funken Wahrheit mitschwingt. Ich glaube aber doch, dass es da um ganz einfache Dinge wie Verbindung mit dem, was man sieht und letztlich Identifikation geht. Die Bereitschaft sich mit etwas Fremden auseinanderzusetzen geht bei vielen leider nur so weit wie sie das Fremde kennen. Dann wird es sehr spannend, wenn jemand wie Manfred Neuwirth in Aus einem nahen Land diese Nähe derart verfremdet. Zeitlupen, asynchroner Ton. ich habe mich beim Film gefragt, ob das eine subjektive Wahrnehmung des Ortes ist. In seinem Film ja nicht mal durch die Augen eines Fremden sondern eines Mannes, der dort herkommt.

Rainer: Ein Film, den ich leider nicht gesehen habe, aber was du beschreibst klingt sehr spannend. Wobei ich zugeben muss, dass ich schon etwas ausgelaugt bin von diesen dokumentarischen, formalistisch angereicherten Filmen.

Patrick: Ja, ich verstehe das, aber ich glaube nicht, dass man das allgemein sagen kann. Der Punkt mit Form ist doch der (und es ist kein Zufall, dass wir hier auf der Diagonale darüber sprechen): Da gibt es die Form, die der Inhalt ist und die Form die mit oder fruchtbar gegen den Inhalt arbeitet. Dagegen kann nichts einzuwenden sein, denn Film ist immer auch Form. Das Problem entsteht dann, wenn die Form derart penetrant arbeitet, dass sie die Realität nicht zulässt wie zum Beispiel in Eden’s Edge und alles zu bloßen Ideen verkommen lässt statt zu Beobachtungen und Ästhetik. Neuwirth ist aber ein Beobachter und er findet seine Form erst mit den Orten statt sie auf den Ort zu setzen. Daher funktioniert das glaube ich.

Rainer: Ich wollte das gar nicht per se schlechtreden, sondern ein bisschen meine persönliche Filmauswahl hier am Festival kritisieren. Da ich der Meinung bin, dass im Dokumentar- und Avantgardebereich in Österreich interessantere Dinge entstehen, lege ich so meine Schwerpunkte und verzichte weitestgehend auf Spielfilme. Wenn dann aber mehrere Filme dieser Art (also formal experimentierfreudiger Werke) zusammenkommen, kann das schon anstrengend werden, zumal es natürlich nicht immer hundertprozentig aufgeht.

Diagonale-Dialog 1: Graz in 3D

Twelve Tales Told von Johann Lurf

Rainer: Schön wieder in Graz zu sein, oder?

Patrick: Vielleicht. Es scheint sich jedenfalls nichts geändert zu haben oder hast du etwas völlig Neues entdeckt?

Rainer: Nein, nicht wirklich. Noch immer die gleichen Kinos, die gleichen Leute und die gleichen Filmemacher. Das hat natürlich alles seine Vor- und Nachteile. Wenn wir schon bei alten Bekannten sind: Ich kann dir sehr Hans Scheugls neuen Film Dear John ans Herz legen. Ein Stadtporträt, Vergangenheitsbewältigung, der Versuch einer Erinnerung, eine Zukunftsprojektion, und wahrscheinlich noch viel mehr.

Patrick: Und was hat dir daran gefallen?

Rainer: Der Film schafft es eine persönliche Geschichte, die fünfzig Jahre zurückliegt und eigentlich in Nostalgie ertrinken müsste, in die Gegenwart zu ziehen und mit einer gewissen Distanz zu präsentieren, die ihm sehr zugute kommt. Lange Passagen im Film sind ganz einfach Aufnahmen von einer Straßenbahnfahrt in Wien – es bleibt einem selbst überlassen, ob man diese als Versuch einer Stadtminiatur deutet, oder als metaphorische Zeitreise, oder ob man sich ausmalt, dass fünfzig Jahre zuvor die beiden Protagonisten den gleichen Weg zurückgelegt haben. Das lässt Raum, aber auch Anhaltspunkte. Verstehst du was ich meine?

Patrick: Eine Art poetische Offenheit? Film als reicher Samen, den das Publikum ernten darf?

Rainer: Ja so könnte man das sagen. Gab’s für dich bis jetzt ein vergleichbares Highlight?

Patrick: Nicht wirklich. Über die Jahre von Nikolaus Geyrhalter ist zwei Stunden lang ein großer Film, aber dann trifft er komische Entscheidungen. Aber ein Film, der unheimlich viel aufwirft für mich. Fragen zur Ethik von Informationen im Dokumentarfilm. Wann sage ich etwas und wann sage ich es nicht, aber vor allem WANN sage ich es. Das ist schon faszinierend. Und ja, die Nähe zu den Figuren ist unbeschreiblich.

Rainer: Der wurde mir auch schon empfohlen, aber ich werde ihn hier am Festival leider verpassen, startet aber ohnehin bald in den regulären Kinos.

Dear John von Hans Scheugl

Dear John von Hans Scheugl

Patrick: Ja, morgen startet der. Johann Lurf haben wir beide gesehen, weil du den in Wien gesehen hast, oder? Also Twelve Tales Told?

Rainer: Ja, habe ich ihn damals aus deiner Sicht zu Recht gelobt?

Patrick: Freudiger Film. Irgendwie das Böse im Verspielten, aber das Böse ist etwas Gutes. Erst dachte ich, dass das ein ganz schöner Wechsel für Lurf ist, weil er sich scheinbar zum ersten Mal mehr mit Bildern als mit der Realität befasst, aber dann ist mir aufgefallen, dass er sich schon immer mit diesen Bildern befasst hat, mit Dingen, die etwas für sich selbst darstellen und erklären wollen, seien es Pyramiden oder Kreisverkehre.

Rainer: Mir imponiert, wie Lurf immer wieder neue spannende Rhythmen findet, in der er seine Objekte auflöst, dass hier so ein hohes Tempo gewählt hat, passt natürlich auch sehr gut zu den Hollywoodlogos.

Patrick: Hast du Embargo auch gesehen?

Rainer: Nein.

Patrick: Man hat mir Gutes berichtet. Aber das ist es ja sowieso immer auf Festivals. Ich würde gerne mal ein Festival, der Filme, die man nicht gesehen hat auf Festivals gründen.

Rainer: Das wäre ein sehr großes Festival. Die Frage ist nur, wie hoch die Qualität ist, ich denke du bist eigentlich ganz gut darin, dir die interessantesten Filme aus dem Programm zu picken. Noch eine kurze Zwischenfrage zu Lurf: War der Film tatsächlich in 3D? Und: Ist die Saalregie im KIZ Royal unverändert?

Patrick: Ja, er war in 3D. Aussage von Lurf: Das ist kein Statement sondern ganz natürlich für ihn. Hat auf jeden Fall gewirkt das Ganze und es war schon kurios, dass mein erster Film in Graz in 3D war. Leider war die grandiose Saalregie (noch) nicht da. Vielleicht finden wir ihn noch.

 

Viennale 2014: Kurzfilme

"Fog Line" von Larry Gottheim

Was ich besonders an der österreichischen Filmlandschaft schätze ist, dass sie immer auch Platz für vergleichsweise marginalisierte Filmformen, wie Avantgarde-, Dokumentar- und Kurzfilme bietet. Wie jedes Jahr wartet die Viennale mit einer großen Auswahl an Kurzfilmprogrammen auf – neben einigen Programmen zu Filmen aus dem laufenden Jahr, gibt es auch eine Retrospektive zum 16mm-Film zu sehen, die aus 13 Programmen besteht (12 davon sind Kurzfilmprogramme). Es sammelt sich also eine Menge an großartigen Kurzfilmen an, über die (zu) wenig geschrieben wird. Zur Halbzeit des Festivals will ich also die Gunst der Stunde nutzen und ein paar meiner bisherigen Favoriten besprechen.

Milchig weiße Leinwand, ein dunkler Schemen rechts im Vordergrund. Warten, dass etwas passiert. Es passiert nichts. Passiert nichts? Langsam, eigentlich unmerklich wird der Schemen deutlicher, weitere Schemen sind zu erkennen. Eine Landschaft. Am Ende sieht man eine nebelverhangene Baumgruppe und versucht sich das Anfangsbild ins Gedächtnis zurückzurufen. Subtile Veränderung. Film ist Raum in der Zeit. Fog Line ist Film. Ein Meisterwerk des (Strukturalen) Films.

Fog Line lief im 16mm-Programm „Struktureller und freier Film“. Dabei handelte es sich quasi um ein Best Of des klassischen Avantgardeschaffens der 60er und 70er Jahre in 16mm – soweit man bei einem 70-minütigen Programm überhaupt von einem Best Of sprechen kann. Das soll die Qualität der ausgewählten Filme jedoch nicht schmälern. Neben Fog Line liefen in diesem Programm noch acht andere Filme, die eigentlich alle eine Erwähnung verdient hätten – ich beschränke mich auf Bruce Conners Cosmic Ray, das wohl beste Ray Charles-Musikvideo aller Zeiten. Conners Filme kann man eigentlich nicht oft genug sehen, deshalb war ich sehr dankbar für die Gelegenheit wieder einmal in seine Bilderwelten aus beißender Politsatire und Filmgeschichtszitaten einzutauchen. Cosmic Ray ist Kunst und Krempel in einem. Ein Meilenstein des Found Footage-Films und des New American Cinema allgemein.

Ebenfalls als Meilenstein des New American Cinema darf Bruce Baillies Quixote gelten. Baillie, dem mit „Oden an eine untergegangene Welt“ ein eigenes Programm gewidmet wurde, löst hierin die kalifornische Landschaft in Licht auf. Elegisch, fließend, poetisch, lyrisch ist der Film, da gehen einem die Adjektive und Superlative aus. Über vierzig Minuten habe ich das Licht gesehen – wohl mit ein Grund weshalb Aleksey Germans Hard to be a God, der im Anschluss lief, so schlecht bei mir weggekommen ist.

Quixote von Bruce Baillie

Aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Einer der spannendsten österreichischen Filmemacher der Gegenwart ist zweifelsohne Johann Lurf. Der meldete sich auch mit einem neuen Film zurück, der ironischen Essaykomposition Twelve Tales Told, einer melodischen Kakophonie aus Logovorspännen großer Filmstudios. „Melodische Kakophonie“, ein Oxymoron, ganz wie die Vermengung von Blockbusterkultur und Filmavantgarde.

Die US-Amerikanerin Deborah Stratman ist altersmäßig zwischen dem 32-jährigen Lurf und dem 83-jährigen Bruce Baillie anzusiedeln. Jedes Jahr stellt die Viennale unabhängige Filmemacher der Gegenwart vor. 2014 laufen diese Filme unter dem Programmpunkt „Broken Sequence“. Stratman ist neben ihrem Landsmann Kevin Jerome Everson und der Österreicherin Dorit Margreiter eine der drei Künstler und Künstlerinnen deren Arbeiten hier präsentiert werden. Und zurecht. Stratmans O’er the Land kann ohne Zweifel zur Riege der ganz großen Studien zum Wesen der amerikanischen Gesellschaft gezählt werden. Ausgehend vom Schicksal des Piloten William Rankin, der anno 1959 aus rund vierzehn Kilometern Höhe über und durch eine Gewitterwolke seinen Kampfjet mittels Schleudersitz verlassen musste. Das ist bis heute der einzige bekannte Fall in dem solch ein Manöver von einem Piloten überlebt wurde. Da Rankin wegen seines Alters nicht für ein Interview bereitstand (wie einer aufgezeichneten Nachricht von Stratmans Anrufbeantworter zu entnehmen ist), macht die Filmemacherin sich auf Heroismus und Pseudo-Heroismus ihres Landes einem kritischen Blick zu unterziehen. So folgt sie unter anderem den Protagonisten eines Reenactments einer Schlacht aus dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, Feuerwehrmännern und Grenzpatrouillen bevor sie sich selbst in die Wolken stürzt und eine geradezu magische Sequenz aus Himmel und Wolken auf die Leinwand zaubert und im Off-Kommentar Rankins Beschreibung seines einzigartigen Erlebnisses zu hören ist. An Stratman ist eine beachtliche Actionthriller-Regisseurin verloren gegangen – ein Verlust für die Filmindustrie, ein Gewinn für den unabhängigen Film.

O’er the Land von Deborah Stratman

O’er the Land ist eine ethnografische Studie des Landes und mit dem Stichwort Ethnografie sind wir schon beim letzten Abschnitt dieses kleinen Zwischenberichts angekommen. Ich kehre zurück zu einem der 16mm-Programme. „Radikale Ethnografie“ vereint acht Filme, die über Menschen und ihre (teils skurrilen) Lebensweisen erzählen. Dabei geht es nicht bloß um venezolanische Indianerstämme (wie in Children’s Magical Death) oder Tanzrituale in einem afrikanischen Dorf (wie in Tourou et Bitti), sondern auch um uns nicht ganz so fremden Milieus, wie der Wrestlingszene in Montreal (in La Lutte) oder einem Badesee in Massachusetts (in Quarry). Wenn es dem Programm darum ging das Poetische des Alltagslebens aufzudecken, dann hat Almadabra Atuneira von António Campos diese Aufgabe am befriedigendsten bewältigt. Seine wortlose Studie über portugiesische Fischer zeugt nicht bloß von einem immensen Verständnis für Arbeitsabläufe und Lebensweisen, sondern auch von einem unglaublichen Gespür für die Schönheit von Licht und Schatten. Das Glänzen des Sonnenscheins auf den Wellen der Algarveküste ist das elegische Licht Bruce Baillies. Das Glänzen des Sonnenscheins ist Nebel. Das Glänzen des Sonnenscheins ist Film.