Das Kino ist ein fatales Spiel

Schon länger regt sich in mir die Frage, ob die Anwesenheit einer Filmkamera eher zu einer Lockerung der Realität beiträgt oder dadurch eine größere Ernsthaftigkeit einsetzt. Vereinbart man in Anwesenheit der Kamera einen Spielcharakter oder ist man im Angesicht dieses Instruments, das Unsichtbares sichtbar macht, ist man noch deutlich mehr in der Bedeutung, dem Sinn und der Sinnlichkeit dieser Realität verhaftet. Ich denke, dass die Lösung immer beides zugleich sein muss. Das Spiel führt letztlich zum Sinn und der Sinn fordert ein Spiel.

Immer wieder arbeiten Filmemacher mit unterschiedlichen Methoden, den Schauspielprozess sichtbar zu machen. Nehmen wir als Beispiel Cristi Puius Trois exercices d’interprétation, der eigentlich gar nicht als Film für die Öffentlichkeit gedacht war. Tatsächlich handelt es sich hierbei um einen filmgewordenen Schauspielworkshop. Drei Gruppen von Schauspielern probieren sich in einer zeitgenössischen Interpretation von Vladimir Solovyovs Three Conversations. Dabei kommen einige Elemente zum Vorschein, die das Schauspiel im modernen Kino definieren. So geht es um das Prinzip der Wiederholung, also das Sichtbarwerden der Arbeit am Schauspiel. Diese Wiederholung gleicher Textpassagen durch unterschiedliche Schauspieler, diese Variation macht uns zugleich auf die Bedeutung und die Möglichkeiten des Schauspiels aufmerksam. Wie ein Satz gesagt wird, hat enorme Relevanz. Der Filmemacher, der wohl am meisten an dieser Arbeit am Spiel gearbeitet hat, ist Jacques Rivette. In Filmen wie L’amour fou oder La Bande des quatre sehen wir immer wieder den Prozess des Spiels, die schmerzende Wiederholung, die Leere nach und von ausgesprochenen Texten, die Schwierigkeit eines Ausdruck, die Zweifel und die Alltäglichkeit im Umgang mit dieser Arbeit, die ein Spiel ist. In neuen Kontexten eröffnen sich neue Perspektiven auf den jeweiligen Text. Rivette verbindet dabei immer private Situationen seiner Figuren mit ihren Rollen im Film. Noch eine Stufe weiter damit ging John Cassavettes in seinem Opening Night, da dort Figuren, Rollen und tatsächliche Schauspieler in einen merkwürdigen Dialog treten.

L'amour fou von Jacques Rivette

L’amour fou von Jacques Rivette

Durch dieses Spiel mit dem Spiel wird also zugleich auf eine Meta-Ebene des Schauspiels verwiesen und diese Meta-Ebene durch eine Intimität gebrochen. Denn was wir jederzeit sehen, ist die Menschwerdung von Rollen, etwas Individuelles, Körperliches und Sinnliches dringt durch die gleichen oder ähnlichen Textpassagen und verändert deren Ton. Die Kamera erzeugt diese Intimität und zerstört sie zugleich. Es überrascht nicht, dass wir am Ende des Films genau mit dieser Frage konfrontiert werden von Puiu. Ist eine völlige Konzentration, eine völlige Intimität vor einer Kamera überhaupt möglich? Oder „spielen“ wir immerzu etwas, weil die Kamera Konsequenzen hat? Die Angst vor dem Sichtbarmachen greift um sich und das liegt nicht daran, dass die Kamera Intimität zerstört, sondern daran dass sie Intimität erhöht. Man denkt an das frühe Kino oder direct cinema und die Interaktion von Passanten mit der Kamera, man denkt an dieses ewige Posieren. Daran liegt es vielleicht auch, dass mir Dokumentationen, in denen die Protagonisten zumindest ab und an in die Kamera blicken logischer vorkommen als solche, in denen man sich verkrampft darum bemüht, dass es keinen Kamerablick gibt. Wozu? Um die Fiktion zu wahren? Wenn man sich beispielsweise Raymond Depardons Faits divers ansieht, wird man immer wieder kurze Interaktionen mit der Kamera bemerken, die nichts von der Direktheit und Intimität nehmen, sondern ganz im Gegenteil, zu diesen beitragen.

La bande des quatre von Jacques Rivette

La bande des quatre von Jacques Rivette

Beim Spiel kommen bei den besseren Filmemachern immer die Menschen und Körper hinter den Spielern zum Vorschein. In unserer Zeit hat sich der Schauspielbegriff längst von seinen naturalistischen oder rhetorischen Funktionen gelöst. Vielmehr geht es uns beim Spiel um eine Erfahrung, in deren Dauer wir Zeuge einer Menschwerdung sein dürfen. Natürlich hängen daran immer noch naturalistische Ideale, aber diese zielen jetzt im eigentlichen Sinne darauf, dass der Schauspieler als Person verschwindet. Nicht die realistische Darstellung interessiert Filmemacher wie Cristi Puiu oder Claire Denis, sondern das Spiel selbst, diese schmale Linie zwischen der Fiktion und der Dokumentation des Prozesses, indem wir gleichzeitig die Illusion einer Identifikation spüren und uns doch ermahnt fühlen, weil wir lernen zu wissen, dass die Erscheinung eines Menschen und sein Spiel immer dazu dienen, etwas essentielles zu verbergen. Diese Essenz finden wir genau dann, wenn wir beides zugleich sehen. Das Ergebnis der Erscheinungsarbeit und die Arbeit an der Illusion. Ansonsten ist das Spiel auch die Flüchtigkeit und Bescheidenheit der Darstellung. Es geht beim Spiel für das Kino nicht um den großen Schauspielmoment, den Monolog, der tränenreiche Abschied, vielmehr geht es um den Körper, der alles erfährt und dadurch erfahrbar macht, es geht um die Sinnlichkeit. Wir haben Respekt vor dieser Sinnlichkeit und es ist keine Überraschung, dass nicht erst seit Robert Bresson immer wieder der Laiendarsteller gesucht wird, um sozusagen diese Sinnlichkeit in aller Naivität und Unschuld vor die Kamera zu werfen. Dieses Vorgehen wird heute deutlich schwieriger, weil auch die meisten Laien mit Mechanismen der fatalen Kamera vertraut sind und darin geübt, ihre Sinnlichkeit zu verstecken. Als Folge greift die Arbeit mit dem Spiel im Kino zu extremeren Mitteln, die sich in Filmemachern wie Albert Serra, der so lange dreht bis seine Laien völlig erschöpft sind und nicht mehr kontrollieren können, was sie tun oder Bruno Dumont, der Schauspielern keine Information über ihre Position oder den Kontext der Szene gibt und beständig auf eine Deformation von Verhaltensweisen setzt, äußert. Vor allem Serra ist dabei auf der Suche nach einer Unschuld, eine Unschuld, die alle jagen im Schauspiel, diesen Moment, in dem etwas zum ersten Mal passiert und man es sieht. In diesem Zusammenhang ist es keine Überraschung, dass Erich von Stroheim unbedingt einen echten Messerstich am Ende von Greed haben wollte. Er wollte den Schmerz in den Augen seines Darstellers sehen. Er hat ihn nicht bekommen.

Aurora von Cristi Puiu

Aurora von Cristi Puiu

Es ist aber auch klar, dass eine Freude am Spiel in diesen Unschuldschoreographien kaum zum Vorschein kommen kann (zumindest dachte ich das bis P’tit Quinquin). Was ich damit sagen will, äußert sich womöglich auch in der beständigen Verwendung professioneller Schauspieler im Neuen Rumänischen Kino, dass doch eigentlich von seiner Verortung hin zu einem Bazin-Realismus nach Laiendarstellern schreit. Doch wenn wir Cristi Puius eigene Performance in Aurora ausklammern, werden bei den großen Namen des zeitgenössischen rumänischen immerzu professionelle Darsteller benutzt. Woran könnte das liegen? Eine Überlegung wäre, dass die Filmemacher des italienischen Neorealismus an einer dokumentarischen Wahrheit interessiert waren, die heute schon lange überholt ist. Die Rumänen scheinen vielmehr Interesse am Wesen der Fiktion zu haben beziehungsweise am Verhältnis zwischen Fiktion und Realität. Ein Film wie Corneliu Porumboius When Evening falls on Bucharest or Metabolism behandelt auch folgerichtig das Leben hinter dieser Illusion, das Spiel hinter dem Spiel. Ist dann alles ein Spiel?

Wenn es nach Arnaud Desplechin geht, dann ist zumindest das Kino ein Spiel. Darum geht es, um das Spiel. In seinem La vie des morts zeigt sich, dass nicht die Offenbarung einer komplexen Charakterpsychologie entscheidend für Identifikation und Menschwerdung im Kino sind, sondern die versteckte Existenz dieser Psychologie in den Körpern der Darsteller. Wir müssen spüren, dass hinter den Fassaden ein Leben lauert. Wie Desplechin, Olivier Assayas oder die schon erwähnte Claire Denis kann man dieses Leben durch kurze, flüchtige Momente spürbar machen, eine Geste, ein Blick (und es ist klar, dass der Schauspieler selbst hier genauso verantwortlich ist wie die Montage oder die Kamera). Eine andere Möglichkeit liegt in der Sprache. Das Verhältnis von Schauspieler und Text wurde im deutschen Kino nie vielschichtiger behandelt als von Rainer Werner Fassbinder. Bei ihm verraten sprachliche Formulierungen das Sinnliche und Politische hinter dem Spiel, obwohl sie jederzeit als solches markiertes Spiel sind. Ein solches Vorgehen wird im deutschen Kino heute oft hinter angestrengten und noch häufiger scheiternden Realismusbemühungen liegen gelassen. Der Meister im Umgang mit dem Verhältnis zwischen Text und Schauspieler ist aber sowieso ein Franzose, Éric Rohmer. Bei ihm geht es beim fatalen Spiel im Kino um eine Energie, die aus einem Text oder einer Idee etwas Konkretes macht, etwas Gegenwärtiges, das trotz aller Gegenbehauptungen nicht nur dem Theater sondern auch dem Kino eigentümlich ist. Bei Rohmer geht es nicht nur darum, was gesagt wird, sondern immerzu auch darum wie es gesagt wird. Der moralische Diskurs seiner Filme wird erst durch die Stimmen manifest, man könnte ihn zwar schreiben und lesen, aber erst dadurch, dass die Moral bei Rohmer an Körper gebunden ist, wird sie relevant. Jeder Satz, jedes Zucken kann etwas über eine Figur oder Menschen aussagen.

La vie des morts von Arnaud Desplechin

La vie des morts von Arnaud Desplechin

Doch das Spiel – zumal im Kino – ist natürlich auch eine Sache der Verwandlung. Wie Jean-Luc Godard bemerkte, ist das Kino eine Kunst der Masken und Verwandlungen. Die Möglichkeit einer ständigen Transformation; wenn das Kino ein Spiel ist, dann spielt es auch mit seiner Kontinuität und seiner Wahrscheinlichkeit. Filme wie Holy Motors von Leos Carax, Phoenix von Christian Petzold oder Time von Kim Ki-duk arbeiten mit der Verwandlung und der ewig faszinierenden Frage nach dem Erkennen und der Identität. Oft wird dann die Dramaturgie zu einem Spiel, man sieht Figuren dabei zu wie sie sich unerkannt in einer Rolle bewegen, aber man kennt ihr Geheimnis und wird so Zeuge eines Spiels statt einer Sinnlichkeit bis plötzlich aus diesem Spiel eine Sinnlichkeit bricht. Es ist klar, dass dieses Spiel mit der Verwandlung auch ein Spiel mit der Form beherbergt. Es ist keine Überraschung, dass die meisten Filmemacher, die sich Gedanken über das Spiel im Kino machen, sich auch Gedanken über das Spiel des Kinos machen. Die Kombination zweier Bilder oder das Abpassen des exakten Moments eines Schnitts sind mir immer vorgekommen wie ein Spiel. Insbesondere im digitalen Zeitalter trifft das wohl mehr denn je zu. Erstaunlich aus heutiger Sicht wie man auf eine derartige Kunst Regeln legen konnte. Aber wie wir sehen ist das Regelhafte und das Wahrhaftige im Kino immer in einem spannenden Wechselverhältnis, ganz ähnlich wie die Unschuld und das Spiel.

Mit Masken wird das Spiel auch zu einer Flucht, die das eigentliche Leben verbirgt und gerade dadurch bewusst macht. Jean-Luc Nancy hat geschrieben, dass der Sinn der Erscheinung in der Realität liegt, die sie verbirgt. Ähnliches gilt für das Spiel im Kino, obwohl das Kino weniger Verantwortung hat als die Erscheinung an sich. Damit will ich sagen, dass es im Kino manchmal auch reicht, eine Freude am Spiel auszudrücken wie das nicht zuletzt in Holy Motors geschieht oder auch in American Hustle von David O. Russell. Doch selbst diese Flucht gelingt nicht ganz, weil der Zuseher immerzu in der Lage ist, das filmische Schauspiel mit dem täglichen Schauspiel zu vergleichen. So wird die Freude des Spiels im Kino bei Carax ganz schnell zu einer Kritik des Spiels im Leben. Ist das so? Das Spiel liegt aber auch im Unsichtbaren. Erich von Stroheim war ein Meister dieser Inszenierungen, die man nicht wirklich sieht, aber spürt. So hat er sich bekanntermaßen bis hin zu den korrekten Unterhosen (selbst wenn diese nie sichtbar waren) seiner Komparsen um das Unsichtbare des Spiels bemüht. All das Wissen, all die Arbeit, die man im Ergebnis nicht mehr sieht, aber spürt. Sie hängt mit Körperhaltung, spontanen Gesten oder auch nur der Dauer zwischen Frage und Antwort zusammen. Oder würde jemand daran zweifeln, dass man mit seidenen Unterhosen, auf die das kaiserliche Emblem Österreichs gestickt ist, anders durch Reih und Glied geht, als mit seiner normalen Baumwollunterwäsche?

Holy Motors von Leos Carax

Holy Motors von Leos Carax

Wir bemerken also, dass es einen Unterschied gibt zwischen Filmen, die einen avancierten Umgang mit dem Spiel wählen und solchen, die das Spiel zelebrieren. Zu letzteren gehört sicherlich Hong Sang-soo, der ähnlich wie Puiu in seinem Schauspielworkshop viel mit der Wiederholung von Konstellationen und Dialogen arbeitet. In neueren Werken wie Our Sunshi oder In another country greift durch den eigenwilligen Einsatz des Spiels im Kino eine Art augenzwinkernder Surrealismus, der letztlich doch genau durch diese Unwahrscheinlichkeiten und simplifizierten Konstellationen eine sinnliche Wahrheit und Komplexität der Realität offenbart. Nehmen wir In another country, in dem Isabelle Huppert drei verschiedene Französinnen in Korea spielt, die immer wieder in ganz ähnliche Situationen geworfen wird und immer wieder auf einen grandiosen Life Guard, der immer vom selben Schauspieler gespielt wird, trifft. Dieses clevere Spiel mit dem Cast ermöglicht auf der einen Seite ein Anzeigen der Konstruktion des Films, wieder diese Meta-Ebene, aber zugleich ermöglicht es eine sinnliche Erfahrung von Traumzuständen, Sehnsüchten und dem Verhalten zwischen Fremden, eine Art Erforschung von Unbeholfenheit. Genau umgekehrt in der Besetzung ging bekanntlich Luis Buñuel in seinem Cet obscur objet du désir vor, in dem eine Figur von zwei verschiedenen Schauspielerinnen gespielt wird. Wieder wird dadurch der Schauspielprozess sichtbar, aber gleichzeitig offenbart sich eine Sinnlichkeit, die mit unserer Wahrnehmung zu tun hat.

Our Sunshi von Hong Sang-soo

Our Sunshi von Hong Sang-soo

Es stellt sich auch die Frage, welche Distanz ein Filmemacher wählen muss, um das Kino zum Spiel werden lassen. Es scheint klar, dass in klassischen Schuss-Gegenschuss Auflösungen weniger Raum für wahrhaftiges Spiel bleibt, die Totale jedoch verneint ganz oft das Gesicht, in dessen Regungen sich doch die schärfste und zugleich feinste Linie zwischen dem Spiel und der Realität des Kinos finden lässt. Auf der anderen Seite kann man das Spiel mit dem Spiel so ziemlich aus allen Perspektiven betreiben. Schuss-Gegenschuss kann im Gesicht von Jimmy Stewart ähnliche Gleichzeitigkeiten zwischen Sinnlichkeit und Meta-Ebene erzeugen wie eine Totale bei Hou Hsiao-Hsien. Es geht hierbei um eine Balance zwischen Freiraum und Käfig, die ewige Debatte über Kontrolle und Freiheit im Kino. Beim Spiel gibt es beide Extreme. Es gibt Filmemacher wie Bresson, David Fincher oder Jean-Pierre Melville, die alles kontrollieren und gerade dadurch eine Art Freiheit im Spiel erreichen und es gibt Filmemacher wie Serra, Lisandro Alonso oder eben Puiu, die sehr viel vom Leben, von der Welt hineinlassen in das Spiel und dadurch gerade das Spiel in den Vordergrund rücken. Ein perfekter Kompromiss findet sich in der letzten Szene von Beau travail von Claire Denis. Dort reagiert wie so oft bei Agnès Godard die Kamera auf den Schauspieler, sie wahrt die Distanz für den Freiraum und beginnt dann mit ihm zu tanzen. Letztlich geht es beim fatalen Spiel im Kino um diesen Tanz, der erst das Fatale ermöglicht (und das wollen wir doch). Die Kraft zwischen Kamera und Spiel, eine Liebesgeschichte mit einem unendlichen Spektrum an möglichen Emotionen.

Die einzige Übung, das einzige Spiel ist letztlich das Kino selbst, die Umsetzung. Alles andere ist reine Theorie. Es gibt als zugleich kein Spiel und nur Spiel im Kino. Und es ist das Kino, das uns immerzu mitteilt wie ernst es ist und wie weit weg von der Realität es ist. Zum Schluss nochmal Cristi Puiu:

“So this is how cinema has to be made now, I think—every film must be an exercise. Though these specific exercises were not made with the intention of being shown publicly, I am very happy that programmers are now inviting the film to festivals. I think that it deserves to be seen, and that the exposure is great for the people I worked with. “Actors” is really an administrative term. We live in society without wanting anarchy, so we say that some people are actors, others are directors, others are cinematographers, physicists, mathematicians, doctors, and so on. But I don’t believe this to be true. Anybody can be anything, the only differences come from your choices to study one domain or another. I am working with a camera, you have a computer to type on, others are using medical equipment, and there are no professions. There are only people trying to understand the world better by using different sets of tools.”

Filmfest Hamburg: Die Verweigerung

Winterschlaf

Gestern nach der Deutschlandpremiere von Nuri Bilge Ceylans Winter Sleep bin ich in einer anderen Welt erwacht.

Man weiß immer, wann man auf der letzten Seite eines Buches ist und man ahnt es manchmal bei Filmen, wenn die letzte Szene beginnt oder endet.

Wenn ich hier sitze, im Dunklen, selbstverliebt auf meine Tastatur blute, dann habe ich manchmal einen Sinn, manchmal eine Idee, eine Beobachtung, die mich wahnsinnig macht und die ich loswerden will oder mir bewusstmachen will, indem ich darüber schreibe. Ich zweifle gleichzeitig. Ich war mir bisher bewusst, dass man diesen Zweifel in der Ambivalenz des filmischen Bildes finden kann. Nicht aber war ich mir bewusst, dass man den Zweifel, alleine in der Ausformulierung einer philosophischen Gedankenwelt im Dialog festzuhalten vermag. Ceylan, ein Mann in dessen Filmen normalerweise das Schweigen regiert und das Gesicht alleine diesen Zweifel auslöst, lässt seine Figuren nun sprechen und sprechen und sprechen. Aber er macht damit nicht nur einen Film mit Dialogen sondern auch einen Film über Dialoge. Es geht dabei um die Schönheit und die Widerlichkeit des Wissens und es ist unmöglich, über diesen Film zu schreiben. Es wäre nicht gerecht. Ich frage mich zum Beispiel wie sich Kritiker nach der Lektüre eines Dostojewski-Buchs trauen können, einen Gedanken zu formulieren. Es geht mir bei Ceylan genauso.

Wann hat der Film aufgehört?

Winterschlaf

Timbuktu von Abderrahmane Sissako hat drei wundervolle Szenen, die das Poetische mit dem Politischen verzahnen. Ein Fußballmatch ohne Ball und mit Musik, eine Flucht vor dem Tatort quer durch den Fluss im Sonnenuntergang in einer Supertotale (L’inconnu du lac-esque, aber ohne die POV-Gefahr) und eine Steinigung.

Die Menschen in Hamburg sind ungewöhnlich höflich, wenn sie nach Plätzen im Kino fragen. Ihr Lächeln ist viel offener in diesen Momenten.

Ich habe noch nicht über Kim Ki-duks neuesten Folterspleen, One on One geschrieben. Ich schreibe etwas:

Bei Kim Ki-duk sehen Menschen, die durch Städte laufen immer ganz eigenwillig aus. Oft folgt er ihnen mit einer Handkamera, häufig fokussiert er ihre Füße. Dabei ist es entweder eng oder es geht hoch (selten runter). Beschwerlich ist der Weg durch die Stadt.

Ein Film sollte nach einer Seele suchen und eine Seele haben.

Winter Sleep5

Die Frauen am Ticketschalter, den man hier jeden Morgen aufsucht, sind sehr freundlich. Sie scheinen sogar selbst die Filme zu sehen und beginnen darüber zu diskutieren. Man steht also auf in der Früh und nach dem Frühstück bewegt man sich an den Ticketschalter. Dort stehen meistens schon ein paar Frauen mit Akkreditierungen, sie tratschen über ihre Meinungen und dann auch über die Filme dazu. Dieses saubere Deutsch, das in Hamburg gesprochen wird, macht mir manchmal Angst. Ich komme mir sehr barbarisch vor. Ich spreche nicht. Wenn man mich fragt, dann sage ich: Ceylan und Turist. Ein Techniker sitzt an einem Mischpult. Kommt von ihm diese Musik?

Im Cinemaxx-Kino riecht es nicht gut. Im Abaton-Kino riecht es besser. Es scheint mir fast so als würde ich nur zwischen diesen beiden Kinos pendeln. Heute habe ich gar drei Vorstellungen hintereinander im selben Saal im Cinemaxx. Das ist ein wenig schade, da ich im letzten Jahr das Studio-Kino sehr mochte.

Ich will ruhig werden. Einen Tee trinken und mich in das zärtliche Weiß eines letzten Lichts setzen. Dumpf. Ich möchte nichts mehr hören. Ich will am Abend durch die Landschaft spazieren. Man denkt dann. Ich denke ans Ertrinken, ein Mädchen auf dem Eis wie in Vonarstræti von Baldvin Zophoníasson, es drückt mich unter Wasser.

Bei Kim Ki-duk gibt es eine bemerkenswerte Sexszene. Ein Mann (ein Diktator der Beziehung) vertraut seiner Frau (eine Unterdrückte der Beziehung) nicht, er nimmt ihr Handy und überprüft ihre Textnachrichten. Er beginnt die Frau zu schlagen. Sie droht ihn zu verlassen. Er schlägt sie heftiger. Er schläft mit ihr. Sie lässt es über sich ergehen. Er kommt. Er schlägt sie wieder. Kim Ki-duk filmt diese Szene mit einer schmerzenden Geduld. Das ist vielleicht dieser Sinn: Schmerzende Geduld.

Denn sowohl in Winter Sleep, als auch in Turist, One on One oder Timbuktu kommt das schmerzvolle immer dann, wenn man glaubt, dass die sowieso schon schmerzvollen Szenen jetzt vorbei sind. Die letzte Meinung, die Dominanz, das Erdrücken, die Dauer der Dinge. Ja, Film kann das zeigen. Muss das zeigen.

Winterschlaf

SMS nach dem Film: „White God ist schlimm.“ Steven Spielberg würde mir widersprechen. Andere auch. Ein Pathos-Meer mit allerlei Hunden. Ich erinnere mich an Amores Perros. Nicht wegen der Hunde sondern wegen Vonarstræti. Diesen Film hätte ich vor acht Jahren geliebt. Ein Episodendrama mit emotionalen Charakteren, einer interessanten Zusammenführung der Charaktere und Schicksal, Liebe, Vergangenheitsaufarbeitung und so weiter.

In White God gibt es eine verstörende Szene. Ein Hund (was sage ich? DER HUND: Hagen, der beste Filmhund aller Zeiten) versucht eine befahrene Schnellstraße zu überqueren. Immer wieder macht er einen Schritt vor und einen Schritt zurück. Wie hat Regisseur Kornél Mundruczó diese Szene nur in den Kasten gebracht? Das fragt man sich bei mehreren Szenen. Massen-Actionszenen mit echten Hunden…Aber Hunde, so der Regisseur, seien ein Symbol für alle Unterdrückten. Endlich jemand, der auf diesen Gedanken kommt.

Ich will nicht mehr zynisch sein.

Filmfest Hamburg: I Can Dance, I Can Drink, In The Dark It’s All A Trick

August Winds

Nun bin ich also wieder auf dem Filmfest in Hamburg. Ich bemerke die Lächerlichkeit der Filmkritik: Schreibe etwas zu Filmen, die du übermüdet und hintereinander anschaust. Nehme dich wichtig. Nehme dich nicht zu wichtig. Deine Meinung zählt. Deine Meinung ist den Filmen egal. Und: Welche Filme siehst du dir heute noch an? Ah ja, den, ja den fand ich ganz toll. Ich schau mir das an. Man sieht sich sicher noch…

Rot/Gelb sind dieses Jahr die Farben in Hamburg. Also auf den Fahnen und dem Katalog und so. Man kommt an und innerhalb von wenigen Sekunden hat man alles was man so braucht. Eine Akkreditierung. Sie baumelt um den Hals, wenn ich mit meinem Klapprad durch die Stadt rase. Schönes Gefühl. Es gab einen Kritikerpanel mit allerhand Krisen: Eine mediale Krise, eine Krise der Filmkritik, eine Krise des Filmschaffens, eine Krise des Publikums, eine Krise der Filmwelt allgemein, historische Krisen, keine Krisen. Das will man hören, wenn man auf ein Festival kommt, um Filme zu sehen. Aber Filmkritik ist natürlich wichtig. Ist sie das? Ich habe eine Krise. Bin ich eigentlich ein Amateurkritiker? Wer unterscheidet eigentlich zwischen Amateurkritikern und Profis? Wie ist das eigentlich bei Filmemachern? Ist Kritik eine Kunst? Ist Kunst eine Kritik? Dann war da noch ein Publikum. Das Publikum, so Rüdiger Suchsland, liegt auch mal falsch. Der Kritiker auch? Der Filmemacher sowieso? Der Mensch an sich? Mein Hotelzimmer ist größer als meine Wohnung in Wien. Ich bleibe noch.

Filmfest Hamburg 2014

Dann gibt es immer so Momente auf Festivals, da wünscht man sich eigentlich woanders zu sein. Manchmal, weil man sich nicht wohl fühlt oder weil man sich besonders wohl fühlt und sich bestimmte Menschen an seiner Seite wünschen würde, die in diesen Augenblicken mit denselben Augen einen Film sehen, die im gleichen Rhythmus schauen. So erging es mir letztes Jahr in Raya Martins How to disappear completely (den ich nicht oft genug erwähnen kann, weil ich-und jetzt kommt ein Wortspiel-nicht weiß, wohin der verschwunden ist…) und dieses Jahr bereits am ersten Tag in Ventos de Agosto von Gabriel Mascaro. Ein Film, der so sehr mit einer Sinnlichkeit und ethnographischen Geduld arbeitet, dass mancher übersehen mag, welcher Konflikt zwischen Leben und Sterben, zwischen der Sehnsucht nach Veränderung und der Sehnsucht nach dem eigenen Vergehen sich da in Panaroma-Pleasure entfaltet. Es ist dies eine Reflektion über ein Liebesspiel zwischen dem Tod und der Lebenslust. Dabei geht es um Erinnerung, Fleisch und Jugend genauso wie um das alltägliche Leben an einem unbekannten Ort. Die Geschichte entfaltet sich subtil zwischen den Bildern. Man kann sie suchen, aber man kann sich auch einfach auf eine Bilderreise begeben. Hier wird von zwei Polen in einer Beziehung erzählt, die beide aus ihren jeweiligen Umständen hervorgehen. Die weibliche Protagonistin sieht das Leben in allem. Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit ihrer Großmutter. Sie lebt im Moment, in der Lust des Moments, im Drang etwas zu spüren. So cremt sie sich mit Cola ein und flirtet ohne Unterlass mit dem Gedanken an Tatoos. Der männliche Protagonist dagegen ist fasziniert vom Tod, er will das Leben gar nicht verändern oder retten, er sucht nach den Mysterien, wie den atmenden Lungen von Felsen oder dem Goldzahn einer Leiche. Eine Verwandtschaft zu Lisandro Alonsos Meditationen auf die Seele einsamer Südamerikaner ist nicht von der Hand zu weisen. Sprache wird nur sehr geringfügig eingesetzt, oft verschwinden die Figuren fast im Dickicht des Urwalds und der Bilder. Dabei vergisst Mascaro hier und da, auch im Banalen etwas Schönes zu suchen. So ist jede Einstellung ein Beauty-Shot und das kann einem irgendwann zu viel werden. Auf der anderen Seite aber entwickelt sich dadurch eine ganz eigene Verfremdung, die vom eigenwilligen Humor und der Fähigkeit des Films „zu hören“ unterstützt wird. Denn wie in einer anderen portugiesisch-sprachigen Großtat mit dem Monat August im Titel, nämlich Miguel Gomes‘ Aquele Querido Mês de Agosto wird auch bei Mascaro der Prozess der Tonaufnahme in Bilder gesetzt und damit hörbar. Das Meer wird dadurch auch zu einem eigenen Charakter. Ein Arbeitgeber, ein Mörder, ein Geheimnis. Voller Geheimnisse steckt auch der Film selbst, denn er funktioniert tatsächlich ein wenig wie ein Wind im Sommer. Man glaubt ihn zu kennen, aber er fühlt sich dann doch immer etwas anders ein, ein Schnitt und plötzlich könnte ein Gewitter kommen, das himmlische Kind. Das Ende erinnerte mich sehr stark an jenes von Primero estaba el mar von Tomás González. Als würde die Vergangenheit von der Gegenwart geküsst werden und Zeit zeugen.

August Winds

Schön früher am Tag habe ich Party Girl von Marie Amachoukeli, Claire Burger und Samuel Theis gesehen. Ich höre Dialoge im Kino: „Komm, lass uns am Rand sitzen, dann können wir im Notfall gehen.“ Anderer Dialog im Kino: „Heute Abend bin ich in Dolan.-Ja?-Ja, ich habe extra bis heute gewartet, weil ich wollte ihn mit Dolan sehen.-Ok-Ja, er hat ja Flugangst und da ist es was ganz besonderes, dass er heute hier ist.-Ja, ich mochte seine Filme ja nicht so. Also die drei (*mmh*) vor dem jetzigen-Ja, nicht?- Ja also den I killed my mother, sein erster Film, der war so schrecklich. Da habe ich ganz gegen die Intention des Regisseurs mit der Mutter gefiebert. Der ist ja immer so selbstverliebt.-Ja.“ (Film beginnt)

Schöne Musik am Ende von Party Girl:

In Kokosnüssen schlafen, davon träumen miteinander zu schlafen, den Wind hören, mit den Felsen atmen, zusehen, Arbeit, Musik, die Toten leben, ein Traum, eine Beerdigung, ein Grab im Meer, das Meer nimmt sich, was es sucht, es ist ein Geist, der Wind auch, ein Kuss, eine Ablehnung, Begehren, Sehnsucht, Sterben und dann leben. Wie in der Krise des Kinos.

Land of the Dead: Change your Face!

Les yeux sans visage Edith Scob

In einem Horrorfilm verlieren die Protagonisten oft ihr Gesicht. Ihr Vater ist Frankenstein und ihre Mutter ist Christiane Génessier, also Edith Scob in Les yeux sans visage. Sie waren kein glückliches Paar, ihre Kinder sind entstellt. Innerhalb der Land of the Dead Schau im Österreichischen Filmmuseum sehen wir sie und auch außerhalb. Nicht wirklich, aber etwas von ihnen.

1.Operation

Les yeux sans visage von Georges Franju

Der Traum von vielen Menschen. Man verändert sein Gesicht. Lasst uns nur an Time von Kim Ki-duk denken, indem die Protagonistin Angst davor hat, dass ihr Partner sie für eine jüngere Frau verlässt und sich deshalb ein neues, jugendliches Gesicht transplantieren lässt. Was sie nicht bedenkt ist, dass sie zum einen dafür sehr lange verschwinden muss und er sie zum anderen nicht mehr erkennen wird. In Frankenstein Must Be Destroyed von Terence Fisher muss der Körper und damit auch das Gesicht gewechselt werden, um das Gehirn am Leben zu halten. Die Moral ist, dass das keine Moral hat. Der Operationstisch selbst als Anstoß des Ekels. Es wird klar, was für eine solche Operation notwendig ist: Blut und schmutzige Hände. Es ist nicht der Laser und die Melodie wie in Mission: Impossible, sondern es ist das Berühren, das Verändern selbst, was uns Angst macht. Das fehlende Vertrauen in das Gesicht eines Menschen kommt erst später. John Woo, der neben Mission: Impossible II auch in Face/Off über die Verwirrungen eines vertauschten Gesichts nachdachte, ignoriert den Schmerz der Operation zugunsten einer ernsthaften Verwechslungskomödie, die natürlich auch unter fast jedem Horrorfilm lauert. Es gibt hier einige Aspekte des Horrors: Das Eingreifen von einer fremden Person in die eigene Oberfläche, das Sicht-Nicht-Wiedererkennen, die Entstellung, der moralische Horror. Charlie Chaplin konnte gar nicht genug bekommen von diesem Horror. So wird er in The Idle Class für einen anderen gehalten während der andere in einer Ritterrüstung gefangen ist, in A King in New York unterzieht sich der High-Society Exil-Politiker einer Schönheitsoperation, die seine Werbekarriere antreiben soll, um in einen Schock zu verfallen, ob dseiner misslungenen Nase. Chaplin lässt immer wieder Menschen erschrecken, wenn sie seine Figur sehen. Und dann war da noch das Ende von City Lights, das diesen Horror benutzt und exakt in sein Gegenteil verkehrt. Die Operation findet hier nicht am Gesicht statt sondern an den Augen der Betrachterin. Und der Moment des Erkennens bleibt einer der traurigsten und schönsten der Filmgeschichte. In Frankenstein Must Be Destroyed versteckt sich der, in einem anderen Körper existierende Ehemann vor seiner Frau. Er spricht mit ihr, aber sie darf ihn nicht sehen. In diesem Moment des Nicht-Sehen-Dürfens liegt ein großes Spannungsmoment, weil der Nicht-Blick voller Begehren ist. Wie der Blick durch das Schlüsselloch, selbst wenn man weiß, dass dahinter der Horror lauert. Sei es in Form eines Spiegels oder in Form des Verstellten, Unerkennbaren.

2. Deformation

Les yeux sans visage Edith Scob

Häufig eine Folge von Operationen, aber auch von Unfällen, Gewalttaten, Krankheiten oder sonstigen unerklärlichen Gründen sind die Deformationen in den Gesichtern des Horrors. Man denke nur an die Hautflecken, Zähne und schiefen Blicke der netten Familie in The Texas Chainsaw Massacre. Oder an die sich nach und nach vollziehende Verwandlung des Wissenschaftlers in David Cronenbergs The Fly. Hier scheinen die Körper stärker zu sein als die Seelen, wenn es diese gibt. Eine solche Deformation löst zugleich Neugier und Ekel in uns aus. Wir wollen nicht hinsehen, aber wir tun es doch. Nicht umsonst heißt Alejandro Amenábars Gesichtsentstellungs-Verwandlungs-Traum-Fantastik Abre los ojos; das unerträgliche Sein des Selbst, wie kommt man mit seinem Gesicht zurecht, wenn man plötzlich aussieht wie eine Fliege? Wenn man die Augen nicht öffnet wie in Nicolas Roegs Don’t Look Now könnte einem die Deformation eines falschen Traums durch alle Glieder fahren. Das rote Mädchen, das vielleicht der Geist der Tochter ist, hat ein anderes Gesicht in den Gassen von Venedig. Eines der Probleme, die ich mit dem Genre habe, ist dass es ganz selten subtil zugeht bei Deformationen. Es scheint dieses ungeschriebene Gesetz zu geben, dass man mit möglichst abartigen Entstellungen aufwarten muss und diese mit Kamera und Schnitt auch möglichst deutlich ins Gesicht der Zuschauer (sollten diese ihres noch besitzen) schleudert. Spannender hat sich da George A. Romero der Thematik in seinem Night of the Living Dead genähert. Denn hier liegt in der Deformation nicht nur ein Ekel, sondern auch zugleich eine Verunsicherung und eine Schönheit. Die Verunsicherung kommt daher, weil sich die Untoten nicht so sehr von den Menschen unterscheiden, auch wenn man sie mit einem Blick zu erkennen glaubt. Neben dem Ende bietet auch die Eröffnungssequenz am Friedhof ein Beispiel dafür. Die Schönheit der Entstellung liegt in ihrer Einsamkeit. Das ist zwar eine alte Oscargewiner-Formel, aber bei Romero ist sie von Vertrauen in die Wahrnehmung des Zusehers beseelt. Keiner sagt uns, dass die Untoten schön sind, wir können es ganz einfach hören. Diese Deformationen hängen natürlich oft am Prinzip des Body-Horrors, aber dass ein solcher Gesichtsverlust auch einer existentialistischen Krise gleich aus einer inneren Veränderung in der Haltung gegenüber Leben und Sterben entstehen kann, zeigt das Vampirgenre, das mit Near Dark von Kathryn Bigelow oder Only Lovers Left Alive von Jim Jarmusch romantisch-melancholisches Bedauern über die eigene Deformation mit sich trägt, auch wenn in letzterem eine abgeklärte Distanz zum Ganzen mitschwingt. Die Verbrennungen, die die Vampire bei Bigelow im Tageslicht erleiden, kommen nicht von der Sonne sondern von einer Veränderung in der Seele der Figuren. Es ist äußerst schade, dass die Regisseurin diese Tatsache in ihrem testosterongesteuerten Actionspektakel im letzten Drittel ignoriert. Jarmusch ist da cooler mit seinen Sonnenbrillen in der Nacht, aber er redet auch sehr gerne über Popkultur. Was bleibt sind die sich verwandelnden Augen von Amy Adams in The Master von Paul Thomas Anderson. Vor allem deshalb, weil der Horror hier ein unkommentierter Albtraum der Realität bleibt.

3. Masken und Verkleidungen

Les yeux sans visage Georges Franju

Eine Möglichkeit des Horrors ist die Verweigerung. Zum einen, weil die Verweigerung selbst schon voller Horror sein kann, zum anderen, weil ein versteckter Horror unserer Imagination freien Lauf lässt und alles, was darstellbar ist, übertrifft. Bezüglich der verlorenen Gesichter des Horrors dienen Masken und Verkleidungen immer wieder als Strategien der Verweigerung. The Devil in Disguise… Sie können besonders angsteinflößend gewählt sein wie jene Masken von Leatherface in The Texas Chainsaw Massacre oder jene von Michael Myers in Halloween. Manchmal ist es auch nur die Überraschung einer Maske, die den Horror auslöst so wie in Cuadecuc, vampir von Pere Portabella. So ist der Anblick der entblößten Illusion in den falschen Augen von Christopher Lee schon selbst wieder eine Illusion, ein Grauen. Es geht dabei um die Verkleidung des Horrors in ein Kleid des Horrors. Natürlich macht es uns auch Angst, wenn sich der Horror unter einer süßen Haut verborgen hält, hinter einer Unschuld wie das vor allem in ¿Quién puede matar a un niño? durchexerziert wird. Der Anblick lächelnder Kinder kann uns hier kein Vertrauen mehr geben. Unsere Wahrnehmung wird gestört. Die Maske des Horrors ist flexibel. Die Verweigerung und Maskierung des Horrors betrifft natürlich auch die Filme selbst. So werden erste Schocks oft sehr lange hinausgezögert und die tatsächliche Begegnung mit dem Horror immer wieder nur angedeutet. Der Off-Screen ist eine Maske für das Gesicht des Genres. Dabei ist es wichtig, dass immer wieder Andeutungen gemacht werden, dass man beispielsweise die Augen unter der Maske und Verkleidung erkennt.

Damit ist das Horrorgenre ein Genre der Identifikationskrise. Wir können den Gesichtern nicht trauen und damit können wir auch dem Kino nicht trauen. Unsere Blicke werden getäuscht, die Logik der Gesichter wird sich auflösen. Emotionen verschwinden oder werden überdeutlich, das Innere kehrt sich nach Außen. Ein Außenseitergenre, weil es von jenen Menschen spricht, die kein Gesicht haben oder es verloren haben. Ein Genre des verlorenen Vertrauens.