Locarno-Tagebuch: Tag 7: Der Wille zur Kunst (cont’d)

Ventura

Filme, die betont gelangweilt auf die Welt blicken und desinteressiert agieren, stellen oft meine Geduld auf eine harte Probe. Warum sollte ich an einem Film Interesse zeigen, der so offenkundig kein Interesse generieren will?

Zwei Filme des gestrigen Tages stellten mich auf ganz unterschiedliche Weise auf die Probe. Perfidia ist eine Stunde lang ein Musterstück an filmischem Desinteresse. Zwar wunderschön fotografiert und mit Mario Olivieri als dem Vater des Protagonisten exzellent besetzt aber durchwegs ignorant und leblos. Das ändert sich allerdings langsam, der zuvor so apathische Hauptcharakter Angelo wird zum handelnden Akteur und beginnt sein Leben selbst zu bestimmen, ein seltener Fall von character development hier im Festival. Was folgt ist ein circa halbstündiges Finale voll Emotion und Humanismus (?), das nicht davor zurückschreckt Fragen zu stellen (und zwar durchaus subtil). In dieser letzten halben Stunde wird der Film seinen Bildern gerecht und das stimmt dann doch versöhnlich.

Cavalo Dinheiro

Listen Up Philip hingegen trägt seine desinteressierte und gelangweilte Attitüde wie ein Pfau vor sich her. Kein Wunder, dass dieser Film in Sundance Premiere feierte, denn dort passt er auch hin. Mir fällt gar kein passender Vergleich ein, um zu verdeutlichen, wie sehr dieser Film den Geist des gegenwärtigen amerikanischen Independentkinos atmet (unabhängig davon, was man davon halten mag). Das liegt nicht bloß an Jason Schwartzman, sondern auch an einer auktorialen Erzählerstimme, die ein wenig an Woody-Allen-Filme erinnert, an Großaufnahmen mit wackelnder Handkamera und dem intellektuellen Gehabe, der Charaktere, die natürlich in Brooklyn leben und Bücher schreiben. Der Film ist mehr oder weniger eine Schablone, und prinzipiell wäre das verachtenswert, aber Listen Up Philip trägt diese Attitüde wie einen Orden auf der Brust. Entweder es liegt am überdimensionierten Ego des Regisseurs Alex Ross Perry oder an, für Amerikaner untypischen, Selbstironie. Wie dem auch sei, man muss diesem aufgeblasenen Gehabe ganz einfach Respekt zollen und da der Film auch ganz passabel geschrieben ist, samt einigen guten Gags, kann man ihn ohne weiteres zu den besseren Filmen im Wettbewerb zählen, wenn es auch nicht ganz für die Spitze reicht.

Expressionistische Schatten in

Cavalo Dinheiro

Locarno zeigte sich gestern übrigens wieder bei Kaiserwetter. Muss wohl daran liegen, dass Pedro Costas neuester Film Cavalo Dinheiro zum ersten Mal gezeigt wurde. Um Patrick eifersüchtig zu machen, nützte ich natürlich die erstmögliche Gelegenheit mir den Film anzusehen. Ehrlich gesagt hatte ich ein wenig Angst, dass mir der Stil von Patricks persönlichem Helden, von dem ich bisher nur dessen Beitrag im Omnibusfilm Centro Historico kannte, nicht gefallen würde (und er mich in hohem Bogen hinauswerfen würde). Diese Befürchtungen waren Gott sei Dank unbegründet, denn Cavalo Dinheiro ist ohne Zweifel einer der besten Filme am Festival. Das liegt wohl daran, dass Pedro Costa sich nicht ohne Grund zu einem großen Namen im Gegenwartskino gemausert hat, und seine Kollegen Mascaro, Rejtman, Green und wie sie alle heißen, nicht. Cavalo Dinheiro ist nach langen Tagen, an denen ich den Mut zur Innovation, den Mut zur Kühnheit, den Willen zur Kunst in den Wettbewerbsbeiträgen vermisst habe, endlich wieder voll davon. Das hebt ihn, und auch Diaz‘ Mula sa kung ano ang noon vom Rest der Filme ab, die ich bisher gesehen habe. Hier geht es nicht darum etwas zu sagen, sondern etwas zu sagen. Diesen Kunstwillen, den ich bei Costa und Diaz erwartet hatte, auch bei anderen Filmemachern zu finden, Neuentdeckungen zu machen, war das eigentliche Ziel meines Locarno-Besuchs und zumindest in dieser Hinsicht hat mich das Festival (bis jetzt) herbe enttäuscht. So schreibe ich nun wieder über genaue jene Filmemacher, die man ohnehin kennt, und von denen man ohnehin erwarten konnte, dass sie ein großes Werk abliefern. Zwar kann ich Cavalo Dinheiro nicht im Gesamtwerk Costas einordnen, aber immerhin wurde mein Interesse „geweckt“ (britisches Understatement).

Pedro Costa im Zwielicht

Pedro Costa

Nach Cavalo Dinheiro beginnt der Himmel wieder zu weinen (wahrscheinlich weil es schon wieder aus war), ich mache mich einstweilen auf den Weg zu einem Kurzfilmprogramm, in dem ich zwei Filme für erwähnenswert finde. Zum einen, Thom Andersens Filmessay The Tony Longo Trilogy, in der Szenen aus drei Filmen des Minirollen-Darstellers Tony Longo zu einer lustigen und ironischen Melange montiert werden. Zum anderen, Fabrice Arangos Pris dans le Tourbillon, eine Ode an diverse Hüte und andere Kopfbedeckungen in der Filmgeschichte. Beide Essays sprühen vor Esprit, und laden nicht nur zum Filmraten ein, sondern bieten auch gute Unterhaltung. Das war’s auch schon, denn The Hundred-Foot Journey ist keine Erwähnung wert – klischeebeladener Foodporn.

PS: Wenn die Sonne scheint, lässt sich’s hier aushalten… Schön langsam geht mir das Wetter aber auf den Wecker.

Locarno-Tagebuch: Tag 6: Das Leiden, das Wetter und Cléo

Cléo und der Soldat in "Cleo de 5 à 7"

Beginnen wir heute mit meinen zwei Lieblingsthemen (wieder einmal). Erstens, das Wetter: es regnet immer wieder, alle paar Stunden in unterschiedlicher Stärke. Die Temperaturen sinken dabei nicht wirklich, was das Ganze zu einer sehr schwülen Angelegenheit macht.

Cléo de 5 à 7

Zweitens, Agnès Varda: gestern habe ich mir ihren vielleicht bekanntesten Film, Cléo de 5 à 7 angesehen. Im Gegensatz zu ihrem Spätwerk, dass immerzu leise „Marker“ flüstert, brüllt „Cléo“ laut „Nouvelle Vague“, oder sogar „Godard“. Die ziellos herumwandernde Titelfigur Cléo, die auf die Ergebnisse einer Autopsie wartet und dabei auf allerlei Menschen trifft. Der Film ist einerseits eklektisches Sammelbecken unterschiedlichster Kamera- und Schnitttechniken (und damit abermals innovativer als das Gros der Wettbewerbsfilme), und andererseits ein weiteres Beweisstück für Vardas außerordentliche Begabung im Filmen von Alltagsszenen. Selten hat man die Boulevards und Gässchen von Paris so klar in Szene gesetzt gesehen (und das soll was heißen, zieht man die unzähligen Filme in Betracht, die in dieser Stadt spielen).

Sonst gab’s sehr viel Neues zu sehen. Dos Disparos vom argentinischen Filmemacher Martín Rejtman, der vor allem wegen seiner unerträglichen Generation X-Ennui-Attitüde im Gedächtnis bleibt, die er auf ziemlich anstrengende Weise mit Hipstersensibilität verbindet. Das klingt schwer vereinbar, ist es auch. Mal erwartet man an der nächsten Ecke Chevy Chase auftauchen, mal einen Popsong und Zeitlupenmontage. Alles in allem, ist der Film leider zu sehr von seiner eigenen hochkulturellen Bedeutung überzeugt, und versucht sie so zu verbergen, dass sie doch jedem auffällt. Das soll heißen, der Film versucht seinen Kunstcharakter mit Trashelementen zu kaschieren, ohne zu erkennen, dass seine Kunstelemente selbst bereits trashig sind – alles klar?

Rauch und Spiele in

Dos Disparos

The Fool (Durak) ist da schon ein anderes Kaliber. Nachdem ich gestern einen Haufen Obdachlose und Vagabunden auf den Leinwänden Locarnos gesehen habe, reihte sich The Fool nahtlos in die Reihe der eher deprimierenden Filme im Festivalprogramm ein. Die Moralkeule schwingt dieser Film so gut, dass man sogar über manche dramaturgische Schwächen hinwegsehen kann (first and foremost, plumpe Exposition). The Fool ist ein politischer Film, den man ungefähr so deuten kann: Der Russe Yury Bykov macht einen Film über den einzigen nicht-korrupten Russen, der es aufgrund seiner Aufrichtigkeit bisher nur bis zum Installateur gebracht hat und ziemlich in die Klemme kommt, als er versucht achthundert Menschen das Leben zu retten. Angetrieben wird dieser Plot von einer Reihe höchst unwahrscheinlicher Zufälle (in bester klassischer Hollywoodmanier also), der moralische Punch macht dafür einiges davon wieder gut. Der Film reiht sich mehr oder weniger in die Reihe der gut gemachten und nett anzusehenden, aber wenig kühn inszenierten Wettbewerbsbeiträge ein (mittlerweile habe ich 9 von 17 der Filme im Hauptwettbewerb gesehen, und traue mir dieses Urteil zu).

Die korrupte Bürgermeisterin in

Durak

Zum Abschluss, noch eine kleine Notiz zu Cure – The Life of Another, neben L’Abri der zweite Schweizer Film im Concorso Internazionale. Darin brilliert Sylvie Marinkovic als Linda, die mit ihrem Vater, einem Arzt, während den Wirren des Balkankriegs aus Zürich in dessen Heimat Dubrovnik zurückkehrt. Dort ist sie für den Tod eines anderen jungen Mädchens verantwortlich, woraus sich eine Reihe Lynch-iger Vorfälle entwickeln. Es ist fast wie verhext, dass die formal spannenderen Filme, wie La Princesa de Francia, La Sapienza oder eben Cure, träge Angelegenheiten sind und die spannenderen Werke, wie The Fool recht plump inszeniert sind.

PS: Heute muss ich leider aus Mangel an Einfällen auf ein Postskriptum verzichten.

Locarno-Tagebuch: Tag 5: In love with Agnès Varda

Agnès, mon amour

Die liebe, kleine, große, alte Dame Agnès Varda beeindruckt mich mit jedem Film ein wenig mehr. Selbst in ihren fiktionalen Werken zeigt sich ihr dokumentarisches Auge fürs Alltägliche. Schöne Beispiele dafür finden sich in Sans toit ni loi, dem Gewinner des Goldenen Löwen von 1985, in dem sie mehrmals auf Inszenierungsmittel zurückgreift, die man eher aus dem Dokumentarfilm kennt (z.B. Interviews mit „Zeugen“) und in dem sie immer wieder mit der Kamera auf Orten und Plätzen verharrt, die unmöglich aus den Händen eines Szenenbildners stammen können. Sans toit ni loi fügte sich auch wunderbar in mein restliches Tagesprogramm ein, denn für einen depressiven Start in den Tag sorgte der Wettbewerbsbeitrag L’Abri des in Tangiers geborenen und in der Schweiz arbeitenden Filmemachers Fernand Melgar. L’Abri ist ein Dokumentarfilm, der Geschichte(n) rund um ein Obdachlosenasyl in Lausanne erzählt. Weder zu polemisch, noch zu objektiv nähert sich Melgar dieser diffizilen Materie. Weder verflucht er die Verantwortlichen oder die mittellosen Immigranten, noch glorifiziert er die Mitarbeiter der Hilfsorganisation oder die kälteleidenden, bettelnden Obdachlosen. Trotz seiner sozialpolitischen Sprengkraft wird der Film so nicht zu einer rein inhaltlichen Übung, sondern bleibt durch die menschliche Nähe, die Melgar zu beiden Seiten aufbaut, ein Film. L’Abri ist ein legitimer Nachfolger der Direct Cinema-Bewegung, indem er es schafft ohne Kommentar oder übermäßigen Einsatz von Zwischentiteln, eine dramaturgisch durchstrukturierte „Geschichte“ zu erzählen.

Sans toit ni loi

Was gibt’s sonst noch Neues? Einen erstmaligen Besuch beim Concorso Cineasti del presente, dem Wettbewerb für Debut- und Zweitfilme junger Filmemacher. Songs of the North von Soon-mi Yoo ist in erster Linie wegen seiner Entstehungsgeschichte interessant. Der Film wurde nämlich (illegal) in Nordkorea gedreht, ein Film über ein Land, zu dem der (Süd-)Koreanerin jahrelang der Zugang verwehrt worden ist, wie sie gleich zu Anfang in einem Zwischentitel festhält. Der Film hätte Agnès Varda Stolz gemacht: Gefilmt mit eher mittelmäßigen Kameras, teils versteckt, kombiniert mit Archivmaterialien und Ausschnitten aus nordkoreanischen Propagandafilmen. Das Ergebnis ist, wenn man mich fragt, zwar eher relevant und interessant, als „gut“, aber alles in allem wiegt hier die Faszination für das Artefakt an sich, die Mängel der filmischen Form auf. Darüber hinaus, und weil auch das hier immer wieder thematisiert wird, ein genuin digitales Werk, das auf 35mm, oder selbst auf 16mm, schlicht nicht machbar gewesen wäre.

Nordkoreanische Schneelandschaft in

Songs of the North

Außerdem habe ich mir Original-Schweizerschokolade gegönnt (CHF 5,85). Mjam, mjam.

PS: Cineteca di Bologna-Restauration eines Antonioni-Films auf großer Leinwand, mi piace.

Locarno-Tagebuch: Tag 4: Mein Leben als Strichcode

"L'Ultimo Gattopardo"

Tag 4 und es schüttet. Das passt so gar nicht, habe ich doch in den letzten Tagen festgestellt, dass wir uns hier in Italien befinden und mit Italien verbinde ich in erster Linie Schönwetter. Aber was soll’s, das Wetter kann man nicht ändern, und so nehme ich das erste Mal den Bus um von meiner Unterkunft in die Stadt zu gelangen. Dort erwartet mich das morgendliche Screening eines weiteren Wettbewerbsfilms. Fidelio, l’odyssée d’Alice, das Langfilmdebut der Französin Lucie Borleteau steht auf dem Plan und abermals vermisse ich Kühnheit und Konsequenz. Filme wie Fidelio oder Ventos de Agosto sind nicht schlecht – besser als gängiger Kino-Einheitsbrei allemal, aber zu oft fehlt mir die Vision, zu oft fühlen sich die Filme gezwungen an. Ewig schade, dass Fidelio sein großes Potenzial so sträflich vergeudet. Das Szenario klingt nämlich außerordentlich spannend: Alice, als Mechanikern und einzige Frau in der Crew auf hoher See, ihr Freund, ein Comiczeichner, zu Hause. Der Kapitän des Schiffs, ein Ex-Liebhaber, sexuelle Spannung liegt in der Luft. Nun sollte man meinen, dass sich diese sexuelle Spannung durch die Enge des Schiffsinnenraums und die Weite des Ozeans noch präziser herausarbeiten lässt. Darauf wartet man aber vergeblich, stattdessen inszeniert Borleteau den Film als schnödes Beziehungsdrama. Auch die Entladungen der sexuellen Spannung lassen zu wünschen übrig. Man wünscht sich mehr Körperlichkeit, mehr animalische Passion, sexuelle Eruptionen, statt bloßer Andeutungen.

Ariane Labed als Alice

Fidelio, l’odyssée d’Alice

Als Gutmachung für fehlende Kühnheit gab’s als Zwischengang Agnès Vardas zwei Episoden von Agnès de ci de là Varda, einer Reihe von Kurzdokumentationen, die vor wenigen Jahren für das französische Fernsehen entstanden sind. Varda, damals 83 Jahre alt, hat mehr Chuzpe und Esprit als viele ihrer jungen Kollegen, deren Filme mir hier im Wettbewerb präsentiert werden. Mit ihrem Spätwerk, reiht sie sich in die Reihe der ganz großen Essayfilmer ein. Sie ist eine Chronistin des Alltags mit einem unglaublichen, und unerreichten Auge für die Poesie von Abfall, Ausgestoßenen und Vergangenem.

Schließlich war dieser Samstag auch der Tag, an dem ich mein erstes Screening verpasst habe. Hold Your Breath Like a Lover wurde das Opfer meines straffen Plans, da Giuseppe Tornatores Dokumentation L’Ultimo Gattopardo, über den legendären Titanus-Direktor Goffredo Lombardo, durch eine (zu) ausführliche Einführung verspätet wurde. Schade darum, denn L’Ultimo Gattopardo ist abgesehen von einer Menge interessanter Hardfacts, lustiger Anekdoten und einer beeindruckenden Zahl an Interviewpartnern (darunter Bud Spencer, Ennio Morricone, Mario Monicelli, Alain Delon, Sophia Loren und Francesco Rosi) eine eher zähe Angelegenheit und erinnert an Dokumentarfilme über die großen amerikanischen Studiobosse – kritische Stimmen kommen nicht zu Wort und außer Talking Heads und ein paar Filmausschnitte und Archivmaterialien bekommt man nichts zu sehen.

Piazza-Bestuhlung beim Filmfestival Locarno

Durch die Verschiebungen in meinem Zeitplan konnte ich jedoch einen guten Sitzplatz auf der Piazza erlangen, wo ich (erstmals) eine der großen Galavorführungen besuchte. Der gute Sitzplatz war allerdings nicht allzu viel wert, denn der gezeigte Film, Hin und Weg, vom Deutschen Christian Zübert war ein Reinfall. Die Prämisse des Films zeigt eigentlich schon, dass es sich dabei um ein unvermeidbares Disaster handelt: Hannes leidet seit zwei Jahren an einer unheilbaren Krankheit und sein Zustand verschlechtert sich seit einigen Monaten rapide. Seinen Freunden, mit denen er nun seinen alljährlichen Radtrip unternimmt, hat er davon noch nichts erzählt. Dieses Jahr geht es nach Belgien – Hannes hat dieses Ziel ausgewählt, um dort Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Klingt makaber? Ist es auch. Hin und Weg ist nicht der erste Film, der mit erschreckend wenig Fingerspitzengefühl über Krankheit und Tod erzählt, wohl aber ein besonders unangenehmer seiner Zunft – unangenehm weil der Film für die Thematik zu sexy und zu blöd ist. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob dieser Film angesichts dieser Prämisse überhaupt zu retten gewesen wäre, selbst wenn er besser und interessanter gemacht wäre – die rund 8.000 Besucher beklatschen den Film aber brav, ich höre auch einige Schluchzer. Auf der Piazza werden (verständlicherweise) publikumswirksame Filme gespielt – was das bedeutet, brauche ich glaube ich nicht weiter ausführen.

Ein fröhlich makabrer Fahrradausflug:

Hin und Weg

PS: Ich habe noch gar nicht über Akkreditierungen gesprochen. Das will ich hiermit nachholen. Zu Beginn des Festivals hat man mir einen Pass mit Strichcode überreicht, beim Eintritt in den Saal wird man gescannt. Das funktioniert ganz gut, gibt einem aber ein wenig das Gefühl Supermarktware zu sein, vor allem am Piazza Grande, wo man beim Hinausgehen ebenfalls gescannt wird (wohl um die Besucherzahl eruieren zu können).

Die größte Leinwand Europas

Locarno-Tagebuch: Tag 3: Wo Französisch noch eine Weltsprache ist

"Ventos de Agosto"

Nachdem ich an Tag 2 vor allem den unzähligen Retrospektiven Besuche abgestattet habe, überkam mich ein wenig das schlechte Gewissen. Sollte man auf einem Filmfestival nicht eher die neuen Filme ansehen, die man vielleicht nie mehr im Kino zu sehen bekommt? Stattdessen verschwende ich meine Zeit in Utz und Le Pornographe, die man sich auch auf DVD besorgen könnte. Nun denn, der dritte Tag hatte einiges Neues zu bieten, während Locarno sich von seiner bewölkten Seite zeigte.

Der Piazza Grande in Locarno

Piazza Grande

Der Tag beginnt windig (Achtung Wortwitz!), mit Gabriel Mascaros Ventos de Agosto, einem Film, der sehr im Geiste des zeitgenössischen Weltkinos steht. Ein bisschen Jugend, ein bisschen Generationenkonflikt, ein bisschen Klimawandel, ein bisschen Nacktheit, ein bisschen Quirkiness und ganz viel bewusste Coolness. Die einzelnen Versatzstücke, dieses doch recht episodischen Werks sind zwar schön anzusehen und zeugen von Ideenreichtum, wirken in ihrer Zusammenstellung allerdings unmotiviert und zusammengeschustert. Das macht die Angelegenheit unnötig zäh.

Windmessung in

Ventos de Agosto

Auf Ventos de Agosto folgt mein (voraussichtlich) einziger Besuch eines Kurzfilmprogramms. Ich hatte in der Vorbereitung dieser Sparte nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet, und die fünf Filme im gezeigten Programm konnten mich nicht davon überzeugen meine Planung zu ändern. Ehrlich gesagt, erwarte ich mir von einem Programm in Locarno, einem Festival, das für kinematische Innovation steht, ganz einfach mehr. Die fünf Filme waren schnöde und konventionelle Spielfilme – nicht schlecht gemacht aber keineswegs an den Grenzen der filmischen Form. Einzig Morgan Knibbes Shipwreck, eine poetische Reflexion über ein Schiffsunglück im Oktober 2013 vor der Insel Lampedusa schafft es mich formal zu überzeugen. Bezeichnend hingegen, dass es selbst in Locarno reicht, wenn man einen großen Namen im Cast hat (Melanie Griffith im schmerzhaft konventionellen Thirst, der aussieht, als könnte er es in die Oscar-Kurzfilmsparte schaffen – das ist kein Kompliment)

Bestuhlung im PalaVideo in Locarno

Sexy Bestuhlung

Danach gelang es schließlich endlich einem Film mit etwas Kühnheit aufzuwarten. Eugène Greens La Sapienza dürfte ein Anwärter für Jurypreise sein. Ein außergewöhnlicher Film, wenn auch kein persönlicher Favorit, zugleich eine Architekturstudie und ein Musterbeispiel an Verfremdung. Der Film handelt vom Architekten Alexandre Schmidt, der mit seiner Frau Aliénor in die Heimat des tessinischen Barockarchitekten Francesco Borromini reist. Borromini ist ein Idol des Schweizer Stararchitekten, der zur Zeit eine Schaffenskrise durchzustehen hat und sich nun von Borromini inspirieren lassen will. In Bissone (Borrominis Heimatort) treffen sie auf ein ungewöhnliches Geschwisterpaar – die Schwester leidet an Schwächeanfällen, der Bruder ist angehender Architekturstudent. Auf Vorschlag Aliénors bleibt sie zurück und ermöglicht dem Bruder mit Alexandre nach Rom weiterzureisen. Daraus ergeben sich spannende Reflexionen über Licht, Menschen, Raum und Leben. Green weiß in diesen Dialogen über Architektur größere Weisheiten einzubringen, ohne jedoch aufgesetzt philosophisch zu wirken. Die Schauspieler, und das meinte ich mit Verfremdung, spielen mechanisch, ohne Emotion, allen voran Fabrizio Rongione als Schmidt. Greens strenge, symmetrische Kadrierung der Gespräche, die Protagonisten sitzen sich, zumeist kaffeetrinkend, an Tischen gegenüber, verstärkt das roboterhafte Gehabe der Charaktere noch. Alles in allem, wirkt La Sapienza äußert barock und architektonisch, der Inhalt spiegelt sich also im Stil wieder – auf die ein oder andere Marotte hätte man allerdings verzichten können.

Meine tägliche Dosis Léaud wurde mit Jean-Luc Godards Masculin féminin gestillt. Léaud sieht immer noch eher ungesund aus und murmelt abermals ein bisschen weltfremd ein paar Worte ins Mikro. Der Film zeigt vor, was ich mir von den Wettbewerbsfilmen wünschen würde – kühnes, innovatives Filmemachen.

Jean-Pierre Léaud in

Masculin féminin

Auch Agnès Varda ist persönlich in Locarno anwesend (erstaunlich ob ihres doch recht fortgeschrittenen Alters) und legt, anders als Léaud, bei der Vorstellung ihres Films Documenteur so richtig los, sodass ich ihren französischen Ausführungen schon bald nicht mehr folgen kann. Französisch wird hier prinzipiell nicht übersetzt und als Lingua franca vorausgesetzt – auch Masculin féminin wurde in Originalversion ohne Untertitel gezeigt. Italienische Ansagen und Einführungen werden kurioserweise übersetzt – ins Französische. Documenteur ist ein selten gezeigter Film, deshalb habe ich diesmal kein schlechtes Gewissen, dafür auf einen neuen Film zu verzichten. Der Film mischt fiktionale und dokumentarische Form und bietet somit eine großartige Gelegenheit Agnès Vardas Gespür für die Poesie des Alltags zu bewundern.

Anders, wenn auch nicht weniger beeindruckend, mein Tagesabschluss Il sole negli occhi, ein neo-realistisch angehauchtes Melodrama von Antonio Pietrangeli. Ein Film aus dem Jahr 1953, dessen Dramaturgie und Finale seiner Zeit knappe fünfzig Jahre voraus ist. Der Film ist weder besonders flashy, noch besonders „schön“ im herkömmlichen Sinne, aber wirkt sehr organisch (trotz einigen kitschigen Momenten). Die Geschichte eines unschuldigen Mädchens vom Land, das in Rom als Hausmädchen arbeiten muss und sich in der Stadt zurecht finden muss klingt auf den ersten Blick wenig weltbewegend, dank einiger spannender Wendungen und der engelsgleichen Gestalt Gabriele Ferzettis, kann der Film aber über sich hinauswachsen und transzendiert in gewisser Weise die Limitationen seines Genres und Milieus. Ein schöner Abschluss, und vor allem einer, bei dem es keine Mühe macht wachzubleiben.

La Grande Dame Agnès Varda

Agnès Varda

PS: Mein Italienisch, das nie besonders gut war, beginnt wieder aufzufrischen und ich zweifle immer mehr an der Sinnhaftigkeit meines Französisch-Schulunterrichts, dass ich vergleichsweise schlecht beherrsche.

PPS: Ein Italiener sah mich heute befremdend an, als ich mir Wasser aus der Leitung in meine Plastikflasche fülle. Er fragt mich, ob man das Wasser trinken kann, ich nicke. Als er so richtig loslegen will, endet unsere Konversation, als ich ihm zu verstehen gebe, dass ich kaum Italienisch spreche. Long story short, ich hoffe das Wasser in Locarno ist trinkbar.

PPPS: Für die Qualität meiner Fotos möchte ich mich an dieser Stelle entschuldigen. Ich bin leider der schlechteste Fotograf, den ich kenne.