Service ohne Namen (Etalagen II)

Angenagelte Schuhsohlen bedecken eine mit Raufaser tapezierte Wand. Lustlos und abgehangen, in gelblich schimmernden, verbeulten Plastiktüten der Größe nach aufgereiht. Eine Stelle bleibt frei, der Nagel schämt sich. Die meisten Verpackungen zeigen kein besonderes Interesse an ihrem Inhalt, nur eine einzige mit der Aufschrift »Deo«. Man darf zweifeln. Nichts wird weniger anrüchig sein, als Schuhsohlen, die nicht wissen, was sie tun. Das Fenster daneben in selber Manier, Schlösser in unterschiedlichster Ausführung. Ganz oben hängend kleine, sicher dekorativ bestimmte, Vorhängeschlösser, allmählich größer werdend, zudem Fahrradschlösser – etwas verloren –, sowie Schließzylinder und Türschlösser. Allesamt mit steckendem Schlüssel und Ersatz. Nach unten hin verliert sich die ordentliche Reihung, ein antiquiertes Schloss entstellt die Symmetrie. Das grell leuchtende Werbeschild weist mit einem Schlüssel-Emblem und dem Zusatz »Service« auf die angebotenen Dienstleistungen hin: Ein rostiger Schlüssel nebst ledernen Kinderschuhen. Hier lernen alte Schlösser wieder laufen. Darunter, auf einem Sims gereihte Absätze aus Kunststoff und Holz, in fünf Farben, unterschiedlich geformt; sowie sechs Dosen Schuhcreme in Schwarz, Weiß und Braun. Nun tritt aus der unheimlich peniblen Gegenüberstellung die notdürftig verheimlichte Unordnung in drei Etagen hervor, indem sich das gesamte Sortiment mit einer entrückten Logik nochmals entlädt: Zunächst Türgriffe und Schnürsenkel. Dann Fenstergriffe und Innensechskantschlüssel, erneut Zylinder diverser Größen und Vorhängeschlösser, diesmal mit Zahlen-Kode. Darunter sechs Bürsten, reihenweise Schuhwachs, zwischendurch wieder Fahrradschlösser und staubige Schuhspanner. Davor drei Sukkulenten in bunten Töpfen, mit Preisetikett. Nur durch einen schmalen Abtritt und eine zurückgezogene Tür ist das kaum einsehbare Geschäft vom Gehsteig getrennt. Halb Werkstatt, halb Tresen. Schuhe und Schlüssel – Dinge, die an einen anderen Ort verhelfen. Hinter irgendeine Tür, deren Schloss sie öffnen, über deren Schwelle sie treten, verlieren sie einen Teil ihrer Bedeutung, den nur das Kino in neurotischer Erhabenheit retten will. Einmal zusammen in Marnie von Alfred Hitchcock. Fetische, ohne Frage anachronistisch, die das städtische Gewirr beherrschen, aber auf diese Weise vielleicht gar nicht mehr existieren. Gleich der Geschäfte mit unbekanntem Namen? Zweifelhaft die Vorstellung, Schuhe und Schlüssel mit dem selben Werkzeug zu bearbeiten.

(Servitengasse)

Das blaue T (Etalagen I)

Zentral gelegen, eigentlich mitten in der Stadt, an einer Kreuzung, die man täglich passiert. Schon am frühen Morgen bleiben Menschen für zwei Augenblicke stehen, als würden sie sich spontan an etwas erinnern und dann wieder vergessen. Also ist es doch eher ein Moment der Gedankenverlorenheit. Das passiert in der Regel zufällig, hier aber mit Vorsatz und Bedacht. Bis in die Nacht erleuchten diese Fenster den Gehweg davor, abseits davon bleibt es trist und zappenduster. Erstaunlich, wie solch ein dürftiger Ort mit Behaglichkeit erfüllt werden kann. Von den Wänden schauen bunte Vögel, hauptsächlich Meisen, aus stillosen Rahmen herab. Daneben ein Spiegel, der im Vorbeigehen, gepaart mit einem vorübergehenden Schauer, erst das eigene müde Gesicht gebiert, dann die der anderen. Manchmal glaubt man aus dem Augenwinkel jemand neben sich stehen zu haben, nur um dann doch dem Trugbild der Reflexion aufzulaufen. Im Vordergrund stehen die virtuos gefertigten Murano-Glasarbeiten, unzählige tulpenförmige Vasen und immer wieder ausladende Aschenbecher. Vis-a-vis soll eine Ausstellung mit noch ausschweifenderen Formen stattfinden, verrät ein Plakat. Im zweiten Fenster tummeln sich noch mehr Vasen, viel kleiner und aus Keramik. Nur ein Büschel Thymian würde darin möglicherweise Platz finden. Links, aufgereihte Porzellanfigürchen in drei Stockwerken. Zahllose Schnabeltiere, ein umschlungen tanzendes Paar und wieder ein Aschenbecher, den eine eingebrannte Salzburger Stadtansicht ziert. Asche auf Salzburg, das muss es sein. Im Allgemeinen erscheinen die Dinge immer winziger zu werden, je länger man mit ihnen Zeit verbringt. Das dritte und letzte Fenster, dessen Beleuchtung erstaunlicherweise gegenüber den anderen zu wünschen übriglässt, birgt reichlich Schmuck, vor allem Ringe aus abgenutztem Gold und Silber mit funkelnden, aber wohl billigen Steinen, die sich an samtene Handattrappen schmiegen. Hoch oben in der Ecke hängend, fällt ein blauer Buchstabe auf. T, wie Tafelspitz, Theodora, Tastsinn, Tragödie, Tod, Triangel. Immer tiefer versunken, spaziert plötzlich ein hell summender Herr mit eiligem Schritt vorbei und ich wundere mich, ob er wirklich so neugierig wie dreist fragte: »Etwas gefunden?«. Tatsächlich, subtil versteckt eine gerahmte Landkarte der polnisch-slowakischen Hohen Tatra aus dem Jahr 1814. Leider bis über die Feiertage geschlossen.