Locarno 2014: Ein Blick zurück

Der Lago Maggiore

Nach ein paar Tagen Ruhe und einer Staffel House of Cards (unter anderem) um einem Bewegbild-Cold-Turkey vorzubeugen, hier nun mein Abschlussbericht vom Filmfestival Locarno 2014. Die Gelegenheit möchte ich dazu nutzen, einige der gesehenen Filme näher zu besprechen, wozu mir während des Festivals leider die Zeit und Energie fehlte. Im Mittelpunkt stehen dabei die neuen Filme, wohingegen ich weder über die Filme der diversen Retrospektiven, noch über das Wetter schreiben werde.

Kristen Stewart und Juliette Binoche in

Sils Maria

Sils Maria von Olivier Assayas

Diese vielleicht größte persönliche Enttäuschung des Festivals habe ich in meinem Tagebuch mit nur wenigen Zeilen bedacht. Nach einiger Bedenkzeit, kann ich mit Olivier Assayas‘ neustem Film zwar noch immer nicht anfreunden, aber zumindest meine Haltung zum Film artikulieren. Vorweg möchte ich erwähnen, dass ich ein großer Fan des Regisseurs bin. In seinen besten Filmen vermag er es gleichsam jugendliches Lebensgefühl einzufangen, und eine politische Botschaft zu vermitteln. Seine Filme zeichnen sich formal durch seine unkonventionellen Schnitte und seine hochbewegliche Kamera aus, die eine intime Atmosphäre schaffen. Wiederkehrende Themen, die alle irgendwie zusammenhängen, wie Jugend, Revolution, Drogen Rock’n’Roll, Sexualität, Autobiographisches und sein dynamischer Stil ergänzen sich großartig. In Sils Maria fehlt mir all das. Zugegeben, es geht, grob gesagt um Generationenkonflikte, aber die Art und Weise wie Assayas diese Konflikte behandelt, unterscheidet sich stark von seinen früheren Filmen. Anstatt sich den Charakteren anzunähern und die Beziehungen der drei Frauen (großartig gespielt von Juliette Binoche, Kristen Stewart und Chloe Grace Moretz) in intimer Atmosphäre durchzuexerzieren, widmet sich Assayas zu oft dem Schweizer Alpenpanorama und lässt seine Schauspielerinnen kammerspielartig agieren, ohne jedoch aus der Raumdynamik zwischen der Weite der Berge und der Enge der Berghütten und Hotelbars einen Mehrwert zu ziehen. Das ist zwar auch schön, aber weder ist Assayas besonders talentiert darin Bergpanoramen zu fotografieren (wie oben erwähnt ist Intimität seine Stärke, und die steht in starkem Widerspruch zur Größe und Werte eines Bergpanoramas), noch gehe ich in einen Assayas-Film um mir die Alpen anzusehen. Das Assayas durch seine kammerspielartige Inszenierung die Handlung formal spiegelt, lasse ich nicht gelten, denn die Metaebene wird ohnehin schon inhaltlich (über-) strapaziert: Die gealterte Starschauspielerin Maria Enders (Binoche) soll eine Rolle im gleichen Stück übernehmen, dass sie einst berühmt gemacht hat. Nun soll sie aber nicht die junge Verführerin Sigrid, sondern die ältere Helena, die schließlich von Sigrid in den Selbstmord getrieben wird, mimen. Der Konflikt im Stück, wird durch den Konflikt zwischen Enders und ihrer Assistentin (Stewart) beziehungsweise ihrem jungen Co-Star Jo-Ann Ellis (Moretz) dupliziert. Auf dem Papier klingt diese Konstellation tatsächlich vielversprechend, so war ich auch nicht weiter verwundert, als der Film nach seiner Premiere in Cannes mit Lob überschüttet wurde. Heute kann ich darüber nur mehr den Kopf schütteln, denn die Inszenierung ist flach und blutlos, Binoche geht voll auf in ihrer Rolle als gealterter Star, ihr gegenüber versuchen Moretz und Stewart ihr bestes, ihre Charaktere haben aber nicht annähernd die Tiefe wie Maria Enders. Werden die Spannungen in der Figurenkonstellation wenigstens noch rudimentär in der filmischen Umsetzung berücksichtigt, so werden Raumdynamiken (und da bietet sich gerade die Gegenüberstellung von Alpenlandschaft und Theaterbühne an) geflissentlich übergangen. Auch der Medienrummel um Jo-Ann Ellis und der Tod von Marias Mentor Wilhelm Melchior, dem Autoren des Stücks werden nur nebenbei gestreift – kurz, Assayas schöpft das Potenzial des Sujets nicht annähernd aus. Nicht nur, dass diesen Film wohl auch ein Lasse Hallström passabel über die Bühne hätte bringen können und es dafür keinen Assayas gebraucht hätte, alles in allem, ist der Film ganz einfach einfallslos. Ein konsequent durchgearbeitetes Drama, das handwerklich so konventionell daherkommt, dass man es eigentlich kaum kritisieren kann, aber auch keinerlei Raum für große Ideen lässt. Ein Film, wie ihn aufstrebende europäische Regisseure machen, wenn sie das erste Mal nach Hollywood gehen und für das große Geld ihre Kreativität opfern. Assayas‘ internationale Filme rangierten in meiner persönlichen Wertung bis jetzt ohnehin schon am unteren Ende, aber selbst in Clean und Boarding Gate behielt er ein Mindestmaß an Rebellion und formaler Experimentierfreudigkeit. Die ist ihm in Sils Maria abhandengekommen. In einzelnen Momenten fühlt man diese Energie unter der Oberfläche brodeln (z.B. als Stewart nach durchzechter Nacht unter Metal-Beschallung eine Bergstraße entlangfährt, schließlich aussteigt und kotzt), das ist aber zu wenig um über die Enttäuschung hinwegzutrösten.

Das ominöse Boot in

Ventos de Agosto

Ventos de Agosto von Gabriel Mascaro

Einem der Film, dem ich ebenfalls zu wenige Zeilen gewidmet habe, ist Gabriel Mascaros Ventos de Agosto. Der Film wurde immerhin mit einer lobenden Erwähnung der Jury bedacht und ist von Presse wie Publikum durchwegs positiv aufgenommen worden. Auch hier frage ich mich, warum? Ventos de Agosto ist ein Film so sehr von seiner eigenen Coolness überzeugt, dass er darüber völlig vergisst, dass neben Coolness auch Faktoren wie Kohärenz, Dramaturgie und Vision einen guten Film auszeichnen. Der Film ist voll von Szenen, die zum Schmunzeln, wie Staunen einladen und es ist gut, dass es Filmemacher mit derartigem Esprit und Einfallsreichtum gibt. Dafür aber darauf zu verzichten, diese Ideen in ein großes Ganzes einzubinden, Verknüpfungen herzustellen, nicht nur oberflächliche Botschaften mitzugeben, und eine künstlerische Stellung zu beziehen, ist fatal. So bleiben zwar tätowierte Schweinen, Coca-Cola-Dosen und Sex auf Kokosnüssen in Erinnerung, aber die aufgesetzte Hipster-Deadpan-Komik und die „sieh mich an, ich bin ein Kunstfilm!“-Allüren im (Ton-) Schnitt können nicht darüber hinwegtäuschen, dass man Selbstreflexivität nicht ohne Subtilität einsetzen sollte. Gegen eine Fortführung inszenatorischer Traditionen der Stummfilmslapstickkomik ist an und für sich nichts einzuwenden (ganz im Gegenteil), aber dann bitte nicht bloß als Gimmick, wie in Ventos de Agosto oder auch in Dos Disparos, sondern eingebettet in ein künstlerisches Gesamtkonzepte (wie man das macht, kann man z.B. bei Elia Suleiman sehen), sonst wirkt es aufgesetzt, ja selbstgefällig.

Vor dem Obdachlosenasyl in

L’Abri

L’Abri von Fernand Melgar

Dokumentarfilmen wird in Locarno, wie bei den meisten anderen großen Festivals, wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Im Gegensatz zu Experimental- und Animationsfilm, findet man aber doch einige wenige Vertreter dieser Gattung. Ein herausragendes Beispiel war L’Abri, einer meiner persönlichen Favoriten. Meines Erachtens ist der Film im allgemeinen Trubel etwas untergegangen. Selbst die heimische Presse schenkte Cure – The Life of Another mehr Beachtung als dem Schweizer Beitrag L’Abri. Nepotismusvorwürfe sind hier ohnehin fehl am Platz, denn seinen Platz im Wettbwerb hat sich L’Abri redlich verdient. Neben einem politisch und gesellschaftlich hochbrisanten Thema wie Armut und Zuwanderung, konnte der Film auch mit seiner Form überzeugen. L’Abri bleibt dabei trotz seines heißdiskutierten und emotional-geladenem Thema stets differenziert und hat auch über die Schweizer Landesgrenzen hinaus Bedeutung. Denn das Obdachlosenasyl in Lausanne, dass Melgar einen Winter lang studiert, könnte man so auch in diversen anderen europäischen Großstädten vorfinden. Obdachlosigkeit und Immigration (wenn ich mich richtig erinnere kommt im gesamten Film kein einziger gebürtiger Schweizer Obdachloser zu Wort) sind eng miteinander verknüpft und laden zu einseitiger Berichterstattung ein. Parolen wie „Ausländer raus!“ hört man aber ebenso vergeblich, wie Plädoyers für schrankenlose Zuwanderung. Dafür ist Melgar, wie mir scheint, zu intelligent. Vielmehr lässt er die Betroffenen selbst zu Wort kommen, in langen Gesprächen zwischen den Obdachlosen, in denen der Filmemacher unsichtbar bleibt, zeigen sich deren Lebenswelten und (zerbrochenen) Träume. Wie Melgar es geschafft hat das Vertrauen dieser Menschen zu bekommen ist beeindruckend und vielleicht der entscheidende Faktor für den Erfolg des Films. Auf der anderen Seite kommen auch die Angestellten des Asyls zu Wort. Jene Angestellten, für die die Hilfesuchenden nicht bloß statistische Kennzahlen, sondern menschliche Wesen sind, und die Nacht für Nacht die Regeln biegen und Menschen von der Straße holen, für die sie, laut Reglement, eigentlich gar keinen Platz haben. Nach für Nacht bleiben aber auch ein paar verlorene Seelen vor den verschlossenen Toren des Asyls zurück, und Nacht für Nacht lässt sich nur erahnen welch große mentale Belastung das Auswahlverfahren für die Türsteher sein muss. Da werden Familien zerrissen und mittellose Menschen bei eisigen Temperaturen in Todesgefahr gebracht. Der Film bietet keine Lösung an, aber lädt zum Nachdenken ein. Zum Nachdenken über soziale Verantwortung und die Stellung Europas in der Welt. Gleichzeitig ist L’Abri ein durchwegs heterogenes Werk, dass die Grenzen der dokumentarischen Form austestet. Zwischendurch gibt es Phasen in denen man sich fragt, ob die Protagonisten nicht doch Schauspieler sind. Die Bebilderung der Arbeitsabläufe im Asyl wiederum führen die große Tradition des Cinéma Verité und Direct Cinema fort. In dieser Hinsicht war der zweite Dokumentarfilmbeitrag The Iron Ministry sogar noch radikaler, allerdings wirkte der durch seine formale Strenge beinahe zu distanziert und observativ. L’Abri hingegen fühlt mit den Menschen und wehrt sich gegen die Sterilität, die einer solchen Milieustudie leicht anhaften kann.

Jason Schwartzman in

Listen Up Philip

Listen Up Philip von Alex Ross Perry

Kategorisiert man Listen Up Philip als typischen „Sundance-Film“ so liegt man mit dieser Einordnung nicht ganz falsch. Listen Up Philip ist die Quintessenz eines amerikanischen Indies (was auch immer das sein soll). Nur eine sehr beschränkte Anzahl dieser Filme schafft es auf die großen europäischen Festivals, noch weniger werden zu kommerziell erfolgreichen Hitfilmen und dürfen sich im Folgejahr im Oscarglanz sonnen. Listen Up Philip wird letzteres Schicksal wohl erspart bleiben, dazu fehlen dem Film einige wichtige Merkmale, wie zum Beispiel ein sympathischer Protagonist, positive Charakterentwicklung und ein Happy End (geschweige denn überhaupt ein zufriedenstellender Abschluss). Aber wieder zurück zu Sundance: Es hat sich mittlerweile eine ganze Industrie etabliert, die mit mittelmäßig großem Budget und ein, zwei großen Namen halbtragische, halbkomische Spielfilme produziert, in denen es meist um (gescheiterte) Künstler oder Exzentriker geht. Gibt es ein entscheidendes Attribut, dass man diesen Filmen zuschreiben könnte, so wäre es wohl „Quirkiness“ (frei übersetzt: Schrulligkeit). Listen Up Philip ist auf der Quirkiness-Skala sehr weit oben angesiedelt. Das liegt zum einen am namensgebenden Protagonisten, einem Schriftsteller, der gerade an seinem zweiten Roman schreibt und sich durch eine ausgeprägte asoziale und eigenbrötlerische Ader auszeichnet, und zum anderen an der Ästhetik des Films, die die im Moment so beliebte Deadpan-Komik mit einer Prise Wes Anderson, einem auktorialen Erzähler und sehr viel kitschigem Licht kombiniert. Dass der Film in Brooklyn spielt, ist eine Selbstverständlichkeit. Auf dem Papier klingt diese Mischung grauenerregend, nicht dass an amerikanischem Indie per se etwas auszusetzen wäre, aber die Formel wird, so scheint es, gnadenlos überstrapaziert – so sehr überstrapaziert, dass man sie eigentlich nicht mehr ernst nehmen kann.

Der amerikanische Indie ist alles in allem einem realistischen Postulat unterworfen, das heißt man versucht in der Regel eine Geschichte zu erzählen, wie sie auch im echten Leben vorkommen könnte, wenn tatsächlich einmal solch schrullige Charaktere aufeinandertreffen würden. In Listen Up Philip ist das anders, man kann dem Film einfach nicht mehr abnehmen, dass der Ungustl Philip sich unter die Fittiche des nicht minder unsympathischen Starautors Ike Zimmermann (ein grandioser Jonathan Pryce) begibt, eine Professorenstelle annimmt, und sich unter Anleitung Zimmermanns schließlich dazu entscheidet ein Leben als einsames Genie zu führen. Man kann dem Film ganz einfach nicht abnehmen, dass dieser präpotente Großkotz tatsächlich gut ist, in dem was er tut, und nicht bloß ein Aufschneider. Man erwartet nicht, dass gerade so ein Mensch tatsächlich Erfolg hat – so viele vergangene Filme haben uns das Gegenteil gelehrt und Charaktere wie Philip entweder auf den harten Boden der Realität fallen, oder eine Erleuchtung samt Lebenswandlung erfahren lassen. Listen Up Philip tut dies alles nicht und wird so zum Märchen, zum pervertierten amerikanischen Traum, zum Hipster-Manifesto – große selbstreflexive und ironische Erzählkunst.

Ausnüchtern in

Gyeongju

Ein asiatischer Doppelpack

Die beiden letzten Wettbewerbsfilme, die ich gesehen habe waren Alive von Park Jung-bum und Gyeongju von Zhang Lu. Diese beiden Filme vereint nicht nur ihre überdurchschnittliche Länge (drei bzw. zweieinhalb Stunden), sondern auch eine filmische Philosophie, die sich in einer bestimmten Herangehensweise an den Faktor Zeit äußert. Denn diese beiden Filme sind nicht lang, weil sie eine epische Geschichte zu erzählen haben, sondern spielen über vergleichsweise kurze Zeiträume (bei Gyeongju ist es gar bloß ein einziger Tag) und beobachten in erster Linie Alltagshandlungen. Dadurch, und das ist eine Strategie, die mir persönlich sehr nahe steht, entstehen Einblicke in die Lebenswelt der Menschen im Film. Ich habe mich im Laufe des Festivals öfters über aufgesetzte und platte Inszenierungen beschwert und tatsächlich musste ich mich nach Lav Diaz am Eröffnungstag bis zu diesem asiatischen Doppelpack gedulden, um wieder Lebensrealität im Kino wahrzunehmen (Pedro Costa habe ich bewusst in dieser Kategorisierung ausgespart). Geradezu ironisch also, dass Hauptcharakter Jung-chul von einer Auswanderung auf die Philippinen träumt. Es kommt nicht so weit und am Ende des Films befindet sich Jung-chul gar in einer verzweifelteren und aussichtsloseren Position als zuvor, doch das macht keinen Unterschied, denn für diese Art von Film ist nicht der Handlungsbogen, sondern die Handlungen an sich entscheidend. Jung-chul fällt einen Baum. Jung-chul kocht Suppe. Jung-chul prügelt sich.

Gyeongju ist die Idee eines „Handlungsbogens“ von vornherein fremd. Noch mehr als in Alive, wo es ja doch noch um etwas, das Überleben, geht, ist Gyeongju eine spirituelle Wanderung durch alte Teehäuser und UNESCO-Weltkulturerbe. Anders als Jung-chul fällt Choi Hyeon weder Bäume, noch kocht er Suppe. Er ist Professor für Politikwissenschaft und kein körperlicher Arbeiter, sein Metier ist das abstrakte Denken und demgemäß sind seine Handlungen auch geistiger Natur. In Alive geht es ums physische Überleben. Das ist in Gyeongju gesichert, hier geht es um eine spirituelle und geistige Suche – die Gegenwart wird über die Vergangenheit befragt und die Antworten bleiben unbefriedigend. Diese abstrakte Dimension macht Gyeongju zum besseren, zum mutigeren Film und zu einem der besten und mutigsten Filme des Festivals.

Locarno-Tagebuch: Tag 9: In weiter Ferne, so nah

In weiter Ferne, so nah

Ich möchte heute über Kentucker Audley sprechen. Kentucker wurde ob seines Namens in der Schule wahrscheinlich oft gehänselt. Heute ist er Schnurrbartträger und Schauspieler. In dieser Doppelfunktion spielt er die Hauptrolle in Charles Poekels Debutlangfilm Christmas Again, der hier in Locarno im Concorso Cineasti del Presente, und erstaunlicherweise nicht in Sundance, seine Weltpremiere feierte. Mein kleiner Verweis auf Sundance lässt erahnen, dass sich der Film sehr gut in die amerikanische Indie-Szene einordnen lässt. Das bedeutet in der Regel, dass ein Film zwar (relativ) unabhängig produziert ist (zumindest für amerikanische Verhältnisse), aber trotzdem die Narration und der Unterhaltungswert Formfragen übergeordnet sind. Die letzte Woche habe ich damit verbracht, mich über fehlende Kühnheit und Innovation in der Inszenierung zu beschweren und mehr Willen zur Kunst zu fordern, ein Wille, der auch in Christmas Again nicht erkennbar ist. Im Falle dieses speziellen Films, kommt jedoch der „Faktor Ford“ ins Spiel – man könnte ihn auch nach Chaplin oder Ozu benennen. Diese Regisseure haben auch Kunst geschaffen, ohne dass es ihr ausgesprochenes Ziel war, indem sie simpel und organisches Geschichtenerzählen inhaltlich und formell perfektioniert haben. Damit möchte ich nicht sagen, dass Charles Poekel ein neuer John Ford ist, aber zumindest, dass er es schafft über achtzig Minuten eine Geschichte zu erzählen, die visuell so aufbereitet ist, dass man Nähe, Emotion und Schönheit spürt. Da ist nichts unnötig „heavy-handed“, da wird nicht übermäßig mit Licht oder Musik getrickst, „Christmas Again“ ist ein schöner und liebenswerter (Weihnachts-) Film. Punkt.

Die

Locarno

Vom Zweitwettbewerb zum Hauptwettbewerb. Auch hier gab’s wieder Neues für mich zu sehen und zwar drei Filme, die sich kontinuierlich steigerten. Begonnen hat der Tag mit Paul Vecchialis Dostojewski-Adaption Nuits Blanches sur la Jetée, einem dialoglastigen Kammerspiel, in dem sich Nacht für Nacht zwei verlorene Seelen am Dock einer französischen Küstenstadt treffen für das ich um neun Uhr morgens noch nicht annähernd gewappnet war. Vielleicht überforderte mich das stetige Untertitellesen, vielleicht ist der Film aber ganz einfach auch nicht gut, denn als ich nach einiger Zeit einschlief und ein paar Minuten später wieder aufwachte, schien die Situation im Film unverändert (das heißt, es standen sich noch immer die beiden Hauptcharaktere im Dunkeln gegenüber und sprachen in gekünstelter Sprache über vergangene Liebe und die Wirren des Lebens). Zugegeben, der Film ist ganz nett anzusehen, macht es sich mit seinen (wenigen) Motiven aber auch nicht allzu schwer (Ein Hintergrund aus Hafenlichtern in Unschärfe macht sich ganz einfach gut). Alles in allem, war Nuits Blanches sur la Jetée aber der bisher schwächste Film im Wettbewerb. Nur um das klarzustellen, ich kritisiere den Film nicht für seine Theatralität, sondern dafür, dass er genau das, was einen theatralen Film auszeichnen kann, nicht macht: Die Dialoge sind zwar theatralisch geschrieben, aber nicht von besonders hoher Qualität, die Begrenztheit des Raums nutzt der Film ebenso wenig, wie die Möglichkeit mithilfe der Kamera die bühnenartige Anordnung aufzulösen (der Film findet vor allem in statischen Einstellungen statt).

Nuits Blanches sur la Jetée

A Blast, ein griechischer Film, war da schon eine Steigerung. Wie in Fidelio, l’odyssée d’Alice geht es hierin um eine Frau und die Seefahrt. In A Blast ist es allerdings die Frau, die daheim zurückbleibt, und ihr Mann der Kapitän eines Öltankers. Aber dieser Umstand ist, wie viele biographische Details im Film, irrelevant für den Verlauf. Elliptisch erzählt Regisseur Syllas Tzoumerkas von der selbstzerstörerischen Ader einer Frau, einer Familie und eines ganzen Staates. Gekonnt weiß Tzoumerkas Mikro- und Makroebene zu vermengen und gegeneinander auszuspielen, auch wenn er sich, wie mir vorkommt, einige Male in seiner eigenen Raffinesse verliert.

Sex in

A Blast

Als dritter Wettbewerbsfilm des Tages stand The Iron Ministry am Programm. Ein Dokumentarfilm über eine bzw. mehrere Zugfahrten in China vom US-Amerikaner J.P. Sniadecki. Sniadecki lässt die Bilder und die Zuginsassen sprechen, gibt keinen Kommentar, stellt nur selten Fragen. Wir sehen überfüllte Gänge, verschiedene Zugklassen, das Bordpersonal und allerlei exotische (für das westliche Auge) Kuriositäten. Der Film wird dabei allerdings nie marktschreierisch oder gar rassistisch, sondern zeigt (zumindest mir) neue Seiten dieses faszinierenden Landes. So filmt Sniadecki Chinesen der Mittelschicht (?), die offen und unerwartet selbstreflexiv über die Lage ihres Landes und der Kommunistischen Partei debattieren, über zu niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen.

Die Menschen verließen hier in großer Menge den Saal, was bei so einem Film allerdings zu erwarten war. Dieser Umstand ermöglicht es mir aber, noch ein Wort über den Besucherzuspruch zu verlieren. Der ist mittlerweile wieder etwas zurückgegangen, nachdem es am Ende letzter bzw. Anfang dieser Woche teilweise schwierig war Plätze zu ergattern, und man, gerade in den kleineren Kinos, beträchtliche Wartezeiten in Kauf nehmen musste. Die zweite Hälfte des Festivals war aber generell besser besucht als die erste, nun an den letzten Tagen, machen sich jedoch einige frühzeitige Abreisen bemerkbar. Über das hohe Durchschnittsalter des Publikums habe ich bereits geschrieben – in dieser Hinsicht hat sich nichts geändert.

Fleischverarbeitung im Zug -

The Iron Ministry

Der Semaine de la Critique habe ich auch einen Besuch abgestattet, und ich bedaure, dass ich nicht mehr als nur diesen einen Film aus der Reihe sehen konnte, und dass es sich dabei um The Stranger handelte (15 Corners of the World und Electroboy klangen verlockender). The Stranger ist, wie alle sieben Filme der Semaine, ein Dokumentarfilm und behandelt, rund fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod, die letzten Jahre von Neil MacGregor, einem englischen Designer, der sich scheinbar grundlos auf eine irische Insel abgesetzt hatte und dort ohne Strom, fließendem Wasser und Heizung lebte. Der Film wurde leider Opfer seiner sehr speziellen Materie, dieser Person, von der ich noch immer nicht weiß, ob sie überhaupt bekannt oder berühmt war, an der ich nie Interesse, geschweige denn Sympathie, entwickeln konnte. Formal ist der Film brav gearbeitet, kombiniert Reenactments, Interviews, Archivfotos und beeindruckende Aufnahmen der irischen Küstenlandschaft, aber er schaffte es schlussendlich nie mich zu fesseln – beim restlichen Publikum kam der Film allerdings gut an, weiß womöglich heißt, dass es tatsächlich die Thematik war, die den Film für mich unzugänglich machte.

Sils Maria von Olivier Assayas, den ich eigentlich sehr schätze, möchte ich einfach nur möglichst schnell wieder vergessen. Seit der Premiere in Cannes wartete ich sehnsüchtig auf den Film und dann das: Kein Sex, keine Drogen, kein Rock’n’Roll, keine Revolution – das ist kein Assayas-Film.

Vive la Binoche!

Sils Maria

PS: Die Kombination aus wenig Schlaf, Herumhetzen und angestrengtem Filmschauen hinterlässt seine Spuren. Ich bin mittlerweile froh, dass das Festival bald aus ist.