Das Gewicht der Welt auf den Schultern: Hoop Dreams von Steve James

Hoop Dreams von Steve James

Nach fast drei Stunden, kurz vor Ende des Films, wirft Hoop Dreams noch einmal einen Blick zurück. Kurz nachdem wir sehen, wie die beiden Protagonisten Arthur Agee und William Gates ihre Abschlussprüfungen an der High School absolviert haben und mit Basketballstipendien in einen neuen Lebensabschnitt starten, ist noch einmal der 14-jährige Arthur zu sehen – damals frischgebackener Absolvent einer Grammar School in den Housing Projects im Westen Chicagos, unverbraucht und hoffnungsvoll am Basketballplatz. Der Film, der zuvor streng chronologisch voranschritt und dabei zwei Jugendliche vier Jahre beim Heranwachsen begleitete, hat hiermit sein Ende erreicht. Und dieses Ende bedeutet, dass es Zeit für eine Rückschau ist.

Die Bilder des Arthur Agee vom Beginn des Films schließen dramaturgisch den Rahmen, weisen darauf hin, dass die Geschichte nun zu Ende erzählt ist. Für die Struktur und die Narration des Films sind sie eigentlich unerheblich und doch entfalten sie als eine Art punctum eine subtile Schockwirkung. Der Trott der Kontinuität wird unterbrochen, die stete (körperliche) Entwicklung des Jungen, die im Film in mikroskopischen Schritten dokumentiert ist, wird in der Konfrontation mit der Vergangenheit erstmals so richtig bewusstgemacht. Dieser Film, diese Geschichte zweier Familien und zweier Sportler, verweist in seinen letzten Minuten auf den Fortgang der Zeit.

Hoop Dreams von Steve James

Das Bild des Protagonisten als Kind, der nur wenige Sekunden zuvor als volljähriger Highschool-Absolvent zu sehen war, dient als Hinweis auf den Zeitraum, der in den vergangenen 170 Minuten überbrückt wurde, und zugleich sprengt er die hermetische Blase aus Basketball, Schule und Familienleben, die der Film zuvor nur selten verlassen hat. Das Leben von Arthur Agee und William Gates war bis zu diesem Zeitpunkt ganz nach den Anforderungen eines Sportlerdramas gezeigt worden. Doch Hoop Dreams ist kein Coach Carter, kein Remember the Titans und kein School Ties.

In dem unscheinbaren Rückblick offenbart sich ein Weltbezug, der den Heldenerzählungen der Sportfilmgeschichte abgeht. Der Film öffnet sich damit zur Welt, will sagen, dass da draußen jeden Tag hunderte andere Arthurs und Williams gegen ähnliche Probleme ankämpfen. Die Sportfilmdramaturgie findet im jungen Arthur Agee seinen Endpunkt. Der Heros wird entzaubert und entpuppt sich als beispielhafte Schablone, deren Traum zwar zum fulminanten Kinopathos gereicht, aber eigentlich Symptom einer sozialen Perspektivlosigkeit ist. Die Sozialkritik, die im Film bis dahin implizit mitschwingt, dringt hier endgültig durch die Heldengeschichtenfassade.

Den Traum der Anderen leben

Die Ausgangssituation erscheint geradezu pathologisch: junge afroamerikanische Männer haben den Traum es ihren Sportleridolen nachzumachen und die Welt des Basketballs zu erobern. Positiver Nebeneffekt des Traums NBA-Profi ist der damit verbundene soziale und ökonomische Aufstieg – und zwar nicht nur der eigene, sondern der ganzen Familie. Unterstützung für ihre sportlichen Ziele finden die Jugendlichen in ihrem engsten Umfeld, dass bei jedem Spiel mitfiebert, motiviert, Tränen trocknet. Mit einem Auge blicken Vater, Mutter, Onkel, Bruder aufs Spielfeld, mit dem anderen auf die sagenhaften Reichtümer, die die Zukunft bietet, wenn es der Sprössling erst einmal geschafft hat.

Der Kampf zwischen der Unschuld des Traums und der opportunistischen Hoffnung, dass er in Erfüllung geht, stellt den Grundkonflikt des Films dar – mehr noch als das sportliche und persönliche Auf und Ab im Leben der Protagonisten. Bis zur NBA-Karriere, das ist allen Beteiligten klar, Williams Mutter spricht es sogar direkt an, ist es ein langer, beschwerlicher Pfad und die Chancen auf einen Erfolg sind gering, doch zumindest lässt sich dadurch ein Bildungsweg finanzieren, der ohne den Sport für die Unterschichtsfamilien nicht zu finanzieren wäre.

Hoop Dreams von Steve James

Genau aus diesem Grund ist dieser Traum so wichtig, denn ohne ihn muss man sich mit einer Stellung als Hilfsarbeiter begnügen, ständig von Arbeitslosigkeit und Existenznot bedroht. Es ist der letzte Strohhalm an dem man sich klammert, selbst wenn man es eigentlich besser weiß. Für die Familie Gates beispielsweise ist William bereits die zweite Traumgestalt, die die Familie aus ihren bescheidenen Verhältnissen nach oben bringen soll. Wie leicht dieses Vorhaben scheitern kann, hat die Familie bereits am Beispiel von Williams großen Bruder Curtis erlebt – ähnlich talentiert ging er aufs College nach Florida, flog dort aber aus disziplinären Gründen aus dem Basketballteam, brach sein Studium ab und arbeitet nun in Gelegenheitsjobs. Ein paar Jahre nach dem Film sollte Curtis, wie auch der Vater von Arthur Agee bei einem bewaffneten Raubüberfall ums Leben kommen – auch so eine Geschichte scheint jede afroamerikanische Familie in sich zu tragen.

Unbeschwert Basketball spielen lässt sich mit diesen Erwartungen freilich nicht. Mit 16, 17, 18 Jahren ist es den Jugendlichen kaum vergönnt ihren eigenen Traum zu leben – im Wirrwarr der kollektiven Träume, so muss William am Ende seiner Schullaufbahn feststellen, verliert sich der eigene Wunsch es bis zur NBA zu schaffen. Haben es die Williams und Arthurs nach langem Kampf schließlich doch geschafft, so beginnen die Begehrlichkeiten von Seiten der Familie und des Freundeskreises erst so richtig Fahrt auf. Die Rückfallrate (afro-)amerikanischer Profisportler aus der Unterschicht, die nach Ende ihrer kurzen Sportlerkarriere in den Konkurs schlittern, ist dementsprechend hoch.

Hoop Dreams ist eine doppelte Cinderella-Story – aus dem echten Leben, werben Verleiher gerne –, aber letztlich ist der Film eine soziale Tragödie. Es braucht den Sport, um diesen Jugendlichen eine Perspektive, eine Chance auf gesellschaftliche Anerkennung und Aufstieg zu geben. Eine ganze soziale Klasse klammert sich an ihren Traum. Jede Cinderella-Story dieser Art ist folglich ein Manifest der schreienden Ungerechtigkeit.

Life Itself von Steve James oder Ein Abschiedsbrief

Roger Ebert Archivaufnahme aus "Life Itself"

Das Gros aller Dokumentarfilme beschäftigt sich mit aktuellen Themen. Das bedeutet, dass diese Filme ein Ablaufdatum haben, dann nämlich, wenn das Publikumsinteresse am besagten Thema zu schwinden beginnt, weil es nicht mehr aktuell ist. Die Dokumentarfilme, die zu Klassikern werden, tun das meines Erachtens nicht wegen, sondern trotz ihres Themas. Sie zeichnen sich durch formale Güte aus, also durch die Art und Weise, wie sie ihren Gegenstand behandeln. Im kollektiven Gedächtnis bleiben Dokumentarfilme aus den gleichen Gründen wie Spielfilme – weil und wenn sie gut gemacht sind und die Grenzen der filmischen Form transzendieren. Hin und wieder sieht man sich aber auch Dokumentarfilme an, die einen thematisch ansprechen, da sie eine Person, einen Sport oder ein Milieu zum Gegenstand haben, an dem man persönliches Interesse hat. So kommt es, dass ich z.B. letztes Jahr sowohl We Steal Secrets: The Story of Wikileaks als auch The Armstrong Lie von Alex Gibney gesehen habe, obwohl Gibneys Filme denkbar weit von den Grenzen der filmischen Form entfernt sind. Diese Filme stehen und fallen mit ihrem Inhalt, erinnern stilistisch an Fernsehdokumentationen und sind formal, gelinde gesagt, langweilig. Aber, Lance Armstrong ist nun mal eine interessante Persönlichkeit und Radsport gehört zu meinen Lieblingssportarten. Es spricht absolut nichts dagegen, sich diesen Film aufgrund seines Inhalts anzusehen, man sollte jedoch seine Erwartungen im Vorhinein kritisch hinterfragen.

Life Itself beruht auf der gleichnamigen Biographie des US-Filmkritikers Roger Ebert. Ebert, Anfang April vergangenen Jahres verstorben, zählte ohne Zweifel zu den bekanntesten Filmkritikern der Welt und war als einer der wenigen seiner Zunft, vor allem dank seiner Fernsehsendung „Siskel & Ebert“ (mit Gene Siskel), auch der breiten Masse (zumindest in den Staaten) bekannt. Durch diese landesweiten TV-Auftritte überstieg seine Popularität selbst die einer Pauline Kael. Zwei Dinge zeichnen Eberts Schaffen meines Erachtens aus: die Passion für Film, die er selbst in seinen letzten, von Krankheit geprägten, Jahren nicht ablegte und sein non-elitärer Gestus und Schreibstil, immer darauf bedacht auch non-cinephile Schichten zu erreichen. Fakt ist, Ebert hatte eine gewichtige Stimme in der Filmwelt, ein enthusiastisches „Thumbs Up“ konnte einen quasi unbekannten Film mit einem Mal ins Rampenlicht befördern und Ebert nutzte diese Macht immer wieder aus, um seine Favoriten zu pushen. Einer dieser Favoriten war der Film Hoop Dreams aus dem Jahr 1994. Sowohl Gene Siskel als auch Roger Ebert sprachen sich begeistert für diesen Film aus, und hatten nicht unerheblichen Einfluss an seinem kommerziellen Erfolg. Regisseur dieses Films war Steve James, den seit diesen Tagen eine freundschaftliche Beziehung mit Ebert verband. Nicht verwunderlich also, dass James mit der Adaption von Eberts Autobiographie bedacht wurde.

Szene aus der Fernsehshow "Siskel & Ebert"

Und nun kommen die Erwartungen ins Spiel. Steve James ist ein renommierter Dokumentarfilmer, mit Auszeichnungen bedacht und seit Hoop Dreams aus der Filmszene nicht mehr wegzudenken. Alex Gibney ist Oscarpreisträger – so viel dazu. Auch wenn klar war, dass ich mir den Film aus Interesse an Ebert ansehen werde, waren meine Erwartungen moderat. Life Itself ist nicht The Act of Killing oder Stories We Tell, um zwei aktuelle Beispiele zu nennen, die spielerisch die dokumentarische und filmische Form ausreizen. Life Itself besteht aus Einblicken in die letzten Tage und Wochen von Ebert, in denen er sich größtenteils im Krankenhaus aufhielt, aus Archivaufnahmen und Fotos, aus Interviews mit Weggefährten und Freunden und aus Voice-over Passagen aus dem Buch, die als roter Faden in der Narration dienen. Diese Elemente werden von Steve James gekonnt arrangiert. Der Mann beherrscht sein Fach, und weiß an den richtigen Momenten den Informationsfluß zu unterbrechen und einen emotional zu werden. Der Film ist für James, das wird sehr deutlich, mehr Herzensangelegenheit, Selbsttherapie und Abschiedsbrief als Aufarbeitung von Eberts Leben. Das soll nicht heißen, dass der Film nicht auch Einblicke ins Leben von Ebert und seinen Vertrauten gibt, aber an einigen Stellen, ich meine an den richtigen, wird der Film zum Requiem. Das bedeutet, dass er nach anderen Maßstäben gemessen werden muss als andere Dokumentarfilme. Rein formal, macht das den Film natürlich nicht besser, aber in den richtigen Momenten, die richtige Dosis an Emotion einfließen zu lassen, gehört auch zum Handwerk eines Filmregisseurs. Darum ist Life Itself ein großartiger Film. Er kommt ohne Metaebenen, ohne besondere Kameraeinstellungen und ohne schicke Animationen aus um das Leben eines Mannes Revue passieren zu lassen, den viele Menschen gern hatten und ich denke der Film funktioniert für die Zuschauer am besten, die selbst in gewisser Weise eine emotionale Beziehung zu Ebert haben. Bei mir war das der Fall. Natürlich handelt es sich dabei nicht um eine persönliche Beziehung, aber prägende Momente in meiner Entwicklung, die ich u.a. Ebert zuschreibe.

Das Internet war, bevor ich es in die Großstadt geschafft habe, der einzige Ort an dem ich mich über Film austauschen konnte. Ich fand dort Menschen aus der ganzen Welt, die meine Leidenschaft teilten. Diese Freunde waren und sind größtenteils aus dem anglo-amerikanischen Raum und haben meine Sicht auf Film entscheidend geprägt. Eine Zeit lang, war ich ganz zufrieden mit meiner Situation, die zahlreichen Cinephilen und Filmbuffs der Internetcommunity überzeugten mich, dass man Film auch als Hobby betreiben kann. Diese Zeit war auch der Sommer meiner Studienwahl. Ich musste mich also entscheiden, ob ich mich beruflich oder hobbymäßig mit Film beschäftigen will. Drei Faktoren beeinflussten mich schließlich entscheidend, doch die journalistische Schiene (grob gesagt) einzuschlagen. Erstens, die Berichterstattung von den Olympischen Sommerspielen, zweitens, Armin Wolfs Auftritte in den ORF-Sommergesprächen und drittens, Roger Ebert. Natürlich ist und war mir bewusst, dass es im deutschsprachigen Raum bzw. überhaupt außerhalb der USA keine Filmkritiker im Sinne von Ebert gibt, aber in dem Moment, wo ich mich entscheiden musste, ob ich nicht lieber doch Volkswirtschaft studieren oder Fluglotse werden sollte, zeigten mir Olympia, Armin Wolf und Roger Ebert verschiedene Facetten einer Welt, die viel eher meinem Naturell entspricht, als ökonomische Modelle und Luftverkehr.

Das Martyrium des Roger E.Ich habe Roger Ebert nie gedankt, nicht per E-Mail, nicht per Twitter, nicht per Facebook. Das soll sich nun ändern. Auch wenn ich in meiner Entwicklung mittlerweile Abstand vom amerikanischen Filmdiskurs genommen habe, kehre ich immer wieder gerne zu Eberts Blick auf die Dinge zurück. Nicht weil ich ihm öfter zustimme als anderen Kritikern, sondern weil sich in jedem seiner Artikel eine schlüssige Argumentation findet, der man entweder zustimmen, oder die man ablehnen kann – in jedem Fall muss man aber darüber nachdenken.

Life Itself gab mir die Möglichkeit, noch einmal über mein Verhältnis zu Ebert nachzudenken und ihn zu bewundern, seinen Lebensgeist, der in selbst in Stunden der schweren Krankheit nicht verlässt. Das ist die größte Leistung von Life Itself – für zwei Stunden Ebert wieder von den Toten zurückzuholen, sodass man ihn sehen und vielleicht sogar besser verstehen kann. Klar, der Film zeichnet ein Idealbild des Mannes, es ist eine Hommage und kein kritisches Porträt, aber genau in so einem Film zeigt sich, dass nicht immer alles reflektiert und durchdacht sein muss. Dem Film fehlt Distanz, weil dem Filmemacher Distanz zu seinem Gegenstand fehlt – den Tod eines Freundes zu dokumentieren ist keine dankbare Aufgabe. Gerade diese fehlende Distanz zeichnet den Film aus, denn so entsteht emotionale Nähe, die dann auch einen weniger Vertrauten, wie z.B. mich, in ihren Bann zu ziehen vermag. Ist der Film besonders gut? Nein, wahrscheinlich nicht. Aber ist er etwas Besonderes? Ja, für mich ganz bestimmt.