CU Local 226/Caesars Flamingo Sahara

Text: Gerhard Friedl & Laura Horelli

Die beiden Texte stammen aus Gerhard Friedl – Ein Arbeitsbuch, erschienen 2019 bei Österreichisches Filmmuseum / Synema.
Weitere Informationen hier.

Wie danken der Sammlung des Österreichischen Filmmuseums, Synema, dem Herausgeber Volker Pantenburg, sowie Laura Horelli und Benedikte Damköhler für die freundliche Erlaubnis, die Texte hier zu veröffentlichen.

CU Local 226

Dokumentarfilm
75 Minuten – HD

Buch, Regie: Laura Horelli, Gerhard Friedl
Kamera, Montage: Gerhard Friedl
Produktion: Mischief Films Wien

CU Local 226 ist ein Dokumentarfilm über Las Vegas. Der Film stellt Leute vor, die hier arbeiten und leben.

Las Vegas ist die schnellstwachsende Stadt der USA. Die Einwohnerzahl hat sich in den letzten 12 Jahren auf 2 Millionen verdoppelt. Seit 1989, dem Jahr der Eröffnung des ersten „Megaresorthotels“, des Mirage, werden jährlich mehrere tausend Hotelzimmer neu auf den Markt gebracht. Die Hotels sind architektonisch überaus komplexe Gebilde mit Schlaftürmen, Spielhallen, Restaurant- und Shoppinglabyrinthen, historischen Themenparks, fließenden und brüchigen Übergängen, Schocks und Sensationen, Spiegeln, Displays, Lichtspielen. Einen Ort, von dem aus Distanz und Überblick möglich wäre, gibt es nicht. Architektonisch hat der Las Vegas Boulevard, die Straße, an der die Hotels stehen, ein exzessives Erscheinen.

Las Vegas ist eine extreme Stadt, und aus europäischer Perspektive stellt sich die Frage, ob Las Vegas eine Stadt ist. Dem Las Vegas Boulevard (und der Fremont Street, der älteren Casinostraße) stehen endlose Einfamilienhäusersiedlungen gegenüber. Der Übergang vom einen Bereich zum anderen ist unvermittelt. „Masterplanned communities“ werden Jahr für Jahr neu in die Wüste hinaus errichtet und verkauft.

In den populären Darstellungen von Las Vegas, etwa in Scorseses Casino, wird die Stadt nostalgisch verklärt. In anderen Filmen ist Las Vegas ein „non site“ außerhalb der eigentlichen Welt, Simulakrum, schieres Kulturkuriosum. Die Durchschnittsaufenthaltsdauer eines Besuchers ist 3 Tage, auf diese Zeit hin ist das gebaute und gespielte Spektakel ausgerichtet. Wer hier arbeitet, sieht diese Stadt als Arbeitsstadt.

Der „Las Vegas Dream“, so der Titel eines Gewerkschaftsagitationsfilms, besteht darin, dass in dieser Wachstumsstadt neu geschaffener Reichtum relativ fair verteilt wird und Hotel- und Casinoarbeiter gute Aussichten haben, sich nach wenigen Jahren ein Haus zu kaufen. Ebenso wichtig sind von der Gewerkschaft ausgehandelte Pensionsversicherung, Krankenversicherung, das seniority-Prinzip (also Lohnhochstufung und Urlaubsausweitung bei mehrjähriger Betriebszugehörigkeit). All das ist nicht selbstverständlich in den USA.

Dass dieser Erfolg möglich ist, liegt an der Arbeit der einflussreichen örtlichen Hotel- und Casinoarbeitergewerkschaft, der CU Local 226. Diese Gewerkschaft hat etwa 60 000 Mitglieder, und ihr Hauptaugenmerk gilt nicht sosehr der Aushandlung besserer Löhne, sondern vor allem der weiteren Organisierung der noch nicht organisierten und der neu zugezogenen Arbeiter.

Die Gewerkschaft hat einen relativ kleinen Überbau von Organisatoren, die alle aus der Arbeiterschaft selbst kommen, und sich durch Charisma, Einsatz, strategisches Geschick als führende Gewerkschafter empfohlen haben. Im Fall einer Kampfsituation kann mit den Mitteln gewerkschaftlicher Arbeit und Streiks schnell reagiert werden.

Der Erfolg bei den Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Hotelunternehmern ist aber instabil, Errungenschaften können in wenigen Jahren wieder verloren werden. Die Verhandlungen werden in einer eigens eingerichteten strategischen Recherchestelle vorbereitet. Hier arbeiten vier Leute daran, über Pläne und Veränderungen auf Seiten der Hotelbetreiber frühzeitig informiert zu sein, um bei Verhandlungen entsprechende Forderungen stellen zu können. Sie analysieren Wirtschaftsnachrichten wie Reuters, Bloomberg, Financial Times, Fachzeitschriften usw. Täglich werden neue Informationen verarbeitet. Damit wissen die Leute von CU Local 226 über die möglichen Hintergründe und Motive ihrer Verhandlungspartner Bescheid.

Dee Taylor, Stratege der CU Local 226, weiß um den Erfolg und um den nötigen Einsatz zu diesem Erfolg. Auf die Frage, ob die CU Local 226 ein Beispiel für Dienstleistungsgewerkschaften in den USA sein könnte, sagt er, so vermessen würde er nicht sein wollen. Und er meint damit auch, dass in den USA, anders als in Europa, Gewerkschaftsarbeit, vor allem Organisierung, vor Ort wachsen muss und eine langfristige geduldige Aufbauarbeit, angepasst an die örtlichen Bedingungen, nötig ist.

Einige Themen, die mich auch für Panik von 94 interessiert haben, finden sich in diesem Projekt wieder. Gewerkschaftsarbeit in den USA ist lokal und konjunkturabhängig. Nur bei Industrien, die sich langfristig stabil halten können, konnten sich auch dauerhafte gewerkschaftliche Strukturen herausbilden.

Es wird in diesem Film darum gehen, aus der Perspektive der Hotel- und Casinoangestellten Las Vegas nachzuvollziehen. Wir werden nicht die Stadt und ihre Architektur filmen, sondern einige Protagonisten über ihr Leben, ihre Wünsche, ihre Art, diese Stadt zu erfahren, befragen. Sie werden ihre Arbeit und ihre Arbeitsplätze beschreiben. Ihre Wünsche, ihre Schwierigkeiten, ihre Einsamkeit, ihre Freuden, ihre Gemeinschaften.

Slavica arbeitet in den Hoteltürmen des Caesars Palace. Sie hat pro Schicht wahlweise 18 Zimmer oder 12 Suiten zu richten. Ihre Arbeit ist zeitlich gemessen. Es gibt eine Frau, die ihre und die Arbeit ihrer Kollegen überprüft. Und eine, die diese Frau und ihre Kolleginnen überprüft usw. Der gesamte Arbeitsablauf ist zeitlich genau geregelt. Die Zeit, in der sie das Hotel nach der Arbeit zu betreten und zu verlassen hat, ist auf 5 Minuten genau festgelegt. Wenn sie die Regelungen nicht einhält, kommt es zu einer Beschwerde. Wiederholt sich eine Unregelmäßigkeit, wird man entlassen. Da Slavica gewerkschaftlich organisiert ist, könnte sie sich über den Beschwerdeweg und Rechtshilfe durch die Gewerkschaft Recht verschaffen.

Dimi kommt aus Sofia, Bulgarien und arbeitet im Bankettservice. Sie hat sehr unregelmäßige Arbeitszeiten, manchmal 16 Stunden am Stück. Obwohl es hier eine große bulgarische Gemeinschaft gibt, hat sie, wie sie sagt, selten Zeit, sich mit Leuten aus ihrer Heimat zu treffen. Sie sieht ihre Zeit hier als Arbeitszeit.

Paul ist Bellboy im Bellagio und hat früher in Tampa, Florida als Kameramann gearbeitet. Er empfängt anreisende Hotelgäste und hilft ihnen, ihr Gepäck ins Hotelzimmer zu bringen. Er verdient nun, auch wegen des Trinkgeldes, wesentlich mehr als in seinem früheren Beruf. Und er zieht diese Arbeit der alten vor.

Dieses Projekt ist eine Gemeinschaftsproduktion von Laura Horelli und mir. Der Stand dieses Projektes ist: Während einer Recherchereise haben wir 20 Interviews mit verschiedenen Leuten aus Las Vegas gemacht, Kontakte zur Gewerkschaft, sowie zum Management der Hotels hergestellt. Wir werden versuchen, das Projekt bis zum September 2008 produktionsreif zu machen.

Caesars Flamingo Sahara
Förderantrag Projektentwicklung für einen Dokumentarfilm

90 Minuten Farbe

Kurzinhalt

Im Jahr 2007 hat die Zahl der Einwohner von Las Vegas die 2-Millionenmarke erreicht. Damit ist die Stadt nun 20 Jahre in Folge die schnellstwachsende Stadt der USA. Diese Stadt ist das, was man früher eine corporate city nannte.

Eine Stadt, die von einer Branche, in diesem Fall der Hotelbranche, bestimmt wird: die Hotels sind hier um Glücksspiel gewachsen. In Las Vegas gibt es bei weitem die größte Dichte an Hotelzimmern weltweit.

Nirgends in den USA gibt es eine stärkere lokale Gewerkschaft für Dienstleistende als hier.

Dieser Dokumentarfilm ist nicht nur an den spektakulären Perspektiven am Las Vegas Boulevard interessiert – er legt die sozialen und politischen Schichten diese Stadt der Extreme frei, er fragt, was wir hier über globale Entwicklungen lernen können.

Zur Formulierung unseres Drehbuchs ist ein gut vorbereiteter dreiwöchiger Rechercheaufenthalt nötig. Das bisherige Material haben wir im Dezember 2007 während eines von der Villa Aurora Los Angeles finanzierten Aufenthalts in Las Vegas zusammengestellt und nachbearbeitet.

Dies ist der erste Langfilm von Laura Horelli und der erste Film nach dem Studium von Gerhard Friedl.

Thema

Caesars Flamingo Sahara ist ein Dokumentarfilm über Las Vegas, Arbeit und Glückspiel. Tourismus ist die größte Industrie der Welt geworden. Es geht darum zu sehen, was uns das Beispiel Las Vegas sagt. Beim Glückspiel gibt es mit Hinblick auf Globalisierung zwei Aspekte.

Erstens findet Glückspiel weltweit zunehmend Akzeptanz, in Macao und in Spanien sind jeweils große Spielerstädte gebaut, beziehungsweise geplant. In den USA versucht man mit Glückspiel, benachteiligte Wirtschaftsräume (Detroit) aufzuwerten. Viele Städte in Europa werden mittelfristig nachziehen. Glückspiel ist zunehmend sozial anerkannt. Aus der Perspektive der Hotelbesitzer heißt das: Neue Casinos an neuen Orten gelten nicht als Konkurrenz, sondern helfen, den Markt zu erweitern.

Zweitens: Noch immer wächst Las Vegas, die Wachstumsprognosen wurden seit 20 Jahren wiederholt nach oben korrigiert. Das heißt: Menschen ziehen nach Las Vegas, pro Monat durchschnittlich 6 000. Die Leute, die hier Arbeit suchen, kommen aus dem früheren Jugoslawien ebenso wie aus Kolumbien, von den Philippinen ebenso wie aus dem Iran.

Die Gewerkschaften sind in Las Vegas stark und handeln einen Arbeitnehmeranteil am Wachstum aus. Sie setzen sich ein für gerechte Löhne und Sozialleistungen und übernehmen vor Ort sehr wichtige Aufgaben: Sie propagieren eine kulturell pluralistische Form von Bürgerschaft. Und sie versuchen, in ihrer Politik keinen Unterschied zu machen zwischen regulären und undokumentierten Arbeitern.

Diese beiden völlig heterogenen Räume, der der Verausgabung und der der Arbeit, werden in diesem Film gegeneinander untersucht. In Las Vegas zeigt sich diese Gegenüberstellung im Extrem. Insofern hier ein globales Phänomen sichtbar wird, hat dieser Film aus deutscher Sicht eine Relevanz.

Form

Grundlage der Erzählungen in diesem Film sind genaue Analysen von Las Vegas und Interviews mit den Protagonisten. Die Form aber ist sehr einfach:

Man sieht in diesem Film in ruhigen, präzisen Bildern die Stadt. Die Erzählungen werden mit voice over vorgetragen. Beides verschränkt sich zu einem komplexen filmischen Gefüge.

Wie filmt man Las Vegas? Es ist unumgänglich, mit filmischen Mitteln auf das extreme Stadtbild von Las Vegas einzugehen. Einerseits sind die auf dem Strip auf etwa 5 Kilometern aneinander gereihten Hoteltürme monströs.

Bei Tageslicht und bei Nacht erscheinen sie völlig unterschiedlich. Die Front der Hotels zum Las Vegas Boulevard hin ist komplex. Die Hinterseiten sind rein funktional, mit Hochgaragen und Entlastungsstraßen.

Wir wollen in genauen bildlichen Untersuchungen die räumlichen Eigentümlichkeiten und Schwellen, Zonen und Funktionen, etwa die Angestelltentrakte im Hintergrund, herausarbeiten. Die Hotels wirken wie riesige Krankenhäuser. Wir werden die Arbeiter bei ihrer Arbeit begleiten.

Der architektonischen Extremform des Las Vegas Boulevard und seiner Megaresorts stehen endlose Einfamiliensiedlungen gegenüber. Sie stellen ein vollkommen anderes Raumkonzept dar. Las Vegas ist eine horizontal in die Wüste ausgestreckte Millionenstadt. Manches ist typisch auch für andere Städte des Sunbelt – der Süd- und Südweststaaten der USA. Wir werden die Einwohner bei ihren Bewegungen durch die Stadt begleiten.

Diese Form haben Laura Horelli und Gerhard Friedl in ihren je eigenen bisherigen filmischen Arbeiten erprobt. Für beide war unabhängig voneinander die Aneignung und implizite Kritik herkömmlicher Formen des Dokumentarischen wichtig. Es geht um das Verhältnis von Sprache und Bild.

Treatment

Mit Mitteln der Villa Aurora Los Angeles haben die dortigen Stipendiaten Laura Horelli und Gerhard Friedl im Dezember 2007 in Las Vegas eine Reihe von Interviews mit verschiedenen Leuten geführt. Sie sind mit für dieses Projekt interessanten Persönlichkeiten in Kontakt gekommen.

Dabei sind die Grundlagen für einen Dokumentarfilm entwickelt worden.

Diese Begegnungen sind Ausgangspunkt für das Drehbuch und weitere Drehvorbereitungen. Anstelle eines Treatments finden sich hier inhaltliche Fragestellungen. Es werden konkrete Erzählungen von Einwohnern in Las Vegas sein, mit denen auf diese Fragen geantwortet werden wird.

Wer sind die Protagonisten des Films? Wir suchen etwa 10 Personen in Las Vegas. Das sind Angestellte mit verschiedenen Berufen in den Megaresorts, Leute, die teils in Las Vegas aufgewachsen sind oder hierhergekommen sind, um hier zu arbeiten. Welchen Begriff von Bürgerschaft haben sie? Wie wichtig ist ihnen, ihrer politischen Stimme Nachdruck zu verleihen? Wie stehen sie zur gewerkschaftlichen Arbeiterorganisation? Wie erinnern sie die durchaus diskontinuierliche Geschichte von Las Vegas?

Wie kann man die exzessiven architektonischen Formen beschreiben? Immerhin stehen in Las Vegas die größten Hotels der Welt. Die Architektur von Las Vegas soll faszinieren. Das heißt auch: sie soll zwar sichtbar sein, aber nicht eigentlich zu sehen. Diese Architektur macht ratlos. Dem Design der Hotels liegt jeweils ein Thema zugrunde. Ägypten, Venedig, Sahara. In Form von Architainment, unterhaltender Architektur, nicht ganz ernst gemeint, und mit einem Plot, einer Story oder einem Thema versehen. Dem Design des Bellagio liegt die Legende eines italienischen Grafen zugrunde, der vor 80 Jahren in die Mojave Wüste gekommen sein soll, um im Wüstenklima seine Gesundheit zu schonen. Das Bellagio wäre sein Palast.

Die Gesetze, Hausordnungen und die Definition der Räume sind an der Architektur ablesbar. Der Gestaltungsprozess basiert auf der analytischen Untersuchung der Besucherströme. Architektur wird aber auch nach dem Prinzip von trial and error gebaut. Las Vegas ist Architektur im permanenten Wandel. So wurde vor dem Luxor-Hotel ein „Nil“ eingerichtet, und die Hotelgäste mussten zunächst mit einer Barke zur Reception übersetzen. Das war zu kompliziert, der Nil ist weg. Rem Koolhaas hat im Venetian einen Museumsraum für das Guggenheim Las Vegas eingerichtet. Noch während der ersten Ausstellung wurde das Museum geschlossen. Die Faszination der Hotels ist berechnet, die Gebäude sind in ihren Dimensionen faktisch; es ist nachgerade unmöglich, gegen diese Faktizität eine kritische Position anzubringen.

Wie stehen Poparchitektur und die in den Megaresorts erbrachten Dienstleistungen im Verhältnis? In Las Vegas stehen mehr als in der Hotellerie üblich und mit enormem Aufwand hergestellt zwei vollkommen heterogene soziale Räume einander gegenüber. Der Raum der Gäste/Spieler und jener der Dienstleister, Portiers etwa, Zimmermädchen, Köche usw. Im Glitzern und Blinken der Gebäude wird vergessen gemacht, dass hier Arbeit verrichtet wird. Gast/Spieler und Dienstleister stehen dem gemäß in einer Nichtbeziehung zu einander.

Als das MGM Grand (größtes Hotel der Welt) eröffnete, haben sich für die achttausend angebotenen Stellen einhunderttausend Personen beworben. Während dem Gast ein first class service zu einem mittleren Preis geboten wird, verdienen die teils ungelernten Arbeiter, ob Parkservice, Zimmermädchen, Croupier, ein Mittelklasseeinkommen. Angestellte können schon nach zwei bis drei Jahren ein Eigenheim erwerben.

Zugespitzt formuliert könnte man also sagen: Es begegnet sich da eine soziale Klasse – Gast und Dienstleister – selbst. Die Hotelangestellten werden im Lohn aufgewertet, ihre Tätigkeiten selbst verlangen keine besonderen Fertigkeiten. All das finanziert sich über die im Glückspiel erzielten Profite. Anders gesprochen: damit dieser Transformationsprozess von Geld – Geld ‚ in seiner Direktheit (der Gast gibt Bargeld ohne eigentliche Gegenleistung ab) dem Geschröpften nicht augenfällig wird, sind verschiedenste, überflüssige Dienstleistungen vorgeschaltet. So gesehen werden die Dienstleister, voneinander durch verschiedene Uniformen zu unterscheiden, eigentlich Teil der Verblendung. Aus Sicht der Gewerkschaften sieht das freilich anders aus.

Was besagt der Erfolg der Gewerkschaften in Las Vegas? In den USA hat sich die Anzahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter und Angestellten seit den 1950er Jahren halbiert, heute ist der Grad an Organisiertheit in den USA niedriger als in irgendeinem anderen vergleichbaren Wirtschaftsraum (etwa 17%). Anders in Las Vegas: Die Gewerkschaften, insbesondere die Culinary Union Local 226 (mit 60 000 Mitgliedern), haben erfolgreich für die Arbeiter einen entsprechenden Anteil an den Profiten der Casinos als Lohn ausgehandelt.

Ihr Wachstum steht in direktem Zusammenhang mit dem Wachstum der hospitality industry. Dabei hat sich die sehr offensive Politik der Gewerkschaften seit 20 Jahren vor allem auf eines ausgerichtet: neue Mitglieder anzuwerben.

Andere Vorhaben, wie Lohnaushandlungen und soziale Begünstigungen, waren dem nachgeordnet. Auffällig ist die Fokussiertheit und Diszipliniertheit der Gewerkschaften und die Aufmerksamkeit gegenüber neuen Mitgliedern mit Führungsqualitäten. Die Gewerkschaften sind in den Resorthotels überaus präsent. Ein Grund des Erfolgs ist das Prinzip der shop stewards: das sind regulär Beschäftigte, die zwischen Angestellten und niederem Management bei Beschwerden oder Problemen vermitteln. Von hier aufwärts hält die Gewerkschaft einen komplexen Apparat zur Aushandlung mit dem Management bereit.

Zugleich bemühen sich die Organisatoren um eine gute Beziehung zu den Managern der Hotels, intern ist aber auch die Rede vom „Feind“. D. Taylor, Schatzmeister und Stratege der Culinary Union meint: „Die Unternehmen denken in Weltmärkten, Gewerkschaften denken lokal“. Die Culinary Union verfügt über eine eigene Research-Abteilung, die Veränderungen auf der Arbeitgeberseite (etwa Änderung der Eigentümerverhältnisse) genau beobachtet und daher sehr früh politische Maßnahmen zur Durchsetzung von eigenen Interessen platzieren können.

Welche Funktionen haben die Gewerkschaften in Las Vegas? Aus Sicht des Urbanen ist Las Vegas ein Problemfall. Es gibt kaum öffentliche Orte, wo auf breiter Basis Einwohner der Stadt zusammenkommen würden. Die Culinary Union erfüllt hier eine Rolle, die für Gewerkschaften in den USA geschichtlich immer wieder charakteristisch war, auch vor dem Hintergrund eines traditionell immer großen Zuzugs von Arbeitern etwa aus Europa, Mittel- und Südamerika und aus Asien: Die Culinary Union propagiert eine kulturell pluralistische Form von Bürgerschaft. Damit hat sie eine auf machtvolle Weise eine kollektive Stimme ins Gemeinwesen eingebracht. Dies ist eine gesellschaftlich integrierende Neudefinition dessen, was Bürgerschaft sein kann. Das bezieht sich auch auf die Haltung der Culinary Union gegenüber den nicht dokumentierten Arbeitern in Las Vegas, deren politische Position sie abzusichern suchen.

Wem gehört Las Vegas? Interessant hier ist die Frage, wie sich die Eigentümerverhältnisse in den letzten 50 Jahren entwickelt haben. Es war ursprünglich Geld aus illegalen Geschäften, mit dem Benjamin Siegel hierhergekommen ist, um einen neuen Typus von Casino zu entwickeln, der für die nächsten 35 Jahre typisch war. Die vielen kleinen und mittelgroßen Hotel-Casinos waren in den Händen einiger Familien. Später war es Risikokapital (Junk Bonds), mit dem in völlig neuen Größenordnungen geplant und gebaut werden konnte. Wall Street hat das Glückspiel als reguläres Geschäft erkannt. Ein ungleich größerer Typ von Architektur hat sich entwickeln können. Heute sind die wichtigsten Megaresorts im Eigentum von folgenden Konzernen: Harrah’s Entertainment, MGM Mirage, Las Vegas Sand, Boyd Gaming und Wynn. Traditionell haben neben der Erlaubnis zum Glückspiel auch die niederen Steuern und die geringen Investitionen in Infrastruktur aus Las Vegas einen besonderen Ort gemacht. Politik und Hotelindustrie haben dabei immer sehr eng miteinander zusammengearbeitet.

Woher kommt diese zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz von Glückspiel? In Nevada war Glückspiel seit den 1930er Jahren gesetzlich erlaubt – heute ist es dies in einer Mehrzahl von Ländern der USA. Niedergegangene Wirtschaftsräume wie Detroit sollen so aufgewertet werden, es werden Hotel-Casinos in Boston, Connecticut und New Orleans geplant. Macao wird zur größten Spielerstadt Asiens aufgebaut. Glückspiel ist global geworden und ein seriöses Geschäft. Was sagt diese neue Akzeptanz aus zu gegenwärtigen gesellschaftlichen Umbrüchen? Welche Vorstellungen waren davor maßgeblich? Es gibt historisch mehrere Stufen. Der Erfolg der Casinos in den 50er Jahren hat wesentlich mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in den USA nach der großen Krise anfangs der 30er Jahre und mit dem zusätzlich verfügbaren Einkommensüberschuss zu tun. Damals galt Glückspiel mehr noch als heute auch als Verausgabung. Die große Wende zur politischen Akzeptanz von Glückspiel ist mit dem Bau des Mirage 1989 zu datieren, und mit einer strategischen Ausweitung des Zielpublikums, nun werden alle gesellschaftlichen Schichten angesprochen.

Von der Perspektive des Gesetzes aus: wie hängen Gesetz und Geschäft zusammen? Gesetz ist, wie man an Las Vegas erkennen kann, ortsbildend. Diese Produktion von (sozialem) Raum werden wir am konkreten Beispiel der Hotels-Casinos untersuchen. Dabei wollen wir Gesetz nicht nur als staatlich-soziale Grundlegung untersuchen, sondern auch im Sinne von Private Property, Hausordnung, Verhaltensmaßregeln, komplexen Kommunikationsprozessen und Vorgaben innerhalb der Casinos und unter den Angestellten an den verschiedenen Orten der Gebäude. Glückspiel hatte etwas Exterritoriales. Interessant nebenbei: Las Vegas ist im Kern auch außerhalb der Zeit. In Casinos gibt es weder Fenster noch gibt es Uhren. Alles ist darauf ausgerichtet, dass man sich vergisst. Im Durchschnitt spielen Menschen in Las Vegas 6 Stunden am Tag, sie bleiben 3 Tage. Las Vegas war die erste Stadt, in der Geschäfte, Supermärkte, Einzelhandel und dergleichen für 24 Stunden verfügbar waren.

Mandalay Bay Hotel

Harmon Avenue, Las Vegas

Employment Office, Las Vegas

 

Baustelle Downtown Las Vegas, ehemaliges Ambassador East Motel

 

Culinary Union Gewerkschaftsgebäude, Mittagspause während der Organisation von Vorwahlen im Dezember 2007

Film Lektüre: The Real Eighties herausgegeben von Lukas Foerster und Nikolaus Perneczky

The Real Eighties von Lukas Foerster und Nikolaus Perneczky

Fünf Jahre ist es her, dass die Leinwand des Unsichtbaren Kinos für rund eineinhalb Monate im Glanz der 80er Jahre erstrahlte. Von 8. Mai bis 23. Juni 2013 fand die Schau „The Real Eighties“ im Österreichischen Filmmuseum statt. Das liegt so lange zurück, dass ich nicht aus erster Hand davon berichten kann. Etwas sonderhaft wirkt deshalb das Timing der Begleitpublikation, die kürzlich in der Buchreihe des Österreichischen Filmmuseums und Synema erschienen ist. Die Autoren von The Real Eighties. Amerikanisches Kino der Achtzigerjahre: Ein Lexikon sind sich des eigentümlichen Timings aber immerhin bewusst und positionieren die Publikation als zeitloses Nachschlagewerk jener Spielarten des amerikanischen Kinos der 80er Jahre, das sie mit ihrer Schau popularisieren wollten.

Wie schon die Schau von vor fünf Jahren, will das Buch diese in der Filmgeschichtsschreibung doch eher belächelte Dekade des US-Filmschaffens – die Ausläufer des New Hollywood trafen auf die Anfänge des High-Concept-Tentpole-Blockbusters im Geiste der Reagan-regierten Vereinigten Staaten – gegen den Strich lesen. Die Kuratoren des Kollektivs The Canine Condition (dazu zählen neben den beiden Herausgebern Lukas Foerster und Nikolaus Perneczky auch Fabian Tietke und Cecilia Valenti) hatten für ihre Schau eine heterogene Auswahl von Filmen zusammengestellt. Dazu zählten Filme aus der letzten Welle der B-Movies, bevor diese den Direct-to-DVD-Produktionen weichen mussten, Studioproduktionen mittleren Budgets, wie sie heute immer seltener werden (ein viel beklagter Zustand, vor allem in der amerikanischen Filmpublizistik), Genrefilmen und Werken prägender Schauspieler des Jahrzents.

An diesen Orientierungspunkten arbeitet sich nun auch das dazugehörige „Lexikon“ ab. Da gibt es einen Eintrag zur Produktionsfirma Cannon Films der israelischen Cousins Menahem Golan und Yoram Globus (deren Eis am Stiel-Reihe ihnen internationalen Erfolg brachte), ebenso wie zum Phänomen VHS, einen Eintrag zu den Regisseuren Andrej Konchalovsky und Tony Scott, wie zu den Schauspielern Tom Cruise und Debra Winger. Dazwischen mehr oder weniger umfangreiche Besprechungen einzelner Filme. Von William Friedkins Cruising über Francis Ford Coppolas Rumble Fish bis hin zu Eddie Murphys Harlem Nights wird das Jahrzehnt querbeet durchforstet. Wie bei einer Publikation wie dieser nicht anders zu erwarten, spricht einen dabei ein Thema mehr, ein anderes Thema weniger an. Liest man es von Buchrücken zu Buchrücken gleicht die Leseerfahrung dementsprechend einer Achterbahnfahrt. Auf zweiseitige Kritiken folgen mehrseitige Essays, die gesamtgesellschaftliche Entwicklungen berücksichtigen, auf Wiederveröffentlichungen zeitgenössischer Texte folgen Analysen, die das Jahrzehnt mit der Gegenwart in Beziehungen setzen. Mal befruchten sich die aufeinanderfolgenden Lektüren gegenseitig, mal wirkt die Reihung für einzelne Texte eher wie eine Hypothek. Viel hängt vom eigenen Interesse und vom eigenen Erfahrungshorizont ab. Womöglich würde es helfen, wenn ich mehr der besprochenen Filme kennen würde, aber selbst wenn ich die Schau vor fünf Jahren fleißig besucht hätte, wären viele der Filme kaum mehr präsent genug im Gedächtnis, um die Lücken des Lexikons (das natürlich nie erschöpfend sein kann) aufzufüllen oder befruchtende Querverbindungen herzustellen.

Ich will mich nicht zu sehr an dieser zeitlichen Verzögerung aufhängen, aber sie steht doch sinnbildlich für die „for the lack of a better word“ Beliebigkeit, die dieser Publikation zugrunde liegt. Das klingt nach einem härteren Urteil als es eigentlich ist. Manche der Texte konnten mich nämlich sehr wohl begeistern: Lukas Foersters Eintrag zu „Country“ über die Welle von Country-Musikfilmen in den 80ern oder Drehli Robniks großartiger Text zu „Whiteness“ in den Filmen von Zucker-Abrahams-Zucker oder John Lehtonens differenzierte Betrachtung von Sylvester Stallone oder Johannes Binottos Rückschau auf das Frühwerk von Michael Mann. Diese Texte regen zu eigenen Ideen an und stellen Überlegungen an, die man so noch nicht gelesen hat. Das würden sie jedoch auch, wenn sie für sich stehend publiziert worden wären. Dem Umstand geschuldet, dass eine Vielzahl von Autoren Beiträge verfasst haben, fehlen Bezüge und Querverweise. Kurz, ich vermisse den großen Rahmen. Das ist natürlich auch der lexikalen Form geschuldet, aber dennoch hatte ich selten das Gefühl, dass die Texte in irgendeiner Weise davon profitieren in Buchform auf diese Art und Weise zu erscheinen. Andererseits ist diese Beliebigkeit eine bewusste Setzung. Wenn man sich ein wenig mit den Machern der Schau und der Publikation auseinandersetzt (es reicht auch das Vorwort zu lesen), wird das deutlich. So wie Lukas Foerster seinen Stipendiaten-Blog des Siegfried-Kracauer-Preises führt, als Sammlung kleiner aber feiner Beobachtungen; oder so wie er sich vor einigen Jahren positiv über die wuchernde Masse an Filmen auf der Berlinale geäußert hat, wo man als Besucher selbst zum Kurator wird/werden muss, um nicht unterzugehen, ist auch dieses Buch konzipiert: als Angebot selbst etwas draus zu machen. Dass das eine bewusste Setzung ist, bedeutet aber nicht, dass ich es unbedingt gut heiße.

Die Anordnung der Texte, die Auswahl der Themen, ja, sogar die zeitliche Beschränkung auf die Jahre 1980 bis 1989 zeugen von einer Beliebigkeit, der sich die Texte nicht entziehen können. Gerade bei der Betrachtung einzelner Regisseur-, Produzenten- oder Schauspielerbiographien wird deutlich, dass sich ein einzelnes Jahrzehnt filmhistorisch nur schwer isolieren lässt. Das geht so weit, dass es in einigen der Beiträge länger um das Werk in den Vor- und Folgejahrzehnten geht, als um die Arbeiten, die tatsächlich in den 80ern entstanden sind (siehe „Jonathan Demme“ oder „Andrej Konchalovsky“). Per se würde ich es nicht verurteilen, dass die Texte solcherart ausfransen, sie tun es aber in einer Regelmäßigkeit, dass die zeitliche Fixierung letztlich willkürlich wirkt.

Das weckt Zweifel, die sich wiederum an anderer Stelle zu Wort melden. Ist Tom Cruise nicht ebenso prägend für die 90er wie für die 80er? Warum kein eigener Eintrag zu Reagan(-onomics), wenn er in den verschiedenen Einträgen so oft vorkommt, wie kein anderes Thema. Warum keine tiefgehende Analyse des Aerobic-Booms des Jahrzehnts, obwohl das eines der ersten Dinge ist, das mir in den Kopf kommt, wenn ich an die 80er denke. Warum wird weder Fame, Footfloose, Flashdance noch Dirty Dancing mit einer Silbe erwähnt? Wenn Tom Cruise und dessen Kassenerfolge Teil einer alternativen Filmgeschichtsschreibung sein können, warum dann nicht die populären Popfilme dieses Jahrzehnts? Wieso gibt es einen eigenen Eintrag zu den Komödien von Zucker-Abrahams-Zucker, aber nicht zu National Lampoon? Das sind natürlich Forderungen, die mit meinen persönlichen Assoziationen zusammenhängen. Aber sie wirken berechtigt, angesichts einer Publikation, die auf mich ebenso wie ein Resultat persönlicher Assoziationen wirkt. Dass diese Assoziationen noch dazu nicht von einer einzelnen Person stammen, sondern von einer ganzen Horde von Autoren, macht die Sache nicht besser.

Nun klingt mein Verdikt doch um einiges strenger, als ich das vorhatte. Das möchte ich aber eigentlich nicht so stehen lassen. Denn das Buch liest sich gut. Erkenntnisgewinne und eine Fülle an neuem Faktenwissen nimmt man auf jeden Fall auch mit. Es gelingt den Herausgebern sehr wohl, ihre Sicht auf die 80er zu transportieren. Wenn man sich ein wenig in der Filmgeschichte und der deutschsprachigen Filmpublizistik auskennt, reicht dafür freilich schon ein Blick in die Filmliste der Schau und die Autorenliste der Publikation. Warum genau diese Sichtweise aber mehr „real“ sein soll, erschließt sich mir nicht ganz. Es ist nachvollziehbar wie das Kuratorenkollektiv zu dieser individuellen und persönlichen Perspektive auf das filmische Jahrzehnt kommen. Gegen den Anspruch auf Verallgemeinerbarkeit ihrer Beobachtungen, würde ich mich aber wehren. Denn auch durch die Buchpublikation wird nicht wirklich deutlich, warum die Lesart der Kuratoren und Herausgeber anderen vorzuziehen wäre.