Notiz zu Zeuxis

Wie kann es sein, dass einer, der Trauben malt, so wirklichkeitsgetreu, so blau, dass selbst die Vögel darauf reinfallen und versuchen, die Früchte aus der Leinwand zu picken, einen Wettstreit zwischen Malern verliert? Ich bin mir nicht sicher, habe ich doch den von Parrhasius aufgemalten Vorhang nie gesehen. Wenn ich den Berichten aber Glauben schenke, dann hat Zeuxis vor allem deshalb verloren, weil seinem eigenen Blick mehr Vertrauen entgegengebracht wurde, als dem der nickhäutigen Vögel.
Dabei sollte sich doch vor 2500 Jahren schon herumgesprochen haben, dass die Vögel schwerer zu täuschen sind als die Menschen. Es mag sein, dass manche von ihnen gegen Flächen fliegen, die sie für Luft halten, aber für gemeinhin lassen sie sich nicht von menschlichen Trugbildern in die Irre führen, während die Menschen nur allzu gern und andauernd auf sich selbst hereinfallen. Das gilt auch für andere Tiere. Wenn beispielsweise eine Katze auf eine Photographie reagiert, dann weiß man, dass sich im Bild etwas bewegt, was wir Menschen gar nicht sehen können.
Ich frage: Wer kann Naturtreue besser beurteilen als die Vögel? Sicher nicht die Menschen. Ich fordere daher eine Neuaustragung des Wettstreits. Über den Sieger bestimmen der über das Pergament streichende Wind, das farbentziehende Sonnenlicht und die vorbeisegelnden Motten.
Vielleicht aber wäre es, Yves Bonnefoy hat darauf hingewiesen, ohnehin besser, wenn weder wir noch Zeuxis so sehr danach streben würden, die Natur nachzuahmen. Stattdessen könnte man sich an Cézannes Ausspruch orientieren, dass die Natur nicht in der Oberfläche, sondern in der Tiefe wäre und demnach denjenigen zum Sieger küren, vor dessen Bild die Vögel ganz ruhig säßen, weil sie im Bild erkennen würden, dass es der gleichen Welt entstammt, in der sie zwischen den Zweigen nach Trauben suchen.