Mudar de Vida von Paulo Rocha

The Unvanquished: Mudar de Vida von Paulo Rocha

Wie in sei­nem ers­ten Spiel­film Os Ver­des Anos lässt Pau­lo Rocha auch sein zwei­tes abend­fül­len­des Werk mit einer Ankunft begin­nen. Doch statt des neu­en Lebens­ab­schnitts eines Jun­gen in der Stadt zeigt Mudar de Vida die Rück­kehr eines gezeich­ne­ten Man­nes. Jene eines Sol­da­ten, der aus Ango­la in das abge­le­ge­ne Fischer­dorf Fura­dou­ro süd­lich von Por­to zurück­kehrt. Er wird dort den Ver­lust sei­ner alten Lie­be bekla­gen, eine mög­li­che neue Nähe ent­de­cken und gegen die eige­ne Erschöp­fung im Ange­sicht des uner­bitt­li­chen Mee­res ankämpfen.

Mudar de Vida von Paulo Rocha

Man ist geneigt vom Geschmack der Bil­der zu schrei­ben, denn sofort sam­melt sich auf den Lip­pen und in den Augen jene sal­zi­ge Luft und süß­li­che Fäul­nis, die man mit dem Meer in Ver­bin­dung bringt. Das liegt unter ande­rem dar­an, dass Rocha aus allen ihm ver­füg­ba­ren fil­mi­schen Mit­teln einen mehr klas­si­schen als moder­nen Rhyth­mus erzeugt, der sich den Orten und Men­schen aus­setzt statt sie zu domi­nie­ren. So scheint die Spra­che, die teil­wei­se flüs­tern­de oder im Fall des Onkels der Fami­lie des Prot­ago­nis­ten kecke Art der Dia­log­füh­rung (geschrie­ben von Antó­nio Reis) im direk­ten Kon­takt mit dem tra­gi­schen, an Mur­nau erin­nern­den Kon­trast des Schwarz und Weiß der vom Meer kom­men­den Wol­ken zu ste­hen. Die wun­der­vol­len Gitar­ren­klän­ge von Car­los Pare­des spre­chen aus den von der Flut unter­drück­ten Augen der arbei­ten­den Men­schen. Dabei hat­te Pare­des erst gro­ße Beden­ken, ob die Gitar­re zum Meer pas­sen wür­de. Alles geht aus­ein­an­der her­vor, man hat das Gefühl, dass es kei­nen Schnitt zu viel gibt. Hät­te man mir nach dem Film gesagt, dass es kei­nen ein­zi­gen Schnitt gab, hät­te ich das sofort geglaubt. Nicht, weil alles in einem ein­zi­gen Misch­masch wider­stands­los inein­an­der flie­ßen wür­de, son­dern ganz im Gegen­teil, weil sich alles bedingt, ganz gleich dem Meer, wel­ches das Leben der Men­schen prägt. Zwi­schen den Bil­dern erzählt Rocha von einer Gna­den­lo­sig­keit, die bis auf das Ende nie als Form einer Fremd­be­stim­mung argu­men­tiert, son­dern immer auf Augen­hö­he mit dem Leben die­ser Men­schen am Meer ope­riert. Mit einem recht klei­nen Team (ca. 20 Per­so­nen) dreh­te Rocha den Film mit gerin­gem Bud­get und im Sti­le einer Art Ver­brü­de­rung mit dem Ort und den dar­in leben­den Men­schen. Rocha sag­te ein­mal, dass ihn das Salz genau so inter­es­siert habe wie die Men­schen. Es ist eine Kon­fron­ta­ti­on mit dem Rea­len, auf die er aus ist, egal ob durch den Blick der Doku­men­ta­ti­on oder der Fik­ti­on, ver­al­te­te, sich an die Kino­kul­tur klam­mern­de Begrifflichkeiten.

Mudar de Vida von Paulo Rocha

Das Meer wird eine wich­ti­ge und dunk­le Rol­le spie­len in den kom­men­den 90 Minu­ten. Nicht die Rol­le mythi­scher und poe­ti­scher Geis­ter wie etwa bei Jean Epstein, nicht die Sehn­sucht nach Aben­teu­ern, auch kaum in Ver­bin­dung mit dem Gefühl Sau­da­de, das sich so stolz in por­tu­gie­si­schen See­len hält, son­dern eher als lebens­be­stim­men­de, zer­stö­re­ri­sche Kraft. Oder ein­fach nur als ein Meer ist ein Meer ist ein Meer. Man spürt es in jeder Ein­stel­lung. Mal ganz direkt, wenn Rocha gleich Hen­ri Storck den Wel­len­gang beob­ach­tet, mal in Bil­dern der Arbeit auf und mit dem Meer, die an Vis­con­tis La Ter­ra Tre­ma oder die Mat­tan­za in Rober­to Ros­sel­li­nis Strom­bo­li erin­nern und mal nur auf der Ton­ebe­ne bezie­hungs­wei­se durch bei­na­he unsicht­ba­ren, durch das Bild wehen­den Sand wie zu Beginn von Jean-Pierre Mel­vil­les Un flic. Das Meer ist grau­sam, die Arbeit auf ihm ist unmensch­lich. Ein­mal im Film gibt es den Ver­gleich der Arbeit mit jener von Amei­sen. Man­che Bil­der evo­zie­ren die­se Meta­pher zusätz­lich. Schwar­zes Sil­hou­et­ten­ge­wu­sel am grell-wei­ßen Strand, eine rie­si­ge Men­schen­ket­te, die die Fische aus den Net­zen pflückt.

Die Des­il­lu­sio­nie­rung des heim­keh­ren­den Sol­da­ten war nicht nur offen­sicht­li­cher poli­ti­scher Anstoss rund um den Film im von Sala­zar regier­ten Por­tu­gal, son­dern auch ein rie­si­ger Sprung für den Fil­me­ma­cher, der als einer der ganz Gro­ßen des Cine­ma Novo gilt und unter ande­rem für Man­oel de Oli­vei­ra und Jean Renoir arbei­te­te. Denn die Jugend­lich­keit und Fra­gi­li­tät von Os Ver­des Anos wird in Mudar de Vida durch etwas Urzeit­li­che­res, Raue­res ersetzt. Ein Jugend­li­cher, der in einer frem­den Umge­bung nicht essen kann, ist ungleich weni­ger kom­plex als ein Mann, der in sei­nem Zuhau­se kei­nen Appe­tit mehr ver­spürt. Es ist auch deut­lich schwe­rer den beben­den Kör­per eines Man­nes zu fil­men, als den eines Jugend­li­chen. Man­che Fil­me­ma­cher, wie zum Bei­spiel Oli­vi­er Assay­as, schaf­fen nie die­sen Sprung. Rocha war 27 Jah­re alt, als er Os Ver­des Anos und 30 Jah­re alt als er Mudar de Vida rea­li­sier­te. In der Haupt­rol­le Ade­li­no der schweig­sa­me, in sich zit­tern­de Bra­si­lia­ner Geral­do Del Rey.

Mudar de Vida von Paulo Rocha

Man spürt dem Film eine gewis­se Ehr­furcht an vor all die­sen Boo­ten, den Hüt­ten im Schat­ten des Mee­res oder den Kühen, die am Strand die Net­ze zie­hen. Manch­mal fra­ge ich mich, ob wir die­se Wel­ten heu­te nicht mehr sehen, ob sie nie­mand mehr filmt oder ob es sie nicht mehr gibt. In unse­rer Welt kommt das eine lei­der oft auf das­sel­be her­aus. Es geht mir hier­bei nicht dar­um, dass nie­mand mehr sol­che Arbeit filmt. Das pas­siert durch­aus. Aber äußerst sel­ten wagen Fil­me­ma­cher einen Ansatz, bei dem jede Hand­lung aus die­sem Leben mit der Arbeit kommt. Jedes Wort, jede dra­ma­tur­gi­sche Ges­te. Pierre-Marie Gou­let hat in sei­nem Encon­tros sogar ganz direkt nach die­sen Bil­dern im Heu­te gesucht. Er ist unter ande­rem nach Fura­dou­ro gereist und hat dort doch nur immer die bereits gedreh­ten Bil­der im Kon­trast zu einer Welt vor dem Ver­schwin­den getrof­fen. Viel­leicht Fort­schritt, viel­leicht Verlust.

Mudar de Vida gilt nicht nur wegen der Mit­ar­beit von Antó­nio Reis als direk­ter Vor­läu­fer von des­sen gemein­sam mit Mar­ga­ri­da Cord­ei­ro rea­li­sier­ten Fil­men, deren Linie sich heu­te bis zu Pedro Cos­ta (der kürz­lich einen beein­dru­cken­den Trai­ler zu einer Rocha-Retro­spek­ti­ve erstell­te) fortsetzt.

Pau­lo Rocha – Rétro­s­pec­ti­ve from La Ciné­ma­t­hè­que fran­çai­se on Vimeo.

Es ist die­ser Blick auf kran­ke, von Schwä­che gezeich­ne­ten Kör­pern, die den­noch Rie­sen sind, wie Hel­den gefilmt wer­den. Mäch­ti­ge Gestal­ten, auf deren Schul­tern ste­hend man eine Welt sehen kann, die uns auf­grund sozia­ler Unter­schie­de oft selt­sam ver­schlos­sen und fern scheint. Nur wäh­rend man dort getra­gen wird, bemerkt man, dass die­se Schul­tern zusam­men­bre­chen. Macht­los in ihrer Welt, vom Leben hin­ge­rich­tet. In einem gemein­sa­men Gespräch deu­te­ten Cos­ta und Rocha ein­mal eine Nähe zu Wil­liam Faul­k­ner an und fan­den ihre Gemein­sam­keit in der Vor­lie­be für die Geschich­ten der Besieg­ten. Cos­ta: „Der Film klingt wie ein Echo des ame­ri­ka­ni­schen Neo­rea­lis­mus, eine Syn­the­se zwi­schen dem hel­len Glanz von Heming­way und dem schwar­zen Licht von Faul­k­ner. Sät­ze, die töten und Schmerz, der brennt, ohne gese­hen zu werden.“

In der zwei­ten Hälf­te des Films ver­än­dern sich die Din­ge. Die Musik wird weni­ger, das Gefühl einer Hei­mat scheint vor unse­ren Augen zu schwin­den. Ade­li­no trifft auf Alber­ti­na (Isa­bel Ruth, unbe­re­chen­ba­re Macht des Kinos von Rocha). Sie stiehlt Geld aus der Kir­chen­kas­se, ver­steckt sich in einer Höh­le, bedroht und schnei­det ihn mit eine Mes­ser. Spä­ter kom­men sie sich näher. Wie in vie­len Melo­dra­men pla­nen sie einen Aus­bruch. Etwas dar­an fühlt sich fatal an. Das dro­hen­de Unheil liegt weni­ger im Schick­sal der Figu­ren als im Leben an sich. Etwas wird sich ver­än­dern. Der Titel sagt es bereits. Nie­mand sagt, dass es eine gute Ver­än­de­rung ist. Die Zukunft, argu­men­tiert Ade­li­no, läge in den eige­nen Hän­den. Als hät­te er alles ver­ges­sen, was bis dahin pas­sier­te. Die Kame­ra ist merk­wür­dig weit weg in die­sem Augen­blick. Die Men­schen bei­na­he win­zig im Schilf. Am Hori­zont Schif­fe und die Fra­ge, ob und was man noch wei­ter fil­men könn­te. Sel­ten fühlt sich ein eigent­lich offe­nes Ende eines Films so sehr wie das Ende an. Was mit einer Ankunft beginnt, endet auch ähn­lich wie in Os Ver­des Anos mit einer Ohn­macht. Nicht die ame­ri­ka­ni­schen Wes­tern­hel­den, die in das roman­ti­sche Nichts ver­schwin­den, aus dem sie gekom­men sind, zei­gen sich hier, son­dern jene Hel­den, die nicht mehr ver­schwin­den kön­nen, weil kei­ne Träu­me von einer grö­ße­ren Welt ihre tra­gi­sche Bestimmt­heit moti­vie­ren. Statt­des­sen die eige­nen Hän­de, ach so klein, das Meer im Blick.

Mudar de Vida von Paulo Rocha