Gespräch: Teoman Yüzer
Seit nunmehr sechs Jahren findet jeden September das exf f. – Tage des experimentellen Films Frankfurt in und um das Kino in der Pupille und das Frankfurter Filmmuseum statt, wo Menschen aus aller Welt zusammenkommen, um analog Filme zu zeigen und zu sehen. Kurz vor der kommenden Ausgabe spreche ich mit Larissa Krampert und Björn Schmitt, die das Festival zusammen mit Martin Klein leiten und gegründet haben, über ihre Arbeit. Wir sitzen in ihrem kleinen Garten im Frankfurter Stadtteil Oberrad und suchen auf trockenen Gräsern nach Schatten.
Das Festival setzt ja weniger auf einen kontemporären Aspekt. Wo fängt man denn da an, ein Programm zu gestalten, wenn man eigentlich erstmal theoretisch alles zeigen könnte?
Larissa: Vieles ergibt sich daraus, dass man in den letzten Jahren schon so viel gesammelt hat, was man zeigen will. Oder es gibt Ideen, die uns schon länger begleiten. Und dann hängt es meistens an bestimmten Personen. Wenn etwas in einem Jahr nicht geklappt hat, dann versuchen wir es einfach im nächsten nochmal. Zum Beispiel der Schwerpunkt zu Utako Koguchi. Das kam dadurch zustande, als ich letztes Jahr mit Ute Aurand darüber gesprochen habe. Das war eigentlich gar nicht geplant, sondern, weil wir so viele Filme von Ute gesehen haben, die sie in Japan gemacht hat. Dann hatte sie uns gefragt, ob wir eigentlich die Filme von Utako kennen.
Björn: Grundsätzlich programmieren und zeigen wir das, was wir gern selber im Kino sehen wollen. Entweder kennen wir die Sachen selbst und denken uns, dass man das unbedingt mal zeigen muss oder es sind solche Vorschläge von Freunden oder Bekannten. Die sagen dann: Das könnte passen, informiert euch mal darüber! Das ist der Grundimpuls. Mittlerweile ist es oft so, dass Leute kommen und Vorschläge machen. Wir sind dann gar nicht so sehr in der Rolle, zu kuratieren, sondern eher dabei, zu arrangieren, was es eigentlich für Ideen gibt und wie man die zusammenbringen kann. Wir zeigen schon ab und zu aktuelle Sachen, aber eigentlich haben unsere Programme mehr eine monografische Struktur oder sind teilweise nach Themen geordnet. So ist es meist ein Werk, das in einem Programm präsentiert wird. Irgendwie ist es ja ein bisschen anachronistisch, monografische Programme zu zeigen, weil alle aktuellen Festival davon abgekommen sind – wahrscheinlich auch zu recht. Aber wir finden das trotzdem weiterhin interessant, Programme so zu denken – gerade wenn man sie dann in einen größeren Kontext stellt. Wenn wir selbst auf anderen Festivals sind, ist es für uns oft schwierig, ein gemischtes Kurzfilmprogramm zu sehen, wegen der verschiedenen Positionen, die meist gar nicht so viel miteinander zu tun haben. Es geht dann oft mehr um die dahinterliegende kuratorische Idee und weniger um die einzelnen Werke. Man kann sich kaum erinnern, was man im Einzelnen gesehen hat.
Larissa: Gerade im Experimentalfilm – egal ob Kurzfilm oder längere Arbeiten – habe ich oft eine konzentriertere Wahrnehmung von einem einzelnen Werk, denn dort schwappt manches aus dem einzelnen Film in den anderen hinein. Für mich gibt es so eine viel intensivere Erfahrung, wenn man mehrere Filme sieht und mit den Filmemacher:innen darüber spricht. Das hat wahrscheinlich etwas damit zu tun, wie der Experimentalfilm funktioniert und es ist besser, wenn man es – old school – auf diese Art zeigt. Wenn man hingegen alles in kuratierten Programmen zerpflückt, dann rutscht das Gesehene schnell wieder weg. Mit unserem klassischen Rahmen bleibt für mich persönlich einfach mehr hängen.
Es können zwar nicht immer alle kommen oder sind noch am Leben, aber bei der Planung denken wir viel darüber nach, wie das Publikum und die Gäste sein werden, weil man viel Zeit miteinander verbringt. Im Kino und in Zwischenräumen. Wir wollen einen Begegnungsraum schaffen und damit Leute ins Gespräch bringen. Es muss also auch irgendwie menschlich gut zusammen passen.
Ich finde auch, dass die monografischen Programme eine große Besonderheit bei euch sind. Ihr hattet mir erzählt, dass ihr manche Filme zuvor nicht sehen könnt, vermutlich weil es in eurem Bereich manchmal gar keine wirklichen Möglichkeiten gibt, vorher zu sichten. Das ist ja eine ziemliche Schwierigkeit, um ein Programm zusammenzustellen. Wie arbeitet ihr denn mit den Kurator:innen zusammen?
Larissa: Weil wir analoge Programme zeigen, geht es immer erstmal darum, was überhaupt möglich ist. Da gibt es ein geteiltes Wissen – wo beispielsweise Kopien auffindbar sind. Es geht vor allem erstmal um solche Fragen. Mit den Filmemacher:innen reden wir direkt und fragen sie, ob sie selbst einen Idee haben, was gezeigt werden soll. Manchmal wollen aber Filmermacher:innen auch etwas nicht zeigen, was man gerne sehen möchte. Da muss man ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten. Aber wir nehmen oft auch erstmal Ideen an. Genauso ist das aber ebenso eine Frage der Kapazitäten. Es gibt bei uns keine fixe Aufgabenverteilung für die Programme. Es ist eher so, wie es sich gerade ergibt.
Björn: Viel ist auch so gewachsen, weil man bestimmte Leute kennengelernt hat, mit denen man dann mehrere Jahre zusammenarbeitet. Das ist generell mein Eindruck von der Experimentalfilm-Community, besonders im analogen Bereich – da gibt es einen kleinen Kreis, der sehr gut connected ist. Das wussten wir anfangs nicht. So sind später auch in anderen Städten Leute auf uns zugekommen, die wir gar nicht kannten, obwohl diese schon seit Jahrzehnten aktiv sind und Programme machen, Filmkritiken schreiben. Die haben unser Festival und uns relativ schnell in diese Gemeinschaft aufgenommen. Es ist gut zu spüren, dass es diesen offenen Austausch gibt.
Larissa: Das hat auch viel mit mangelnden Ressourcen zu tun. Man lebt davon, dass viele Ressourcen geteilt werden, was wir zuerst nicht wirklich realisiert haben. So gibt es beispielsweise in Berlin noch die eine Person, die Negativschnitt machen kann und immer wieder anderen aushilft. Interessant am Experimentalfilm ist, dass man sich in einem Zwischenbereich zur bildenden Kunst befindet – da kennen wir uns zwar kaum aus, aber dort läuft es auf jeden Fall ganz anders. Diese gegenseitig unterstützende Art wie die Filme gemacht werden, schwappt darauf über, wie die Filme gezeigt werden.
Gerade hier in Frankfurt hatten wir unsere Sektion »Frankfurter Formen« oder den Fundus in der Städelschule, wodurch wir wussten, dass in den 1980er Jahren schon viel stattgefunden hat. Da hatten wir das Glück, als wir mit dem Festival begannen, Leute kennenzulernen, die damals auch schon dabei waren. Man bekommt da das Gefühl, dass etwas wieder belebt wird.
Björn: Als wir anfingen, war der Experimentalfilm kaum noch in den Kinos zu sehen, selbst in Filmmuseen. Da gabs vielleicht mal ein Programm alle vier Monate, während es früher mindestens einmal im Monat eine feste Experimentalfilmschiene gab. Weil dann immer weniger Zuschauer:innen gekommen sind, hat man sich gefragt, ob es sich überhaupt noch lohnt, das auf die Beine zu stellen. Das hat bei uns aber den Wunsch ausgelöst, einfach mal ein Wochenende zu organisieren, an dem man die Sachen dann sehen kann. Leider ist es aber immer noch so, dass man bei Festivals nur ein oder zwei kleine historische Programme sehen kann. Oder dass es mal ein hervorgehobenes Special-Programm gibt, an dem aber nicht weiter gearbeitet wird. Es ist immer nur eine Ausnahme.
Larissa: Wir hatten den Vorteil, dass schon viele der Strukturen vorhanden waren und wir auch selbst davon überzeugt waren, dass wir so ein Festival machen können. Das merke ich immer, wenn Gäste hervorheben, wie toll das ist, dass wir die Arbeiten überhaupt in analoger Form zeigen. Dadurch, dass wir vorführen können und die Technik haben, gab es glücklicherweise schon viel, was das überhaupt erst ermöglicht hat. Ich finde, der handwerkliche und technische Aspekt prägt unser Festival schon sehr. Mir macht es gerade immer großen Spaß, dass wir in der Lage sind, so etwas möglich zu machen. Da habe ich persönlich gar nicht so sehr den Anspruch ans Programm.
Björn: Genau, für uns hat die Projektion die oberste Priorität, also dass es vor allem eine gute Projektion ist, wofür wir an anderen Stellen Abstriche machen. Durch das DFF und die FIAF hat man ganz gute Möglichkeiten, um Sachen auszuleihen, die man normal nicht bekommt. Und in der Pupille gibt es zum Glück noch gute analoge Vorführtechnik. Wir denken erstmal von der Projektion aus und überlegen danach, wie sich der Rest auf die Beine stellen lässt. So gibt es keine Aufsteller oder Visuals, großes Marketing oder Events drum herum.
Larissa: Es ist toll, das Kino-Kino im DFF und genau das Nicht-Kino-Kino in der Pupille zu haben. Der Festsaal bietet zum Beispiel auch die Möglichkeit in die Performance-Richtung zu gehen, was im Filmmuseum nicht so leicht möglich wäre. Was uns aber genauso wichtig war, ist, dass die eingeladenen Gäste auch die ganze Zeit bleiben können und nicht nur für eine Übernachtung. Es gibt keine Parallelprogramme oder die Notwendigkeit, das Programm dicht zu takten. Über die letzten Jahre hat das mit den vier Tagen und in der Regel dreizehn Programmen ganz gut funktioniert. Nicht mehr. Da sieht man schon viel, aber nicht so, dass man total gerädert ist. Gleichzeitig streuen wir jetzt auch an anderen Stellen über das Jahr ein paar Programme ein wie beim Sommerkino am Campus oder bei der Nippon-Connection.
Beim Sommerkino und der Pupille gab es wahrscheinlich schon eine Verbindung. Aber wie war das bei Nippon?
Larissa: Ein Mischung eigentlich. Das ist das Besondere an Frankfurt, dass hier alle Leute, die Kino machen, eng miteinander verbunden sind. Und die Pupille darf man nicht unterschätzen, da kommen viele her, da gehen viele weg. Dieses Jahr hat es sich vor allem angeboten, weil wir eine japanische Filmemacherin im Fokus hatten.
Dadurch dass sich das Festival herumgesprochen hat, gibt es immer einen festen Kern, der die ganze Zeit da ist. Ich finde es interessant, wie viele Leute davon nicht aus Frankfurt oder aus Deutschland, sondern aus dem Ausland kommen. Und natürlich kommen trotzdem ganz viele aus Frankfurt. Ihr verbindet diese regionale und die überregionalen Filmkulturen miteinander, was man in Programmen wie den »Frankfurter Formen« wiederfindet, indem ihr sie in den Dialog stellt.
Björn: Oft ist es so, dass die regionalen Sachen für Leute spannend sind, die nicht aus Frankfurt kommen. Man selbst kennt vielleicht den Namen und die Filme aus anderen Programmen schon sehr gut, für jemanden aus Spanien oder England ist das aber eine komplett neue Entdeckung. Zugleich ist es für die Frankfurter Szene, die in den 1980er Jahren aktiv war, allerdings genauso interessant, Filme wiederzusehen. So gibt es auch einen Austausch zwischen verschiedenen Generationen, was auch damit zu tun hat, dass wir versuchen, das Ganze so niedrigschwellig wie möglich zu machen. Es gibt zwar Einführungen und Texte zu den Filmen, aber an sich wollen wir die Filmerfahrung in den Vordergrund stellen und die Möglichkeit geben, darüber zu reden, ohne Film studiert zu haben. Da helfen Pausen nach den Screenings oder kleine Empfänge mit Essen und Getränken. Vor allem soll es nicht so sein, dass die Kurator:innen und Filmemacher:innen auf ein Podest gestellt werden und dann nach dem Screening zusammen essen gehen. Uns ist wichtig, die Gäste und das Publikum auf der gleichen Ebene zu behandeln.
Larissa: Wenn man nicht so viel Geld hat, ist man manchmal auch freier und dadurch ergeben sich manche Sachen einfacher. Klar, wenn man mehr Geld hätte, könnte man zum Beispiel ein Catering engagieren. Aber durch unsere Beschränkung sind wir wahrscheinlich auch zugänglicher. Letzten Endes sind es viele Kleinigkeiten, die offenbar wichtig sind, dass es viele bei uns so nett finden. Frankfurt ist auch überschaubar und im September ist hier immer noch Sommer.
Ich frage mich, ob es einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Ausgaben des Festivals gibt. Dieses Jahr gibt es einen Schwerpunkt zum Strukturellen Film und letztes Jahr hatte ich das Gefühl, dass es vor allem viele Reise- oder Tagebuchfilme gab, die oft weniger strukturalistisch daherkamen. Auf mich wirkt es, als wollt ihr da nochmal in eine andere Richtung gehen.
Björn: Wie gesagt, wir schauen in der Regel, was sich so ergibt. So könnte das auch ein Zufall sein, aber wir versuchen schon, nicht jedes Jahr dieselbe Art von Filmen zu zeigen. Dabei suchen wir nach einer Ausgewogenheit. Aber jeder Person gefallen immer besondere Aspekte und andere wiederum nicht.
Larissa: Es gibt eigentlich weniger eine thematische Ausrichtung, eher sind es Puzzle-Teile. Irgendwann gibt es den Moment, wo man über alles drüber schaut und überlegt, ob das stimmig ist und merkt dann erst, worauf man seine Aufmerksamkeit gelegt hat. Es ist wohl eine Art des Assoziierens – alleine, aber auch als Gruppe. Dieses Jahr haben wir irgendwie einen US-amerikanischen Schwerpunkt von der Westküste – Robert Nelson und Shellie Fleming. Aber man muss das gar nicht als einen Fokus proklamieren.
Es ergeben sich Verbindungen zwischen den Filmen, auch wenn sie nirgends benannt werden. Gerade das Reisethema vom letzten Jahr hat mich trotz der Texte und Bilder, die ich zuvor gelesen und gesehen habe, dann doch überrascht.
Larissa: Das macht die komprimierte Form des Festivals möglich. Wenn es sich aber komisch anfühlt, dann gibt es auch diese schlechte Form, zu assoziieren. Das hört sich jetzt böse an. Ich meine solche für mich unangenehmen Programme, , wo zwischen den unterschiedlichsten Filmen immer ein Zusammenhang hergestellt werden muss. Dabei ergibt sich das, wenn man viel gemeinsam sieht, auch automatisch. Für uns, die nicht immer alles vorher gesehen haben, ist es bei unserem Festival auch offen. Man kontrolliert dabei nicht die Seherfahrung. Ich persönlich finde es ganz gut, dass ich nicht alles schon vorher fünfmal gesichtet habe und dadurch über ein vermeintlich anderes Wissen verfüge, sondern, dass man selber auch schaut und mit im Raum ist.
Björn: Es ist eher so, dass wir einen Rahmen geben und das Programm setzt sich dann in den Köpfen zusammen. Damit werden die Kurator:innen ein bisschen entzaubert – diese Arbeit ist nicht das Wichtigste auf der Welt. Wir stellen hingegen die Filme im Einzelnen in den Vordergrund. Dabei interessieren uns aber gerade Filme, die man nicht einfach so im Internet sehen kann, weil wir mit der Idee aufgewachsen sind, es sei alles verfügbar. Man muss die Sachen wirklich zeigen, um sie zu sehen.
Larissa: Dabei rekreieren wir zwar nicht die alte Kinokultur, aber wir versuchen, jüngeren Leuten auch die Möglichkeit zu geben, sich dafür zu interessieren, was nirgends sonst zu sehen ist. Das macht natürlich auch den Reiz aus – weil es etwas seltenes ist und nicht anders geht.

