Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Wörter für die Welt da draußen #9: Zistrose

Erst dach­te ich, ein Kind hät­te sie aus dün­nem Papier gefal­tet und in der Land­schaft ver­teilt, so unwirk­lich zart glit­zer­ten sie im win­ter­li­chen Son­nen­licht auf einem längst ver­ges­se­nen Wan­der­weg im sar­di­schen Hin­ter­land. Ihre blas­sen Blü­ten­blät­ter erzit­ter­ten selbst in kaum merk­li­chen Bri­sen und schon ein ein­zel­ner Regen­trop­fen, ich war mir sicher, hät­te die gan­ze Blu­me umkip­pen und durch­sich­tig auf der rot­stei­ni­gen Erde schim­mern lassen.

Aber das konn­te nicht sein, schließ­lich sah ich die­ses Pflänz­chen über­all wach­sen und den wid­rigs­ten Bedin­gun­gen trot­zen. Wie so oft strömt gera­de aus den zer­brech­lichs­ten Kör­pern der reich­hal­tigs­te Saft. Die größ­ten Bücher wur­den auf den dünns­ten Sei­ten gedruckt, die tiefs­te Lie­be mit der brü­chigs­ten Stim­me gestan­den. Ich stand vor die­ser Blu­me und beob­ach­te­te wie ihr Schat­ten ins Meer fiel, wäh­rend ihr hol­zi­ger Dunst sich mit dem süd­li­chen Licht ver­misch­te, bis mir ganz schwumm­rig wurde.

Man sagt, dass Napo­le­on Bona­par­te sei­ne Hei­mat Kor­si­ka schon von Wei­tem am Geruch die­ser Zist­ro­sen ver­nahm. Ihr betö­ren­der Harz lässt Haa­re wach­sen und ver­schließt Wun­den. Ladan­sträu­cher unter denen die Dich­ter und Zie­gen schla­fen wol­len. Ich wider­stand mei­ner Ver­su­chung, eine Blu­me zu pflü­cken, um sie nach Hau­se zu tra­gen. Sie wür­de ver­en­den, so weit vom Meer. Statt­des­sen bas­tel­te ich mir eine aus Papier. Ein schwa­cher Ver­such, aber irgend­wie muss man begin­nen zu leben.

Iva­na Miloš, Rock­ro­se Unf­ur­ling, 2022, Aqua­rell auf Papier, 13 x 13 cm