Die Wirklichkeit hat schon eine Inszenierung: Erich Langjahr zum 80. Geburtstag

Zum fröh­li­chen Anlass des 80. Geburts­tags von Erich Lang­jahr durf­te ich für ein klei­nes Por­trät in der Neu­en Zür­cher Zei­tung ein Gespräch mit dem Fil­me­ma­cher füh­ren. Seit­dem ich mich im ver­gan­ge­nen Jahr im Rah­men mei­ner Film­rei­he zu Berg­bau­ern im Metro­ki­no Wien tie­fer mit sei­ner Arbeit beschäf­tig­te, lässt mich der offe­ne, von der Welt und den Men­schen durch­ström­te Blick des Fil­me­ma­chers nicht mehr los. Sei­ne fil­mi­schen Begeg­nun­gen mit der Wirk­lich­keit erin­nern an das, was all­zu leicht ver­lo­ren geht, nen­nen wir es alt­mo­disch und wie Cesa­re Pave­se eine Boden­haf­tung oder eine Ein­fach­heit, die viel kom­ple­xer ist als alles andere.

Es fol­gen eini­ge der Aus­sa­gen Lang­jahrs aus unse­rem Gespräch, dann ein paar Bil­der aus sei­nen Filmen.

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Ich war ein Film­ama­teur. Ich habe eine Super-8-Kame­ra geschenkt bekom­men. So hat das ange­fan­gen. Ich habe das ziem­lich ernst­haft betrie­ben und in mei­ner Umge­bung gefilmt. Ich sage das jetzt so, Amateur…aber das kommt ja von Lieb­ha­ber und in dem Sinn bin ich ein Ama­teur geblie­ben. Ich mache das immer noch mit Lei­den­schaft und Freude.

Ent­schei­dend für mich war die Begeg­nung mit Wal­ter Mar­ti und Reni Mer­tens. Die haben damals am Päd­ago­gi­schen Insti­tut in Zürich eine Vor­le­sung gege­ben zum The­ma non­ver­ba­le Kom­mu­ni­ka­ti­on. Das ist mir zu Ohren gekom­men und ich habe mich dann ein­fach in den Hör­saal gesetzt. Wal­ter Mar­ti hat das gut gefunden.

Auf dem Weg zur Uni bin ich dann einem Süd­afri­ka­ner begeg­net, der in der Bahn­hof­stra­ße auf einer Bam­bus­flö­te gespielt hat. Dar­aus ist dann einer mei­ner ers­ten Fil­me ent­stan­den, der auch auf den Solo­thur­ner Film­ta­gen gezeigt wur­de. Im Film geht es um die­sen Flö­ten­spie­ler, der am Schluss ver­haf­tet wird von der Poli­zei. Er muss­te inner­halb von vier­und­zwan­zig Stun­den aus­rei­sen und auf dem Zer­ti­fi­kat steht: Das Ver­hal­ten hat zu Kla­gen Anlass gege­ben. Wie­der­hol­te Bet­te­lei. Über­dies ist die Wie­der­ein­rei­se wegen Mit­tel­lo­sig­keit uner­wünscht. Ich weiß noch, ich muss­te ihn bei Basel über die Gren­ze brin­gen. Irgend­wo im Wald hat er dann gesagt: Hier kannst du mich rauslassen.

Mit Bil­der erzäh­len, das hat mich fas­zi­niert. In die­ser Zeit war ich viel in Leip­zig bei der Woche für Doku­men­tar- und Kurz­film. Die haben mich immer wie­der ein­ge­la­den, ein­mal habe ich sogar die Gol­de­ne Tau­be dort gewon­nen für Hir­ten­rei­se ins drit­te Jahr­tau­send. Ich habe dort auch die Fil­me Dzi­ga Ver­tovs gese­hen im Rah­men einer Retro­spek­ti­ve. Das hat mich sehr geprägt. Ein Satz von ihm ist auch sehr wich­tig für mich: Die Wirk­lich­keit hat schon eine Insze­nie­rung. Es geht eben dar­um, den rich­ti­gen Stand­punkt zu fin­den, dass die­se Insze­nie­rung erleb­bar und sicht­bar wird. Das ist ziem­lich genau das, was ich eigent­lich mache.

Die Fil­me von Kurt Tetzlaff sind auch ent­schei­dend für mich, vor allem sein wun­der­ba­rer Film Erin­ne­rung an eine Land­schaft – für Manue­la. Da zeigt er, wie gan­ze Dör­fer auf­grund der Koh­le­indus­trie weg­ra­diert wer­den. Das ist ein Film im Sin­ne Ver­tovs. Es gibt eine Anla­ge, die man im Spiel­film gar nicht bes­ser erfin­den könn­te. Die Wirk­lich­keit beschenkt einen. Es geht dar­um, eine Geschich­te aus die­ser Wirk­lich­keit zu destillieren.

Spiel­film und Doku­men­tar­film unter­schei­den sich in die­sem Sin­ne gar nicht. Ich bestimm­te den Aus­schnitt, ich samm­le das Mate­ri­al, ich wäh­le aus, sodass sich eine Erzähl­struk­tur ergibt. Ich ana­ly­sie­re das, was schon ange­legt ist. Was erzählt mir das Mate­ri­al? Auch der Doku­men­tar­film ist letzt­lich fiktional.

Wal­ter Mar­ti hat mal gesagt, dass wenn ein Zuschau­er in einem Film in den ers­ten zwan­zig Minu­ten nicht drin ist, dann wird das meis­tens auch nicht mehr passieren.

Das Film­erleb­nis pas­siert letzt­lich ja nicht auf der Lein­wand son­dern beim Zuschau­er. Der Zuschau­er macht den Film fer­tig, er macht ihn zu sei­nem Gan­zen. Damit er sich den Film in die­sem Sin­ne aneig­nen kann, braucht es einen Rhyth­mus. Für mich ist Film unter den sie­ben Küns­ten am nächs­ten bei der Musik, die ja auch vom Rhyth­mus lebt. Wenn ich dem Zuschau­er nicht Zeit las­se, dass er den Film zu sei­nem Film macht, dann zei­ge ich ihm nur etwas. Frü­her hat es das ja gege­ben in Vor­spän­nen: Die Pro­duk­ti­on zeigt…Für mich ist das ein fürch­ter­li­ches Wort. Im Kino zeigt man nicht, im Kino erlebt man.

Heu­te wird ger­ne kurz geschnit­ten. Aber es geht ja auch um die Augen­füh­rung. Wenn ich kurz schnei­de, dann blei­ben die Augen bei einem ein­zi­gen Haupt­mo­tiv, dann will ich nur das eine sagen und nichts ande­res. Wenn ich aber ein län­ge­res Bild habe, das in sich etwas erzählt, weil da im Bild etwas pas­siert, dann kann ich auch mehr sehen. Das kann auch nur der Wind in einer Land­schaft sein. Der Wind bringt eine Bewe­gung, einen Rhythmus.

Was bestimmt die Län­ge eines Bil­des? Da sind wir beim Schnei­de­tisch. Das Bild selbst dik­tiert dir letzt­lich sei­ne Dauer.

Fast alle mei­ne Fil­me sind über einen län­ge­ren Zeit­raum ent­stan­den. Ex Voto ist fast über sie­ben Jah­re ent­stan­den. Mor­gar­ten fin­det statt und Män­ner im Ring sind Aus­nah­men, die zei­gen eine Fest­welt an einem Tag sowie die Vor­be­rei­tun­gen vor Ort.. An einem Tag sowie die Vor­be­rei­tung vor Ort. Wenn du jetzt zu einer För­der­an­stalt gehst und nicht weißt, wann der Film fer­tig wird, dann ist das ein Pro­blem. Bei Stif­tun­gen oder beim Kan­ton spielt das nicht so eine Rol­le viel­leicht. Die sind froh, wenn du nicht schon wie­der kommst. Aber beim Fern­se­hen zum Bei­spiel ist das natür­lich schwierig.

Wenn ich stu­diert hät­te, hät­te ich Eth­no­lo­gie stu­diert. Das Volks­kund­li­che ist das, was mich tief inter­es­siert. Vie­le mei­ner Fil­me sind eth­no­gra­fisch. Ich ver­su­che die Leu­te zusam­men mit der Land­schaft zu erkunden.

Oft habe ich in der Schweiz gefilmt. Aber es gibt Aus­nah­men, bei­spiels­wei­se den Kurz­film Cana­ria Report, der auf den kana­ri­schen Inseln ent­stan­den ist. Und Para­cel­sus Ein Land­schafts­es­say hat mich zusam­men mit Pir­min Mei­er sogar bis ins fer­ne Salz­burg gebracht.

Hei­mat ist ein belas­te­ter Begriff. Auch dar­um steht am Anfang von Ex Voto: Ein Hei­mat­film. Ich fra­ge mich, was unse­re Grund­be­dürf­nis­se sind. Mir fällt da ein: Es geht dar­um, dass es einem wohl ist an einem Ort. Ich suche die Gemein­schaft, weil es für mich wich­tig ist, inner­halb einer Gemein­schaft etwas sinn­vol­les zu tun. Das alles macht Hei­mat aus und das gilt es zu ver­tei­di­gen. Das alles ist aber ein biss­chen in Gefahr und das schon lan­ge. Fil­misch ermög­licht das einen dia­lek­ti­schen Zugang.

Schon Her­man Hes­se hat sich mokiert über das Zuviel an Tou­ris­mus. Was schrie­be der heu­te, wenn er die­se Mas­sen erle­ben wür­de? Ich den­ke da auch an mei­nen Rigi-Film, Mein ers­ter Berg. Man darf das aber auch nicht nur abwer­tend betrach­ten. Die Men­schen gehen mit ihren Bedürf­nis­sen auf eine Rei­se und wol­len etwas kennenlernen.

Der Zuschau­er eig­net sich letzt­lich nicht nur den Film an, son­dern auch die in ihm ent­hal­ten­de Kri­tik. Ich darf die Kri­tik nicht so ein­bau­en, dass sich der Zuschau­er kei­ne eige­ne Mei­nung bil­den kann. Über mein eige­nes Erle­ben ergibt sich die Mög­lich­keit einer eige­nen kri­ti­schen Posi­ti­on für den Zuschau­er. Erst dann ist eine Saal­dis­kus­si­on mög­lich, weil alle das eben anders erle­ben. Eine frucht­ba­re Dis­kus­si­on aus­lö­sen, ist das höchs­te, was das Kino leis­ten kann.

Wir haben eben einen Film abge­schlos­sen, das heißt ich und Sil­via Hasel­beck, mit der ich seit 40 Jah­ren zusam­men­ar­bei­te und die hier die Co-Regie über­nom­men hat: Die Tabu­bre­che­rin. Die Pre­miè­re wird im Herbst sein, mal sehen bei wel­chem Fes­ti­val. Wir haben den Film mit Mic­hè­le Bow­ley gedreht. Sie war die Gesund­heits­psy­cho­lo­gin des Kan­tons Zug bis sie eine Krebs­dia­gno­se mit­samt nicht­ope­ra­blen Hirn­me­ta­sta­sen bekam. Am Anfang des Fil­mes war ihre Lebens­er­war­tung noch drei oder vier Mona­te. Für sie ist da aber kei­ne Welt zusam­men­ge­bro­chen, son­dern sie hat das als einen Anfang eines Aben­teu­ers begrif­fen. Sie hat dann noch zwei Jah­re gelebt und in die­ser Zeit zwei Bücher geschrie­ben. Der Titel des Films kommt auch von ihr, weil sie sozu­sa­gen das Tabu „Ster­ben“ bricht auf ihre eige­ne Art und Wei­se. Für uns schließt der Film an unse­re Arbeit Geburt an, da schließt sich jetzt ein Kreis.