Ich weiß nicht wie vie­le gute Fil­me pro Jahr rea­lis­tisch sind, bin mir aber ziem­lich sicher, dass es es nicht so vie­le sind wie von der Kri­tik und Fes­ti­val­kul­tur behaup­tet wird. Trotz­dem bekommt man das Gefühl, wenn man Mode­ra­to­ren, Kri­ti­kern, Fes­ti­val­pro­gramm­ern, Kura­to­ren und so wei­ter lauscht, dass es nur noch gute Fil­me gibt. Gut, man kann sagen, dass Inter­pre­ta­tio­nen des Wor­tes „gut“ Schwan­kun­gen unter­lie­gen, aber die him­mel­hoch jauch­zen­de, har­mo­ni­sie­rend andäch­ti­ge Grund­stim­mung, der man auf Fes­ti­vals und in den zynisch-eupho­ri­schen, ermü­de­ten Augen der Besu­cher und soge­nann­ten Fach­leu­te begeg­net, trägt in sich ein Hams­ter­rad der Superlative.

Denn wohin will man denn mit all die­sen Meis­ter­wer­ken, gran­dio­sen Arbei­ten, bes­ten Fil­men des Jah­res und künst­le­ri­schen Groß­ta­ten von denen wir angeb­lich (die meis­ten ohne es zu mer­ken) über­schwappt wer­den? Welch ein ver­zwei­fel­ter Schrei, ver­mu­tet man. Wenn jemand müde, prin­zi­pi­ell wenig inter­es­siert mit geschlos­se­nen Augen auf einer Wie­se sitzt, mag man ent­ge­gen­hal­ten, und man möch­te, dass er oder sie einen Schmet­ter­ling wahr­nimmt, der an ihr vor­bei­fliegt, dann muss man womög­lich über­trei­ben, damit die Per­son die Augen öff­net. Wie oft ich aller­dings sagen kann, dass dort einer der schöns­ten, rele­van­tes­ten, außer­ge­wöhn­lichs­ten, wil­des­ten Schmet­ter­lin­ge fliegt, sei dahingestellt.

Vor zu viel behaup­te­ter Schön­heit könn­te alles taub wer­den. Das Kino und Fil­me sind kei­ne Schmet­ter­lin­ge, könn­te man zurecht bemer­ken. Es ist ein Markt und dem­entspre­chend arbei­tet auch die Logik in ihnen. Dass Pro­gramm­er wie leben­de Wer­be­tex­te zu Fil­men auf­tre­ten und Kri­tik zu einer Teil der Mar­ke­ting­stra­te­gie ver­kom­men ist, weiß man, wenn man ver­sucht mit dem Kino zu leben. Am Strand von Maspa­lo­mas auf Gran Cana­ria gibt es Ver­käu­fer von gefälsch­ten Fuß­ball­tri­kots, die weni­ger laut schrei­en, die weni­ger pene­trant mit ihren Waren her­um­fuch­teln wie jene, die ver­stan­den haben wol­len, dass man mit dem Kino nur noch so über­le­ben kann. Schließ­lich muss man auch vom Kino leben. Dass das Kino lebt, ist dafür Grund­vor­aus­set­zung und wie man es aus dem Kino kennt, kann auch leben, was eigent­lich tot ist.

Kul­tur­pes­si­mis­mus, schallt es von den Dächern! Schaut her, wir leben in einer gol­de­nen Zeit der Film­kunst. So vie­le Fil­me wie nie, so vie­le Orte, an denen sie gezeigt wer­den kön­nen, so viel Ver­ges­se­nes, das wie­der­ent­deckt wer­den kann. Reicht es nicht, wenn ein Film inter­es­sant ist? Will man ihn nicht sehen, wenn er eini­ge Schwä­chen hat, wenn es beim gut gemein­ten Ver­such bleibt, wenn er wie­der­holt, was schon gedreht wur­de, wenn er auf der Stel­le hüpft oder nicht berührt? Gera­de im Umgang mit der Film­ge­schich­te scheint es sowie­so nur noch Meis­ter­wer­ke zu geben. Woher das Wort eigent­lich kommt und inwie­fern es ein kodier­ter, in man­chen Krei­sen womög­lich gar iro­nisch besetz­ter Begriff ist, spielt kei­ne Rol­le. Das „Meis­ter­werk“ ist Sinn­bild für die gezwun­ge­ne Affir­ma­ti­on, den Ver­kaufs­ges­tus der Film­ver­mitt­lung und Filmkultur.

Natür­lich kann da kaum wer was dafür, es liegt schlicht dar­an, dass das Kino an sich, allein­ste­hend, nackt, kei­ne Augen mehr öff­net. Man muss das Gewöhn­li­che zum Beson­de­ren erklä­ren, das Täg­li­che zum Ein­ma­li­gen. Dazu kommt, dass wer immer einen Film gemacht hat, unan­tast­bar sein muss. Die gro­ßen Gäs­te, die­se erha­be­nen Gestal­ten, die es wag­ten, die Welt zu sehen, zu inter­pre­tie­ren, zu mani­pu­lie­ren. Die­se Künst­ler, hören wir, was sie uns zu sagen haben. Die Fra­ge- und Ant­wort­stun­den in Kino­sä­len ersti­cken alle, die vor und nach einem Film atmen wol­len, zwei Drit­tel der Gesprä­che ergie­ßen sich in betu­li­cher Ober­fläch­lich­keit, dass es bereits einen Dia­log zwi­schen Film und Zuse­her gege­ben haben müss­te, spielt kei­ne Rolle.

Es sehen sowie­so die meis­ten her­ab auf die Fil­me auf Fes­ti­vals. Wie sind Sie auf die Idee gekom­men die­ses oder jenes zu fil­men? War­um haben sie eine Pflau­me als Kuh besetzt? Wer sind Ihre Vor­bil­der? Und der Ton, ja wow, der Ton, wie haben sie das gemacht? Dazu hört man dann von Zen­tren des Egos, meist erstaun­li­cher Selbst­si­cher­heit und poe­ti­scher Welt­sicht. Die­se Men­schen machen alle gute Fil­me. Alle. Wer das nicht sieht, tötet die Lust am Kino! Sich abge­neigt zuwen­den, das gibt es nicht. Man muss mögen oder schweigen.

Wobei das eigent­lich egal ist. Wer nicht mag, wird sowie­so kaum gehört. Das ist der neue Ton­film. Nur Affir­ma­ti­on lässt sich mone­ti­sie­ren, dafür sorgt das wun­der­sa­me Geflecht aus Indus­trie und Kunst. Da Kri­tik noch ver­gan­ge­ner ist als das, was sie kri­ti­siert, ist das nun­mal so. Und war­um soll­te man einen Film zei­gen, den man nicht liebt? Ja, das wür­de mich inter­es­sie­ren und ich den­ke, dass es vie­le ehr­li­che Ant­wor­ten gibt. Er passt ins Kon­zept, man mag die Fil­me­ma­cher, es gab Druck vom Ver­lei­her, man muss­te einen Film aus die­sem oder jenem Land zei­gen, man hat­te sonst kei­nen Film, er war die güns­tigs­te Vari­an­te, die Län­ge hat gepasst, man hat spon­tan ent­schie­den, mein Part­ner liebt die­sen Film, man will die Pro­du­zen­ten unter­stüt­zen, man erwar­tet sich mehr Zuse­her, man fin­det zumin­dest eine Sze­ne toll, man hat es vergessen.

Und was könn­te man in einer Ein­füh­rung schon sagen außer dass das ein ganz tol­ler, super tol­ler, fan­tas­ti­scher Film ist, der aus die­sem oder jenem Grund so oder so einen span­nen­den, außer­ge­wöhn­li­chen Blick auf die Welt lie­fert? Der die­sen oder jenen Award gewon­nen hat, was ihn ja (wer denkt schon dar­über nach wie Awards ver­ge­ben wer­den) zu einem der bes­ten Fil­me macht? Man könn­te doch nie­mals sagen, dass es hier einen span­nen­den Ansatz zu die­sem oder jenem The­ma gibt, der nicht ganz auf­geht, aber gera­de des­halb eini­ges an Spreng­kraft hat? Oder dass der Film nicht beson­ders gelun­gen ist, aber eine Ten­denz im aktu­el­len Kino oder der aktu­el­len Poli­tik bestä­tigt, hin­ter­fragt oder ihr wider­spricht? Oder dass man ihn per­sön­lich nicht beson­ders gut fin­det, aber man ihn trotz­dem nicht aus dem Kopf bekommt? Das wäre sicher fatal, alle wür­den aus dem Kino ren­nen. Geschwei­ge denn, wenn man den Fil­me­ma­chern nach dem Film als Mode­ra­tor kri­ti­sche Fra­gen stellt. Dann wür­de am Ende noch wirk­lich dis­ku­tiert wer­den und wer will das schon?

Die Film­kul­tur hat es wis­sen­schaft­lich erforscht und man weiß jetzt mit Sicher­heit, dass Dis­kus­si­on und Wider­spruch töten. Vie­les dar­an erin­nert an die Geschich­te vom Jun­gen, der sein Haus­tier so lieb­te, dass er es erdrück­te. Nur dass man sich nicht sicher sein kann, ob die­se Film­lie­be echt ist.