Vor eini­gen Jah­ren sah ich den Film „Revan­che“ von Götz Spiel­mann. Ich sah ihn und ich hör­te ihn und als der Abspann zu sehen war, wur­de mir bewusst, dass ich den Film als wun­der­bar emp­fand. Zunächst war mir nicht ganz klar wes­halb. Doch immer, wenn ich über den Film sprach oder nach­dach­te, immer wenn ich ver­such­te mir klar zu wer­den, was genau mich so dar­an fas­zi­nier­te, hör­te ich die Spra­che, die Stim­men der Cha­rak­te­re in mei­nem Kopf erklin­gen. Es ist nicht mal so, dass in „Revan­che“ ein beson­de­res Augen­merk auf die Stim­me gelegt wer­den wür­de, etwa im Sin­ne einer artaud­schen Grau­sam­keit, einem Schrei­en oder beson­ders mar­kan­ten Stim­men (die Schau­spie­ler natür­lich häu­fig mit­brin­gen), son­dern ein­fach die Echt­heit die­ser Stim­men dort, die schein­bar in ihrer Spra­che daher­ka­men, die atme­ten, wenn sie rann­ten und die mit der Kör­per­lich­keit des Films eine Ein­heit bil­de­ten. Das war vor fünf Jah­ren und ich hat­te bis dahin, wie es in Klein­stadt­ki­nos halt so mög­lich ist, die meis­ten Fil­me in einer Syn­chron­fas­sung gese­hen. Was für eine ver­geu­de­te Zeit. Inzwi­schen sehe ich nur in abso­lu­ten Not­fäl­len Fil­me in einer syn­chro­ni­sier­ten Ver­si­on, aber war­um? Wer sich der Echt­heit von Stim­men im Kino, der Zusam­men­ge­hö­rig­keit von Kör­per und Spra­che ent­zieht, der ent­zieht sich mei­ner Mei­nung nach kom­plett dem Kino. Kino ist in ers­ter Linie Bild und Ton. Wenn ein gro­ßer Teil des Tons, näm­lich die Stim­men durch etwas ande­res ersetzt wer­den, wird der gan­ze Film ver­än­dert. Es ist eine sehr bedenk­li­che Situa­ti­on und es ist cha­rak­te­ris­tisch für die deut­sche Kino­land­schaft mit wel­cher Gleich­gül­tig­keit hier akzep­tiert wird, dass es über­haupt so etwas wie Syn­chron­fas­sun­gen im Kino gibt. 

Man kann ja aus­wäh­len, es gibt ja auch immer die Ori­gi­nal­fas­sun­gen, heißt es da von jenen, die sich dann ganz ger­ne in die Syn­chron­fas­sun­gen set­zen. Nur, wenn der grö­ße­re Teil der Kinos (der viel grö­ße­re Teil) Fil­me auf Deutsch über­setzt, dann ist das ein Wider­spruch mit dem Kino an sich. Die Gleich­gül­tig­keit gegen­über dem Pro­blem ist das grö­ße­re Pro­blem als das Pro­blem selbst. Wen inter­es­siert das Kino? Vie­le und nie­mand, solan­ge man selbst sein bes­tes Pro­gramm zusam­men­stel­len kann bezie­hungs­wei­se selbst dar­in und damit über­le­ben kann. Es gibt zwei Argu­men­te, die immer wie­der gegen Ori­gi­nal- oder Unter­ti­tel­fas­sun­gen vor­ge­bracht wer­den. Das ers­te ist, dass man sich bei syn­chro­ni­sier­ten Fas­sun­gen mehr auf die Bil­der kon­zen­trie­ren kann, weil man nicht stän­dig gezwun­gen wird mit­zu­le­sen. Ich habe dem meh­re­res ent­ge­gen­zu­hal­ten. Ers­tens ist es eine Sache der Gewöh­nung, der Übung. So wie man erst mit der Zeit lernt eine spe­zi­fi­sche Film­spra­che und sei sie noch so bil­lig zu ver­ste­hen, so lernt man auch mit der Zeit sei­nen Blick über Bild und Schrift glei­cher­ma­ßen wan­dern zu las­sen. In den Zei­ten der mul­ti­plen Bild­schir­me soll­te genau jenes Ele­ment eigent­lich ein viel klei­ne­res Pro­blem dar­stel­len. Aber dann muss man sich natür­lich kon­zen­trie­ren und wer will sich schon kon­zen­trie­ren, wenn er doch auch was ande­res tun kann, zum Bei­spiel sich nicht kon­zen­trie­ren? Das zwei­te Argu­ment ist, dass es natür­lich vie­len Men­schen hilft Zugang zu den Geschich­ten zu fin­den, wenn sie in ihrer Mut­ter­spra­che gehal­ten sind. Dem wider­spre­che ich nicht, genau­so wenig wie das hier etwas mit einer Miss­gunst gegen­über der wirk­lich beein­dru­cken­de Arbeit vie­ler Syn­chron­spre­cher zu tun haben soll. Es darf ein syn­chro­ni­sier­tes Kino geben, aber bit­te nicht im Kino. Wer die Bil­der mög­lichst groß und den Ton mög­lichst laut will, wer ein Kino­er­leb­nis will und wer sich dafür noch ins Kino bewegt, soll Kino auch kom­plett erle­ben: Mit sei­nen Stim­men. Wenn man die Spra­che beherrscht und auf die Unter­ti­tel ver­zich­ten kann, ist das umso bes­ser. Manch­mal, ins­be­son­de­re in asia­ti­schen Fil­men mag unse­rem euro­päi­schen Sprach­ver­ständ­nis das etwas schwer erschei­nen. Doch schaut man sich zum Bei­spiel die Fil­me von Park Chan-Wook auf Korea­nisch an, wird man häu­fig durch die Ton­la­ge und den Stimm­fall jene Komik inmit­ten der Gewalt erken­nen, die in den nüch­ter­nen deut­schen Syn­chro­ni­sa­tio­nen meist ver­bor­gen bleiben. 

Wenn die Stim­me plötz­lich rele­vant wer­den könn­te, wie bei Gesang, kom­men die Syn­chron­gu­rus, die sich ihre klei­ne Indus­trie auf­ge­baut haben, um die Film­in­dus­trie damit zu unter­stüt­zen ins Schwim­men. Da kommt es schon mal vor, dass es sehr merk­wür­di­ge Wech­sel im Ton gibt, manch­mal hör­bar. Wie­so wird der Ori­gi­nal­ton beim Sin­gen so sehr geschätzt, aber beim Spre­chen, einem essen­ti­el­len Bestand­teil jedes Schau­spiels so gering gehal­ten? Die­ses glatt­ge­bü­gel­te, über­setz­te Eng­lisch oder Fran­zö­sisch fin­det dann amü­san­ter­wei­se Ein­zug in vie­le Dreh­bü­cher von deut­schen Fil­men. Da heißt es dann „Mach das ver­damm­te Fens­ter auf.“ oder „Hier woh­ne ich, weißt du?“. Und am Ende zählt nur die Nar­ra­ti­on und das man auch ver­steht, was da pas­siert. Es muss doch lang­wei­len, es muss doch ster­ben, wenn es nur dar­um geht zu ver­ste­hen und nicht die Stim­me zu füh­len, ihre Ton­la­ge zu ver­ste­hen. Wer kennt es nicht, dass er einen Men­schen im soge­nann­ten ech­ten Leben sym­pa­thisch fin­det oder nicht, sich hin­ge­zo­gen fühlt oder nicht, auf­grund der Stim­me. Im öster­rei­chi­schen Kino exis­tiert die­se Echt­heit der Stim­men viel­mehr als im deut­schen Kino. Vie­le deut­schen Fil­me wir­ken der­art glatt­ge­bü­gelt, dass man sie lokal schon gar nicht mehr ver­or­ten kann. Und wenn jemand einen Kino­film im Dia­lekt dreht wie Mar­kus H.Rosenmüller, dann wird das gleich zur Mar­ke und ver­kauft und auf sei­ne Art wie­der glatt­ge­bü­gelt. Dage­gen schei­nen die Dia­lek­te und Stim­men in Öster­reich tat­säch­lich aus den Cha­rak­te­ren zu kom­men. Wer sich Fil­me von Ulrich Seidl oder Wolf­gang Murn­ber­ger ansieht, könn­te erah­nen wor­auf ich anspie­le. Dabei geht es nicht zwangs­läu­fig um Dia­lekt. Es geht um Direkt­heit und Kör­per­lich­keit. Ich habe Chris­ti­an Pet­zolds Eröff­nungs­sze­ne in „Yel­la“ als einen Ver­such ver­stan­den die Kör­per­lich­keit von Spiel und Stim­me in sei­nen Film zu brin­gen, spä­ter ver­schwin­den die Stim­men wie­der (womög­lich gewollt) in der kal­ten Anony­mi­tät der Kon­fe­renz­räu­me und Autos. In „Der Räu­ber“ von Ben­ja­min Hei­sen­berg fühlt man die Stim­men auch, gera­de in den inti­me­ren Sze­nen scheint das Atmen die Stim­men fast zu über­la­gern und der Film schreit uns an in den Stim­men mehr zu ver­ste­hen, als in den Wor­ten. Hat Mat­thi­as Glas­ner in „Der freie Wil­le“ und „This is love“ noch jene Kör­per­lich­keit erreicht, scheint in „Gna­de“ die Schön­heit des Ortes die Stim­men sei­ner Dar­stel­ler weich­zu­spü­len. Manch­mal habe ich das Gefühl, dass die Stim­me ins Thea­ter ver­bannt wur­de. Bei Bet­ti­na Ober­lis „Tannöd“ rennt ein jun­ger Mann durch das Dorf und schreit. Es läuft einem kalt den Rücken run­ter. So kann eine Stim­me wir­ken. Es liegt nicht an den Schau­spie­lern oder so etwas wie einem deut­schen Schau­spiel­stil. Häu­fig, so mein Ein­druck aus einer unter­le­ge­nen Distanz, fehlt es am Mut Lücken zu las­sen, unsau­ber zu sein. Ton­de­si­gner, die ihre Arbeit ohne künst­le­ri­schen Anspruch aus­füh­ren, um am Ende jene tech­ni­sche Sau­ber­keit zu garan­tie­ren, für die sie ihren nächs­ten Auf­trag bekom­men. Sau­ber arbei­ten ist das Mot­to. Bit­te macht das im Fernsehen. 
Antoine Doi­n­el steht vor dem Spie­gel und wie­der­holt sei­nen Namen. Sei­ne Stim­me wirkt ver­spielt, schüch­tern, ange­spannt. Jemand hat geschrie­ben, dass Jean-Pierre Léaud immer zugleich mit sei­nem Schau­spiel­part­ner und mit dem Publi­kum spielt. Er/​Sie hat­te Recht. John Cas­sa­ve­tes steht in sei­nem „Ope­ning Night“ auf der Büh­ne und beginnt zu lachen. Es schallt so laut und man ver­liert den Bezug dazu, ob es ein ech­tes oder ein fal­sches Lachen ist. Nata­lie Port­man ruft in „Black Swan“ bei ihrer Mut­ter an, um ihr zu sagen, dass sie die ersehn­te Haupt­rol­le end­lich ergat­tert hat. Ihre Stim­me ver­sagt, sie kämpft mit den Trä­nen. Wei­nen, Lachen, Schrei­en, Jam­mern, Atmen, Stöh­nen. Eine affek­ti­ve Reak­ti­on über­setzt sich in ihrer Wir­kung nur, wenn sie echt ist. Es ist eine Respekt­lo­sig­keit gegen­über dem Schau­spiel und eine Respekt­lo­sig­keit gegen­über dem Kino, wenn man einen Film syn­chro­ni­siert, wenn man den Stim­men nicht ihre Feh­ler und Uneben­hei­ten lässt. (Und ja ich weiß, dass Syn­chron­spre­cher ver­su­chen von sich selbst Uneben­hei­ten in die Stim­men zu brin­gen. Nur wo ist ihr Körper?)
Wei­nen
In „Twen­ty­ni­ne Palms“ von Bru­no Dumont sitzt Jeka­te­ri­na Golu­be­wa in einem Restau­rant am Tisch und beginnt plötz­lich ohne Vor­war­nung zu wei­nen. Ihr Schluch­zen durch­dringt einen dabei und man spürt ein tie­fes Leid in ihr Schlum­mern; ein Ankämp­fen und Los­las­sen; hier ist Wei­nen ein Kampf und Resi­gna­ti­on zugleich, der einen mit einer gewis­sen Plötz­lich­keit über­rascht, die aus dem tiefs­ten Inne­ren ihres Kör­pers zu kom­men scheint.
Lachen
In „Hus­bands“ von John Cas­sa­ve­tes arbei­tet der Regis­seur selbst als Zahn­arzt. Als er eine Frau unter­su­chen will, offen­bart die­se ihm ihre Angst und beginnt dar­auf­hin immer wie­der zu lachen, wenn du Cas­sa­ve­tes ver­sucht sie zu unter­su­chen. In ihrem Lachen liegt tat­säch­li­che Locker­heit und Humor, aber auch Angst und Ver­un­si­che­rung. Außer­dem löst die kör­per­li­che Reak­ti­on aus, dass auch Cas­sa­ve­tes lachen muss und dadurch ent­steht zwi­schen den bei­den eine Ver­bin­dung, die über das gewöhn­li­che Arzt und Pati­ent Ver­hält­nis hin­aus geht.
Schrei­en
Zu Beginn von „The Others“ von Ale­jan­dro Amen­ab­ar erwacht Nico­le Kid­man aus einem Schlaf und schreit so ent­setzt, dass die­ser Schrei im Kör­per der Zuse­her bis zum Ende des Films und sogar dar­über hin­aus, wei­ter­wirkt. Ein Schrei, der die gan­ze affek­ti­ve Wir­kung des Films bün­delt und der weit mehr Raum für Inter­pre­ta­tio­nen lie­fert, als der Plot selbst.
Jam­mern
Am Ende von „Epi­de­mic“ von Lars von Trier tref­fen die Schreie einer Frau den Zuse­her dort, wo kein Wort und kein Twist einen jemals tref­fen kön­nen. Ihr Kla­gen und Jam­mern, das mal ein Wei­nen ist, mal ein Schrei­en scheint ein Hil­fe­ruf zu sei­ner der über jeg­li­che Dra­ma­tur­gie hin­aus­ragt. Hier geht es um die Erfah­rung einer Kör­per­lich­keit, fast wirkt es so, als stül­pe Von Trier sei­ner Dar­stel­le­rin in die­ser Sze­ne ihr Inne­res nach Außen.
Atmen
Wer Vale­ria Bruni Tede­schi in der ers­ten Sequenz in „5x2“ von Fran­çois Ozon beim Abschieds­sex mit ihrem Exmann atmen hört, der spürt so viel mehr, als das blo­ße Bild ver­mit­teln ver­mag. Rou­ti­ne, Nähe, Anzie­hung, Ekel, Hass und Liebe…alles ist Teil ihres Rhyth­mus, ihres stär­ker und schwä­cher wer­den­den Atmens.
Stöh­nen 
In „Pola X“ von Leos Car­ax stür­zen sich Guil­laume Depar­dieu und Jeka­te­ri­na Golo­be­wa der­art lust­voll auf­ein­an­der, dass ihr zwi­schen­zeit­li­ches Stöh­nen auf merk­wür­di­ge Wei­se den Sex­akt zu unter­bre­chen scheint. So als wür­de er, gera­de in sei­ner Roh­heit und Nackt­heit, dar­in erin­nern, dass es sich womög­lich um ein Geschwis­ter­paar han­delt; hier wird ech­te Berüh­rung in einen Aus­ruf verpackt. 
Zit­tern
Wenn der Leh­rer in „Ent­re les murs“ von Lau­rent Can­tet von sei­nen Schü­lern wie­der­holt gefragt wird, ob er schwul sei, ant­wor­tet er mit einer der­art zitt­ri­gen Stim­me „No“, dass man nur durch den Ton­fall einen ganz neu­en Film, einen Moment der Frei­heit erspürt, der die Dra­ma­tur­gie eben aus den Mau­ern des Klas­sen­zim­mer her­aus­sprin­gen lässt und uns dort einen Men­schen statt eines Leh­rers präsentiert.
Viel­leicht mag der ein oder ande­re Text­ana­ly­ti­ker sich fra­gen, wozu die­se angriffs­lus­ti­gen For­mu­lie­run­gen zu Beginn gut sein sol­len und wo denn bit­te so etwas wie eine Argu­men­ta­ti­ons­struk­tur in die­sem Ein­trag zu fin­den ist. Viel­leicht habe ich aber auch bewusst Uneben­hei­ten gelas­sen, damit mei­ne Stim­me eine Chan­ce hat durch die lee­ren Wor­te, die hier immer ver­su­chen Bil­der zu beschrei­ben, hin­durch zu dringen.