Wörter für die Welt da draußen #5: Eigallerte

In einer Wagenrinne auf einem alten Auwaldweg nahe Jettsdorf sammelte sich trübes Regenwasser. Darin trieben knapp unter der Oberfläche zwei schillernde Laichklumpen, umklebt von froschigen Eigallerten, die gleich einer verblassten Götterspeise oder einer wasserfarbenen Traubenrispe vom kommenden Leben einiger Springfrösche kündeten.

Erstarrt schwebte die Zukunft unter dieser durchsichtigen Schicht, die alles schützte und sich nach und nach verflüssigte, sodass die dumpfe Unwirklichkeit der Pfütze möglichst sachte über die ums Überleben kämpfenden Kaulquappen fiel.

Ganz erstaunlich wie dieser wabernden Flüssigkeit ein Körper entschlüpfen kann. Man glaubt sich fast zu erinnern an die Zeit, in der wir alle im Schlamm des Meeres dahinsiechten, nichts sehend, aber jede Regung spürend und bereit irgendwann, in einer unvorstellbaren Zeit, das Wasser zu verlassen.

Ivana Miloš, Jajašca žablja (2021), watercolor on paper, 18 x 26 cm

Notiz zu Le Stade de Wimbledon von Mathieu Amalric

Kleiner Spleenfilm (wirklich klein, kein Anspruch auf Größe, man könnte sagen: aus dem Ärmel geschüttelt). Jeanne Balibar mit Liebe gefilmt in Triest (hauptsächlich) und London (kurz) auf der Suche nach Bobi Bazlen, einem der faszinierendsten Bartleby-Autoren von Enrique Vila-Matas, berühmter Verleger und Literat, Freund Joyces, Eingang Kafkas in die italienische Kultur, der nichts schrieb außer Fußnoten. Und Jeanne Balibar auf der Suche nach sich selbst. Der Versuch einen Film wie eine Fußnote zu machen.

Le Stade de Wimbledon ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Daniele Del Giudice. Es gibt allerhand literarische Begegnungen und eine spürbare Liebe für die so reiche und melancholische Bücherwelt an der heute italienischen Adriaküste. Ein gewisser Surrealismus greift um sich, ganz so, als wollten sich der Film und seine Protagonistin entkommen statt finden. Balibar bewegt sich zunehmend ziellos, verloren zwischen Zügen in einem Europa, das so unfertigt bleibt wie nie beendete Romane.

Eine Studie unvollkommener Wahrnehmung, in der jede Szene, jede Begegnung nur eine Findungsphase ausmacht, die niemals enden darf. Man begreift: alle losen Enden des Lebens sind gleichzeitig unzusammenhängende Anfänge für die, die nach uns kommen.

Notiz zur Sprache (João César Monteiros)

Wer spricht wie aus Büchern, gehoben und archaisch, dem sagt man, mit der um sich greifenden Genugtuung jener, die sich kollektiv im Recht sehen, gern nach, weltfremd oder dekadent zu sein. Das Beispiel João César Monteiros, der sich um einen Ausdruck bemühte, der mehr an Luís de Camões erinnerte, als an die verstaubten Straßen, auf denen er drehte, beweist, dass dabei nichts gewonnen wird. Schließlich verändert Monteiro das Licht der Dinge, wenn er spricht.

Die sogenannte „schöne Sprache“ wurde längst vom Diktat des Massengeschmacks aus Literatur und Kino entfernt, dort wo sie noch aufblitzt, hängt sie wie ein verblassendes Gemälde in der Nische, für all jene, die daran noch Gefallen finden (alle anderen haben sicher besseres zu tun).

In Filmen, das sagte schon Maya Deren, dürfe ohnedies nicht schön gesprochen, geschweige denn gedichtet werden und man fragt sich, was diejenigen, die der Poesie der Sprache jene des Bildes gegenüberstellen, gewinnen und was andersherum verloren gehen würde, wenn man beides nebeneinander stellte, wie das etwa bei Manoel de Oliveira, Danièle Huillet, Jean-Marie Straub, Marguerite Duras oder Chris Marker der Fall ist.

Der vielerorts verpönte Voice-Over, der mehr sein will als Information, der im Zwischenspiel von Sprache und Bild seine Bestimmung findet, ist so viel stiller als der aufgesetzte Lärm, mit dem das Kino uns seit Jahrzehnten Handlungen zeigt. Aber woher soll die Sprache auch kommen, wenn sich diejenigen, die ein Gefühl für sie haben, davor fürchten, dass sie nicht verstanden werden? Jenseits der wirklich guten Lektoren wird in impressionistischer Sekundenschnelle an ästhetischen Verfeinerungen gearbeitet, die gleich einer Asphaltwalze alles ebenerdig und teerduftend in der angenehmen Bedeutungslosigkeit versenken. Lieber lebensnah als wahr, lieber klar als kompliziert.

Sie alle haben Recht, denn anders werden sie nicht verstanden, egal ob sie ein wirkliches Bild machen oder einen wirklichen Satz sprechen, all das in den Augen und Ohren derer, die entscheiden: angestrengt, verkopft, prätentiös und abgehoben. Lieber also nur möglichst leicht verständlich das nachsagen, was erwartet wird und zufrieden sein, weil man dafür gestern wie heute das meiste Lob bekommt.

Oder schweigen.

why do you look at films and not at the sky?

an answer to Héctor Oyarzún’s video essay reaction to a critic’s debate in which I took part at Woche der Kritik.

why do some people speak on a pedestal and other people listen to it?
why isn’t there more silence after a film?
why do you think a person working on a film set has more to say about a film than your closest friend?
why don’t you write to me in person if you have a question?
(why do you use a chat format proposed to you by a festival?)
why do I talk about things I don’t understand?
do you understand?
why do you have to wait for weeks until you are allowed to use images from a film for your video?
why do you speak in English? why do I write in English?
why do you make a video for a blog for too little money?
why do I speak about a film I don’t like for too little money?

why don’t we speak about money?

why do you look at films and not at the sky?
why can’t you touch the film you are seeing?
why is there a viewer in cinema? (is there a cinema?)
why does the viewer become a fan?
why do we interpret films?
why do I sit in my sleeping room and speak against a wall behind a screen?
why do I write this?

why do I watch a film I do not care about? (twice)
why do you think this film questions hierarchies?
why don’t I play with my cat? or read a book?
why don’t I remain silent?

is there a film without a viewer?
is there a text without a reader?
is there a debate without expressed opinions?

but there are films without extras

what is a spectator’s place within cinema? (you ask)
first row, second seat?
demanding a new cut?
kissing in some dark corner?
getting out of the cold?
being a slave to dominant taste?
being attentive for an hour or three and finally be able to shut up?
(think, feel, dream)

are they critics? (is being a critic the emancipation of the spectator?)
are they fans? (is being a fan being the vulgarisation of the spectator?)

are you a fan or a critic and who gave you the right to speak out like that?

am I a fan or a critic and who gave me the right to speak out like that?

Something to Believe: Les Sorcières de l’Orient von Julien Faraut

Man sagt den Kindern gern: Training macht den Weltmeister. Und irgendwo hält sich dieses vereinfachte, auf Arbeit und Selbstoptimierung ausgelegte Prinzip von Erfolg und Misserfolg in den Köpfen und auch in den Mechanismen der Gesellschaft. Daraus folgen zweierlei Probleme und zwar immer dann, wenn dieses Prinzip Brüche erfährt. Einmal geschieht das, wenn das Training, die Vorbereitung, die Investition, die Arbeit sich nicht mit dem Ertrag deckt oder decken kann. Das ist zum Beispiel in der Liebe der Fall (nur weil man die meisten Liebesbriefe schreibt, bekommt man nicht die meiste Liebe geschenkt) oder auch in der Kunst, wobei hier immer wieder und durchaus lächerlich die „Leistung“ eines Künstlers hervorgeholt wird, wenn man sonst keine Argumente findet, warum man ein Werk zeigen oder lieben möchte.

Zum anderen kann es sein, dass die Arbeit eben doch keinen Ertrag bringt, weil andere Faktoren wie ungleiche Voraussetzungen, gesellschaftliche Ungerechtigkeit oder Glück/Pech die Oberhand behalten. Das kann man zum Beispiel im Fußball im Zusammenhang mit dem nicht verkehrten Ausspruch „Geld schießt eben doch Tore“ beobachten oder jeden Tag auf dem Arbeitsmarkt. Vielleicht ist es deshalb, dass es uns besonders gerecht erscheint, wenn Menschen für ihre Arbeit, ihr Leiden, ihre Selbstaufopferung belohnt werden. Dass das etwas vom Abrichten der Haustiere hat, spielt scheinbar vor allem dann keine Rolle, wenn es um sogenannte wahr gewordene Träume geht.

Ein menschenfeindlicher Film wie Whiplash von Damien Chazelle spielt genau mit dieser Leistungslogik, die letztlich und verallgemeinert immer sagt: Es gibt einen Grund für das Leiden, es gibt ein Ziel und irgendwann kommt man an und erkennt, für was man gearbeitet hat. Das erinnert nicht ohne Grund an religiöse Manipulation von Menschen. Der apathische Blick des legendären Trainers Hirobumi Daimatsu, der die japanischen Frauen zum Gewinn der olympischen Volleyballturniers 1964 führte, am Ziel seiner Träume angekommen, erzählt da eine ganz andere Geschichte. Jene der Leere und der durch alle zielgerichteten Unternehmungen laufenden Absurdität, die angekommen am großen Ziel nur noch erkennen kann, dass es jetzt vorbei ist. Okay, man kann dem einiges entgegenhalten. es gibt ja durchaus materielle Entlohnungen und Ehre und große Glücksgefühle, unvergessliche Momente, vielleicht sogar Befreiungen, gesellschaftlichen Aufstieg und die so berührende Inspiration des Erfolgs. Das ist zweifellos so, aber natürlich bräuchte man kein Training, kein Leid, keine Selbstaufgabe, wenn es keine Weltmeister gäbe.

Solche Gedanken dürften dem sportbegeisterten Filmemacher Julien Faraut recht fremd sein, schließlich basiert der Sport mitsamt seiner unheimlichen emotionalen Kraft auf den Narrativen der Träume und Überwindungen. Dennoch hat der als Archivar für das Institut national du sport in Paris arbeitende Filmemacher einen großen inhaltlichen Sprung gemacht seit seinem L’empire de la perfection, der sich philosophisch, psychologisch und ästhetisch mit einem jener großen Sportler befasste, dem zumindest dem Anschein nach der Sport zugefallen ist wie einer Möwe der Aufwind; John McEnroe, dessen mythologisch überhöhte Wut und Gewinnsucht Generationen von Unangepassten des so angepassten Tennissport überwältig. In seinem neuen Film Les Sorcières de l’Orient konzentriert sich Faraut jedoch auf die in der Nichibo Kaizuka gezüchtete Volleyballmanschaft, die es in den 1960er Jahren schaffte, 258 Spiele am Stück zu gewinnen und sich selbst mit der Goldmedaille bei den Spielen in Tokio (das Timing des Films ist mir suspekt, aber das ist ein anderes Thema) krönte. „Gezüchtet“ ist womöglich ein ungerechtes Wort, denn Faraut argumentiert recht überzeugend, dass diese Frauen ihre eigenen Heldinnen sind, voller Hingabe und Wille.

In Interviews spricht Faraut gern über einen feministischen Aspekt seiner Arbeit. Er beklagt, dass die westliche Berichterstattung über die harte Schule, durch die die Spielerinnen gingen, sich auf ein Narrativ festlegte, dass die Unmenschlichkeit und Brutalität der Methoden betonte, während zur gleichen Zeit in Frankreich Frauen gar nicht gestattet war, so viel Sport zu treiben. Es wurde nicht akzeptiert, dass Frauen so trainieren können wie Männer. Damit spricht er sicher einen wichtigen Punkt an und dass hartes Training zum Leistungssport gehört, ist fraglos richtig. Das Problem dieser Wahrnehmung ist allerdings nicht auf den Sport allein bezogen, es geht um dessen gesellschaftliche Bedeutung und metaphorische Vorbildfunktion. Man kann einfach verdächtig viel aus dem Leistungssport fürs Leben lernen, was mehr über die Gesellschaft als den Sport aussagt. Geheimwaffen in der Hinterhand haben, nicht aufgeben, härter arbeiten, um stärker als die anderen zu sein und so weiter. Im Sport sind all diese Elemente von großer und berechtigter Bedeutung, im Leben sind sie traurige Realität. Das Kino nimmt hierbei eine merkwürdige Doppelfunktion ein, wobei Faraut mehr zur Seite des Sports als zur Seite des Lebens tendiert.

Er mischt allerhand Bild- und Tonmaterial: angefangen von Szenen, der nun in ihren 70ern lebenden „Überlebenden“ des Erfolgsteams, Interviews mit den Frauen, über die zahlreichen Anime- und Mangaausschlachtungen des Mythos dieser Mannschaft bis zum begeisternden, aber etwas eintönigen Archivmaterial von den Spielen und Trainingseinheiten. Wirkt der allzu deutliche dritte Akt im interessanteren L’empire de la perfection noch völlig verfehlt, weil der Film so überzeugend für einen anderen Blick auf den Sport wirbt, um sich dann doch der altbewährten Spannung zwischen Verlieren und Gewinnen hinzugeben (vielleicht auch Ausdruck der aufrichtigen Sportliebe des Filmemachers), packt einen die emotionale Wucht dieser Frauen im Kampf um den großen Titel hier umso mehr.

Die Mitglieder dieser Mannschaft, die alle wie Charaktere eines Heist-Films eingeführt und mit Spitznamen bedacht werden, haben, so der Film, unmenschlich gearbeitet, um Unmenschliches zu verbringen. Man wartet fast auf eine Szene wie am Ende von Ocean’s Eleven, in der alle schweigend um einen Brunnen stehen und ihren Erfolg genießen. Nur das Leben und der Sport funktionieren anders als in diesen überhöhten Geschichten. Les Sorcières de l’Orient zeigt, dass es sich hier keineswegs, um die medial kolportierten Hexen handelt, sondern um hart arbeitende Frauen und der Film zeigt auch, dass das in den japanischen Zeichentrickserien und westlichen Berichterstattungen dominante dämonische Bild von Trainer Daimatsu problematisch ist. Statt eines Teufels hat man es mit einem Helden des Willens zu tun, einem, der alles vom Leben, von sich und seinen Mitmenschen verlangt. Und wenn er da am Ende so sitzt und sich nicht freuen kann, erinnert er an die großen Westernhelden des us-amerikanischen Kinos. Ein Mann, der seinen Auftrag erfüllt hat und in die Weite verschwindet. Aber auch hier bleibt festzuhalten, dass das Leben nicht so funktioniert. Aber der Sport?

Was Farauts bisherige Filme neben dem erstaunlichen Material, das er zur Verfügung hat, so wirkungsvoll macht, ist, dass er einen unerschütterlichen Glauben in die Hexenkraft des Sports präsentiert: das betrifft sowohl die oberflächlichen Gefühle als auch tieferliegende Zusammenhänge, die Fiktionalität und die wirkliche gesellschaftliche, menschliche Bedeutung des Sports. Leider fehlt ihm etwas die kritische Distanz oder Ironie (seine Idee des kritischen Umgangs mit den olympischen Spielen besteht aus einigen halbherzigen Bildern der Machtdemonstration der Nazis 1936) und so bestärkt auch dieser Film letztlich nur den Gedanken: Training macht den Weltmeister (statt: Dabei sein ist alles, zum Beispiel).

In Zeiten, in denen sich der gesamte Sport schon fast selbst langweilt mit seiner ständigen Optimierung (Material, Ernährung, Training, Datenauswertung etc.) und man das Gefühl bekommt, dass viele professionelle Sportarten von Robotern betrieben werden (unlängst beschwerte sich etwa der filmreife, weil regelmäßig am Rand der Strecke herzkaspernde Radsportmanager Marc Madiot über all die Profis, die nur mehr auf ihren Tacho starren würden, um bestimmte Wattzahlen zu treten) bietet Les Sorcières de l’Orient zwar auf der einen Seite das Material der Träume, des Übersinnlichen, Ungewöhnlichen, aber gleichzeitig bestätigt er den Optimierungswahn, der zwar bessere Leistung, aber weniger Leben bedeutet. Der Film begeistert sich aber auch für die reinen Bewegungen des Trainings, die Geschwindigkeit, die physische Intensität und findet in vielen Sequenzen weniger zielgerichtete, sondern fast verträumte Aufmerksamkeit für die Schönheit des Sports.