Notiz zu City Streets von Ruben Mamoulian

Einer der schönsten Filmbeginne: Reifen aus Asphalt, schäumendes Bier und dann ein Hut, der von der Strömung hinfortgerissen wird. Mehr muss man nicht sehen, um zu begreifen, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht. Dann die, die dieser Welt fliehen wollen, es sind die schönsten Menschen, weil es im Hollywood dieser Tage immer die schönsten Menschen sind: Sylvia Sidney, in ihrer ersten Starrolle und Gary Cooper. Sie treffen sich an einem Schießstand (wo sonst?) zwischen Cowboy-Gehabe und Lebensfreude. Beide Stars noch so weit entfernt von ihrem brutalen Fall, dass man ihrem Glück fast glauben könnte. Später sitzen sie am Meer, die Wellen brechen herein über die Felsen und ihre Zukunft. Alles ist so zerbrechlich, aber gefilmt in Bildern für die Ewigkeit.

Ruben Mamoulians Gangsterfilm hat kein Interesse an Gangstern, sondern an den Situationen, in denen er sie filmen kann. Oder nicht filmen kann wie in einer berühmten Sequenz, in der er statt eines Dialogs, der über den Tod eines Mannes entscheidet, lieber die Katzenstatuen filmt, die auf den Tischen stehen (sie entstammen der hauseigenen Sammlung des Filmemachers). Von allen großen Hollywoodregisseuren ist Mamoulian der Innovativste. Er scheut sich nicht vor Taschenspielertricks, man kann der Kamera genausowenig trauen wie den Figuren. Ansonsten geht es wie meist um eine Liebe, die vom Gangsterdasein bedroht wird, den Kampf zwischen den materiellen und den emotionalen Werten.

Irgendwie versteht man ja, dass Menschen, die Bier schmuggeln und auf andere schießen, die nächtelang auf Jahrmärkten herumlungern, nicht so schön sind wie in diesen Filmen. Aber wenn man diese Filme sieht, kann man sich auch nicht vorstellen, dass sie es nicht sind.

 

Übersetzung des Kommentars zu des hommes qui ont perdu racine von Marcel Hanoun, im Film gesprochen von Madeleine Marion

Ein Mann wurde gepflückt aus dem Wald der Menschen, er wurde aus seiner Heimaterde gepflückt, weil man ihn in eine bessere Erde verpflanzen wollte. Jemand ist gekommen, um ihn zu ernten. Eine neue Erde, ein neues Land hält ihn jetzt gefangen, ein Land, in dem eine sorgfältige Etikette herrscht und ein Gewächshausklima.

Am Fenster stehend, betrachtet er seine Wegbegleiter, sie wirken klein. Er kennt sie nicht, obwohl er ihnen gleicht. Sie tragen wenig Gepäck außer ihrer Erinnerung, eine Erinnerung, die sie verstecken und in der es keinen Platz mehr gibt für neue Dinge.

Sie haben Hunger, aber merken es nicht. Die Betten sind nicht so bitter, sie künden von der anstehenden Nacht und bereiten vor auf den kurzen Schlaf des Vergessens.

Zunächst ist es notwendig, neue Papiere zu suchen. Die neuen Papiere hemmen weniger, als die fremden Wörter, die auf ihnen geschrieben stehen. Es ist schwer, sie zu übersetzen.

Diese Kinder hier, das könnten Kinder von irgendwo sein. Sie könnten ihre verlassenen Eltern zuhause gelassen haben. Es sind die Kinder von Migranten. Sie haben ihre Eltern in einem Lager gelassen, Menschen ohne Eltern.

Diese Frau könnte von ihrem Spaziergang zurückkehren, diese andere ist nicht auf dem Weg zu ihrem Ehemann und das ist kein Sonntagspärchen.

Man beschäftigt sich fast so, als gäbe es einen Alltag. Im Kochgeschirr spiegelt sich das Familienleben. Die Tage zählen nicht mehr, aber an den Abenden kann man sich der Illusion hingeben, zuhause zu sein. Die Tage verlaufen wie Sonntage, aber die Tage sind keine Sonntage, nichtmal die Sonntage sind Sonntage.

Die Kinder bringen sich die Freiheit bei und wie man die Tage gut verbringt. Die Erwachsenen werden wieder Kinder und lernen eine Sprache, die sie nicht kannten.

Flüchtet man den Bedingungen für einen Augenblick oder gibt sich dieser Illusion hin, indem man zum Beispiel zur Post läuft, wird man schneller wieder an das erinnert, was man vergessen möchte (durch einen Brief von jenen, die geblieben sind).

Man nimmt jede Erholung, die man finden kann oder die einem gegeben wird. Für einen Moment entkommt man seiner Welt, die man von Weitem sieht und immer nah behält.

Die Frauen stricken die Zukunft, die Zukunft anderer, die nie aufhören zu warten, die Zukunft anderer, die heimkehren ohne Schlüssel oder eine Tür, die sie öffnen könnten.

Betrachtungen zu Koepfer versus Federer, 05. Juni 2021

Seine auch mit 39 Jahren federleichte Erlauchtheit des Filzballsports gab sich trotz der beleidigend leeren Ränge zu später Stunde im nach dem zweifach verheirateten Gründer von Tennis de France benannten Stadions nahe des orchideenfreundlichen Jardin des serres d’Auteuil die Ehre, um, so wissen wir heute, ein Spiel zu spielen das nichts bedeutete. Zumindest nicht, wenn man es mit dem Fortgang des Turniers hält. Der Kontrahent des im gleichen Rot wie die Balljungen auflaufenden Roger F., dessen Trainer mit fragwürdiger, aber zumindest konsequenter Sponsorenkleidung auf der Tribüne platznahm, war der als Pit Bull (nicht der „Rapper“) verschriene Deutsche Dominik Koepfer. Dieser hatte vor wenigen Jahren noch parallel zum Studium am College in New Orleans in den gelben Ball gedroschen und zählt sicherlich zu den deutschen Spitzenspielern mit größerem Sympathiepotenzial. Aber wenn ein Mann mit einem solchen Nachnamen noch einen Spitznamen braucht, dann weiß man bescheid. Das amüsierte Kommentatorenduo Stach und Becker hatte seine Freude mit der Metaphorik beißender Hunde und so soll auch diese kläffende Geschmacklosigkeit, aus dem um solche nie verlegenen Sportuniversum, anerkannt werden.

Pit Bull also schlich auf den Platz, aber in den funkelnden Augen erkannte man bereits, dass er daran glaubte, dem großen Federer, der nach einem Jahr Zwangspause und Knieoperationen trotz erstaunlicher, weil altbekannter Eleganz noch nicht ganz so unwirklich über den sandigen Platz schweben konnte, den Zahn zu ziehen. Federer dagegen betrat den legendären und einschüchternden Tennisplatz mit der Aura eines Kunstwerks jenseits der technischen Reproduzierbarkeit. Bei Nadal sprechen sie von einem Wohnzimmer, aber ehrlichgesagt sieht der Spanier so aus, als wollte er alles aus diesem entfernen außer seiner dutzenden Ticks, die er wie ein Kellner in einem Nobelrestaurant rund um das von weißen Pelargonien umsäumte Staubfeld verteilt. Federer aber strahlt wahrhaftig die Ruhe des Wohnzimmers aus und dort, wo er im Sand schlafen würde, erstarren seine Gegner in panischer Ehrfurcht.

Die Geschichte des darauffolgenden Spiels ließe sich wie folgt zusammenfassen: Koepfer kämpfte mit Herz, aber sein Verstand setzte aus, als Federer mit Strohalmen warf, an die er sich klammerte. Ja, es war das Spiel eines alten Mannes, der es eigentlich nicht unbedingt nochmal wissen wollte an diesem Abend, aber es auch nicht auf sich sitzen lassen konnte, dass er mit so vielen ungezwungenen Fehlern abreisen würde. Koepfer spielte mit der Courage des Verlierers, immer wenn er begeisterte, riß wieder ein Faden und Federer, der stellenweise wirkte wie ein Schlafloser im nächtlichen Kampf mit einer Mücke, schien mehrfach das Handtuch zu werfen, ehe er es doch wieder fand irgendwo zwischen den Pelargonien, sich das Gesicht abwischte, die Finger anpustete und nochmal über seinen ersten Aufschlag nachdachte.

Als man bereits glaubte, dass der Pit Bull wirklich zubeißen würde, bekam Federer eine zweite Luft, die entweder seinem Ehrgeiz zuzuschreiben ist (warum sonst würde er sich solche Spiele noch antun?) oder einer taktischen Meisterleistung, die mit dem Haushalten der Kräfte zu tun hat. Federer agierte wie ein plötzlich zuschnappender Haifisch, wenn wir bei der Tiermetaphorik bleiben wollen. Aber ein Hai tänzelt nicht so über den Sand und ein Hai schiebt sich nicht nach jedem Biss die Locke aus dem Gesicht. Irgendwann schrie Koepfer dann in den Nachthimmel, was Becker und Stach, die nur allzu gerne über das sprechen, was die Spieler sagen und schreien, beunruhigte. Bis dahin hatte er den Schweizer in viele lange Ballwechsel verwickelt und des nicht zuletzt deshalb bis nach Mitternacht geschafft.

Koepfer hat erreicht, dass Federer mehr arbeiten musste, als er wollte, um dann doch zu gewinnen. Dass er heute die Konsequenzen daraus zog und das Turnier vorzeitig verließ, ist bitter für den Pitt Bull und bedauerlich für all jene, die sich solche Spiele ansehen, weil sie dem Realismus des Lebens entfliehen wollen. Für alle, die wissen, dass Federers eigentliches Wohnzimmer grasbewachsen ist, ist dieser Ausstieg nur ein weiterer Grund zu träumen.

Notizen zu Želimir Žilnik: Vera i Eržika

Nach einem Frühlingsspaziergang durch den vor Wohlstand triefenden 1. Wiener Gemeindebezirk mit der zur Schau gestellten Cocktail-Falschheit einer Klasse, die gar nicht zu bemerken scheint, wie gleichförmig und frustriert sie aussieht mit ihren Lifestyle-Tattoos und am Boden schleifenden Designermänteln (Lockdown, wo bist du, wenn man dich braucht?), zunächst der Schock des echten Lebens, echter Menschen auf der Leinwand.

Vera i Eržika setzt nahtlos dort an, wo Bolest i ozdravljenje Bude Brakusa aufhört. Wieder nutzt Želimir Žilnik eine impulsartige Energie, um von jenen Menschen zu erzählen (und ihnen zuzuhören!), die sonst in den dominanten Narrativen untergehen. Dieses Mal geht es um Arbeiterinnen einer Textilfabrik im an der Donau gelegenen Pančevo. Wieder verwebt Žilnik unterschiedliche Formen des Kinos zu einem aufregenden, ja agitatorischen Bild dieser Frauen, die um ihre gerechte Pension gebracht werden und noch zwei Jahre arbeiten sollen, weil die inzwischen illegale Kinderarbeit, die sie verrichten mussten, bürokratisch nicht anerkannt wird. Ein klassisches Bild einer doppelten Ungerechtigkeit, die den Hebel der Ausbeutung immer dort ansetzt, wo er gerade gebraucht wird.

Wir sehen die Frauen, die einer ungarischen Minderheit in Jugoslawien angehören bei der Arbeit, in Gesprächen mit Vorgesetzten und auf einem Donau-Cruise-Trip, der ein wenig an Mircea Daneliucs Croaziera erinnert. Und wieder ist der Film auch eine Ode an die Freundschaft und die menschlichen Werte, die sich inmitten dieser Ungerechtigkeit durchsetzen. Es sind die kleinen Gesten, wenn sich die Frauen treffen und sich helfen, die Žilnik immer wieder ins Auge fasst. Den überlebenden, gerade so auf DCP-Files gesicherten Bändern dieser TV-Filme merkt man an all ihren am Farbabgrund balancierenden Zeitspuren an, dass hier nicht für die Ewigkeit, sondern für den Augenblick gedreht wurde. Die Dynamik des Films changiert zwischen Amateurtheater, Neorealismus, Direct Cinema, Komödie und brechtianischem Angriff auf die gesellschaftlichen Zustände.

Vera i Eržika kommt mit einem Synth-Soundtrack daher, der die 1980er Jahre in ihrer ganzen Tristesse greifbar macht, aber passend zu den pink-gehaltenen Titeln so etwas wie Agit-Pop wagt. Das löste sich im Saal etwas auf, als sich einige Kinobesucherinnen ihrer jugoslawischen Nostalgie hingaben und bei einem auf der Leinwand vorgetragenen Lied, das die Liebe zum Staat bekundet, wie betört mitsangen. Was ist stärker: das Bild einer Frau, die nicht mehr kann oder das Heimatlied, das sie singt? Wir müssen uns wohl damit begnügen, dass die Musik die Bilder verändern kann. Wenigsten denkt man dann an Jugoslawien, wenn man das Kino verlässt und nicht an die Geschmacklosigkeiten der Inneren Stadt.

Wörter für die Welt da draußen #6 Milchsterne

In einem kurzen Sonnenloch, das ein verregneter Mai zuließ, schlenderte ich durch einen unwirklich friedlichen Schaugarten. Er befand sich im bereits nach solcher äußerer Schönheit benannten Ziersdorf und in der naturbelassenen und doch kontrollierten Symmetrie der Anlage, wähnte ich mich mitten in den elegischen Gartenbeschreibungen von Goethe oder Rousseau, ehe mich einige im Tageslicht aufblitzenden Sterne in ihren Bann zogen.

Ein leuchtender Nachthimmel im Schatten eines Ahornbaumes, eigentlich entfernte, fruchtbare Planeten, die vor meinen Augen aus der Erde kletterten. Sie blinkten auf und manche von ihnen verpufften zu Staub. Sie zogen einen Schweif nach sich, der sich mit dem unheimlichen Geruchsmeer des Gartens vermischte, bis selbst die Vögel begannen, zum Mond zu fliegen.

Die von der Gelassenheit der Jahreszeiten benetzte Gärtnerin sprach mit zerbrechlicher Stimme, die sich nicht mehr an alle Namen der Bewohner ihres Ziergartens erinnerte: Das sind Milchsterne. Sie flogen aus der Umlaufbahn und sind direkt in diesem Garten gelandet. Was sie mir verschwieg, war, dass dieses giftige Pflänzchen auch als Gärtnertod bezeichnet wird. Schnell wandte sie sich von den Sternen ab, das nahende Unheil in dieser Schönheit nicht länger ertragend.

Ivana Miloš, Milchsternstraße (2021), watercolor on paper, 176 x 250 mm