Die unwirkliche Wucht des Remco Evenepoel: Lüttich-Bastogne-Lüttich 2022

Was die TV-Übertragungen von Radrennen besonders ansprechend und gleichermaßen absurd macht, sind all die für den Sport essentiellen Aspekte, die die Kameras nicht einfangen können. Das Unfilmbare, Nur-Erzählbare des Sports. Diejenigen, wortwörtlichen Elemente, die die sowieso schon geradezu lächerlich passive Position des Betrachters im Angesicht des auf den Bildschirmen flimmernden Leidens noch weiter von den Sportlern entfernt. Dazu gehören der Wind (den man nur in extremeren Ausprägungen anhand sich bewegender Bäume sehen kann), die Steilheit der Straßen (der Begriff „False flat“ zeigt, dass hier nicht nur das Kameraauge getäuscht werden kann), Hunger, Durst, Dreck, der Geruch nach Pisse (der sich entleerenden Fahrer) und Dung (vom Straßenrand), das Laktat (man sieht es nicht) sowie all jene Geschichten, die den Kameras entgehen, weil sie sich zu weit hinten oder zwischen den Ereignissen abspielen.

Die diesjährige Austragung von Lüttich-Bastogne-Lüttich, La Doyenne wie das seit 1892 ausgetragene Rennen mehr liebevoll als demütig genannt wird, steckte voller solcher, für die Heimzuschauer unsichtbarer Wesenszüge. Als der spätere Sieger Remco Evenepoel, der pausbackene, blondschopfige Goldjunge des belgischen Radsports, im Ziel vom Gegenwind erzählte, klang das fast wie eine Mär. Zum einen war praktisch während der gesamten Übertragung nichts von diesem Wind zu sehen, zum anderen wuchtete er sich durch selbigen, als wäre da nichts außer die schiere Kraft der Beine und des Willens. Während des Rennens nannten die Kommentaren unentwegt die zurückgelegten Höhenmeter, ganz einfach deshalb, weil man sie mit bloßem Auge nicht wahrnehmen kann.

Eine andere Unsichtbarkeit des Rennens war besorgniserregender. Ein heftiger Sturz, der das halbe Peleton auf einer enorm schnellen, leicht abfallenden Passage zu Fall brachte, forderte einige Opfer und schlimme Verletzungen. Mit betroffen war Julian Alaphilippe, der die Frühjahrssaison bereits im März mit einem spektakulären, glimpflicher verlaufenden Sturz einläutete. Er stürzte gegen einen Baum und zog sich einige schlimme Verletzungen zu, die auch seine Lunge beeinträchtigten. Ein unscharfes Helikopterbild, das den besorgten Romain Bardet (der eigentlich für ein anderes Team fährt und sich derart seiner Chancen beraubte, um den Sieg zu fahren) zeigt, wie er versucht seinem auf dem Boden liegenden Kollegen zu helfen, gehört zugleich zu den wichtigeren wie schockierenderen des bisherigen Jahres. Dies waren die einzigen Bilder Alaphilippes und erst die Berichte über seinen einigermaßen stabilen Zustand ermöglichten eine erneute Konzentration auf das Rennen.

Lüttich-Bastogne-Lüttich ist ein trügerisches Rennen. Im Gegensatz zu anderen Horten großen europäischen Radsports wie die Kopfsteinpflaster in Flandern oder Nordfrankreich, die Serpentinen der Alpen oder die schmalen Ziegenpfade der Pyrenäen, wirkt der Parcours im Kirschblütenlicht eines gemäßigten Aprils geradezu freundlich. Die Wallonen an der Strecke haben sich längst nicht dem gleichen Flaggenkult verschrieben, wie ihre löwenschwenkenden Nachbarn aus Flandern. Sie applaudieren brav und begeistern sich, natürlich umso mehr, wenn, wie in diesem Jahr, zum ersten Mal seit Joseph Bruyère, Freddy Maertens und Frans Verbeeck 1976 drei Belgier auf dem Podium landeten, aber außer einiger ins Bild gehaltener, nackter Ärsche und dem inzwischen obligatorischen Klimaaktivisten, der es wieder schaffte, hinter dem Sieger über die Ziellinie zu laufen, wirkte das Rennen geradezu zahm. Selbst die am Streckenrand aufgeschreckten Pferde, Alpakas und Kühe wirken entspannt in ihrer Panik.

Obwohl die Belgier seit Philippe Gilberts Siegesfahrt 2011 nun 11 Jahre warten mussten bis sie wieder einen (und dann gleich drei) ihrer nationalen Vertreter auf dem Podest bejubeln konnten, haftet dem Rennen ein lokalerer Geschmack an, als anderen Eintagesrennen. Es gibt weniger Pilger, die quer über den Kontinent reisen, um an den Côtes zu stehen, als an den Pavés, Hellingen oder Alpenpässen. Gilbert übrigens fuhr dieses Jahr sein letztes Lüttich-Bastogne-Lüttich. Die legendäre Côte de La Redoute, die dieses Jahr, dazu gleich, noch legendärer wurde, als sie es ohnehin schon ist, war wie jährlich vollgeschrieben mit dem Namen dieses großen Radsportlers.
Phil
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Phil ein ganzer Anstieg lang, ein Name, der sich in diese Straßen geschrieben hat, sodass man jedesmal, wenn man ihn ausspricht, ein Stück näher an das Ende der Straße gelangt. Man kann nur ahnen, was Gilbert, der in der Region geboren ist, durch den Kopf ging, als er derart verabschiedet wurde (er beendete das Rennen auf Rang 46 und in der Ewigkeit zugleich).

Weiter vorne hatte Evenepoel in die Pedale getreten, als wäre in ihnen all die Ungerechtigkeit der Welt verborgen. Er presste den auf ihm liegenden Druck aus en Oberschenkeln. Er stampfte mit der Wucht einer Dampflock, sodass man fürchten musste, sein Rad könne jederzeit in zwei Teile brechen. Die heroisch kämpfenden Streiter der ehemaligen Ausreißergruppe (insbesondere Bruno Amirail, der es tatsächlich noch unter den besten Zwanzig ins Ziel schaffte), die Evenepoel aufklaubte wie von den Bäumen gefallene Kastanien, zerbrachen an seinem Hinterrad in tausend Teile. Evenepoel blieb über 257,2 Kilometer in seinem Sattel sitzen, nur einmal, als er seine entscheidende Attacke über die Kuppe eben jener Côte de La Redoute (1,6km, Durchschnittsteigung 9,5 %, Maximalsteigung 22 %) setzte, erhob er sich mit solchem Aplomb aus dem Sattel, das sein Rad ihm und der Straße und der ganzen Physik menschlicher Leistungsfähigkeit zu entgleiten drohte.

Alle anderen platzen auf wie reifes Springkraut. Niemand konnte sein Hinterrad halten. Nicht die großen Kletterer, die sich immer etwas ausrechnen bei diesem letzten der Frühjahrsklassiker, nicht Superstar Wout van Aert, nicht einer aus dem Starensemble des Teams Bahrain – Victorious, die zuvor in einer Serie beinahe ulkiger Dauerattacken (Mikel „Hans“ Landa tänzelte kilometerlang vor dem Feld und bewies damit, dass man auch ironisch radfahren kann, postmodern gewissermaßen, nur so tuend, als ob, aber doch dadurch tuend) das Feld dezimierten. Selten ist es Fahrern gelungen eine Attacke an der Redoute, ins Ziel zu bringen. Sie ist ein Hügel der Vorentscheidung und nicht der Entscheidung. Dieses Jahr war alles anders, vielleicht auch wegen des Gegenwinds, den man nicht sah, aber spüren musste. Vor allem aber wegen Evenepoel, der bewies, dass man stampfend fliegen kann.

Während der Siegerehrung sang Evenepoel die belgische Nationalhymne neben seinen zwei stummbleibenden Landsmännern (Überraschungszweiter Quinten Hermans sowie van Aert, der seine eindrucksvolle Top-10-Serie bei Klassikern fortsetzt) auf dem Podium stehend so innbrünstig mit, dass van Aert sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Evenepoel besitzt die Ausstrahlung alter Volkshelden. Die Marketingleiter von Suppenfirmen wären dumm, wenn sie ihn nicht sofort unter Vertrag nähmen. Auf dem Weg zum Fußballprofi hat sich dieser erst 22jährige Komet, dessen Vater Patrick bereits Radsportler war, für die Straße entschieden. Kein Versprechen leuchtet derzeit heller am Radsporthimmel und obwohl er 2020 während der Lombardei-Rundfahrt ähnlich wie sein Teamkollege Alaphilippe in diesem Rennen, schwer stürzte und sich das Becken brach (die Bilder seines regungslosen Körpers am Fuße einer Böschung gehören zu jenen filmbaren Aspekten des Sports, die ihn allerdings nicht näher an die Zuschauer bringen, sondern verstärkt unwirklich erscheinen lassen), scheint sein Weg in den Radsportolymp vorgezeichnet. Wenn man Vorschusslorbeeren essen könnte, wäre Evenepoel bereits geplatzt. Mit diesem Triumph bei seinem Debüt bei Lüttich-Bastogne-Lüttich allerdings löst er ein erstes, großes Versprechen ein. Man darf gespannt sein, was das mit ihm macht.

Das Frühjahr hat jedenfalls gezeigt, dass die problematische, aber berauschende Unwirklichkeit der Nullerjahre zurück in den Sport gekehrt ist. Waren es damals Bergsprints zwischen Alberto Contador und Michael Rasmussen, sind es heute einige titanenhafte Überfahrer wie van Aert, Mathieu van der Poel, Evenepoel oder Tadej Pogačar (der als Vorjahressieger aufgrund eines Trauerfalls in der Familie nicht starten konnte in Lüttich), die die Vorstellung des Machbaren ausreizen. Gleichzeitig haben diese Fahrer erstaunlich selten gewonnen in diesem Frühjahr. Sie kämpfen (noch) mit der Wirklichkeit. Die einschlafenden Beine van Aerts im Finale dieses Rennens, das gesenkte Haupt van der Poels vergangene Woche in Roubaix, der wackelnde Körper Pogačars an der Mur de Huy, all das zeigt, dass Menschlichkeit und Wirklichkeit existieren, gerade dort, wo man sie nicht erwarten oder sehen kann.

Wörter für die Welt da draußen #9: Zistrose

Erst dachte ich, ein Kind hätte sie aus dünnem Papier gefaltet und in der Landschaft verteilt, so unwirklich zart glitzerten sie im winterlichen Sonnenlicht auf einem längst vergessenen Wanderweg im sardischen Hinterland. Ihre blassen Blütenblätter erzitterten selbst in kaum merklichen Brisen und schon ein einzelner Regentropfen, ich war mir sicher, hätte die ganze Blume umkippen und durchsichtig auf der rotsteinigen Erde schimmern lassen.

Aber das konnte nicht sein, schließlich sah ich dieses Pflänzchen überall wachsen und den widrigsten Bedingungen trotzen. Wie so oft strömt gerade aus den zerbrechlichsten Körpern der reichhaltigste Saft. Die größten Bücher wurden auf den dünnsten Seiten gedruckt, die tiefste Liebe mit der brüchigsten Stimme gestanden. Ich stand vor dieser Blume und beobachtete wie ihr Schatten ins Meer fiel, während ihr holziger Dunst sich mit dem südlichen Licht vermischte, bis mir ganz schwummrig wurde.

Man sagt, dass Napoleon Bonaparte seine Heimat Korsika schon von Weitem am Geruch dieser Zistrosen vernahm. Ihr betörender Harz lässt Haare wachsen und verschließt Wunden. Ladansträucher unter denen die Dichter und Ziegen schlafen wollen. Ich widerstand meiner Versuchung, eine Blume zu pflücken, um sie nach Hause zu tragen. Sie würde verenden, so weit vom Meer. Stattdessen bastelte ich mir eine aus Papier. Ein schwacher Versuch, aber irgendwie muss man beginnen zu leben.

Ivana Miloš, Rockrose Unfurling, 2022, Aquarell auf Papier, 13 x 13 cm

Émplastron

Das Ende der Welt: Auf der Unterseite tausender im Boden versunkener Pflastersteine laben sich kleine Würmer, friedlich und feucht. Sie werden erweckt von einem Zittern, einem anschwellenden Rumoren. Es kommt einmal im Jahr, sie kennen es schon, aber haben es vergessen. Sie vergessen zu schnell, diese Würmer. Hunderte Räder, das Tosen der Menge, ein Sonntag im April, in der Hölle. Die Würmer flüchten schnell. Tiefer, tiefer in die Erde, nur weg von diesen Steinen.

Die Körper der Menschen sind nicht für diese Straßen gebaut. Auch sie zittern. Sie zittern wie die Steine. Die Lippen werden rissig vom aufwirbelnden Staub. Wenn die Sieger im Ziel ihre Partner küssen, schmeckt alles nach Erde. Sie schmecken nichts. Nur das Leiden und den Stolz, es überstanden zu haben. Vielleicht auch ein wenig Dankbarkeit, aber sie haben vergessen für was.

Es ist lächerlich, im Angesicht der Liebe und des Schmerzes auf ein Rad zu steigen, um schneller über Kopfsteinpflaster zu fahren als andere. Aber für die, die es tun, gibt es da keinen Unterschied zwischen der Liebe, dem Schmerz und diesem Kopfsteinpflaster. Das muss man akzeptieren, bei all dem Pathos.

Wer es nicht akzeptiert, sieht nur Staub und alte Straßen im Nichts.

Es ist keine Zeit für Helden. Es muss andere Worte geben. Nur Muskeln und Material am Rand des Möglichen. Ein Test der Sinne. Der Geruch: Frühlingsfelder, Asphalt, Bremsbelag, das billige Dosenbier derer, die die Felder der Bauern zertrampeln für drei Sekunden Schweißgeruch. Der Geschmack: Geschichte, die unwichtige Geschichte, aber Geschichte. Das Hören: Schreie, Quietschen, Rauschen, das Krachen zerbrechender Gabeln, der Ruf nach der Geschichte, nach ein wenig Würde im Schlamm, nach ein bisschen Gerechtigkeit in der Lotterie des Lebens und dieser Straßen. Das Fühlen: der frische Wind, die erste Sonne, ein paar Tropfen Dreck auf der Wange, die aufgeschürften Knie, die gebrochenen Schlüsselbeine, die ausgetrockneten Lippen. Das Sehen: nichts mehr, rein gar nichts mehr, nur Schwarz vor den Augen.

Diese Steine, Pavé sagen die Einheimischen, sind grau, blau, braun oder schwarz. Es kommt darauf an wie man sich fühlt, wenn man über sie fährt.

Das alles bedeutet nichts. Es ist der gemeinsame Traum einiger Unverbesserlicher. Manche von ihnen gehen auf der Strecke verloren. Wenn sie am Ziel ankommen, sind die Tore bereits verschlossen. Niemand wartet auf sie.

Im Wald von Arenberg führt eine 2400m lange Schneise zu diesem Ende der Welt. Jean Stablinski hatte diesen Weg entdeckt. Er arbeitete einige Kilometer entfernt in einem Bergwerk. Man weiß, dass er der einzige Fahrer war, der diesen Weg sowohl über als auch unter der Erde zurücklegte. Im Himmel und in der Hölle. Seine Mutter hasste, dass er mit dem Rad fuhr. Sie zertrümmerte seinen Lenker, vergeblich.

„Wenn du mit dem Aufzug 500 Meter tief unter die Erde fährst, weißt du nicht, ob du jemals wieder nach oben kommst. In Arenberg ist es ähnlich. Aber du darfst darüber nicht nachdenken, denn sonst fährst du nicht weiter.“ (Stablinski)

Es gibt keinen Gott, es gibt nur Glück und Material und Lungenvolumen. Manche helfen nach, manche steigen ab.

Die eingangs frischgeölten Ketten haben nur eines im Sinn. Sie wollen abspringen, sich abseilen, das alles hinter sich lassen. Manche werden in Roubaix von den Rädern montiert wie ausgeleierte Saiten einer zerbrochenen Gitarre. Manche schwören, dass sie dampfen, auch wenn Ketten gar nicht dampfen können. Das Öl sickert in die Erde zu den Kohleresten und verschreckten Würmern.

Auch die, die unter der Erde verschüttet wurden, erwachen an diesem Sonntag und wohnen dem Spektakel bei. Man sagt, dass sie den Ausgang beeinflussen. Dann rutscht wieder ein Vorderrad weg, als wäre da nur Luft und nicht diese alten, furchterregenden Steine.

Allerdings gibt es die, die es leicht aussehen lassen. Sie schweben über den Asphalt. Sie verstehen, dass man mit dem Pflaster umgehen muss wie mit einem Hund. Man darf keine Angst haben, man darf nicht angsteinflößend sein. Es ist eine Harmonie, die aus gegenseitigem Vertrauen erwächst.

Man sagt, dass die gewinnen, die sich besonders gut verstecken können. Man sagt, dass die gewinnen, die immer vorne fahren. Man sagt, dass die gewinnen, die am meisten Kraft haben. Man sagt, dass die gewinnen, die am meisten Glück haben.

Die Sieger erhalten, welch Hohn, einen Pflasterstein. Trotzdem weinen sie fast immer vor Glück, weil dieser Stein so schön ist.

Wenn alles vorbei ist, dauert es Tage bis sich die Würmer wieder an die Steine kuscheln. Aber sie können sich nicht helfen. Da sind die Würmer wie die Menschen, die ebenso einige Monate später wieder mit ihren dünnen Reifen über diese Straßen fahren, die dafür nicht gebaut sind.

Kreisende Möwen, tiefer Schnee: Nakinureta haru no onna yo von Hiroshi Shimizu

Aus einer eher unbestimmten inneren Notwendigkeit heraus habe ich mir in den vergangenen Tagen mehrfach die ersten Minuten von Hiroshi Shimizus Nakinureta haru no onna yo angesehen. Ich besitze eine digitale Version, die seltsam filmisch rauscht und ploppt, als könnte sie in Flammen aufgehen. In diesen ersten Minuten des Films, den der damals (1933) 30jährige Shimizu als seinen ersten Tonfilm realisierte, sieht man, wie ein Schiff beladen wird: Güter, Dreck, Menschen und sich in der Meeresbrise verlierende Hoffnungen betreten das Schiff auf dem Weg nach Hokkaidō in den schneebedeckten Norden.

Ich habe diese Eröffnungssequenz immer wieder betrachtet und stets unterbrochen, wenn es zur ersten Begegnung, der sich später tragisch liebenden, verlorenen Seelen an Deck kommt. Aus irgendeinem Grund konnte ich nicht weiterschauen. Etwas war mir zu viel. So ergeht es mir manchmal bei der Lektüre von Proust oder Musil, wenn in einem Absatz schon so überwältigende, tiefe Wahrheit steckt, dass mir die tausend folgenden Seiten, wie mein eigenes Ende vorkommen. Ich glaube, dass es im Fall von Nakinureta haru no onna yo mit der Parallelität der Ereignisse (die hier auch Zustände sind) zu tun hat. Sie legen das ganze Dilemma des Films, der Welt, in der er entsteht, aber auch des heutigen, tagtäglichen Unglücks frei, sodass sie nackt und unerträglich vor mir schwimmen.

Dass das nur möglich ist, weil Shimizu es versteht, allem was er filmt (Menschen, Schatten, Schnee usw.), Gewicht und Gegenwärtigkeit zu verleihen, muss den folgenden Beobachtungen, hilflos wie sie sein mögen, vorangestellt werden. Shimizu macht Bilder, die sich zum heutigen Kino so verhalten, wie eine tagelang zubereitete Gemüsebrühe zu Suppenwürfeln. Auch sein Umgang mit Ton, damit ist er ja nicht allein bei jenen, die noch aus dem Stummfilm kommend in der Lage waren, Bilder zu hören, erzeugt eine Dringlichkeit. Zum einen aufgrund der gleich eines Tragödienchors aus den traurigen Zwischenräumen klingenden Volkslieder, zum anderen, weil er den Ton wie ein zweites Bild einsetzt, in dem die Abwesenden über die Anwesenden nachdenken; ein bisschen wie das, was Jahrzehnte später Marguerite Duras als Ende des Kinos begriff (so viele Enden, die eigentlich ein Anfang sind).

In dieser Eröffnungssequenz habe ich also immer wieder gesehen, wie das Schiff beladen wird. Dabei unterscheidet Shimizu nicht zwischen den pechschwarzen Wagons und den Menschen. Es ist eine Bewegung. Zu dieser Bewegung gehören drei Zustände. Der erste Zustand, das sind Gewalt und Kälte. Dazu gehören die militärische Sprache des späteren „Bosses“ der Mine, das unerbittlich fortschreitende Maschinengetriebe des Schiffs, die gesenkten Blicke der Männer, die Art und Weise, in der Menschen zu Nummern werden.

Der zweite Zustand, das sind Liebe und Wärme. Sie tauchen mit den Frauen und dem einsamen Kind auf, das versucht Kontakt zu einem der Minensoldaten aufzunehmen. Zu diesem Zustand gehören die Gesänge, der mehrfach von den Protagonisten beschriebene Geruch nach Make-Up, das lange Zeit versteckte Begehren, die Menschlichkeit, die alles bedingt, das Leiden und die Nähe.

Und dann ist da noch ein dritter Zustand, für den sich Shimizu immer interessiert und den er hier in Form von einigen am Himmel kreisenden Möwen und der durch das Schiff aufgewirbelten Gischt bebildert. Dieser Zustand ist all das, was unbeeindruckt bleibt von Krieg und Frieden, Kälte und Wärme, Leiden und Liebe. Es ist das, was gleichzeitig passiert und das, was über den Dingen schwebt. Früher nannte man diese Präsenz das Göttliche und noch früher die Götter. Heute neigt man dazu, es als Natur zu beschreiben. Später im Film tauchen ähnliche Bilder wieder auf, vor allem, wenn es um den Schnee geht, der die Landschaften bedeckt.

Shimizu realisierte den Film teilweise on-location und außer während seiner Titelsequenz, in der karge Silhouetten winterlicher Bäume zu erkennen sind, dient ihm die Location nie als bloßer Hintergrund oder (was noch schlimmer wäre) als Metapher. Sie ist eine eigene Figur, ein dritter, gleichwertiger Zustand. Um was es eigentlich geht, das ist die stete Gleichzeitigkeit dieser drei Zustände. Das Drama des Films (und des Lebens) entsteht dann, wenn zwischen den Zuständen verkehrt wird. Wenn die Liebenden leiden und die Natur die Kämpfenden aufhält, wenn die Arbeiter sich amüsieren wollen und die Unterdrückten ausbüxen, wenn die Erde, unter die man kriecht, in sich zusammenfällt, sodass Leid über die kommt, die eigentlich leben wollten.

Einige Jahre vor Nakinureta haru no onna yo realisierte Josef von Sternberg seinen Morocco, an dessen berühmten Ende einige Frauen ihren militärischen Männern in die Wüste folgen. An diesem Ende setzt Shimizu an. Die Soldaten sind Bergarbeiter, die Frauen betreiben eine Bar, die Wüste besteht aus Schnee. Alle bleiben hier einsam, hoffnungslos. Der sich selbst aufgebende Blick Marlene Dietrichs am Ende von Morocco hat alles vorhergesehen, es stimmt: Die Zustände lassen sich nicht vereinen. Ich denke, dass ich das spüre in diesen ersten Bildern des Films. Es braucht einen Filmemacher, der bereits mehr als 80 Stummfilme gedreht hat, bevor er diesen, seinen ersten Tonfilm dreht und der trotzdem erst 30 Jahre alt ist, sodass ihn die Unvereinbarkeit der Dinge, die Ungerechtigkeit der Welt erschaudern lässt.

Wörter für die Welt da draußen #8 Blauflügel-Prachtlibelle

Ich hätte diesen unwirklich in der Luft schwebenden Blauflüglern Stunden zusehen können und doch hätten sie mich getäuscht. So ist das mit der Schönheit, sie hat schon manchem Grauen eine seltsame Anmut verliehen und irrlichternd all jene verführt, die es hätten besser wissen müssen. Oftmals beschreibt das Wort „schön“ ja letztlich nur eine Sprachlosigkeit, entweder, weil man überwältigt wird oder aber, weil man nichts zu sagen weiß.

An einem kleinen Nebenarm der Donau nahe Tulln beobachtete ich drei Blauflügel-Prachtlibellen im, so glaubte ich, vergnügten Tanz auf wassernahen Pflanzen und kleinen Steinen, die wie Inseln aus dem trüben Bach ragten. Sie funkelten förmlich, diese Blauflügel-Prachtlibellen, Diamanten der Luft, die sich wenig Rast gönnten in der heißen Luft des Tages.

Es waren drei Libellen, die sich umschwirrten, verfolgten und umgarnten während ich bewegungslos am Ufer stand und ihnen zusah. Sie präsentierten ihre schillernde Flügelpracht und die blau pulsierenden Äderchen, betrachteten sich durch ihre tausend Augen und fielen dabei selbstvergessen fast ins Wasser .

Erst als ich später davon las, dass ich diesen männlichen Seejungfern bei einem lebensentscheidenden Kampf beiwohnte, der dem bestmöglichen Ort zur Eiablage galt, veränderte sich einmal mehr mein Bild einer Idylle, die nie eine war. Aus Tänzen wurden Drohungen, aus Verspieltheit Todesangst. Es ist ein uralter Fehler zu glauben, dass blaues Blut glänzt und blaue Feen fröhlich singen, wenn sie eigentlich ums Leben schreien.

 

Ivana Miloš, Prachtlibelle (2022), Aquarell auf Papier, 18 x 26 cm