Peter Kubel­ka ver­gleicht bekann­ter­ma­ßen das Zube­rei­ten eines Essens mit dem Fil­me­ma­chen; sein Stich­wort: Syn­the­se. Man nimmt ver­schie­de­ne Din­ge, kom­bi­niert sie auf unter­schied­li­che Art und Wei­se und erhält so am Ende ein Gesamt­pro­dukt. (stark ver­ein­facht!) Kochen ist für Kubel­ka eine der ältes­ten Küns­te. Legen­där sein Koch­kurs „Film und Kochen als Kunst­gat­tung“. Wohin führt uns der asso­zia­ti­ve Strom wei­ter, dem wir hier fol­gen wol­len, auf der Suche nach Essen im Kino…“Eat Drink Man Woman“ von Ang Lee. Ein damp­fen­der Film vol­ler bun­ter Zuta­ten, die einem, wie mir ein befreun­de­ter Essens- und Film­freund sag­te, das Was­ser schon wäh­rend des Genus­ses des Films im Mun­de zusam­men­lau­fen las­sen wür­den. Film als Genuss oder wie steht es so schön auf der DVD-Hül­le von Fatih Akins „Soli­no“: „Ein Film wie ein damp­fen­der Tel­ler Spa­ghet­ti“. Dann geht es auf zur all­jähr­li­chen God­fa­ther-Par­ty, zu der nicht zuletzt das Zube­rei­ten von ita­lie­ni­schen Spe­zia­li­tä­ten gehört. Im Kino gibt es Men­schen (nicht weni­ge), die glau­ben, dass Pop­corn „dazu­ge­hö­ren“.  War­um?

Wohin führt die Rei­se dann? „La Gran­de Bouf­fe“ von Mar­co Fer­re­ri. Die ita­lie­ni­sche Schau­spiel­spit­ze des Autoren­films frisst sich zu Tode. Schön ist das nicht immer, aber unter­halt­sam, skur­ril und exis­ten­tia­lis­tisch. Ah Exis­ten­tia­lis­tisch: „Da hat mich der Ekel gepackt, ich habe mich auf die Bank fal­len las­sen, ich wuss­te nicht ein­mal mehr, wo ich war; ich sah die Far­ben lang­sam um mich krei­sen, ich hat­te einen Brech­reiz. Und das ist es: seit­dem hat der Ekel mich nicht ver­las­sen, er hält mich fest.“ Das hat Jean-Paul Sart­re geschrie­ben in sei­nem Buch, das in der deut­schen Über­set­zung „Der Ekel“ genannt wur­de. „Repul­si­on“ von Roman Pol­an­ski wur­de in der deut­schen Über­set­zung „Ekel“ genannt. Essen spielt hier eine gro­ße Rol­le. Pol­an­ski schreibt den psy­cho­lo­gi­schen Hor­ror in sei­ne Objek­te ein. Dazu zählt auch das Essen. Man­cher hat in den über­di­men­sio­na­len, ver­faul­ten For­men der Nah­rung im Film gar Ähn­lich­kei­ten zu Geschlechts­tei­len aus­ma­chen wol­len. Jeden­falls isst Carol gespielt von Cathe­ri­ne Deneuve nicht all­zu gern. Sie reißt mal ein Stück Brot ab, ansons­ten isst sie nicht, son­dern sieht das Essen nur an. 

Und dadurch ent­steht so etwas wie ein drü­cken­des Gefühl. Wer kennt es nicht kei­nen Hun­ger zu haben und dabei beob­ach­tet zu wer­den. Ein Gefühl des Ekels über­kommt einen. Cris­ti­an Mun­giu ver­stärkt den Effekt in sei­nem „4 luni, 3 săp­tămâ­ni și 2 zile“ dadurch, dass alle ande­ren Men­schen am Tisch einen umso grö­ße­ren Appe­tit zu haben schei­nen. Aber der Tisch ist hier mehr als nur ein Ort für das Essen. Er ist ein Platz des sozia­len Abwä­gens, des Aus­tes­tens von Manie­ren, der gegen­sei­ti­gen Bli­cke. Zer­stör­te Fami­li­en sit­zen oft gemein­sam am Tisch und wür­gen ihr Essen in sich hin­ein von „Ame­ri­can Beau­ty“ über „Buf­fa­lo 66“, bis hin zu Ing­mar Berg­mann. Pär­chen gehen oft Essen im Film. Sie ler­nen sich dort ken­nen. In „Magno­lia“ tren­nen sie sich auch gleich wie­der dort. Oder wenn Robert de Niro in Ser­gio Leo­nes „Once Upon a Time in Ame­ri­ca“ ein gan­zes Restau­rant für sei­ne Ange­be­te­te mie­tet, ent­steht dort ein auto­no­mer Raum der gemein­sa­men Glück­se­lig­keit: Das gemein­sa­me Essen als Weg ins Glück.

In „Old­boy“ von Park Chan-Wook frisst sich der Held von Restau­rant zu Restau­rant um sei­nen Pei­ni­ger zu fin­den. Irgend­wann muss er sich dann auch über­ge­ben. „Eine regel­rech­te Panik bemäch­tig­te sich mei­ner.“ Wo ist da der Genuss, wenn Essen zur Qual wird? Oder ist das ein­fach nur human, weil es das Mensch­li­che aus­stellt? So wie Chap­lin in „The Gold Rush“ sei­nen Schuh isst wie einen Tel­ler Spa­ghet­ti. Er würgt ihn hin­un­ter, aber er muss essen. Essen im Film wird immer inter­es­sant, wenn es zur Qual wird. Wenn man einen Apfel­stru­del neben sei­ner größ­ten Angst essen muss, wenn man eigent­lich kei­nen Hun­ger hat oder wenn man etwas essen muss, was man eigent­lich nicht essen kann. Bezeich­nen­der­wei­se wird aus­ge­rech­net „The Gold Rush“ auch zitiert in Pol­an­skis „Repul­si­on“, einem Film, indem jemand viel essen könn­te, aber es nicht tun kann. Das Gegen­teil des sozia­len Dra­mas. Wohin führt uns das Essen im Kino?

Ter­rence Hill, der in unfass­ba­rer Geschwin­dig­keit Boh­nen in sich löf­felt? Carol in „Repul­si­on“ sieht ihr Essen nur an. Sie lässt es ver­gam­meln, sie ver­liert den Bezug zu ihrem eige­nen Kör­per und zum Essen. Wie wür­de sich Carol wohl bei Ang Lee ver­hal­ten? Essen kann für die Schau­spie­ler, ganz unab­hän­gig, ob ihre Rol­le ger­ne isst oder unger­ne isst, zur Qual wer­den. Wenn eine Sze­ne 20mal wie­der­holt wird und der Schau­spie­ler immer wie­der essen muss und dabei immer wie­der lächeln muss, dann ist das Film und Kochen als Kunst­gat­tung. Wie der jun­ge Jean-Pierre Léaud in „Les 400 Coups“ von Truf­f­aut eine Fla­sche Milch in sich hin­ein kippt, lässt einen im Kino­ses­sel mit­lei­den. 50 Eier wet­tet Paul New­man in „Cool Hand Luke“, 50 Eier kann er essen. Er wird die Wet­te gewin­nen, mit zwi­schen­zeit­li­chem Bauchstret­ching und Rülp­sen und Trin­ken. Aber was ist dar­an gewon­nen, wenn wir hier nur Fil­me auf­zäh­len, in denen geges­sen wird?

„Es gibt nie Anfän­ge. Ein Tag folgt dem ande­ren, ohne Sinn und Ver­stand, ein unauf­hör­li­ches, ein­tö­ni­ges Anein­an­der­rei­hen.“ In Repul­si­on gibt es irgend­wann beglei­tend zu den Bil­dern des lang­sam ver­gam­meln­den Hasen das Geräusch von Insek­ten zu hören. Flie­gen tum­meln sich auf dem Tel­ler, den Carol aus dem Kühl­schrank genom­men hat und dort nie wie­der zurück­ge­bracht hat. Das Essen beginnt ein eige­nes Leben zu füh­ren und wird tat­säch­lich leben­dig. Body-Hor­ror. Aber der Ekel, den Carol gegen­über dem Essen ver­spürt, kommt von innen. Bil­der von einem Essen als Qual sind im Kino zumeist inne­re Bil­der. Wenn jemand nicht isst oder beson­ders viel isst, dann erzählt uns das etwas über den Cha­rak­ter. Regel­recht in Kom­mu­ni­ka­ti­on tre­ten die Cha­rak­te­re dann mit ihrem Essen. Aber Essen ist auch all­täg­lich. Es ist ein Grund­be­dürf­nis des­sen fil­mi­sches Poten­zi­al längst nicht erschöpft wird. Essen stört die Hand­lung, hält sie auf und gibt visu­ell nicht zu viel her. Das führt uns zu Andy War­hol und sei­nem „Eat“. Er zeigt einen befreun­de­ten Künst­ler über knapp 40 Minu­ten beim Essen eines Pil­zes. Bei ihm führt der Pro­zess des Kau­ens zu einer Ent­lee­rung des Bil­des. Paradox?

Man sagt „Das Auge isst mit“. In der ers­ten und letz­ten Ein­stel­lung von „Repul­si­on“ spielt das Auge auch eine beson­de­re Rol­le, das Auge spielt im Kino immer eine beson­de­re Rol­le. Essen ist des­halb gleich­zei­tig ein so fas­zi­nie­ren­des und schwie­ri­ges Objekt für das Medi­um Film, weil es sich trotz offen­sicht­li­cher struk­tu­rel­ler, visu­el­ler, ja dra­ma­tur­gi­scher Par­al­le­len auf Sin­ne bezieht, die Fil­me nicht ein­fan­gen kön­nen. Sie ver­su­chen den Affekt von Geschmack, Geruch und Kon­sis­tenz zu erset­zen, indem das Essen nar­ra­tiv und visu­ell auf­la­den. Der Gift­be­cher dampft, damit wir sei­nen Geschmack nach­emp­fin­den kön­nen, die Pfan­ne brut­zelt mehr als sonst, damit wir die Wär­me nach­emp­fin­den kön­nen. Essen zu fil­men ist oft die Kunst der Über­trei­bung. Fil­mi­scher Exzess, um etwas als beson­ders wenig, beson­ders viel oder beson­ders eklig dar­zu­stel­len. In „Japón“ von Car­los Rey­ga­das ist es sehr heiß. An einem Tag trinkt der Prot­ago­nist sehr schnell einen küh­len Tee, bevor ihm ein Stück Kuchen ange­bo­ten wird. Man sieht den Schweiß, die Son­ne, die Gier, mit der der Mann den Tee trinkt und dann den Kuchen isst. Viel­leicht kann man nicht wirk­lich schme­cken im Film, aber man kann den Geschmack erah­nen, sich vor­stel­len. Wel­che Kraft muss ein Medi­um haben um das ent­fal­ten zu kön­nen? Die Kraft der Syn­the­se? Oder ist es die Fähig­keit im Zuse­her eine ima­gi­na­ti­ve Kraft aus­zu­lö­sen, einen Affekt der weit über das blo­ße Sehen hin­aus­geht. Eine Vor­stel­lung, die alle Sin­ne anspricht. Oder zumin­dest eine Vor­stel­lung, die die Vor­stel­lung aus­löst etwas zu füh­len, zu schme­cken, zu rie­chen. Dabei sind Fan­ta­sien eines Fühl­ki­nos, das sich Ste­ven Spiel­berg für sei­nen „Mino­ri­ty Report“ von so man­chem Sci­ence-Fic­tion Autoren geborgt hat völ­lig zweck­los. Ich zumin­dest habe schon gero­chen im und geschmeckt im Kino. Und des­halb habe ich dort auch schon den Ekel verspürt.

„Der Ekel gönnt mir eine kur­ze Atem­pau­se. Aber ich weiß, dass er wie­der­kom­men wird: das ist mein Nor­mal­zu­stand.“, hat die­ser Sart­re geschrie­ben und wenn man Carol dabei zusieht wie sie ihr Essen ansieht, dann ekelt man sich genau­so vor ihr wie sie vor dem Essen. Man kann nicht wegschauen.