Die meisten Filme des Neorealismo wirken wie bürgerliche Verklärungen von Armut im Vergleich zu Cortile Cascino, einer von Robert M. Young und Michael Roemer realisierten Arbeit im gleichnamigen Armenviertel Palermos, die ursprünglich für die NBC gedreht wurde, dort aber aufgrund politischer und ästhetischer Vorbehalte nicht ausgestrahlt wurde. Auch mehr als sechzig Jahre später sind solche drastischen Bilder im Kino rar geblieben: Kinder, die ein schreiendes Schwein festhalten, das illegal in einem Hinterhof mit einem Hammer getötet wird. Frauen, die ihre vielen Kinder unter jene verdreckte Decke stecken, die eben noch als Tischdecke diente für das Wenige, was sie ihnen kochen konnten. Männer, die aus den auf dem Boden liegenden Haaren im Friseursalon Seile drehen, um ein paar Münzen zu verdienen. Andere Männer, die in dampfenden Müllbergen nach in bisschen Glück graben. Särge, die in Autos geladen werden, darunter zahlreiche für Kinder. Eine Mutter, die sagt, dass es ihr verstorbenes Mädchen bestimmt besser im Himmel habe, als hier in Cortile Cascino, wo ein dampfender Zug nur wenige Meter an den Hütten vorbeirauscht, in denen die Menschen leben müssen. Niemand könnte sagen, wo er hinfährt. Am Friedhof werden die Skelette derjenigen ausgebuddelt, die dort schon acht Jahre liegen, um Platz für die neuen Toten zu schaffen. Rauchende Kinder beim Kartenspielen, sie wären gern bei der Mafia, um dem Elend zu entkommen. Nahaufnahmen zerfurchter Gesichter der Alten, auf denen sich die Bitterkeit entblößt und in ihrer Vollkommenheit zeigt. Ein Kind, das sich aufgrund einer Behinderung nur krabbelnd durch den Schlamm und die Fäkalien auf den schmalen Wegen zwischen den Häusern fortbewegen kann. Begleitet werden solche Bilder von ins Englische übersetzten Erzählungen der Bewohner selbst. Die Sprache ist karg, auf das Nötigste reduziert, weil Roemer am liebsten nur die Bilder hätte sprechen lassen. Manchmal klingt das Gerede von gamblern und sad souls und political parties wie aus den Texten Bob Dylans. Die Vorbehalte Roemers gegen die Sprache sind nachvollziehbar, denn sie legt einen Filter zwischen die Direktheit der Bilder und diejenigen, die sie sehen, aber sie verleiht dem Würdelosen auch Würde, schenkt der Verzweiflung ein wenig rhetorische Hoffnung. Außerdem sind die Menschen so nicht vollends den Bildern ausgeliefert. Die Aufnahmen sind unverhohlen, seltsam nah, als würde die Kamera versuchen, nicht auf die Menschen zu schauen, sondern mit ihnen zu leben. Man fragt sich, warum nie jemand in die Kamera blickt. Sind diese Menschen zu müde, legen sie keine Hoffnung mehr in die technischen Geräte oder sind sie schlicht daran gewöhnt, betrachtet zu werden wie in einem Zoo?
Doch plötzlich funkelt einem Schönheit oder ein Lächeln entgegen und man traut sich kaum, das zuzugeben.
Ist es zu leicht, die Kamera auf das Elend zu richten? Ich denke an Mülheim/Ruhr von Peter Nestler und Reinald Schnell, dem einige vorhielten, er zeige ein zu tristes Bild des Ruhrgebiets, so schlimm und farblos wäre es gar nicht. Woher auch immer diese Stimmen kommen, die ethische Einwände bezüglich der Perspektive eines Filmemachers immer gerade dann vorbringen, wenn sie mit Bildern konfrontiert werden, die etwas so zeigen, wie es ist. Es wäre sicher nicht falsch, sich bewusst zu machen, dass nicht das Filmmaterial oder ein ästhetisches Begehren diese Aufnahmen möglich machen, sondern die Welt, in der es solche Orte gibt.

