Seit eini­ger Zeit kann man in Ber­lin dank einer Initia­ti­ve von Ralph Eue Fil­me aus Tsche­chi­en und der Slo­wa­kei sehen. Ange­fan­gen in den 1930ern bis ins Heu­te. «In wei­ter Fer­ne, so nah!» nennt sich die Rei­he, in der um die 60 Fil­me gezeigt wer­den. Der Titel spielt selbst­re­dend auf die durch­aus aus­ge­präg­te Igno­ranz gegen­über der gro­ßen Kino­ge­schich­te der Nach­bar­län­der Deutsch­lands und Öster­reichs an. Die Rei­he ver­steht sich dem­entspre­chend auch als breit ange­leg­te Erkun­dung aus «west­li­cher» Sicht. Hin­zu kommt eine vom SYN­E­MA-Ver­lag her­aus­ge­ge­be­ne Publi­ka­ti­on. Ob das reicht, um die Igno­ranz zu bre­chen, bleibt fraglich.

Als ich im Sep­tem­ber eine Vor­füh­rung des in jeder Hin­sicht gran­dio­sen …a pátý jez­dec je Strach von Zbyněk Brynych besuch­te, fan­den sich eini­ge weni­ge See­len im Kino Kro­ko­dil ein, dar­un­ter in der Mehr­zahl Men­schen, die der tsche­chi­schen Spra­che mäch­tig waren. Ich weiß nicht, ob denen, die nor­ma­ler­wei­se ins Kino gehen, bewusst ist, was sie ver­pas­sen, wenn sie dort nicht auf­kreu­zen. Die­ses Phä­no­men beschäf­tig­te mich bereits vor eini­gen Jah­ren, als ich gemein­sam mit Andrey Arnold rumä­ni­sche Fil­me im Film­ar­chiv Aus­tria zeig­te und vor­nehm­lich in Wien leben­de Men­schen aus Rumä­ni­en ins Kino kamen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Igno­ranz gene­rell dem gilt, was man nicht kennt oder ob das Kino aus ehe­mals sozia­lis­ti­schen Län­dern auch dar­un­ter lei­det, kei­ne wie auch immer gear­te­te, zeit­ge­nös­si­sche theo­re­ti­sche Ver­zah­nung erfah­ren zu haben. Also es ist schwer, sich die­sen Fil­men unter den Prä­mis­sen von Post­ko­lo­nia­lis­mus, Femi­nis­mus und der­glei­chen zu nähern, wodurch es auch nur gerin­ges aka­de­mi­sches Inter­es­se zu geben scheint. Wer sich für «ost­eu­ro­päi­sches» Kino inter­es­siert, son­dert sich in vie­ler­lei Hin­sicht ab.

In Wien, das eine ent­spann­te Fahr­rad­tour von Bra­tis­la­va ent­fernt liegt, wur­den in den letz­ten zwan­zig Jah­ren nur ver­ein­zelt Fil­me aus der Slo­wa­kei gezeigt. Eine Schau zu tsche­chi­schen Ani­ma­ti­ons­fil­men im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um fiel beim Publi­kum völ­lig durch, wes­halb seit­her nur wenig aus die­sen Land gezeigt wur­de. Die ein­zi­ge Nar­ra­ti­on, die immer wie­der bemüht wird und halb­wegs anschluss­fä­hig zu sein scheint, ist die von der Sub­ver­si­on. Fil­me, die sich also kri­tisch mit den poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Umstän­den befasst haben, die ver­bo­ten und zen­siert wur­den und irgend­wie doch als Zeu­gen einer ver­gan­ge­nen Zeit geblie­ben sind. War­um das so viel wich­ti­ger zu sein scheint, als alles ande­re, so wich­tig, dass es in eigent­lich jedem Text über die­se Fil­me erwähnt wird, bleibt unklar.

Aber noch­mal zurück zu denen, die sich die­se Fil­me in der Regel anschau­en. Denn an sich ist das ja ein schö­ner Gedan­ke: Man geht in ein Kino, weil man dort etwas von sich selbst erfährt. Man schaut gegen das Heim­weh an. Man darf sich für zwei Stun­den füh­len, als wäre man zuhau­se. Man hört die eige­ne Mut­ter­spra­che, sieht ver­trau­tes Gelän­de. Also schau­en die Tsche­chen die tsche­chi­schen Fil­me und die Rumä­nin­nen die rumä­ni­schen Fil­me. Die Begeg­nung mit dem, was man nicht kennt, bleibt eher die Aus­nah­me. Die meis­ten schau­en in die­sem Fall lie­ber Ali­ens an als Men­schen aus Polen. Das ist nichts, was das Kino für sich gepach­tet hat. Ich bin immer wie­der über­rascht, wie bereit­wil­lig Lese­rin­nen und Leser fast aus­schließ­lich Tex­te lesen, die in ihrer Mut­ter­spra­che ver­fasst wor­den sind. Wie schwie­rig es Über­set­zun­gen haben. Wür­den sich die­se Leser nun haupt­säch­lich mit der Spra­che und Sprach­li­chem befas­sen, hät­ten sie ja einen Punkt. Da sie aber haupt­säch­lich über Hand­lun­gen und Figu­ren und gesell­schaft­li­che Bedeu­tun­gen nach­den­ken, begren­zen sie ihren Hori­zont gewaltig.

Immer wie­der geht mir die­ses selt­sa­me und beglü­cken­de Inter­view mit João César Mon­tei­ro im Kopf um, in dem er schul­ter­zu­ckend sagt, dass die Men­schen eben ärmer wer­den, wenn sie nicht ins Kino gin­gen. Es wäre nichts dabei, die Men­schen wür­den ein­fach ver­ar­men. So geht es mir, wenn ich dar­an den­ke, wel­che Kul­tu­ren igno­riert wer­den. Es ist natür­lich nicht mög­lich, auf alles gleich zu ach­ten. Trotz­dem glau­be ich, dass es nicht fatal wäre, die­se For­men des mensch­li­chen Aus­drucks, das Fil­men, Schrei­ben, Malen, Musi­zie­ren, als glo­bal zu ver­ste­hen. Im Kino ist es wie­der­um nicht gera­de so, dass deut­sche Fil­me am meis­ten rezi­piert wer­den. Die USA ist dort das Hei­mat­land der Mas­se. Allein das zeigt ja, dass das, was man als ver­traut wahr­nimmt, nur eine Fra­ge des Mar­ke­tings ist (sehr her­un­ter­ge­bro­chen, ich gebe es zu).

Das Geschwis­ter der natio­na­len oder zumin­dest sprach­kul­tu­rel­len Zuord­nung ist die Aktua­li­tät. Neu trumpft alt, bekann­te Spra­che trumpft unbe­kann­te Spra­che. Wenn man nun etwas Altes aus einer wenig bekann­ten Kul­tur in den Umlauf brin­gen will, braucht man einen Auf­hän­ger, irgend­was, was mit dem Jetzt zu tun hat. Anschei­nend kann man nicht davon aus­ge­hen, dass ein Publi­kum sol­che Ver­bin­dun­gen selbst her­stellt. Beschnei­den wir die eigent­lich stän­dig über die Ufer tre­ten­de Kul­tur, um über­haupt ein Gefühl zu bekom­men, dass wir etwas von ihr ver­ste­hen? Oder ist es schlicht Bequem­lich­keit, die feh­len­de Bereit­schaft, ein biss­chen zu arbei­ten, um etwas zu verstehen?

Aus mei­nem Bücher­re­gal leuch­tet mir von einem gelb ein­ge­bun­de­nen Buch­rü­cken der Schrift­zug Belie­ve in Peo­p­le ent­ge­gen. Es ist eine bei Faber & Faber erschie­ne­ne Über­set­zung jour­na­lis­ti­scher Schrif­ten von Karel Čapek. In sei­nen kur­zen Tex­ten, in denen der Schrift­stel­ler über Steu­ern, Trau­er­wei­den oder die Erlö­sung (eigent­lich über alles) nach­denkt, ent­de­cke ich beim Wie­der­le­sen die­se Gleich­zei­tig­keit von sati­ri­scher Schär­fe und mensch­li­cher Wär­me. Die ken­ne ich auch aus den tsche­chi­schen und slo­wa­ki­schen Fil­men. In einer Zeit, in der im Kino das Sati­ri­sche Kon­junk­tur hat, wäre ein Blick auf die­se tsche­chi­schen und slo­wa­ki­schen Fil­me mehr als anschluss­fä­hig. In ihnen wer­den bestän­dig die Gren­zen zwi­schen Zynis­mus und Opti­mis­mus ver­han­delt, das Lachen über und mit den Figu­ren ver­schmilzt. Das nur als Bei­spiel dafür, wie man sich die­sen Fil­men nähern könn­te, wenn es nicht reicht, sie ein­fach zu sehen. Seht ihr, jetzt habe ich einen Auf­hän­ger gelie­fert. Bin ja geübt in den Spra­chen der Pro­jekt­an­trä­ge und Feuilletons.

Und was wäre, wenn ich plötz­lich an die lie­bes­kran­ke Mařin­ka den­ke, die mor­gens beim Bäcker um die Ecke auf­taucht, um ihre Bröt­chen zu kau­fen, und die ich immer wie­der sehe, wie sie vor mei­nem Fens­ter vor­bei­geht und von der ich weiß, dass sie aus Brno kommt, weil sie mir das ein­mal erzählt hat? Was wäre, wenn sie mir zum Bei­spiel (das sind ja alles nur Bei­spie­le) an der Stra­ßen­ecke, wenn ich sie nur kurz grü­ßen woll­te, von ihrem frü­he­ren Leben berich­te­te, ganz unge­fragt natür­lich, weil ich wür­de mich nie zu fra­gen trau­en, und ich dann plötz­lich mer­ken wür­de, dass mich das ja inter­es­siert, auch wenn ich so genau gar nicht sagen könn­te wes­halb? Was wäre, wenn sie mir zum Bei­spiel von einer in ihrer Fami­lie ver­erb­ten Angst erzäh­len wür­de, vor den Ohren in den Wän­den oder Streich­höl­zern? Was wäre, wenn sie mir erzäh­len wür­de, dass sie des­halb nicht mit dem Mann oder der Frau ihrer Träu­me zusam­men­le­ben könn­te, weil der oder die Rau­cher wäre und die­se Streich­hül­zer ihr wirk­lich gro­ße Angst machten?

Was wäre zum Bei­spiel, wenn ich dann ein wenig bes­ser begrei­fen wür­de, dass ich nicht allein bin oder dass wir alle nicht allein sind oder dass wir doch eigent­lich sehr allein sind und ver­zwei­felt? Wäre das dann nicht aktu­ell und bräuch­te ich gar wen, der mir ihr plötz­lich her­vor­bre­chen­des, viel zu schnel­les, rausch­haf­tes Reden über­set­zen wür­de? Wür­de ich dar­auf ach­ten, wie sie ihre Augen auf­reißt beim Spre­chen, wie sie mit ihrem Zei­ge­fin­ger gegen die Hüf­ten trom­melt, wie sie das Gewicht von einem auf den ande­ren Fuß legt? Müss­te ich gar nicht alles ver­ste­hen, um alles zu verstehen?

Egal wie, viel­leicht wür­de ich dann nach Hau­se gehen und an Mařin­ka den­ken oder glau­ben, dass ich sie nun bes­ser ver­ste­he, wenn sie dort an mei­nem Fens­ter mit den Bröt­chen vor­bei­huscht. Oder ich wür­de ande­re Gedan­ken haben, wenn ich das nächs­te Mal von Tsche­chi­en höre oder von Brno. Oder ich wür­de mich selbst ein biss­chen bes­ser ken­nen, es ist nicht aus­ge­schlos­sen, auch wenn ich das Gefühl habe, dass das eher nicht passiert.

So oder so, es scha­det nicht, eini­ge die­ser Fil­me zu sehen.