“I don’t belie­ve in words.”, hat Nuri Bil­ge Cey­lan ein­mal geant­wor­tet auf eine Fra­ge bezüg­lich der lan­gen Pas­sa­gen des Schwei­gens in sei­nen Fil­men. Wor­te, die es im kon­trast­rei­chen Far­ben- und Schat­ten­meer sei­ner Bil­der auch nicht zu geben braucht. Sei­ne Geschich­ten zie­len näm­lich auf mehr, als die ober­fläch­li­che Spra­che sei­ner Prot­ago­nis­ten. Die Bil­der ver­su­chen hin­ter das Bewusst­sein zu bli­cken. Was die Cha­rak­te­re sagen, ent­spricht sel­ten der Wahr­heit, es sind aber auch kei­ne direk­ten Lügen. Es sind ein­fach Stand­punk­te aus ihrer unver­meid­li­chen Per­spek­ti­ve. Sie wol­len damit nichts errei­chen, es ist ein­fach nur ihre Art zu (über-) leben. Am Ende sei­ner Fil­me steht dann auch oft die völ­li­ge Regungs­lo­sig­keit im Ange­sicht einer Welt, die man nicht kon­trol­lie­ren kann. Der Mensch in einer frei­en, aber doch limi­tie­ren­den Natur, blickt hin­aus auf die Wei­te des Mee­res wie in „Uzak“ („Distant“) oder „Üç may­mun“ („3 Affen“).

Einen Cey­lan-Film zu betrach­ten, heißt auch immer, dass man die Per­sön­lich­keit des Regis­seurs mehr als deut­lich spürt. Das hat auch mit den Dreh­me­tho­den des tür­ki­schen Regis­seurs zu tun. Ins­be­son­de­re sei­ne ers­te Fil­me „Koza“, „Kas­a­ba“, May­is sik­in­ti­si“ („Clouds of May“) und „Uzak“ hat er mit extrem klei­nen Teams umge­setzt, in denen er selbst vie­le der Jobs über­nahm. „Uzak“ wur­de zu ganz gro­ßen Tei­len in sei­ner eige­nen Woh­nung gedreht, in der nichts ver­än­dert wur­de. Sogar das Auto im Film ist Ceylans. Häu­fig ist auch sei­ne Fami­lie in sei­nen Fil­men zu sehen und er selbst natür­lich auch. Cha­rak­te­re schei­nen immer wie­der auf­zu­tau­chen. Sei­ne Per­sön­lich­keit scheint von den vie­len Nah­auf­nah­men der Gesich­ter in „Ikim­ler“ („Jah­res­zei­ten“) fast auf den Zuschau­er zu sprin­gen; Nah­auf­nah­men, die ent­hül­lend wir­ken, aber nicht im Sin­ne einer Sicher­heit. Viel­mehr gilt es einen Cey­lan-Film zu lesen, in jeder Sekun­de. Per­sön­lich­keit, die auch dadurch ent­steht, dass sich Cey­lan mehr auf die Details fokus­siert, als auf das gro­ße Gan­ze der Din­ge. Die Wahr­neh­mung ist eine zutiefst sub­jek­ti­ve. Den­noch erlaubt sie einen Zugang; ob man als West­eu­ro­pä­er aller­dings die glei­chen Rück­schlüs­se und Inter­pre­ta­tio­nen zieht wie als Lands­mann von Cey­lan möch­te ich offen­las­sen. Jeden­falls trie­fen sei­ne Bil­der, etwa jenes von sei­nem Vater in „Clouds of May“, der an einem Wald­rand auf ein auf­zie­hen­des Gewit­ter war­tet, vor sym­bo­li­schem Spiel­raum. Gleich­zei­tig sind sie in einem nüch­ter­nen Rea­lis­mus ver­an­kert. Im Zen­trum sei­ner Fil­me ste­hen oft Wider­sprü­che und Kon­flik­te zwi­schen Gene­ra­tio­nen, die aber nur sel­ten offen aus­ge­tra­gen wer­den. Die fol­gen­schwe­re Unzu­frie­den­heit des Sohns in „3 Affen“, das leicht­sin­ni­ge Spiel mit der Tier­welt in „Kas­a­ba“, der Regis­seur, der auf sei­ne Fami­lie blickt in „Clouds of May“. Hin­ter allem spürt man den per­sön­li­chen Blick eines visio­nä­ren Regis­seurs, der sein Medi­um in der Zeit ent­fal­tet und in der Nähe zu sei­nen Prot­ago­nis­ten, die er aller­dings immer in eine über­mäch­ti­ge Land­schaft setzt, wie in „Bir zaman­lar Ana­do­lu’­da“ („Once Upon a Time in Ana­to­lia“). Dort kom­men wir der Figur des Arz­tes dann am nächs­ten, wenn sie umge­ben von der kal­ten, win­di­gen und unheim­li­chen Dür­re Ana­to­li­ens fast völ­lig bewe­gungs­los steht. 

In die­se Star­re fal­len die Geräu­sche Ceylans wie Bojen im Was­ser, an denen sich die Cha­rak­te­re fest­hal­ten kön­nen und wis­sen: Ja, die Welt exis­tiert. Dabei kann Cey­lan sei­nen Tar­kovs­ky-Ein­fluss nicht ver­ber­gen, denn wie beim rus­si­schen Meis­ter­re­gis­seur sind es vor allem der Wind und sei­ne Fol­gen, die auf der Ton­ebe­ne zu hören sind. Ein klap­pern­des Dach, ein sich im Wind bewe­gen­des Glo­cken­spiel. Cey­lan spricht alle Sin­ne an. So hat man in „Kas­a­ba“ fast das Gefühl tat­säch­lich zu rie­chen, als der Leh­rer nach einem stin­ken­den Pau­sen­brot sucht, man spürt den Kuss auf den schweiß­ge­ba­de­ten Gesich­tern am Strand in „Jah­res­zei­ten“, die­sem letz­ten Ver­such des Man­nes etwas zu füh­len, kommt das tat­säch­lich ver­mit­tel­te Gefühl gleich. Wer das nicht spürt, wird nichts anfan­gen kön­nen mit den Fil­men des Nuri Bil­ge Cey­lan. Eine Rea­li­tät ent­steht, die zu allen Zei­ten grö­ßer ist, als die Hand­lung. Und im Zen­trum steht immer das Sehen. Was sehen wir und wie sehen wir? Die ers­te Ein­stel­lung von „Once Upon a Time in Ana­to­lia“ stellt genau die­se Fra­ge. Und man muss sich auch fra­gen, ob wir den Bil­dern trau­en kön­nen, wenn wir schon den Wor­ten nicht glau­ben sollen.

Ins­be­son­de­re „Cli­ma­tes“ atmet in sei­ner erzähl­ten Ent­frem­dung vor sei­nen Cha­rak­te­ren und zwi­schen den Cha­rak­te­ren das Gefühl eines Michel­an­ge­lo Anto­nio­ni-Films. Viel­leicht ein zwei­ter wich­ti­ger Ein­fluss für Cey­lan. Die in exis­ten­zia­lis­ti­scher Manier her­um­wan­dern­der Prot­ago­nis­ten haben sel­ten ein Ziel und selbst wenn sie eines haben, wäh­len sie nicht den direk­tes­ten Weg. Cey­lan inter­es­siert sich für die Momen­te der Lee­re, in denen man nach­denkt, in denen man ver­lo­ren ist, war­tet und auf sich selbst zurück­ge­wor­fen ist. Ob sol­che Momen­te beim ein­sa­men betrach­ten von „Stal­ker“ in „Uzak“, beim gedan­ken­ver­lo­re­nen Blick auf ein Foto wie in „Once Upon a Time in Ana­to­lia“ oder in der Angst eines Kin­des vor einem Feh­ler wie in „Kas­a­ba“ liegt, ist völ­lig egal. Cey­lan zeigt nur das Nötigs­te. Er lässt dort die Lücken, wo ande­re Fil­me­ma­cher erst ein­set­zen. In die­sem salopp bezeich­ne­ten Mini­ma­lis­mus liegt auch sei­ne Ähn­lich­keit zu Robert Bres­son. In einer Sze­ne in „3 Affen“ kommt der Sohn nach Hau­se. Wir sehen ihn nur von der Hüf­te abwärts, er macht sich an etwas zu schaf­fen. Der Blick auf sein Gesicht wird uns ver­wei­gert und er ver­schwin­det just in dem Moment hin­ter einer Tür, als sei­ne Mut­ter durch eine ande­re Tür den Raum betritt. Nach eini­gen Momen­ten öff­net sie die Tür und wir sehen das blut­ver­schmier­te Gesicht des Soh­nes. In die­ser Sze­ne wird nicht nur auf bril­lan­te Wei­se auf den wei­te­ren Ver­lauf des Films hin­ge­ar­bei­tet, son­dern durch den aus­ge­las­se­nen Blick auf sein Gesicht, wird uns auch jäh die Ent­frem­dung des Soh­nes vor sei­ner Mut­ter bewusst. Man könn­te die­se lyri­schen Momen­te einen Sur­rea­lis­mus im Rea­lis­mus nen­nen. Die­ser wird durch ein avan­cier­tes Spiel auf Ton- und Bild­ebe­ne erreicht. 


Bei­spiel­haft erscheint die Sze­ne am Strand in „Jah­res­zei­ten“, als Cey­lan wäh­rend sei­ne Freun­din im Was­ser schwimmt die Wor­te ein­stu­diert, um sie zu ver­las­sen. Er bricht ab und beginnt von vor­ne. Wie­der spricht er die Wor­te und plötz­lich schnei­det Cey­lan auf sei­ne Freun­din, die bereits wie­der neben ihm sitzt. Ohne zu zei­gen wie sie zurück­kommt, hat er hier einen flie­ßen­den Zeit­sprung hin­be­kom­men. Die­ser Sur­rea­lis­mus ent­steht durch die äußers­te Sub­jek­ti­vi­tät. Die Wahr­neh­mung der Hit­ze am Strand, der schwie­ri­gen Situa­ti­on, der drü­cken­den Stim­mung erlaubt die­sen Sprung ohne einen Rea­li­täts­ver­lust. In „3 Affen“ fin­det sich eine äußerst rea­lis­ti­sche Sze­ne, in der sich der Sohn über­ge­ben muss. Die Sequenz beginnt mit einer unschar­fen Ein­stel­lung auf einen Mann am Bahn­steig. Dann lehnt sich der Sohn nach hin­ten ins Bild und in die Schär­fe. Alles ist ver­lang­samt, der Ton ist gesenkt. Es ist eine sub­jek­ti­ve Welt, in die wir ein­tau­chen. Man merkt, dass irgend­was nicht stimmt, spürt die Hit­ze, den Schwin­del. Dann über­gibt er sich in einer gewalt­sa­men Plötz­lich­keit, die gleich­zei­tig die Umwelt wie­der in sei­ne Welt hin­ein­lässt. Ähn­lich wie die Fels­for­ma­tio­nen, die sich in Gesich­ter ver­wan­deln in „Once Upon a Time in Ana­to­lia“ fin­det Cey­lan die­se Momen­te im schein­bar All­täg­li­chen, im schein­bar Unbe­weg­li­chen. Wie ein Apfel, des­sen Weg er ver­folgt, vom Baum­stamm bis er in einem klei­nen Bach an einer Eng­stel­le mit meh­re­ren ande­ren Äpfeln hän­gen­bleibt. Ähn­lich wie Bres­son alle­go­risch einen Esel betrach­tet, betrach­tet auch Cey­lan Tie­re und Obst, das Wet­ter und das Gras. Immer in Ver­bin­dung zum Men­schen und noch viel wich­ti­ger: Die Men­schen, immer in Ver­bin­dung zur Natur.

Sei­ne Bil­der kön­nen dabei die foto­gra­fi­sche Her­kunft des Regis­seurs nicht leug­nen. Oft sta­tisch, meis­tens von durch­kom­po­nier­ter Schön­heit. Er scheint die Bil­der auf­zu­bau­en, in denen sich die Hand­lung fast wie Zufall ent­wi­ckeln kann. Star­ke Kon­tras­te und eine Beto­nung der Dun­kel­heit sind Mar­ken­zei­chen die­ses Stils. Sei­ne gro­ße Stär­ke offen­bart sich in den Groß­auf­nah­men, der lei­den­den Gesich­ter. In „3 Affen“ altert und ver­jüngt sich die Frau schein­bar von Sze­ne zu Sze­ne, in „Jah­res­zei­ten“ blickt einen die ver­lo­re­ne Lee­re der See­len der Prot­ago­nis­ten fast direkt an, in „Once Upon a Time in Ana­to­lia“ fällt die Mas­ke des Staats­an­walts weit schnel­ler als die des poten­zi­el­len Täters. Sie wech­seln sich ab mit Tota­len, die ähn­lich leer und gleich­zei­tig tief wir­ken, wie die Gesich­ter. Die tür­ki­schen Land­schaf­ten haben sich in die Züge der Gesich­ter ein­ge­schrie­ben. Kein Wun­der, dass es Cey­lan immer wie­der in die Natur zieht. Dort leben die Kin­der noch in einer Unschuld, in die sei­ne Erwach­se­nen auch zurück möchten.
Doch es gelingt ihnen nicht. Meist ver­su­chen sich die Prot­ago­nis­ten ihrer eige­nen Trie­be zu weh­ren, wie Cey­lan in „Cli­ma­tes“ als er wie wild über eine Frau her­fällt oder der Vater in „3 Affen“, der in einer bewe­gen­den Sze­nen zwi­schen Hass und Lust mit sei­ner Frau auf dem Bett sitzt. Doch auch die Kin­der bei Cey­lan wer­fen mit Stei­nen und dre­hen Schild­krö­ten auf den Rücken. Bei ihm ist das Leben ein Kreis­lauf und so steht es auch mit sei­nen Fil­men; es han­delt sich dabei mehr um eine Reflek­ti­on auf das Leben, denn einer Nar­ra­ti­on. Und wer den Weg mit Cey­lan geht, fin­det sich viel­leicht am Ende des Tages an einem Fluss ste­hend auf die Wei­te des Him­mels bli­cken. Ein gro­ßer Regisseur.