Text: Rai­ner Kienböck 
„Aber du, du bist eher so der digi­ta­le Typ, so wie dei­ne Lieb­ha­ber, die kannst du auch löschen. Aber mich kannst du nicht löschen, mich kannst du nur weg­schmei­ßen oder im Kel­ler ein­la­gern. Dann staub ich zwar voll und gera­te in Ver­ges­sen­heit, aber ich blei­be exis­tent, denn ich bin ana­log.“ (Patrick Sal­men, „rost­rot­kup­fer­braun­bron­ze“)
Das obi­ge Zitat ent­stammt einem Text des deut­schen Poet­ry Slam­mers Patrick Sal­men. Es han­delt sich dabei um eine Apo­lo­gie sei­nes Voll­barts. Der Voll­bart als anti­kes Prin­zip, als ver­gan­ge­ne Mode, die ver­tei­digt wer­den will. Auch wenn ich mir sagen ließ, dass Voll­bär­te gera­de wie­der „im Kom­men“ sind, fin­de ich Sal­mens Ana­lo­gie von glatt­ra­siert und digi­tal eine Über­le­gung wert.
Peter Kubel­ka tritt zumeist glatt­ra­siert auf. In Zeug­nis­sen aus den 70er Jah­ren fin­det man ihn zwar auch mit statt­li­chem Voll­bart aber den Groß­teil sei­nes Lebens prä­sen­tier­te sich der öster­rei­chi­sche Fil­me­ma­cher bart­los. Kubel­ka, wie Sal­men, ver­tei­digt ein anti­kes Prin­zip – das des ana­lo­gen Films. Seit mehr als fünf­zig Jah­ren setzt sich Kubel­ka für eine film­phi­lo­so­phi­sche Posi­ti­on ein die eigent­lich unhalt­bar ist. Für einen theo­re­ti­schen, künst­le­ri­schen Puris­mus des Ana­lo­gen, des fil­mi­schen Kerns, der De-Thea­tra­li­sie­rung, der De-Lite­r­a­ri­sie­rung, des Non-Ver­ba­len, des Unkommerziellen.
Kubel­kas Pre­dig­ten erschei­nen heu­te aktu­el­ler als je zuvor. Ein Fil­me­ma­cher, der sich stand­haft wei­gert, dass sein Oeu­vre auf digi­ta­le Medi­en trans­fe­riert wird, sieht sich mit einer Welt kon­fron­tiert, in der ana­lo­ge Film­pro­jek­ti­on zuneh­mend mar­gi­na­li­siert wird und in den letz­ten zehn Jah­ren sei­ne gesamt­ge­sell­schaft­li­che Rele­vanz voll­stän­dig ver­lo­ren hat. Das digi­ta­le Zeit­al­ter ist her­an­ge­bro­chen und auf den ers­ten Anblick scheint Kubel­ka ein inno­va­ti­ons­feind­li­cher Dino­sau­ri­er zu sein. Einer aus der Rei­he alter, ver­wirr­ter Män­ner die sich in ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten und Jahr­hun­der­ten gegen die Ent­wick­lung der Eisen­bahn, des Tele­fons und der Elek­tri­zi­tät aus­ge­spro­chen haben. Beschäf­tigt man sich etwas län­ger mit die­sem Mann so wird man erken­nen, dass die­se Auf­fas­sung grund­sätz­lich falsch ist. Kubel­ka ist nicht gegen den Fort­schritt, er ist für den Film.
Das Haupt­an­lie­gen Peter Kubel­kas ist es, dass die Leu­te Unter­schei­dungs­ver­mö­gen ent­wi­ckeln. Digi­ta­les Kunst­schaf­fen ist nichts was Kubel­ka per se ablehnt, dafür ist er zu bewan­dert in Kunst- und Kul­tur­ge­schich­te. Digi­tal­kunst hat nur mit Film­kunst herz­lich wenig gemein. Mit Film­kunst meint Kubel­ka das genu­in Fil­mi­sche, den „fil­mi­schen Kern“, Dar­stel­lungs- und Aus­drucks­mit­tel die dem Film allein eigen sind. Er wen­det sich damit gegen For­men des Melo­drams, gegen abge­film­tes Thea­ter, gegen kit­schi­ge Films­ound­tracks und gespro­che­ne Kommentare.
Es geht ihm aber nicht nur um die Beschaf­fen­heit eines Films, son­dern auch um die „Aus­stel­lung“ des­sel­ben. Im Foy­er des Öster­rei­chi­sche Film­mu­se­ums, dass er zusam­men mit Peter Kon­lech­ner 1964 gegrün­det hat, und fast vier­zig Jah­re lang lei­te­te, kann man fol­gen­des Hin­weis­schild fin­den: „Das Öster­rei­chi­sche Film­mu­se­um ist eine Ciné­ma­t­hè­que, die Aus­stel­lun­gen fin­den auf der Lein­wand statt.“ Und nicht auf irgend­ei­ner Lein­wand, son­dern im „Unsicht­ba­ren Kino“, einer Kon­zep­ti­on des Kino­ap­pa­rats, die von Kubel­ka selbst erdacht wor­den ist. Die­ses Kino soll wie das Inne­re der Kame­ra wir­ken, dun­kel (aus­ge­klei­det mit schwar­zem Samt), nur durch eine ein­zi­ge Licht­quel­le erhellt (vom Pro­jek­tor). Ein Ort an dem der Film, und der Film allein, zum Mit­tel­punkt wird.
In sei­ner Zeit als Co-Direk­tor poch­te Kubel­ka kom­pro­miss­los auf die Vor­füh­rung von Ori­gi­nal­fas­sun­gen – ohne Unter­ti­tel. Gegen kaum etwas wen­det sich Kubel­ka so vehe­ment wie gegen die Unter­ti­tel, die den Rhyth­mus des Films zer­stö­ren, vom Bild ablen­ken und das Gesag­te ohne­hin nur unzu­läng­lich über­set­zen. Eine Posi­ti­on, die nur nach­voll­zieh­bar ist, wenn man in Betracht zieht, dass „Inhalt“ für Kubel­ka kei­ne Rol­le spielt, und sei­ner Ansicht nach für kei­nen Film­in­ter­es­sier­ten eine Rol­le spie­len soll­te. Dass er damit fast die gesam­te Film­ge­schich­te aus­klam­mert ist ihm durch­aus bewusst – hier schei­den sich unse­re Wege.
Kubel­ka äußert sich im jüngst erschie­nen Sam­mel­band zum fünf­zigs­ten Geburts­tag des Film­mu­se­um zu die­ser Auf­fas­sung von Film – ohne den Prag­ma­tis­mus eines Peter Kon­lech­ner wür­de die­se Insti­tu­ti­on nicht mehr exis­tie­ren. So sehr er sich also auch in der Pra­xis dar­um bemüh­te sei­ner Linie treu zu blei­ben – es gelang nicht hun­dert­pro­zen­tig. Sei­ne inten­si­ve Betei­li­gung am film­po­li­ti­schen Dis­kurs, sei­ne Lehr­tä­tig­keit an der Frank­fur­ter Stä­del­schu­le und sei­ne zahl­rei­chen Vor­trags­rei­sen und die Lei­tung des Film­mu­se­ums waren dem­nach wohl nicht allein schuld dar­an, dass in der rund fünf­zig­jäh­ri­gen Kar­rie­re Kubel­kas nur acht Fil­me mit wenig mehr als einer Stun­de Gesamt­lauf­zeit ent­stan­den. Die gera­de ange­spro­che­ne Kom­pro­miss­lo­sig­keit, der feh­len­de Prag­ma­tis­mus dürf­ten ihres dazu bei­getra­gen haben.
Um die Fil­me von Peter Kubel­ka zu ver­ste­hen ist mög­li­cher­wei­se eine noch aus­führ­li­che­re Ein­lei­tung von Nöten. Sei­ne metri­schen Fil­me sind Kon­zept­kunst, und Kon­zept­kunst ent­fal­tet ihre Wir­kung erst rich­tig wenn sie kon­tex­tua­li­siert wird. Mei­ne Ein­lei­tung soll ver­ständ­lich machen, dass es sich bei Kubel­ka um eine radi­ka­le Per­sön­lich­keit mit einer radi­ka­len Ein­stel­lung zu Film han­delt (und nicht nur zu Film, auch zu Hau­te cui­sine und Hau­te cou­ture und Wein und Kul­tur­ge­schich­te all­ge­mein). Das spie­gelt sich in sei­nen Fil­men wie­der. Am prä­gnan­tes­ten scheint das in „Arnulf Rai­ner“ zuta­ge zu tre­ten. Licht – Dun­kel­heit – Ton – Stil­le. Zwei Gegen­satz­paa­re die sich unter­schied­lich kom­bi­nie­ren las­sen – kom­po­niert zu einem grö­ße­ren Gan­zen, auf sechs Minu­ten und vier­und­zwan­zig Sekun­den, in 9.216 Einzelbildern.
Immer wie­der wid­me­te sich Kubel­ka in sei­nem Leben dem Ver­hält­nis von Bild und Ton: In „Unse­re Afri­ka­rei­se“ fun­giert ein Gewehr­schuss als Rück­ver­si­che­rung, dass Bild und Ton auch syn­chron ablau­fen kön­nen, ein Anflug von Iro­nie im Werk Kubel­kas, der Rea­lis­mus doch so ver­ach­tet. Im wei­te­ren Ver­lauf des Films die­nen Ton- und Unter­hal­tungs­schnip­sel als essay­is­ti­scher Kom­men­tar zum Bild­ma­te­ri­al. Wie alle sei­ne Wer­ke war „Unse­re Afri­ka­rei­se“ ein kom­mis­sio­nier­tes Pro­jekt – die Auf­trag­ge­ber, eine Grup­pe Indus­tri­el­ler, waren von dem Film, der eigent­lich ihre Afri­ka­rei­se hät­te doku­men­tie­ren sol­len, wenig begeis­tert. Noch weni­ger enthu­si­as­tisch war aber die Reak­ti­on der Braue­rei Schwe­cha­ter auf Kubel­kas gleich­na­mi­gen Film von 1958 – Kubel­ka muss­te danach ein Jahr in Schwe­den untertauchen.
„Schwe­cha­ter“ ist für vie­le der quint­essen­ti­el­le Kubel­ka-Film. Die­ser Auf­fas­sung kann ich mich nicht voll­in­halt­lich anschlie­ßen. So viel purer und ambi­tio­nier­ter ist „Arnulf Rai­ner“, so viel kri­ti­scher ist „Unse­re Afri­ka­rei­se“ (die poli­ti­schen Dimen­sio­nen die­ses Films sind von einem guten Schuss Zynis­mus über­deckt und des­halb nicht auf den ers­ten Blick zu erken­nen). Ein Platz in mei­nem Her­zen ist auch für „Mosa­ik im Ver­trau­en“ reser­viert, einem wil­den essay­is­ti­schen (?) Ritt durch ein Bil­der­ge­dächt­nis und (wie­der ein­mal) asyn­chro­nem Sound. „Mosa­ik“ ist leich­ter zugäng­lich als die metri­schen Fil­me, bedarf kei­ner Ein­füh­run­gen um sei­ne vol­le Magie zu ent­fal­ten und erin­nert ein wenig an so man­ches Werk sei­ner Freun­de des New Ame­ri­can Cine­ma bzw. sei­ner Schü­ler an der Stä­del­schu­le. Das macht „Mosa­ik im Ver­trau­en“, ein Film der von Kubel­ka nur sel­ten bespro­chen wird, zu einem Uni­kum, denn meist ist ein Kubel­ka-Film unver­gleich­lich, ein­zig­ar­tig. Er ent­flieht gewis­ser­ma­ßen der dop­pel­ten Dicho­to­mie aus Licht/​Dunkelheit und Ton/​Stille und lässt sich dadurch nicht naht­los in Kubel­kas „Gesamt­kunst­werk“ einfügen.
Kubel­kas Radi­ka­li­tät lässt sich somit in Dia­lek­tik und Rela­ti­vis­mus auf­lö­sen. Löst man aller­dings das Theo­rie­kon­zept von Kubel­kas Kunst auf, so bleibt nichts zurück. So beraubt man sich selbst aber einer Rei­he gro­ßer Filmerfahrungen.