Link: Wer mar­schiert mit der Filmbranche?

Einen ganz wun­der­vol­len und auf­rüt­teln­den Text gibt es der­zeit auf cri​tic​.de von Fré­dé­ric Jae­ger zu lesen. Er behan­delt das Ver­hält­nis zwi­schen Film­bran­che und Film­kri­tik. Gleich­zei­tig dis­ku­tiert er den aktu­el­len Stand der Online-Filmpublikationen.

Das The­ma bringt mich auch wie­der zurück, zum eigent­li­chen Beginn die­ses Blogs und der Fra­ge, wo sie hin­ver­schwin­det, die Ciné­phi­lie, die Freu­de am Kino, das Ver­ständ­nis von Film als Kunst. Kann man dar­über über­haupt neue Erkennt­nis­se gewin­nen? Fest­zu­stel­len ist ledig­lich, dass Film in der Wahr­neh­mung des «durch­schnitt­li­chen» Zuse­hers zumeist kei­nen Kunst­an­spruch hat; es wür­de eigent­lich die Auf­ga­be von Fil­me­ma­chern und Schrei­bern sein jenen auf­recht zu erhal­ten. Es bleibt eine Schan­de, wie die wirk­lich wich­ti­gen und bewe­gen­den Fil­me, die aus­drucks­star­ken Fil­me in der Mas­sen­wahr­neh­mung unter­ge­hen. Wer sich nicht ein­liest, der wird kaum mit­be­kom­men, was los ist auf dem Film­markt. Denn in den han­dels­üb­li­chen Gazet­ten wer­den die gro­ßen Fil­me bespro­chen, die sowie­so schon über das größ­te Wer­be­bud­get ver­fü­gen. Inter­es­sant ist das Kleid auf dem roten Tep­pich, ein Inter­view mit einem Star. Eine kur­ze Inhalts­an­ga­be genügt schon, um zu den schein­bar wich­ti­ge­ren Din­gen zu kommen.

Nun stel­len sich vie­le Kino­gän­ger die Fra­ge, ob sie Anspruch über­haupt brau­chen, ob sie Schwe­re nicht lie­ber mei­den wür­den. Das bleibt natür­lich jedem selbst über­las­sen, aber Fil­me nur ob ihres Unter­hal­tungs­aspek­tes zu betrach­ten, ist wie ein Auto nur in den ers­ten zwei Gän­gen zu fah­ren. Es bringt einen von A nach B und kann auch Freu­de berei­ten (wenn man zum Bei­spiel die Musik auf­dreht), aber man sieht lan­ge nicht alles, was die­ses Medi­um zu leis­ten im Stan­de ist. Das erschre­cken­de bleibt immer, wie weit die Wahr­neh­mung des Kinos vor 40 Jah­ren schon gekom­men war und wie sie sich in der Zwi­schen­zeit wie­der abge­stumpft hat. Ein Medi­um auf dem Abstellgleis.

Und den­noch ein Medi­um der Über­fül­lung. Im Inter­net fin­den sich tau­sen­de soge­nann­ter Film­blogs und Film­sei­ten, die sich anspruchs­voll und eigen­wil­lig mit Film als Kunst­form beschäf­ti­gen; die Film­fes­ti­vals sind über­flu­tet mit zum Teil gran­dio­sen, eigen­wil­li­gen Fil­men, die Film hin­ter­fra­gen, zele­brie­ren und voll­kom­men an die Gren­zen brin­gen. Es herrscht eine eigent­lich vita­le Umge­bung, aber je wei­ter das kri­ti­sche Anspruch­den­ken und der rei­ne Kom­merz aus­ein­an­der­drif­ten, des­to ster­ben­der ist Film. Denn Film lebt eben nicht von sei­nen Nischen. Film lebt von einer Kul­tur, einer sozia­len Wahr­neh­mung und dem Tei­len des Sehens.Diese gibt es außer­halb der Fes­ti­vals prak­tisch nicht mehr.

Nur inner­halb der Film­bran­che ist es genau­so wie außen. Jeder möch­te am liebs­ten selbst wei­ter­kom­men. Jeder liebt Film auf sei­ne (DIE rich­ti­ge Art, eine Fal­le ist hier­bei die eigent­li­che Stär­ke des Films: Iden­ti­fi­ka­ti­on, die einen schein­bar direkt und iso­liert anspricht); man ver­brü­dert und ver­bin­det sich nur zum gegen­tei­li­gen Vor­teil. Letzt­lich geht es immer um ein­zel­ne Per­so­nen. Und am Ende ist das Sys­tem so gebaut, dass man als ein­zel­ne Per­son nur wei­ter­kommt, wenn man gewis­sen Geset­zen gehorcht. Damit gräbt sich Film seit Jahr­zehn­ten ein eige­nes Grab, in wel­ches er nie voll­kom­men rein­fal­len wird, aber immer schon mit einem Bein steht. Ein Sys­tem zu gut zum Ster­ben, zu fra­gil zum Leben. Para­dox, dass es aus­ge­rech­net die größ­ten Indi­vi­dua­lis­ten schaf­fen dem Sys­tem am wei­tes­ten zu entkommen.

« Nous avons gag­né en faisant admett­re le prin­ci­pe qu’un film de Hitch­cock, par exemp­le, est aus­si important qu’un liv­re d’A­ra­gon. Les auteurs de films, grâce à nous, sont entrés défi­ni­ti­ve­ment dans l’his­toire de l’art. »

— Jean-Luc Godard, Arts, 22 avril 1959

Jean-Luc Godard

Die­sen Satz kann man als Kern der Autoren­theo­rie ver­ste­hen. Ein Film­re­gis­seur sei so bedeu­tend, wie ein Autor. Bei­de wür­den Kunst machen. Lei­der wird er häu­fi­ger auf die Mach­art von Fil­men ange­wandt, die aus hiera­chi­schen Flüs­ter­post­spie­len besteht, in der sich die Dampf­wal­ze Film nimmt, was sie krie­gen kann. Dabei soll­te sie ein­fach auf die Rezep­ti­on ange­wandt wer­den. Das Kino­er­leb­nis (oder von mir aus auch Lap­top­er­leb­nis ) wür­de gewinnen:

1. Wenn man den Regis­seur eines Fil­mes zur Kennt­nis nimmt und weiß, was er sonst so gedreht und gemacht hat, aus wel­chem Land und wel­chem politisch/​sozialen Umfeld er kommt.

2.Wenn man den Film zeit­lich und ört­li­chen ein­ord­nen kann. (Ein spa­ni­scher Film 1985 ist ein ande­rer Film, als ein spa­ni­scher Film 1995, ist ein ande­rer Film, als ein spa­ni­scher Film heu­te)

3. Wenn man ver­sucht sich ein biss­chen zu über­le­gen WIE etwas gefilmt wur­de und auch dar­aus Schlüs­se zieht. (die end­lo­sen Dis­kus­sio­nen über Inhal­te sind doch kaum halt­bar, weil man ab einem gewis­sen Alter doch fest­stel­len müss­te, dass es immer die sel­ben Dis­kus­sio­nen sind)

Das sind weder beson­ders auf­wän­di­ge noch anspruchs­vol­le oder außer­ge­wöhn­li­che Mög­lich­kei­ten, um Film als Kunst wahr­zu­neh­men. Man könn­te erstaunt sein, wie weit am Rand der Wahr­neh­mung dann der rote Tep­pich zu fin­den ist. Viel­leicht setzt die­ser Blog den Hebel sehr naiv und weit unten an. Aber genau dort will und muss er sein.

“It’s disho­nest to talk about films, sin­ce we’re alre­a­dy doing some­thing use­l­ess which self-des­troys itself. 

- Mar­co Ferreri 

Dil­lin­ger is Dead von Mar­co Ferreri