Der 2012 Jahr­gang der Ber­li­na­le war gewis­ser­ma­ßen ein Segen für die Augen der deut­schen Kino­land­schaft, denn mit Chris­ti­an Pet­zold, Mat­thi­as Glas­ner und Hans-Chris­ti­an Schmid kon­kur­rier­ten gleich drei, der her­aus­ra­gen­den Fil­me­ma­cher des Lan­des, um den Gol­de­nen Bären. Wäh­rend Bar­ba­ra von Chris­ti­an Pet­zold schon kurz nach dem Film­fes­ti­val zu sehen war und Gna­de von Mat­thi­as Glas­ner erst in eini­gen Wochen in die Kinos kommt (bin sehr sehr gespannt!), läuft nun also seit ver­gan­ge­nem Monat Was Bleibt von Hans-Chris­ti­an Schmid.
In die­sem in wei­ten Tei­len an ein Kam­mer­spiel erin­nern­den Dra­ma geht es um das Zusam­men­kom­men einer Fami­lie, die eigent­lich schön völ­lig aus­ein­an­der­ge­bro­chen ist. Corin­na Har­fouch spielt eine depres­si­ve Mut­ter, die nach 30 Jah­ren ihre Tablet­ten absetzt. Auf der einen Sei­te wirkt die Fami­lie von dem „Zustand“ der Mut­ter gebannt, ein­ge­nom­men und gehemmt, auf der ande­ren Sei­te stellt sich nach und nach die Fra­ge, ob die Mut­ter wirk­lich die Wur­zel des Übels ist oder ob man hier Zeu­ge einer fami­li­är beding­ten Ver­samm­lung geschei­ter­ter Exis­ten­zen ist. Lose Bruch­stü­cke, die außer ihrer Ver­wandt­schaft und der ein oder ande­ren gemein­sa­men Erin­ne­rung (bestehend aus musi­ka­li­schen Momen­ten) eigent­lich nichts gemein haben. Har­fouch spielt die Mut­ter redu­ziert und doch ste­chen ihre Augen unter dem viel zu gleich­far­bi­gen blau­en Kos­tüm immer wie­der durch die Wän­de. Sie wirkt insta­bil und hält sich schwan­kend aufrecht…bis sie bricht. Dabei ist sie ein Sinn­bild für ihre Fami­lie. Lars Eidin­ger ver­kör­pert den Sohn, der in geschei­ter­ter Ehe lebt, der sich selbst einen Schutz­wall gebaut hat vor Emo­tio­nen und Anteil­nah­me, der aber inner­lich zutiefst ver­letzt ist. Sein Bru­der gespielt von Sebas­ti­an Zimm­ler zer­bricht am Auf­bau einer Zahn­arzt­pra­xis und am ewig gro­ßen Schat­ten sei­nes Buch­ver­le­ger-Vaters, gespielt von Ernst Stötz­ner, des­sen Schrit­te die Last sei­nes Lebens erah­nen las­sen. Abgrün­de so weit das Auge reicht.
Die Psy­cho­lo­gie der Cha­rak­te­re steht im Zen­trum. Das ist auf­grund des beein­dru­cken­den Schau­spiel­ensem­bles auch abso­lut in Ord­nung und es macht Freu­de in den Gesich­tern und Ges­ten der Spit­ze des deut­schen Schau­spiels zu lesen, gleich­zei­tig fühlt sich der Film aber häu­fig an wie ein Thea­ter­stück; das liegt nicht zuletzt dar­an, dass man häu­fig das Gefühl hat die Cha­rak­te­re wür­den sich so posi­tio­nie­ren, dass sie ihre Sze­nen spie­len kön­nen. Die ein­zel­nen Sze­nen wir­ken daher auch sehr abge­grenzt. Nach dem Mot­to: Jetzt kommt die Sze­ne, in der Lars Eidin­ger weint, jetzt kommt die Sze­ne in der die Brü­der strei­ten etc. Von Zeit zu Zeit wirkt es gar so, als ob sich die ande­ren Cha­rak­te­re ähn­lich einer Büh­ne „nach hin­ten spie­len“, um Raum für den Dia­log zu geben. Zum Bei­spiel, als der Vater die bei­den Söh­ne allei­ne im Wald zurücklässt. 
Pas­send unpas­send dazu auch der eta­blier­te Kame­ra­stil von Hans-Chris­ti­an Schmid und sei­nem Kame­ra­mann Bogu­mil God­fre­jow. Sei­ne „doku­men­ta­ri­sche“ Hand­ka­me­ra samt Zooms und Jump-Cuts wirkt in Was Bleibt (der The­ma­tik geschul­det) selt­sam steif. Die Dyna­mik und Frei­heit des Stils, die zum Bei­spiel in Requi­em oder Lich­ter zum Aus­druck gelangt, wirkt hier gebremst. Das liegt vor allem am Kam­mer­spiel­cha­rak­ter in der ers­ten Hälf­te des Films. Die küh­len, lee­ren Räu­me des Fami­li­en­hau­ses schrei­en förm­lich nach einer Ruhe in den Bil­dern, derer sich auch Schmid nicht voll­ends ent­zie­hen konn­te. Er hat einen Kom­pro­miss gewählt, der merk­wür­dig unaus­ge­go­ren wirkt. So beob­ach­tet man die auf der Ter­ras­se sit­zen­de Mut­ter in einem eigent­lich ruhi­gen Bild, aber die Kame­ra wackelt pene­trant. Den­noch zieht Schmid die bei­läu­fi­ge Spon­ta­ni­tät sei­ner Bil­der, die er gleich in der ers­ten Sequenz mit Lars Eidin­ger und sei­ner Frau eta­bliert nicht durch: Alles wirkt sehr wohl geframed und insze­niert. (Viel­leicht sind die Schau­spie­ler auch zu abge­kocht?) Erst in der zwei­ten Hälf­te lässt sich der Film dann mehr trei­ben und die Stär­ken des Dreh­buchs und der Schau­spie­ler kom­men zum Vor­schein. Die an die Ästhe­tik von Lars von Triers Anti­christ erin­nern­den Wald­sze­nen sind unbe­re­chen­bar und frei, gewis­ser­ma­ßen ist die Natur eine Befrei­ung für die Cha­rak­te­re und den Film.

Eine unheim­li­che Mix­tur aus Dra­ma und Span­nung ent­steht. Man möch­te nicht mehr hin­se­hen. Was bleibt kann sich auf Erin­ne­run­gen bezie­hen, auf ein Erbe, aber auch auf den lapi­da­ren Satz: Was bleibt einem ande­res übrig? Das star­ke, Bernd Lan­ge-typi­sche Dreh­buch mit Sog­wir­kung fes­selt und lässt einem gleich­zei­tig die Mög­lich­keit zur Distanz. Zum Groß­teil fan­gen die Schau­spie­ler die merk­wür­dig gestell­ten Sze­nen auf. Irgend­wie habe ich mich trotz­dem wie nach einem Thea­ter­be­such gefühlt. Aber es war kein schlech­ter Theaterbesuch.