In den letz­ten Wochen bin ich häu­fi­ger mit dem The­ma des Umgangs mit der Zeit im Rah­men von Film­drehs kon­fron­tiert wor­den. Zunächst inner­halb einer Vor­le­sung an der Uni­ver­si­tät, die vom ehe­ma­li­gen Sze­nen­bild­ner Wer­ner Her­zogs aus den 70er Jah­ren, Hen­ning von Giercke gehal­ten wur­de. Neben der offen­sicht­li­chen Freu­de an der Arbeit und dem enor­men Enga­ge­ment (immer Nahe am Wahn­sinn) ver­mit­tel­te die­ser bewun­derns­wer­te Künst­ler auch eine mit­schwin­gen­de Ableh­nung gegen­über einer «Film­po­li­tik», die sich bei ihm über die Jah­re aus­ge­bil­det hat­te. Er sprach davon, dass man sich beim Film immer alles neh­me und dass man kei­ne Rück­sicht neh­men wür­de etc. Bei einer Nach­fra­ge nann­te er als Bei­spiel, dass bei einem Dreh in Rumä­ni­en Möbel staat­lich ein­ge­zo­gen wur­den, die er für das Sze­nen­bild ver­wen­den woll­te. Die­ses Bei­spiel ist sicher­lich die Aus­nah­me, aber die Des­il­lu­sio­nie­rung eines offen­sicht­lich der­art begeis­ter­ten Film­schaf­fen­den brach­te mich den­noch zum Nachdenken.

Wer­ner Her­zog-Ein Regis­seur, der bekannt dafür ist an Gren­zen zu gehen

Immer wie­der hört man ja Anek­do­ten von aus­ufern­den Film­drehs, die sich über Mona­te hin­weg hin­zie­hen, bei denen die Betei­lig­ten schier uner­träg­li­chen Bedin­gun­gen aus­ge­lie­fert sind. Ein Bei­spiel dafür wäre der Dreh von Coppola’s Apo­ca­lyp­se Now, der in der sehr emp­feh­lens­wer­ten Doku­men­ta­ti­on Hearts of Dark­ness fest­ge­hal­ten wur­de. Hört man die Betei­lig­ten spä­ter über die­se Drehs reden, schüt­teln sie mit dem Kopf, aber lächeln. Ist man am Set, wird eigent­lich per­ma­nent über die­se Din­ge geme­ckert. Und dabei ist es nicht vom bezahl­ten Gehalt abhän­gig. Der Idea­lis­mus ist den meis­ten Film­schaf­fen­den, egal ob Pro­fi oder Ama­teur, Stu­dent oder Alte Schu­le näm­lich gemein, aber der Idea­lis­mus ist insta­bil. Wer sorgt dafür, dass die Begeis­te­rung über Wochen hin­weg oder auch nur über Tage hin­weg erhal­ten bleibt?

Fran­cis Ford Cop­po­la am Set von Apo­ca­lyp­se Now

Ein paar Film­drehs bei denen ich mit­ma­chen durf­te, hat­ten auch Kin­der und Jugend­li­che in wich­ti­gen Rol­len. In Deutsch­land gibt es stren­ge Geset­ze, die genau fest­le­gen, wie lan­ge sich die unter 18jährigen am Film­set auf­hal­ten dür­fen und wie lan­ge sie tat­säch­lich dre­hen dür­fen etc. Es ist in allen Fäl­len, die ich bis­her erlebt habe sehr schwer gefal­len die­se Zei­ten ein­zu­hal­ten. Man bewegt sich stän­dig im Grenz­be­reich der Lega­li­tät. Von Außen betrach­tet muss und kann man dar­über mit dem Kopf schüt­teln, man kann ver­su­chen zu inter­ve­nie­ren, man fragt sich nach der Mensch­lich­keit inner­halb des gan­zen Unter­neh­mens. Ist man jedoch (künst­le­risch) aktiv betei­ligt und steht hin­ter dem Pro­jekt; und erkennt gleich­zei­tig, dass es dem End­pro­dukt hilft ohne dass dabei gesund­heits­ge­fähr­den­de Risi­ken ein­ge­gan­gen wer­den, dann ist dabei ein­fach nichts Schlim­mes erkennbar.

Wie lan­ge Nata­lie bei Leon wohl am Set war?

Ein Fil­me­ma­cher hat das Glück bzw. Pech ein Grup­pen­künst­ler zu sein. Er muss inner­halb einer Grup­pe agie­ren, woge­gen ein Maler oder Autor die­se Hin­der­nis­se, Dyna­mi­ken, Hil­fe­stel­lun­gen und sozia­len Kon­flik­te nicht hat. Ein Film ist ein grö­ße­res, zum Teil wirt­schaft­li­ches Pro­jekt; es ist ein stän­di­ger Pool der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Kann man die­se «Film­po­li­tik» ändern? Man kann höf­lich sein und schon in der Vor­pla­nung alles dafür tun, dass man mög­lichst gere­gelt und men­schen­freund­lich durch die Dreh­zeit kommt. Man kann aber nie mit allem rech­nen und daher wird es immer zu sol­chen Situa­tio­nen kom­men, in denen man Gren­zen über­tritt und in denen es zu klei­ne­ren oder grö­ße­ren Unge­rech­tig­kei­ten kommt. Ein Autor fügt in gewis­sen Pha­sen viel­leicht Men­schen in sei­ner Umge­bung Scha­den zu, bei einem Film hän­gen aber so vie­le Din­ge mit dran, dass es unwei­ger­lich auf­fäl­li­ge­re Schä­den gibt.

Film­set

Man schimpft wäh­rend eines Drehs über vie­le Din­ge. Das gehört dazu, das ist Teil des Mensch­seins. Wer aber nach dem Dreh immer noch jam­mert über Arbeits­zei­ten und Aus­beu­tung etc, der hat noch nicht ver­stan­den, dass Film bei aller Wirt­schaft und Grö­ße immer noch eine Kunst ist. Oder er ist nicht aktiv betei­ligt gewe­sen und dann ist es der Idea­lis­mus der lei­det. Man ver­gisst oft die Lein­wand wäh­rend man sich den vier­ten Kaf­fee ein­schenkt zwi­schen 30 Kom­par­sen und sich fragt, wo das Red Bull steht. Wer sich dann die Lein­wand vor­stel­len kann, der macht in mei­nen Augen die rich­ti­gen Fil­me aus den rich­ti­gen Gründen.

Ver­trau­en zum Pro­jekt und zur Regie=Glaube an die Lein­wand (Cruz und Almodovar)

In letz­ter Zeit hat mein Film­schau­ryth­mus auf­grund eines Film­drehs etwas gelit­ten, aber den­noch ein kur­zer Überblick:

Renn wenn du kannst-Diet­rich Brüggemann-2010

Inter­es­san­ter deut­scher Film, der das The­ma Roll­stuhl­fah­rer und Pfle­ge­fall nicht nur deut­lich rea­lis­ti­scher und seriö­ser angeht, als der grau­sa­me Film Wo ist Fred?, son­dern auch-und das ist der eigent­li­che Coup- deut­lich lus­ti­ger. Ein Dreh­buch, dass mit einer Sprü­che­dich­te und Locker­heit daher­kommt, dass Aaron Sor­kin (Social Net­work) beim Poin­ten­zäh­len gar nicht hin­ter­her­kom­men dürf­te. Lei­der ver­steu­ert sich der Film gegen Ende etwas und zwar nicht, als er sich ziem­lich offen­sicht­lich, aber absicht­lich ver­steu­ert, son­dern als er wie­der zurück auf die rich­ti­ge Stra­ße möch­te. (Ver­gleich­bar mit einem Ver­spie­ler am Ende des Gitar­ren­so­los von «Cali­for­nia­ca­ti­on» von den Red Hot Chi­li Peppers )

Cold Moun­tain-Antho­ny Minghella-2003

Die­se Roman­ver­fil­mung bewegt sich über wei­te Stre­cken tief im Kitsch und soll­te mir daher eigent­lich nicht gefal­len. (Erfah­rungs­wert) Doch die­ser Kitsch ist der­art gran­di­os insze­niert und funk­tio­niert auf der­art vie­len Ebe­nen, dass er tat­säch­lich das Para­dox meis­tert «tie­fen Kitsch» zu lie­fern. Ich habe den Film bereits zum fünf­ten Mal gese­hen und jede Betrach­tung erlaubt eine ande­re Schwer­punkt­set­zung. Sehr hilf­reich dabei ist auch der rie­si­ge, star­be­setz­te Sup­port­ing Cast. 

Rebel wit­hout a Cau­se-Nicho­las Ray-1955

Als ich den Film vor 4 Jah­ren zum ers­ten Mal sah, gab es nur James Dean zu bewun­dern. Daher funk­tio­nier­te das Gan­ze sehr gut. Erst beim zwei­ten Mal wur­de mir die Thea­tra­li­tät des Films bewusst in die­ser musi­cal­haf­ten Insze­nie­rung. Der Film wirkt schlicht und ergrei­fend sehr ange­staubt und bestärk­te mich in mei­ner Auf­fas­sung, dass East of Eden (Elia Kazan) der bes­te Film mit James Dean ist. Den­noch bleibt die Visua­li­tät eines Regis­seurs, der Bil­der macht und mit ihnen Geschich­ten erzählt, der kom­plett in einer Film­welt zu leben scheint und es daher immer wie­der schafft zu fas­zi­nie­ren. Einen Nicho­las Ray Film kann man sich nicht nur anschau­en, man muss die Lein­wand oder den Bild­schirm als eine Flä­che und einen Raum begrei­fen, auf denen gemalt wur­de. Bit­te unbe­dingt in der Ori­gi­nal­sprach­fas­sung schauen.