Ist das Frag­ment näher an der Rea­li­tät? Nach dem Betrach­ten von 21 Gramm von Ale­jan­dro Gon­zá­lez Iñár­ri­tu und 71 Frag­men­te einer Chro­no­lo­gie des Zufalls von Micha­el Han­eke stellt sich mir die­se Fra­ge. Han­eke selbst behaup­tet es.

71 Frag­men­te einer Chro­no­lo­gie des Zufalls

Ein Frag­ment. Ein­drü­cke, nur ein loses Zusam­men­hän­gen, weil unse­re eige­ne Wahr­neh­mung ja auch so ist; also täuscht sich der Film doch selbst, wenn er einen roten Faden ver­kauft, wenn er Cha­rak­te­re ver­bin­det, die im ech­ten Leben so nicht ver­bun­den sind. Klar, denn er zeigt ja nur einen Aus­schnitt, also ein Frag­ment, aber der klas­si­sche Film sucht sich nur die ver­bun­de­nen Frag­men­te, die zusam­men­hän­gen und eine Sto­ry erge­ben. Logik und Sinn, wie im ech­ten Leben? Aus­ge­las­sen wer­den in Hol­ly­wood und auch sonst über­all vor allem ger­ne Gewalt und Sex. Der Zuschau­er weiß ja, was pas­sie­ren wird und es ist effek­tiv ihn in die­sen Sze­nen sei­ner Ima­gi­na­ti­on zu über­las­sen und neben­bei wird auch noch das Jugend­ver­bot umgan­gen. War­um kann man den Zuschau­er nicht auch inhalt­lich sei­ner Ima­gi­na­ti­on über­las­sen? Hier jeden­falls das Bei­spiel für eine frag­men­ta­ri­sche Sex­sze­ne, die trotz­dem nichts auslässt:

Don’t look now

Epi­so­den­fil­me waren und sind schon immer beliebt. Man­che prä­sen­tie­ren fast zusam­men­hang­lo­se Sto­ries, die sich nur intel­lek­tu­ell ver­bin­den las­sen oder durch eine inhalt­li­che Par­al­le­le und Inter­pre­ta­ti­on erfor­dern. Ein Bei­spiel hier­für wäre Night on Earth von Jim Jar­musch. Meis­tens krei­sen die Geschich­ten jedoch um ein bestimm­tes Ereig­nis oder es läuft dar­auf hin­aus, dass sich alle Hand­lungs­strän­ge schlie­ßen. (Amo­res Per­ros von Ale­jan­dro Gon­zá­lez Iñár­ri­tu); ele­gan­ter und von den Kri­ti­kern mehr gemocht wird es, wenn man nicht alles zusam­men­führt, son­dern nur man­ches, sozu­sa­gen das Frag­ment erhält. (Magno­lia von Paul Tho­mas Anderson).

Amo­res Perros

Oft müs­sen sich Epi­so­den­fil­me, die alles zusam­men­füh­ren anhö­ren, sie sei­en zu kon­stru­iert. Aha. Was ist eigent­lich ein Frag­ment? Ein Bruch­stück oder Über­bleib­sel laut Wiki­pe­dia. Etwas Unfer­ti­ges. Oh, aber wir wol­len doch ein gutes Ende, am bes­ten einen Twist oder eine Poin­te am Ende des Fil­mes, aber zumin­dest soll­te nichts offen blei­ben. Wir wol­len alles ver­stan­den haben und alles soll logisch sein, ist doch prin­zi­pi­ell egal, ob es rea­lis­tisch ist, ist ja ein Film. Also kein Frag­ment? Autoren und Regis­seu­re wer­den dafür bezahlt die Lücken zu fül­len, die das Leben lässt. Heut­zu­ta­ge ist das so und es war auch nie anders. Wenn am Ende eine neue Fra­ge gestellt wird, dann nennt man das Cliff­han­ger. Ein alber­nes „Zuschau­er-ich-will-dich-auch-im-Sequel-sehen-oder-in-der-nächs­ten-Fol­ge“ Mit­tel des popu­lä­ren Film und Fern­se­hens. Kein Frag­ment, weil es nur mit dem Wunsch des Zuse­hers nach einer Welt ohne Frag­men­te spielt. Aber es ist gera­de die Mög­lich­keit zum Frag­men­ta­ri­schen, die Film zu mehr macht als Unter­hal­tung. Ich ver­ste­he nicht, war­um das Ende immer als wich­tig emp­fun­den wird. Wel­ches Ende?

Inter­es­sant zu beob­ach­ten ist, dass sich das Frag­ment im Gegen­satz zum Dreh­buch in Kame­ra­ar­beit und Schnitt schon fast bis zum Exzess durch­setzt. Wahr­neh­mungs­schnip­sel drin­gen noch zu uns in Action­fil­men, ein Schrei, Blut spritzt auf die Kamera….Cut, Cut, Cut. Geschwin­dig­keit der Wahr­neh­mung, alles wie im ech­ten Leben, oder? Zumin­dest ist es modern. Wir brau­chen auch kei­ne sau­be­ren, aus­ge­leuch­te­ten Bil­der mehr. Wir sind You­tube-Stan­dard gewöhnt. Solan­ge wir noch was erken­nen können…und über­haupt, was wir alles sehen dür­fen. Was wir nicht sehen ist die Ein­tö­nig­keit des Frag­ments; alles ist frag­men­tiert, also ist es viel­leicht doch gera­de das Recht des Kinos das Frag­ment zu umge­hen. Ja, aber nur unter dem Opfer sich abso­lut von der ech­ten Welt zu ent­fer­nen. Das Frag­ment ist für mich kei­ne Form der Wahr­neh­mung, es ist der defi­ni­ti­ve Ist-Zustand des Lebens und es darf kei­ne ande­re Art Geschich­ten zu erzäh­len geben, wenn man Rea­li­täts­an­spruch hat. Ich ken­ne kein Ende, die Geschich­te geht immer wei­ter. Es sei denn Melan­cho­lia. Und die äuße­re Form, die Lars von Trier für das Ende gewählt hat? Frag­men­ta­risch. In Dreh­buch, Kame­ra und Schnitt. Und wir kön­nen alles sehen.