Reihe Teil 5- 21 Gramm- Das Ensemble des Schmerzes

Der nächs­te Film ist 21 Gramm von Ale­jan­dro Gon­zá­lez Iñár­ri­tu aus dem Jahr 2003.

Allei­ne schon die absur­de, vor Kitsch über­boh­ren­de, Tele­no­ve­la-Idee, dass der Mann, der das Herz eines Unfall­op­fers implan­tiert bekommt, sich in des­sen Frau ver­liebt, müss­te ein Garant für einen schlech­ten Film sein. Dass es soweit nicht kommt ver­dankt 21 Gramm, sei­ner moder­nen, dyna­misch-mexi­ka­ni­schen Insze­nie­rung durch den Aus­nah­me­re­gis­seur Iñár­ri­tu (Amo­res Per­ros, Babel, Biutiful), dem geni­al-ver­wo­be­nen, frag­men­ta­ri­schen Dreh­buch von Guil­ler­mo Arria­ga und-und des­halb ist die­ser Film auch Teil die­ser Rei­he-einem Schau­spiel­ensem­ble aus einer ande­ren Welt mit Sean Penn, Nao­mi Watts, Beni­cio del Toro, Char­lot­te Gains­bourg und Melis­sa Leo unter anderem.

Bis­lang haben wir uns ein­zel­nen, ziem­lich wahn­sin­ni­gen Prot­ago­nis­ten gewid­met. In 21 Gramm funk­tio­niert die Iden­ti­fi­ka­ti­on kaum nur über eine Per­son, sie funk­tio­niert über das Gesamt­bild, über die Rela­ti­on zuein­an­der, über eine post-exis­ten­tia­lis­ti­sche Unmög­lich­keit der Kom­mu­ni­ka­ti­on, die sich aber beim mexi­ka­ni­schen Fil­me­ma­cher immer auf­löst in einer Kathar­sis, die zumin­dest vor­über­ge­hend die wahr­haf­ti­gen Wer­te des Lebens zum Vor­schein kom­men lässt. Trotz­dem oder gera­de des­halb fin­den wir uns wie­der in sei­nen Cha­rak­te­ren: In ihrem Schmerz. 

Unge­rech­tig­keit
Schick­sal
Trau­er
Ver­lo­re­ne Liebe
Krank­heit

Tod

Hier­bei wird kei­ne leich­te Kost trans­por­tiert. Den­noch gibt es Humor. Es liegt eine unge­heu­re Mensch­lich­keit im Ver­hal­ten der Cha­rak­te­re. Die unbe­hol­fe­nen Annä­he­rungs­ver­su­che von Sean Penn’s Cha­rak­ter, der mit char­man­ten Bemer­kun­gen ver­sucht sym­pa­thisch zu wir­ken, wo er doch psy­cho­pa­thisch wir­ken könn­te. Der ein Arsch­loch und ein Engel glei­cher­ma­ßen ist. Beni­cio del Toro’s Hiob-Cha­rak­ter, der sein Leben umge­krem­pelt hat, um sich Jesus zu ver­schrei­ben, aber dann in sei­nem Glau­ben ent­täuscht wird. Der die Bibel als Anlei­tung für Intro­ver­tiert­heit liest, statt die eben so essen­ti­el­len Wer­te wie Fami­lie und Lie­be her­aus­zu­fil­tern. Gewis­ser­ma­ßen hat Iñár­ri­tu mit Biutiful ein Spin-Off die­ses Charakter’s gedreht: Javier Bar­dem als Uxbal.

Nao­mi Watts lie­ben­de, trau­ern­de, ver­zwei­fel­te Mut­ter, die sich in Dro­gen flüch­tet, die sich in ihre Ver­gan­gen­heit zu ret­ten ver­sucht, die sich Rache wünscht.

Kei­ne schwarz-weiß Male­rei, son­dern ech­te Men­schen und dar­in kön­nen wir uns wie­der­fin­den, des­halb funk­tio­niert die­ser Film trotz allen Abgrün­den und Tie­fen, aller Schwär­ze und Hoff­nungs­lo­sig­keit, die sonst von so vie­len Kino­be­su­chern ver­ab­scheut wird. (wie die Zuschau­er­zah­len zei­gen) Für die­se Art des Spiels braucht es Aus­nah­me­schau­spie­ler. Einen her­aus­zu­grei­fen wäre falsch. Ins­be­son­de­re im Kopf bleibt mir die Sze­ne, in der Nao­mi Watts vom Tod ihrer Fami­lie im Kran­ken­haus erfährt. Im Hin­ter­grund ist Clea DuVall zu sehen, die die bes­te Freun­din spielt. Sie kämpft einen Augen­blick und muss dann fürch­ter­lich wei­nen. Die­ser Moment geht mir näher, als vie­les ande­re im Film. Eine ähn­li­che Sze­ne gibt es in Magno­lia von Paul Tho­mas Ander­son mit Phil­ip Sey­mour Hoff­man, der auch-eigent­lich als Zuse­her-fürch­ter­lich ergrif­fen wird und wei­nen muss. Die­se Cha­rak­te­re, das sind wir. Der Zuschau­er, der wei­nen muss. War­um? Weil wir wirk­lich invol­viert wor­den sind. Wenn schon Gefühl, dann echt.

Wei­ter­ge­hen wird es mit Blood Dia­mond und Leo­nar­do DiCaprio.