Als nächs­tes Cut von Amir Nade­ri. Ein Film der aus einem ganz beson­de­ren Grund inter­es­sant für die­sen Blog ist: Er ist näm­lich in gewis­ser Wei­ße die Ver­fil­mung der hier prä­sen­ten Problematik…ein jun­ger Regis­seur rennt mit einem Mega­phon durch die Stra­ßen und for­dert, dass Film wei­ter­hin als Kunst ange­se­hen wird, dass Film nicht zur blo­ßen Unter­hal­tung ver­kommt. Er orga­ni­siert auf sei­ner Dach­ter­ras­se Scree­nings von Film­klas­si­kern, er ver­teilt Fly­er und kri­ti­siert unent­wegt die aktu­el­le Kino­land­schaft. Kommt mir bekannt vor…dann kommt die Yaku­za ins Spiel, er muss die Schul­den sei­nes getö­te­ten Bru­ders beglei­chen und er ent­schei­det sich das zu tun, indem er sich gegen Geld schla­gen lässt. Kommt mir nicht mehr bekannt vor. Die­se Schlä­ge ver­sucht er zu über­win­den, indem er jeden Schlag mit einem Film­erleb­nis oder Film asso­zi­iert. Dicke, dicke Meta­pho­rik. Der Film wird nicht mehr Hand­lung bie­ten. Er wird gip­feln in einer Sequenz, die mit einem Zwi­schen­ti­tel ein­ge­läu­tet wird: „A hundred pushes, a hundred movies“. Und das ist wört­lich zu neh­men. Wir sehen immer abwech­selnd einen Schlag und dann den Titel eines Films ein­ge­blen­det. Eines Film­klas­si­kers natür­lich. Das hat natür­lich weni­ger mit einem Film zu tun, als mit einem Youtube-Video. 
Und es stellt sich auch die Fra­ge, wie­so die­ser durch­aus respek­ta­ble ira­ni­sche Regis­seur nicht ver­sucht hat sei­nen gro­ßen Vor­bil­dern, die er haupt­säch­lich im japa­ni­schen Kino fin­det auch sto­ry- und bil­der­tech­nisch nach­zu­ei­fern. Weil die­ser Film als Pro­vo­ka­ti­on gedacht ist? Weil er einen nur zum Den­ken anre­gen soll? Jeden­falls sieht das im End­ergeb­nis aus wie eine Mischung aus einem Trai­ler für die Cri­ter­ion Coll­ec­tion und der vor­letz­ten Run­de eines belie­bi­gen Kamp­fes von Rocky Bal­boa, in der er für gewöhn­lich halb tot­ge­schla­gen wird ohne sich zu weh­ren. Sei­ne stärks­te Sze­ne ist der von John Ford insze­nier­te Schluss von The Sear­chers. Natür­lich ist es in der Nach­be­trach­tung recht inter­es­sant (wäh­rend man den Film betrach­tet, ist es zumeist nur ermü­dend). Der Film hat eine kla­re Mes­sa­ge und er ver­zich­tet auf sämt­li­ches schmü­cken­des Bei­werk, um die­se rüber­zu­brin­gen: Film ist Kunst und ihr habt das Ver­ges­sen. Ist die­ser Film, aber dann ein Film? Hier unter­schie­det sich Cut auch ganz klar von die­sem oder zahl­rei­chen ähn­li­chen Blogs und Inter­net­sei­ten und Video­zu­sam­men­stel­lun­gen auf öffent­li­chen Platt­for­men: Es ist ein Film und der soll­te etwas mehr bie­ten, als nur einen Gedan­ken zur Film­land­schaft an sich. Hier ist das Inter­net oder die Zei­tung das bes­se­re Medi­um. Hät­te Nade­ri eine Kam­pa­gne gestar­tet, hät­te er die­se Din­ge nicht fik­tio­nal, son­dern real behan­delt, wäre ich abso­lut auf sei­ner Sei­te. So-und gera­de auch weil die Dar­stel­lung der Haupt­fi­gur schon etwas von Beses­sen­heit hat, mit der sich kaum wer im Kino iden­ti­fi­zie­ren dürf­te- schei­tert er und ich kann und will ihm nicht fol­gen. Hier stellt sich immer wie­der die Fra­ge, was ein Film kann und was man damit machen kann. Eine ein­fa­che (poli­ti­sche) Mei­nung zu ver­tre­ten, gehört mei­ner Mei­nung nach nicht dazu. Und wenn Regis­seu­re ihren ehe­mals guten Namen dafür ver­schwen­den, ist das eine Schan­de. Es gibt genug Mög­lich­kei­ten mit einem Film das Kino zu zele­brie­ren, aber sicher­lich nicht mit der Ver­fil­mung eines Ide­als.  
Zum Abschluss war mir noch der ame­ri­ka­ni­sche Fes­ti­val­hit Take Shel­ter von Jeff Nichols ver­gönnt. Die­ser Film ist eine wun­der­ba­re Brü­cke zurück zu mei­ner Rei­he, die ja Fil­me beleuch­tet, die ihren Wert haupt­säch­lich oder nur wegen ihres Haupt­dar­stel­lers haben. (es wird wei­ter­ge­hen mit Ryan Gosling und Lars and the real girl) Micha­el Shan­non. Sei­ne schie­re Prä­senz, sei­ne Kör­per­lich­keit, die uns ganz tief in die ver­wirr­te, ver­letz­te See­le des Fami­li­en­va­ters Cur­tis bli­cken lässt, ist es die die­sen Film empor­he­ben und zu mehr machen, als einem net­ten Indie­film für zwi­schen­durch. Die Grund­prä­mis­se ist so sim­pel wie span­nungs­er­re­gend: Ein Mann wird von Visio­nen einen kom­men­den Apo­ka­lyp­se, eines gro­ßen Sturms geplagt und ver­liert dar­auf­hin lang­sam die Kon­trol­le über sein gere­gel­tes Fami­li­en- und Arbeits­le­ben. Ruhi­ge, ein­dring­li­che Stim­mun­gen ja, aber ansons­ten ist das gera­de im Ver­gleich zum ande­ren Inde­pen­dent-Welt­un­ter­gangs­phä­no­men, wel­ches man auf der Vien­na­le betrach­ten konn­te und wel­ches ich hier schon emp­foh­len habe, Melan­cho­lia von Lars von Trier, insze­na­to­risch-man möge mir das Wort­spiel ver­zei­hen-ein lau­es Lüft­chen. Kli­schees und eine Cha­rak­te­ri­sie­rung bibli­schen Aus­ma­ßes, die einem aber auch wirk­lich mit dem Ham­mer erzählt, dass der gute Mann völ­lig logisch an sol­chen Visio­nen lei­det, trü­ben das Film­erleb­nis. Und war­um denn die gan­ze Zeit der Blick zum Him­mel? Irgend­wann habe ich ver­stan­den, dass ein Sturm kommt, obwohl er doch nicht kommt oder doch oder was? Na jeden­falls habe ich jetzt genug Spe­zi­al­ef­fek­te von sich zusam­men­brau­en­den Unwet­tern gese­hen, dass ich das nächs­te hal­be Jahr ohne sie aus­kom­me und da ich nor­ma­ler­wei­se kei­nen Roland Emme­rich Film anschaue, könn­te mir das auch gelingen. 
Den­noch ist der Film nicht schlecht. Und das liegt an Micha­el Shan­non. Er gene­riert den Rea­lis­mus, den die­ser Film so nötig hat, er ist pure Echt­heit. Wie­der­mal bewahr­hei­tet sich, dass eine enge Bezie­hung zwi­schen Regis­seur und Haupt­dar­stel­lers sich nur zum Vor­teil aus­spie­len kann. Ähn­lich wie bei Hun­ger-Regis­seur Ste­ve McQueen und sei­ner Muse Micha­el Fass­ben­der ist das Ergeb­nis eine abso­lut award­ver­däch­ti­ge Per­for­mance, die weit über den nor­ma­len Ein­satz eines Schau­spie­lers für sei­ne Rol­le hin­aus­geht. Nichols und Shan­non hat­ten schon vor Jah­ren zusam­men gear­bei­tet, sind gute Freun­de und wer­den wohl auch den nächs­ten Film zusam­men ange­hen. Shan­non hat­te in der Zwi­schen­zeit mit sei­nem sen­sa­tio­nel­len Auf­tritt als „Wahr­heit“ in Revo­lu­tio­na­ry Road von Sam Men­des schon DiCa­prio und Wins­let in den Schat­ten gespielt. Jetzt darf er wie­der und es egal, ob er nur Auto fährt, ob er mit sei­ner tau­ben Toch­ter spielt, ob er einen Bun­ker baut oder ob er (und das wird unver­ges­sen blei­ben) einen Anfall hat und gegen die Sei­ten­bli­cke eines gan­zen Ortes wet­tert wie zuletzt Al Paci­no in Scar­face, frei nach dem Mot­to: „You think I am the cra­zy guy?“; Shan­non ist pure Rea­li­tät, er ver­eint alles, was den ame­ri­ka­ni­schen Schau­spiel­stil aus­macht. Man glaubt ihm alles, selbst ohne Erklä­rung. Dank Shan­non war das ein guter Abschluss mei­ner per­sön­li­chen Viennale.
Dann geht man aus dem Kino und merkt, dass es kei­nen Sturm geben wird. Es ist nur etwas kalt. Man ist sehr müde. Die Pla­ka­te und Fah­nen ver­schwin­den, das Kino ver­schwin­det aus der öffent­li­chen Wahr­neh­mung. Die Säle wer­den wie­der lee­rer, kaum wer inter­es­siert sich für expe­ri­men­tel­les Kino oder künst­le­ri­schen Film. Die Film­ge­eks ver­schwin­den wie­der im Kel­ler und regen sich auf, dass nur Schei­ße im Kino läuft, alle ande­ren erfreu­en sich an bescheu­er­ten Komö­di­en und inhalts­lo­sen Action­kra­chern und das Kino stirbt. Und ich war weder auf dem Bade­schiff, noch habe ich eine Tasche gewon­nen. Kann mir bit­te mal wer ins Gesicht schlagen?