Es ist Sams­tag­mor­gen und der Wecker klin­gelt. Ers­te Son­nen­strah­len sind zu erken­nen irgend­wo hin­ter mei­nen Augen. Was mache ich schon wach? Rich­tig. Ich will mir Vien­na­le-Tickets kau­fen und dafür, so hat man es mir gesagt-muss man früh wach sein. Der offi­zi­el­le Ver­kauf beginnt um 9:00Uhr, es scha­det nicht, wenn man schon um 8:00Uhr dort ist. Naja. Ich bin ja kein Nerd oder so, also reicht auch 8:30Uhr. Ich habe mir eine klei­ne Lis­te ange­fer­tigt mit Fil­men, die ich ger­ne sehen möch­te und mit Alter­na­ti­ven, falls es mit die­sen Fil­men nicht klap­pen soll­te. Eigent­lich hät­te ich für jeden Tag etwas gefun­den, aber das gibt der Geld­beu­tel nicht her.
Ich bin um 8:15Uhr dort. Ich sehe eine gro­ße Rei­he, die sich bereits gebil­det hat. Man­che lie­gen sogar auf Iso­mat­ten. Was ist denn hier los? Ein neu­es Apple­ge­rät??? Ste­hen all die­se Men­schen tat­säch­lich an, um ins Kino zu gehen? Muss ich mei­ne Gene­ra­ti­ons­kri­tik in der Über­schrift die­ses Blogs viel­leicht sogar umwan­deln in „Deutsch­land ohne Film“? Nein, natür­lich nicht. Das ist ja auf der Ber­li­na­le und selbst auf den Augs­bur­ger Film­ta­gen nicht anders. Film­fes­ti­vals zie­hen. Sie sind wie der weih­nacht­li­che Kirch­gang, man erin­nert sich dar­an, dass man eigent­lich ger­ne Fil­me sieht und geht plötz­lich ins Kino. Zudem krie­chen aller­hand Künst­ler und Kino­in­tel­lek­tu­el­le aus ihren Kel­lern (auch in Öster­reich), weil sie ein „ande­res“ und „beson­de­res“ Kino sehen kön­nen, weil neben den gro­ßen Head­linern um Cro­nen­berg und Cloo­ney eben auch Expe­ri­men­tier­ki­no, Doku­men­tar­fil­me, längst ver­ges­se­ne Fil­me und exo­ti­sche Film­per­len gespielt wer­den. Fes­ti­val eben. Das Pro­gramm der dies­jäh­ri­gen Vien­na­le ist gewis­ser­ma­ßen ein Best-Of aus Can­nes, Vene­dig und Ber­lin. Nicht zuletzt des­halb funk­tio­niert die­ses Fes­ti­val so gut für sein Publikum.
Eine freund­li­che Dame ver­teilt Früh­stück und bald schon kommt auch eine Freun­din, die sich tat­säch­lich dazu bereit­erklärt hat, sich mit mir anzu­ste­hen. Viel­leicht ahnt sie noch nicht, dass es län­ger dau­ern könnte…
Fast vier Stun­den spä­ter habe ich ca. 60 Pro­zent der Tickets, die ich haben woll­te (der Rest war aus­ver­kauft) und einen sen­sa­tio­nel­len Inter­view­auf­tritt im öster­rei­chi­schen Fern­se­hen hingelegt.
Der ers­te Film, den ich mir anse­he ist „Alpeis“  von Yor­gos Lan­t­hi­mos, der schon vor 2 Jah­ren mit sei­nem spek­ta­ku­lär maka­be­ren „Dog­tooth“ auf den Fes­ti­vals für Furo­re sorg­te. Bit­ter­schwar­zer Humor, eine nach­denk­lich stim­men­de Lang­sam­keit und die stän­di­ge Wie­der­ho­lung von Hand­lun­gen, Orten und Wor­ten. Eine Sta­tik und die Abwe­sen­heit der Ganz­heit aus dem Bild, sei es durch abge­schnit­te­ne Kör­per oder durch das häu­fi­ge Feh­len eines irgend­wie gear­te­ten Estab­li­shing Shots, zeich­nen bei­de Fil­me aus. Alpeis ist daher eine kon­se­quen­te Fort­füh­rung des den­noch etwas run­de­ren wir­ken­den Vor­gän­gers. Das könn­te dar­an lie­gen, dass der Hand­lungs­raum im Ver­gleich deut­lich erwei­tert wird und so die Klar­heit der Figu­ren etwas ver­lo­ren geht. Es ist sowie­so ein eige­ner Humor und des­halb möch­te ich für die­se Art Film kei­ne Emp­feh­lun­gen aus­spre­chen. Wer mal sehen will wie man trotz finan­zi­el­ler Not­la­ge noch sti­lis­tisch anspruchs­vol­les Kino auf die Bei­ne stellt, wie man eine Men­schen­an­sicht bis zum „Nicht­aus­hal­ten“ dem Bizar­ren dar­le­gen kann und wie man Per­ver­si­on als All­tag insze­niert, der soll­te aber durch­aus einen Blick auf zumin­dest einen der bei­den Fil­me von Lan­t­hi­mos werfen.
Das Kino ist gut gefüllt, die Orga­ni­sa­ti­on klappt. Es hät­te auch Vien­na­le-Taschen zu gewin­nen gege­ben und ein net­ter Mann lädt uns alle aufs Bade­schiff ein, wo unbe­kann­te Regis­seu­re ein paar Plat­ten auf­le­gen. Genau­so toll wie Musi­ker, die ein paar Fil­me dre­hen und dann auf einem Bade­schiff nach Vene­dig fah­ren damit…
Man bemerkt das Fes­ti­val durch­aus in der Stadt, über­all Hin­wei­se und Wer­bun­gen im öffent­li­chen Ver­kehr. Vor dem Par­la­ment wehen Fah­nen auf denen dick Vien­na­le steht. Es ist nicht so groß, aber es ist prä­sent. Zumin­dest in Teilen.
Der nächs­te Film ist Dri­ve von Nico­las Win­ding Refn. Die Insze­nie­rung ist sein Inhalt und des­halb hat er auch voll­kom­men zu Recht in Can­nes den Regie­preis gewon­nen. Sei­nen kom­plet­ten Reiz gewinnt der Film aus der Fra­ge, WIE es als nächs­tes pas­sie­ren wird. Weil WAS pas­siert ist in die­sem gewöhn­li­chem, wenn auch nicht typisch ame­ri­ka­ni­schen Hand­lungs­kon­strukt schnell erkannt. Ich fühl­te mich an „Der eis­kal­te Engel“ von Mel­ville erin­nert. Es wird meist kei­ne Emo­ti­on gezeigt und dar­aus ent­steht die Emo­ti­on. Der Film ist over­sty­led, extrem cool und er ist vol­ler Gewalt. Wer Refn kennt, hat­te damit rech­nen müs­sen. Der Kino­saal bebt an Stel­len, die an das Kino eines Gas­par Noe erin­nern. Kein Wun­der, dass man sich bei eben jenem Skan­dal­re­gis­seur eini­ge Tipps abge­holt hat. Gosling gibt den Delon. Ver­zieht kaum eine Mie­ne, ist kri­mi­nell, aber irgend­wie ist er Opfer, eigent­lich könn­te er doch anders, was ist mit ihm? Und Auto­fah­ren wur­de seit den 70ern sel­ten der­art gekonnt in Sze­ne gesetzt. Von die­ser ruhi­gen Rau­heit hat­te selbst Taran­ti­no in Death Pro­of nur geträumt. Ein fast schwe­ben­der, traum­ar­ti­ger Film, der sich abso­lut dar­über bewusst ist, dass er ein Film ist und genau dar­aus eine Art neu­ar­ti­gen Comic-Rea­lis­mus zieht.
Auf die­sen Film gab es trotz der Vor­führ­zeit um Mit­ter­nacht einen beacht­li­chen Run. Wir wur­den fast ins Kino gescho­ben, es gab ein Wett­ren­nen um die bes­ten Plät­ze. Dem könn­te man mit fes­ten Platz­zu­wei­sun­gen doch ein­fach aus dem Weg gehen. Aber ver­mut­lich wür­den dann die Säle nicht so voll sein. Der­sel­be Mann mit der­sel­ben Stim­me im sel­ben Ton­fall lud mich und alle ande­ren aufs Bade­schiff ein. Aber nach die­sem Film woll­te ich nur noch ins Auto.
To be con­tin­ued mit Sub­ma­ri­ne, Cut und Take Shel­ter