Die Idee, dass man etwas nicht fil­men kann, wenn man es nicht ganz ver­steht oder bes­ser die Fra­ge, wie man etwas fil­men kann, was man nicht ganz sieht oder noch bes­ser, die Ant­wort auf die Fra­ge, wie man das Limit der eige­nen Wahr­neh­mung zu einem ästhe­ti­schen Prin­zip erhe­ben kann, steht im Zen­trum von Pedro Cos­tas Fon­tain­has-Tri­lo­gie, die ich in den ver­gan­ge­nen drei Tagen im Münch­ner Film­mu­se­um beglei­ten durf­te. Es war mei­ne ers­te Gele­gen­heit, die­se Fil­me auf Film pro­ji­ziert zu sehen. Ein Unter­fan­gen, das sich natür­lich abso­lut lohnt, sei es allei­ne des­halb, weil die­ses abso­lu­te Sehen, das von Cos­ta geför­dert wird, die­ses Sehen, das nicht auf das nächs­te Bild war­tet, son­dern das gegen­wär­ti­ge Bild in sei­ner Gegen­wär­tig­keit begreift und somit erst zur Ent­fal­tung in der Zeit gelan­gen lässt, von den Tex­tu­ren fil­mi­schen Mate­ri­als extrem pro­fi­tiert. Dabei spielt es kei­ne Rol­le, ob das Aus­gangs­ma­te­ri­al Film ist wie im Fall von Ossos oder digi­tal, wie im Fall von No Quar­to da Van­da und Juventu­de em Mar­cha.

Die ein­gangs geschil­der­te Idee ist ein ästhe­ti­sches und ethi­sches Pro­blem und Cos­ta scheint sich die­sem in sei­nen Ant­wor­ten sowohl fil­misch als auch intel­lek­tu­ell jeder­zeit bewusst. So ver­steht er Ossos als eine Annä­he­rung an Men­schen und Orte, die er zu die­sem Zeit­punkt noch nicht kann­te, noch nicht ver­stand. Hier agiert der Fil­me­ma­cher als Außen­ste­hen­der und dem­entspre­chend oft sind es Türen und Fens­ter, die vor unse­rer Nase zuge­hen, die uns die Sicht ver­sper­ren, manch­mal ganz (wie bei Mizo­guchi oder Han­eke), manch­mal halb. Innen und Außen oder in den Wor­ten von Cos­ta: „Secrets and Revelations“.

Ossos7

In No Quar­to da Van­da sind wir dann tat­säch­lich in Vanda’s Zim­mer. Das bedeu­tet auch eine Ein­schrän­kung der Beweg­lich­keit, ein Aus­ge­lie­fert­sein der Kame­ra an alles, was sich vor ihr bewegt. Kei­ne Macht über die Figu­ren, son­dern eine tat­säch­li­che Nähe. Nun befin­den wir uns oft in völ­li­ger Dun­kel­heit, weil die geschlos­se­nen Türen und Fens­ter kein Licht mehr in die Bar­racken und vom Abriss bedroh­ten Woh­nun­gen in Fon­tain­has las­sen. In einer Art Mon­ta­ge­se­quenz wird Fens­ter um Fens­ter vor uns geschlos­sen. Wir blei­ben innen. Es wird völ­lig dun­kel im Kino. Still wird es dage­gen nie, denn die Abriss­ge­räu­sche und das bestän­di­ge Häm­mern bedro­hen die Türen und auch das Innen, das Inti­me, das Pri­va­te, das Eige­ne. Und so begin­nen schon in No Quar­to da Van­da, die Türen ihre Funk­ti­on zu ver­lie­ren. In einer Sze­ne wird eine Gar­ten­tür aus den Fugen geho­ben und davon­ge­tra­gen. Es ist also nicht nur eine Fra­ge der Posi­tio­nie­rung von Fil­me­ma­cher und Kame­ra, die hier an den Türen und ihren Schwel­len hängt, son­dern zur glei­chen Zeit, wenn auch unter völ­lig ande­ren Vor­zei­chen eine Fra­ge für die Prot­ago­nis­ten selbst. Auf den Gip­fel wird die­se Bedeu­tung der Funk­ti­on von Türen dann in Juventu­de em Mar­cha getrie­ben. Eine fast Modern Times-arti­ge Auto­ma­tik, scheint hier die Türen heim­zu­su­chen. So hören wir nicht nur auf der Ton­ebe­ne stän­dig das Knar­zen von Türen, son­dern die­se bewe­gen sich auch im Bild wie von allei­ne. Vor allem in einer Sze­ne, mit dem von Cos­ta als brech­tia­ni­schen Ver­rä­ter bezeich­ne­ten Woh­nungs­ver­mie­ter, zeigt sich die­ses zum Teil absur­de Eigen­le­ben der Türen. Man kann also sagen, dass aus dem Außen, ein Innen wur­de und aus dem Innen eine Fehl­funk­ti­on. Das Ver­schwin­den der Türen, das Ver­schwin­den von Innen und Außen ist auch ein Kom­men­tar auf die Situa­ti­on der Bewoh­ner des ehe­ma­li­gen Fon­tain­has. Aber dar­in ver­ste­cken sich auch die Mecha­nis­men des Kinos. Der limi­tier­te Blick, der sich im zeit­ge­nös­si­schen Kunst­ki­no oft sei­ner Ein­ge­schränkt­heit bewusst ist.

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Es gibt Gegen­bei­spie­le wie Gas­par Noé, die vol­ler Inn­brunst das Gegen­teil erklä­ren, die ihre Kame­ra ent­fes­seln und bei aller Fas­zi­na­ti­on dar­an muss man doch frü­her oder spä­ter fest­stel­len, dass man nicht alles sehen kann. Was man aller­dings sehen soll­te, ist die Essenz. Nur weni­ge Fil­me­ma­cher gelan­gen zu ihr und Cos­ta gehört sicher­lich dazu. Und wie Cris­ti Puiu in sei­nem Auro­ra oder Robert Bres­son in sei­nem L’argent gelangt Cos­ta zur Essenz, indem er uns auch stän­dig zeigt, was wir nicht sehen kön­nen. Dabei han­delt es sich nicht zwangs­läu­fig um den Off-Screen, denn wenn eine Tür im Bild ist, ist sie ja streng­ge­nom­men im Bild. Und wenn man sich die Türen in Juventu­de em Mar­cha ansieht, dann wird man fest­stel­len, dass Cos­tas eige­ne Fest­stel­lung, dass die Türen in Fil­men von Char­lie Chap­lin die schöns­ten Türen sind, ein Ansporn für ihn ist, den gro­ßen Meis­ter zu über­tref­fen. Die Rah­mung selbst wird das Bild und man spürt dadurch auf der einen Sei­te den Fil­me­ma­cher, aber eben nicht auf die­ser intel­lek­tu­el­len Meta-Ebe­ne, son­dern eher wie bei Chap­lin: Im Ver­trau­en dar­auf, dass man sich in einem Film befin­det, kann man die­sen völ­lig ver­ges­sen, die Fik­ti­on von Cos­ta ist doku­men­tiert, die Illu­si­on liegt in der Des­il­lu­si­on, es ist als wür­de jemand sei­ne Unsi­cher­hei­ten und sei­ne Fehl­bar­keit zu sei­ner gro­ßen Stär­ke erklä­ren. Gefilm­ter Zweifel.

Dabei nutzt Cos­ta vor allem Licht, das durch löch­ri­ge Türen dringt. Wie­der heben sich Innen und Außen auf und wer sich mit der Funk­ti­ons­wei­se einer Kame­ra beschäf­tigt hat, sieht plötz­lich eine ganz neue Rela­ti­on zwi­schen dem Kino und den Türen, schließ­lich ist es eine Tür, die den Ein­gang zur Kamera/​dem Zim­mer ver­sperrt und die­se Tür muss sich öff­nen, damit wir etwas sehen. Sie darf sich aber nicht zu weit öff­nen. Jeder Mil­li­me­ter ver­än­dert das Kino. Und daher ist es so fatal, wenn die Türen ein Eigen­le­ben bekom­men, ein Eigen­le­ben, das von einer Indus­trie ver­langt wird, die auf Gleich­heit und Glät­tung aus ist. Wie soll man noch inter­es­san­te Bil­der machen, wenn man kei­ne Macht mehr über die Türen hat, wenn es gar kei­ne Türen mehr gibt?

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Es geht natür­lich auch um die Tür­schwel­len auf denen sich sowohl Cos­ta als auch Ven­tura immer wie­der bewe­gen. Was ist die­se Schwel­le? Ein Über­gang zwi­schen dem Innen und Außen, ein Zwei­fel, in dem der Mensch oft am hoff­nungs­los­ten und hoff­nungs­volls­ten zugleich ist. Hier drü­cken sich sein Ver­lan­gen und sei­ne Angst aus. Bei Cos­ta zählt sel­ten, wohin jemand geht oder woher er gekom­men ist. Viel­mehr geht es um den Augen­blick des Schwel­len­zu­stands selbst, der sich wie in Cava­lo Din­hei­ro oder Juventu­de em Mar­cha zwi­schen ver­schie­de­nen Zei­ten abspie­len kann oder wie in Ossos zwi­schen dem Fil­me­ma­cher und den Figu­ren. In der Schwel­le ste­hen, heißt auch, Respekt zu haben. Hier wird nie­mand über­fal­len oder den Bli­cken preis­ge­ge­ben. Es ist eine vor­sich­ti­ge Annä­he­rung, deren Zärt­lich­keit sowohl in der Ver­gan­gen­heit, der Gegen­wart (der Schwel­le), und der Zukunft (dem Raum) liegt, es ent­ste­hen also Bil­der, die in sich der­art stark leben, weil sie Schwel­len­bil­der sind. Sie oszil­lie­ren zwi­schen ihrer abso­lu­ten Prä­senz im Kino­raum und den Bli­cken, die auf etwas ande­res zie­len. Bei Van­da ist die­ser Blick oft nach vor­ne gerich­tet, auf etwas außer­halb des Bil­des. Sie wirft sich dafür regel­recht in Pose, dreht ihren Kopf und starrt mit wach­sa­men Augen ins Off. Bemer­kens­wert aller­dings, dass sie am Ende von Juventu­de am Mar­cha ein­mal umdreht, sich umblickt und an einer ver­schlos­se­nen Tür lauscht, eine ver­schlos­se­ne Schwel­le, in der sich die Sor­ge und Hoff­nung, also die Lie­be von Van­da ver­birgt. Sie über­prüft, ob Ven­tura sich um ihre Toch­ter küm­mert. Dann ver­schwin­det sie hin­ter einer benach­bar­ten Tür und ist bis heu­te nicht mehr zurück­ge­kehrt ins Uni­ver­sum von Cos­ta. Ven­tura dage­gen blickt in die Ewig­keit und nach Innen, also nach hin­ten. In sei­nen Augen scheint die Ver­gan­gen­heit immer genau­so prä­sent zu sein, wie die Gegen­wart. Viel­leicht fan­gen die Türen auch des­halb an, sich in Ven­tur­as Gegen­war­ten wie von selbst zu bewe­gen. Sie schlie­ßen und öff­nen Räu­me der Erin­ne­rung. Und in die­ser Hin­sicht ist auch Ven­tura eine Tür für Cos­ta, oder bes­ser: Ven­tura ist 10000 Türen in einem Lava­haus. Cos­ta kann die­se Türen nicht kon­trol­lie­ren, er kann nur war­ten bis sich eine öff­net und sich dann vor­sich­tig auf die Schwel­le stel­len und sehen was pas­siert. Es ist sei­ne gro­ße Kunst, dass er nicht mehr macht, denn dar­in ent­fal­tet sich erst die Sinn­lich­keit, Poe­sie, Direkt­heit und Dring­lich­keit sei­nes Kinos.