„Mei­ne Näch­te ende­ten mit einem Mor­gen. Der Tag begann trüb und unfreund­lich. Es reg­ne­te, und die Trop­fen pras­sel­ten ein­tö­nig gegen mei­ne Fens­ter­schei­ben; in mei­nem Zim­mer war es dun­kel, und im Frei­en trüb. Mein Kopf schmerz­te und schwin­del­te; ein Fie­ber schlich sich durch mei­ne Glie­der.“
Wenn ein Schrei der Freu­de einen tief im Her­zen ver­letzt, dann hat das Melo­dram gesiegt. In mei­ner sechs­ten Vis­con­ti-Bespre­chung las­se ich mich auf den nächs­ten Tanz zwi­schen Rea­li­tät und Künst­lich­keit mit dem ita­lie­ni­schen Meis­ter ein. Für sei­nen fünf­ten Spiel­film „Le Not­ti Bian­che“ such­te sich Vis­con­ti 1957 eine Vor­la­ge aus, die mit ihrem träu­me­ri­schen, melo­dra­ma­tisch über­höh­ten Rea­lis­mus wie gemacht schien für den abtrün­ni­gen Neo­rea­lis­ten, den Sti­lis­ten der gro­ßen Gefüh­le. Auch Robert Bres­son („Quat­re nuits d’un rêveur“) und James Gray („Two Lovers“) hat­ten sich in die Novel­le von Fjo­dor Dos­to­jew­ski ver­liebt.  Für Vis­con­ti jedoch spiel­ten sich inmit­ten des Melo­drams ganz eige­ne Kräf­te ab. Es geht wie in der Vor­la­ge um einen jun­gen Mann (Mario), der eine jün­ge­re Frau (Nata­lia) wei­nen sieht. Er nähert sich ihr an und die bei­den ver­brin­gen eini­ge Näch­te auf den Stra­ßen. Mario erfährt von Nata­lia, dass sie seit einem Jahr auf einen Mann, ihre gro­ße Lie­be war­tet.  Mario ist hin und her­ge­ris­sen zwi­schen sei­ner Zunei­gung zu Nata­lia und ihren Hoff­nun­gen, die er ihr nicht neh­men will. Am Ende ver­kehrt sich die Nai­vi­tät in ihr Gegen­teil. Das Unmög­li­che trifft einen dort emo­tio­nal im Her­zen, wo einen etwa „Rosemary’s Baby“ von Roman Pol­an­ski im Magen schockt. Die­ses Melo­dram ist des­halb so erschüt­ternd, weil es den Glau­ben an die unend­li­che Lie­be nicht wie bei ande­ren Gen­re­ver­tre­tern als gesell­schaft­li­che Unmög­lich­keit erzählt, son­dern als psy­cho­lo­gi­sche Unmög­lich­keit. Und aus jener psy­cho­lo­gi­schen Unmög­lich­keit ent­steht nur wie­der eine ande­re Hoff­nung auf unend­li­che Lie­be, die genau­so wie­der ent­täuscht wer­den wird. Beson­ders dann, wenn die Unmög­lich­keit einer Lie­be zur Mög­lich­keit wird.

Es ent­facht sich von Anfang an ein unwirk­li­cher Raum. Der Film wur­de im Stu­dio gedreht, Vis­con­ti ein wahr­haft abtrün­ni­ger Neo­rea­list, aber er fin­det die fal­sche Käl­te und die rich­ti­ge Falsch­heit inmit­ten der Cine­cit­tà. Wirkt der Film an man­chen Stel­len wie ein Wer­be­vi­deo für das gro­ße ita­lie­ni­sche Stu­dio, so wird mit fort­schrei­ten­der Dau­er klar, dass es sich hier um eine bewusst gesetz­te Unwirk­lich­keit han­delt, die die melo­dra­ma­ti­sche Fata­li­tät einer ein­ge­bil­de­ten Lie­be unter­streicht. Wie sehr Vis­con­ti das Melo­dram und die­se Fata­li­tät beherrscht, zeigt er in sei­nem bewuss­ten Rol­len­spiel mit Mann und Frau. Die Ste­reo­ty­pen ver­schie­ben sich zwi­schen einer Hys­te­rie und Aus­ge­setzt­heit, zwi­schen Unschuld und Nai­vi­tät, zwi­schen Begeh­ren und Ver­zweif­lung. Vis­con­ti fährt in mil­chi­gen Bil­dern gro­ße Kon­tras­te auf. Frau und Mann sind Opfer ihrer Gefüh­le. Es gibt kei­ne Unab­hän­gig­kei­ten, son­dern nur Schmerz. Am Ran­de des Gesche­hens, bewe­gungs­lo­se schwarz­ge­klei­de­te Sta­tis­ten. Sie sind oft arm, vie­le Obdach­lo­se, die trotz Win­ter unter Brü­cken schla­fen müs­sen. Sie sind still und wer­den nicht beach­tet. Sozia­le Rea­li­tät die aus­ge­blen­det wird von den Figu­ren, aber die Vis­con­ti wie ein Schat­ten wei­ter durch sein Schaf­fen zieht.
Und Vis­con­ti inter­es­siert sich für die Zeit. In Blö­cken bewegt sich der Film vor­wärts und die­se Blö­cke lau­fen schein­bar in Echt­zeit ab. Wenn Vis­con­ti einen har­ten Schnitt macht, schnei­det er kaum durch die Zeit, son­dern meist nur durch den Raum. Er schnei­det sel­ten. Er beob­ach­tet und lässt höchs­te Gefühls­tö­ne und Stim­mungs­wech­sel in einer Ein­stel­lung gesche­hen. Kom­bi­niert mit einem emo­tio­na­len Over-Acting von Maria Schell als Nata­lia ergibt sich so ein fas­zi­nie­ren­des Bild. Es bewegt sich immer zwi­schen Wahr­haf­tig­keit und Sen­ti­men­ta­li­tä­ten. Irgend­wann wer­den die Sen­ti­men­ta­li­tä­ten wahr­haf­tig. Vis­con­ti fischt aus sei­ner toten Zei­ten die Ziel­lo­sig­keit des und der Lie­ben­den. Ein streu­nen­der Hund ist Mario, wie unlängst bei Tsai Ming-liang in „Stray Dogs“ bemüht sich auch Vis­con­ti um die­se Meta­pher. Was ste­hen bleibt sind die kur­zen Momen­te der Schön­heit gegen die zeh­ren­de Län­ge der Ein­sam­keit. Durch die lan­gen Pas­sa­gen kratzt Vis­con­ti auch immer an der Absur­di­tät des Lebens selbst, er scheint sich für alles zu inter­es­sie­ren, sein Auge will nichts ver­pas­sen. Die Ruhe und Bestän­dig­keit sei­ner Kame­ra­be­we­gun­gen las­sen das Stu­dio zum Leben erwachen.
Der Film mar­kiert auch die ers­te Zusam­men­ar­beit von Vis­con­ti mit Mar­cel­lo Mastroi­an­ni. Und sie ist denk­wür­dig. In Mastroi­an­nis leben­di­ger Freu­de und Unschuld lau­ert ein tie­fer­ge­hen­der Schmerz, der es schafft, dass der Freu­den­schrei der Frau am Ende und die Trä­nen von Mastroi­an­ni die Roman­tik des Schnees in Käl­te ver­wan­deln. Er wird zum Beob­ach­ter einer Lie­be, die er selbst ger­ne erfah­ren wür­de, er wird zum Kino­zu­se­her. Unver­gess­lich jedoch sei­ne Tanz­sze­ne, einer jeder ewi­gen Kino­mo­men­te, in denen Mario sei­ne kind­li­che Männ­lich­keit mit eini­gen ver­rück­ten Tanz­schrit­ten beweist und Vis­con­ti sei­nen Stil­wil­len in pure Freu­de ver­wan­delt. Es ist ein Nou­vel­le Vague Moment unmit­tel­bar bevor die­se in Frank­reich los­geht. Aber die­se Sze­ne zeigt auch, dass der Tanz in sei­ner Sym­bo­lik, sei­ner Ele­ganz, sei­ner Leben­dig­keit, sei­ner Künst­lich­keit, sei­ner Unschuld, sei­ner Absur­di­tät und sei­ner Schön­heit ein Métier für einen Kino­poe­ten wie Vis­con­ti sein muss.
„Ich stand noch lan­ge da und sah ihnen nach, bis sie mei­nen Bli­cken ent­schwun­den waren.“