Wie eine Explo­si­on beginnt die Kame­ra sich durch die Räu­me auf die Cha­rak­te­re zu fokus­sie­ren, in schnel­len, rhyth­mi­schen Fahr­ten geht es um die Figu­ren her­um, auf sie zu oder hin­ter ihnen her. Dazu drän­gen aus den Boxen pure Rock’n Roll Klän­ge und ein unheim­lich getrie­be­ner Schnitt passt sich dem Rhyth­mus, der vor Far­ben plat­zen­den Bil­der an. Die Fil­me von Mar­tin Scor­se­se bie­ten jen­seits aller gän­gi­gen Dis­kus­sio­nen über Kunst oder Unter­hal­tung einen pul­sie­ren­den Zugang zum Kino, der sich in sei­ner ehr­li­chen Lie­be für das Medi­um und den Mög­lich­kei­ten sei­ner klas­si­schen ame­ri­ka­ni­schen Form durch meh­re­re Jahr­zehn­te am Leben erhält und immer wie­der neue Klas­si­ker schafft. Im Grun­de kann man Mar­tin Scor­se­se nicht in einem sol­chen Blog­ein­trag behan­deln, zu umfang­reich ist sein Schaf­fen, zu gewal­tig ist sein Ein­fluss. Den­noch will ich mich ein wenig mit der Fas­zi­na­ti­on Scor­se­se beschäf­ti­gen, der egal, ob er Rebell oder Kon­for­mist ist, immer sei­ne eige­ne Hand­schrift behal­ten hat. Die Essenz des Kinos von Mar­tin Scor­se­se fin­det sich mei­ner Mei­nung nach in fünf Punkten:
Cha­rak­te­re-Ehr­geiz, Wahn­sinn, Flucht 

Musik-Rock gegen die Erwartung

Tem­po-Exzess, Kame­ra, Schnitt

Gewalt-Freu­de, Erlösung

Kino­lie­be
1.Charaktere
Bei den Cha­rak­te­ren von Scor­se­se ist zu Beginn fest­zu­hal­ten, dass sie häu­fig von den glei­chen Schau­spie­lern gespielt wer­den. Ange­fan­gen bei Har­vey Kei­tel, der schon das emo­tio­na­le Zen­trum in „Who’s That Kno­cking At My Door“ gibt und dann von „Mean Streets“ über „Ali­ce doesn’t live here any­mo­re“ bis zu „Taxi Dri­ver“ immer gefähr­li­cher und per­ver­tier­ter wird, bevor er kon­se­quen­ter­wei­se den von der Bibel abwei­chen­den Judas in „The Last Tempt­a­ti­on of Christ“ gibt. Kei­tel ist aller­dings nur eine ers­te unschul­di­ge Lie­be für Scor­se­se, denn schon in „Mean Streets“ neigt sich der Blick des New Yor­kers mit ita­lie­ni­scher Abstam­mung in das unbe­re­chen­ba­re Litt­le Ita­ly Wesen von Robert de Niro. Es schien als wäre Kei­tel ein Alter Ego von Scor­se­se gewe­sen und hät­te sich von ihm ent­fernt, wäre zur rei­nen Bedro­hung gewor­den, wäh­rend De Niro etwas zu ver­kör­pern schien, dass Scor­se­se von außen kann­te, von den Beob­ach­tun­gen sei­ner Kind­heit und dass er mit sol­cher Fas­zi­na­ti­on betrach­te­te bis er es selbst wur­de. De Niro ras­tet oft aus. Er zer­trüm­mert eine hal­be Tele­fon­zel­le in „Good­fel­las“, er schmeißt Sharon Stone mit bru­ta­ler Aggres­si­on aus der gemein­sa­men Woh­nung in „Casi­no“ und er schießt eben jenem Har­vey Kei­tel lächelnd in den Bauch bevor er alles über den Hau­fen schießt in einem Blut­bad nach­dem er sei­nen Fern­se­her vom Tisch gesto­ßen hat. Manch­mal schlägt er mit sei­nem Kopf gegen die Wand bis einem selbst fast schlecht wird. De Niro ist eine Natur­ge­walt bei Scor­se­se. Ein Mann, der immer etwas unter sei­ner Ober­flä­che ver­steckt, etwas das aber stän­dig unter den Bli­cken der Kame­ra zum Vor­schein kommt. Wahn­sinn, Gewalt, Eifer­sucht. In Scor­se­ses Remake von „Cape Fear“ ist De Niro über­zeich­net zer­fres­sen von die­sen Gefüh­len. Immer wie­der greift Scor­se­se auf eine Ein­stel­lung zurück, die nur das ner­vö­se Blin­zeln der Augen sei­ner Figu­ren zeigt. Von Nico­las Cage und sei­ner Schlaf­lo­sig­keit in „Brin­ging Out The Dead“ bis zum Taxi Dri­ver und sei­nen Gewalt­nei­gun­gen wer­den so ticken­de Zeit­bom­ben unter der Haut spür­bar. Klei­ne Ticks und Ges­ten bestim­men die Erschei­nun­gen. Immer wie­der grei­fen sich Scor­se­se-Figu­ren an den eige­nen Hals, zie­hen an der eige­nen Nase oder räus­pern sich. In „The King of Come­dy“ ist De Niro einer jener klas­si­schen Scor­se­se Figu­ren. Er will unbe­dingt und mit allen Mit­teln etwas aus sich machen, etwas wer­den, eine Kar­rie­re machen. Krank­haf­ter Ehr­geiz spie­gelt sich auf den Scor­se­se-Gesich­tern. Und ihnen ist jedes Mit­tel Recht bis sie sich selbst im Spie­gel erken­nen wie De Niro als Jake LaMot­ta, für den sich der Schau­spie­ler ein extre­mes Gewicht ange­fres­sen hat oder bis sie völ­lig mit ihrem Ziel ver­schmel­zen wie De Niro in „Taxi Dri­ver“ als er vor dem Spie­gel sein Atten­tat durch­spielt und sei­nen schi­zo­phre­nen Nei­gun­gen folgt. Ein Gangs­ter folgt bei Scor­se­se immer sei­nen eige­nen Geset­zen. Er sieht in sei­nen Ver­bre­chen die gro­ße Chan­ce etwas aus sei­nem Leben zu machen, aus dem All­tag aus­zu­bre­chen und berühmt, unab­hän­gig und reich zu wer­den. Sie trai­nie­ren dafür, sie ris­kie­ren dafür und sie haben kei­ne Furcht. Dazu gehört auch immer eine Show, um es sich selbst und allen zu zeigen. 
Doch plötz­lich ver­kehrt sich die­se Welt. Die Figu­ren haben sich ihr eige­nes Gefäng­nis auf­ge­baut, das sich gegen sie wen­det. Wenn Hen­ry Hill in „Good­fel­las“ aus sei­nem para­no­iden Koka­in-Wahn­sinn flüch­tet oder wenn Paul in „After Hours“ end­lich wie­der in die Arbeit geht, dann wird klar, dass sie aus dem Leben, das sie sich so sehr gewünscht hat­ten, ent­kom­men müs­sen. Scor­se­se beginnt häu­fig in der Kind­heit sei­ner Prot­ago­nis­ten. Er scheint die Fra­ge zu stel­len: Woher kom­men die­se Krank­hei­ten? Doch die­se Kind­heit wirkt merk­wür­dig fremd, wie ein Zau­ber­land („The Wizard of Oz“ Anspie­lun­gen inklu­si­ve), er hüllt sie in ver­frem­de­te Far­ben, zeigt sie als Abseits der eigent­li­chen Rea­li­tät an. Die Kind­heit als Traum einer Unschuld, als wah­re Zeit der Unschuld, in der unbe­wusst die ers­ten Spu­ren für Kri­mi­na­li­tät und Wahn­sinn getrof­fen wer­den. So ver­kehrt sich die über­mä­ßi­ge Sorg­sam­keit der Mut­ter in „The Avia­tor“ in die schlim­men Neu­ro­sen des Howard Hug­hes und die ers­ten Kon­tak­te mit dem Ver­bre­chen in „Good­fel­las“ und „The Depar­ted“ wer­den zum lebens­lan­gen Fluch und Segen. Damit sind wir auch schon bei der bis dato letz­ten gro­ßen Lie­be von Mar­tin Scor­se­se ange­kom­men: Leo­nar­do DiCa­prio. Der Per­fek­ti­ons­trieb, der schon in der Zusam­men­ar­beit mit De Niro ein Mar­ken­zei­chen war, ist mit DiCa­prio auf dem Gip­fel ange­langt. Die­ses bedin­gungs­lo­se Stre­ben nach Wahr­heit und Per­fek­ti­on ist nicht nur den Fil­me­ma­chern gemein, son­dern auch den Cha­rak­te­ren. Die DiCa­prio Figu­ren erbau­en sich immer ein eige­nes Ide­al und begin­nen lang­sam dar­an zu zer­bre­chen. Es scheint ganz natür­lich zu sein, dass die­ser Scor­se­se-Held nicht alle Fil­me über­lebt. In „Shut­ter Island“ ist es gar die gesam­te Rea­li­tät, die vor den Augen von DiCa­prio ver­schwin­det. Es ist als wür­den die bei­den immer­zu auf Wol­ken war­ten, den Wol­ken hin­ter­her rei­sen, damit sie ihre per­fek­ten Momen­te und Sze­nen gewin­nen. Die Stof­fe wer­den his­to­ri­scher, die Cha­rak­te­re von Scor­se­se basie­ren auf ech­ten Men­schen, auf Vorbildern. 
Sie leben oft in der Ver­gan­gen­heit und das Bedau­ern hat sich in Form einer Melan­cho­lie in sie ein­ge­schrie­ben. Kein Wun­der, dass sich Scor­se­se in „The Color of Money“ der film­ge­schicht­li­chen Ver­gan­gen­heit selbst wid­met, indem er Fast Eddie Fal­son wie­der auf die Lein­wand wirft. Mit DiCa­prio wer­den die Bezie­hun­gen zwi­schen Mann und Frau zwar nicht weni­ger krank­haft, aber zumin­dest gelin­gen sie kurz­zei­tig. Im Gegen­satz zu Scor­se­ses De Niro und Kei­tel kann DiCa­prio einer Frau gera­de ins Gesicht schau­en. Aber was ist mit den Frau­en im Kino des Mar­tin Scor­se­se? Es scheint als wären sie eben­falls völ­lig ver­rückt oder unbe­rühr­bar oder bei­des. Was für San­dra Bern­hard in „The King of Come­dy“ gilt, gilt genau­so für Sharon Stone in „Casi­no“, Cate Blan­chett als Katha­ri­ne Hepb­urn in „The Avia­tor“ oder Rosan­na Arquet­te in „After Hours“: Extra­va­ganz, ein Schuss Ver­rückt­heit und Unbe­re­chen­bar­keit und der männ­li­che Scor­se­se-Held ist begeis­tert. Aus der Sicht der Frau hat Scor­se­se weni­ge Fil­me gemacht. Unter sei­nen Lang­fil­men fin­det sich nur „Ali­ce doesn’t live here any­mo­re“ mit einer wun­der­ba­ren Ellen Burs­tyn. Damit lässt sich viel­leicht eines mit Sicher­heit über die Cha­rak­te­re von Mar­tin Scor­se­se sagen: Sie sind männlich.
2.Musik
Irgend­wann spie­len meis­tens die Rol­ling Stones. In Bars, in Flash­backs oder auf ihren eige­nen Kon­zer­ten. Scor­se­se erreicht drei Din­ge mit sei­ner Musik. Er spielt sie im Bezug zur Emo­ti­on sei­ner Figu­ren, er erweckt eine Zeit zum Leben und er bricht mit Kon­ven­tio­nen in der Dar­stel­lung von Gewalt. Wenn sich bei Scor­se­se jemand ver­liebt, dann ist ein Lie­bes­lied zu hören. Von „Love is Stran­ge“ bis zu „And Then He Kissed Me“ wird dabei eine klas­si­sche Über­hö­hung und eine gewis­se Leich­tig­keit des Ver­lie­bens impli­ziert. Die Bil­der begin­nen sich mit der Musik zu bewe­gen. Sie wer­den lang­sa­mer oder schnel­ler, ein Lächeln oder eine Berüh­rung wer­den musi­ka­lisch auf­ge­fan­gen, das Kino von Scor­se­se ist ein ein­zi­ges gro­ßes Musi­cal. Und dann fährt er wie­der auf die Gesich­ter in Zeit­lu­pe und zeigt mit Hil­fe der Musik die Figu­ren selbst an. Ihre Sehn­süch­te, ihre Krank­hei­ten. Tom Crui­se tanzt Pool zur Musik von War­ren Zevon. Score­se hat Musi­ker por­trai­tiert wie Geor­ge Har­ri­son oder Bob Dylan und er hat Kon­zert­fil­me gemacht wie eben „Shi­ne a Light“ oder „The Last Waltz“ (This film should be play­ed loud). 
Immer wie­der sind in sei­nen Fil­men auch kur­ze nar­ra­ti­ve Pau­sen für die Musik. Die Kame­ra ruht auf Sän­gern oder Stra­ßen­mu­si­kern und zeigt ihr Spiel. Damit schafft Scor­se­se ein Gefühl für Raum und Zeit. Fast doku­men­ta­risch wählt er die Sound­tracks der jewei­li­gen Deka­den. Man merkt ihm die Freu­de am Zuhö­ren förm­lich an. Nie­mand könn­te das Coco­anut Gro­ve beein­dru­cken­der zum Leben erwe­cken als der musi­ka­li­sche Scor­se­se in „The Avia­tor“, der Zeit­ge­fühl mit musi­ka­li­schem Gefühl ver­bin­det und für den Mise-en-scè­ne und Schnitt, Kame­ra­be­we­gung und Spiel immer Teil einer musi­ka­li­schen Kom­po­si­ti­on zu sein schei­nen. Doch mit die­ser Har­mo­nie bricht er, wenn es um Ver­bre­chen und Gewalt geht. Inter­es­san­te Zwi­schen­räu­me spal­ten sich auf, wenn „Lay­la“ von Derek and the Domi­nos eine Mon­ta­ge­se­quenz mit Lei­chen beglei­tet, eine Iro­ni­sie­rung des ame­ri­ka­ni­schen Traums, der sich durch das gesam­te Werk von Scor­se­se zieht. Manch­mal weicht Scor­se­se von sei­ner schier end­lo­sen Juke­box aus auf orches­tra­le The­men wie das Camil­le-The­ma aus „Le Mépris“ oder die „Caval­le­ria Rusti­ca­na“ in „Raging Bull“ mit der er die gan­ze Anmut und Ele­ganz des Box­sports unter sei­ne Titel bringt, mit der er in einem Bild sei­nen gan­zen Film erzählt, der sei­nen Prot­ago­nis­ten in einem Ring gefan­gen hält als wäre es ein Zir­kus bei Ril­ke, der nicht aus sei­ner Welt aus­bre­chen kann und der Feh­ler macht, aber der von Grö­ße und Schön­heit ist.
3.Tempo
Wer Mar­tin Scor­se­se schon mal beim Reden bewun­dert hat, der weiß, dass die­ser Mann wie ein Was­ser­fall spricht. Egal ob in Doku­men­ta­tio­nen wie „Ita­lian­ame­ri­can“ oder in einem Spiel­film wie „Taxi Dri­ver“, egal ob bei Dan­kes­re­den, in Inter­views oder bei sei­nen fil­mi­schen Rei­sen durch die Film­ge­schich­te. Scor­se­se redet gut und viel und nach eine The­se des spe­zi­el­len Peter Kubel­kas, die man auch bei August Wil­helm Schle­gel in der Auf­klä­rung fin­den kann, bestimmt der inne­re Takt, also der Herz­schlag, der Sprech­rhyth­mus, die Geschwin­dig­keit beim Gehen und so wei­ter den Takt und die Geschwin­dig­keit der Kunst selbst. Im Fall von Mar­tin Scor­se­se heißt das Thel­ma Scho­on­ma­ker (sei­ne Stamm­cut­te­rin), das heißt das Bam Bam Bam…Jump-Cuts, Free­ze-Frames, irre Ver­fol­gungs­fahr­ten, Kran­auf­nah­men, Voice-Over Speed Nar­ra­ting, Zoom-In, Zoom-Out, Cache, Con­ti­nuous-Mon­ta­ge Orgi­en. Die Lei­chen pur­zeln nur so durch die Fil­me und irgend­wie ent­spricht der ner­vö­se Stil von Scor­se­se auch sei­nen Cha­rak­te­ren, die sich ja auch des Öfte­ren am Ran­de des Ner­ven­zu­sam­men­bruchs befin­den. Aber die­sen Stil ledig­lich als ner­vös zu bezeich­nen, wäre unge­recht­fer­tigt, denn dafür ist er zu vir­tu­os durch­kom­po­niert. Es scheint als wür­de Scor­se­se häu­fig das Kino selbst beschwö­ren, indem er einen Exzess der fil­mi­schen Mit­tel durch­pro­biert. Dabei beginnt sich die zeit­li­che Wahr­neh­mung vor dem Auge des Betrach­ters auf­zu­lö­sen. Scor­se­se kann rie­si­ge Zeit­spän­ne und win­zi­ge Spän­ne gleich groß erschei­nen las­sen. Die Nacht in „Brin­ging Out The Dead“ ent­spricht in etwa den Jahr­zehn­ten in „Good­fel­las“. 
Offen­sicht­li­che Flash­backs muss Scor­se­se genau des­halb der­art über­si­gna­li­sie­ren wie in „Shut­ter Island“, weil sonst nie­mand dar­an den­ken wür­de, dass es einen Flash­back gibt. Das gilt übri­gens nicht nur für die erzähl­te Zeit, son­dern auch für die rea­le Zeit. Ein Scor­se­se Film wirkt unab­hän­gig sei­ner Län­ge immer gleich dicht. Es pas­siert zu viel und man wird bom­bar­diert mit visu­el­len Ein­drü­cken. Mal sind es jene Kran­fahr­ten durch opu­len­te Gebäu­de, die ihn nahe an das visu­el­le Emp­fin­den der Block­bus­ter-Gene­ra­ti­on um Ste­ven Spiel­berg brin­gen, mal sind es künst­le­ri­sche Schwenks und Spie­le­rei­en. Man weiß nicht so recht, wo man ihn grei­fen kann. Die 360 Grad-Fahrt um Paul New­man in „The Color of Money“ beschreibt das visu­el­le Tem­po von Scor­se­se viel­leicht am bes­ten, denn hier bewegt sich zugleich alles und nichts. Es ist ein inne­res Bild, das mit äuße­ren Mit­teln wie eine Hand­lung erscheint. Ähn­li­ches gilt für die berühm­te Ver­fol­gungs­ka­me­ra­fahrt in „Good­fel­las“. Alles ist über­for­dernd und im Kern ist es doch genau das was zählt. Der äuße­re Glanz, der die Figu­ren kor­rum­piert.  Für Scor­se­se scheint das Kino manch­mal noch immer in sich eine Attrak­ti­on zu sein. Das zeigt er auch in „Hugo“, in dem er 3D ein­setzt wie ein klei­nes Kind und mit den ein­fah­ren­den Zügen ein pas­sen­des Bild für sein eige­nes Film­schaf­fen fin­det. Dann erschrickt man fast, wenn man die Ruhe in „Kun­dun“ oder „The Age of Inno­cence“ spürt, denn Scor­se­se scheint durch­aus in der Lage sich zu drosseln. 
4.Gewalt
Ist die Gewalt bei Scor­se­se nun eine fol­gen­lo­se Comic­ge­walt oder ist sie im Kern dem mora­li­schen Urteil des Regis­seurs unter­zo­gen und wird als bedroh­lich und fol­gen­schwer dar­ge­stellt? Zunächst soll­te fest­ge­hal­ten wer­den, dass Scor­se­se in ganz klas­si­scher ame­ri­ka­ni­scher Tra­di­ti­on Ver­bre­chen nicht belohnt. Im Klar­text heißt es, dass irgend­wann Men­schen umge­bracht wer­den, wenn sie Ver­bre­chen bege­hen. Den­noch ent­fal­ten sich oft ein Gewal­t­rausch und eine Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Ver­bre­chen. Seit ich „Good­fel­las“ gese­hen habe, woll­te ich ein Gangs­ter wer­den. Von den Schlach­ten in „Gangs of New York“ bis zu der Rache­or­gie in „Taxi Dri­ver“ fällt nicht nur die extre­me Ästhe­tik der Gewalt­sze­nen auf, son­dern auch wie sehr man dar­in den Prot­ago­nis­ten folgt und wie man sich wünscht, dass die oft blu­ti­gen und unmo­ra­li­schen Taten gelin­gen. In ande­ren Fil­men führt Gewalt zu Lachen, auch Dro­gen und Alko­hol machen Spaß. Scor­se­se ist ein Kind von New Hol­ly­wood, der nicht anders kann. Und das ist gut so. Zum einen wird die Gewalt nie unre­flek­tiert ein­ge­setzt, son­dern immer in einem para­do­xen Ver­hält­nis zum Ame­ri­can Dream. Kor­rup­ti­on und Macht, Sexis­mus und Rausch sind immer zugleich Him­mel und Höl­le, Ver­lo­ckung und Angst. Dabei kommt auch die reli­giö­se Ebe­ne ins Spiel, die nicht zuletzt Georg Seeß­len als das Cha­rak­te­ris­ti­kum für das Kino von Scor­se­se iden­ti­fi­ziert hat. Denn in der Gewalt liegt auch so etwas wie eine reli­giö­se Erlö­sung und dar­in fin­det sich ein wei­te­res Para­dox. Vom rei­nen Spaß am Blut eines tra­shi­gen Robert Rodri­guez ist Scor­se­se him­mel­weit entfernt. 
In den indi­vi­du­ell gestal­te­ten Idea­len der Scor­se­se-Figu­ren schaut Gott manch­mal hin und manch­mal weg. Es muss erst eine Art Lei­dens­weg bestrit­ten wer­den, eine christ­li­che Pas­si­on, die eben gewalt­voll ist. Die Schuss­wech­sel, Explo­sio­nen und Waf­fen­spie­le­rei­en sind Not­wen­dig­kei­ten einer ver­blen­de­ten Welt­sicht. Die­se Welt­sicht wird aber oft sub­jek­tiv wie­der­ge­ge­ben.  Der schein­bar neu­tra­le, rea­lis­ti­sche Stil wird von der Freu­de an der Bru­ta­li­tät durch­bro­chen. Aber die­se Bru­ta­li­tät bricht nur her­aus, weil sie von Anfang an in die Figu­ren oder ihr sozia­les Umfeld ein­ge­schrie­ben ist. Es sind Ellen­bo­gen­ge­sell­schaf­ten und sie funk­tio­nie­ren nach alt­tes­ta­ment­li­chen Ord­nun­gen. Dabei unter­schei­det er nicht zwi­schen Klein­ga­no­ven, kri­mi­nel­len Syn­di­ka­ten oder schein­bar lega­len Unter­neh­men. Bei Scor­se­se ist der Kapi­ta­lis­mus ein tat­säch­li­ches Schlacht­feld. Und am Ende geht man in die Kir­che und betet für sei­ne Sün­den. Es ist ein sinn­lo­ses Unter­fan­gen, aber es ist ein ver­ständ­li­ches, denn nur für sich selbst agie­ren die katho­li­schen Figu­ren und nur für sich selbst, das heißt für Gott. Zum ande­ren ist Scor­se­se ein dem post-klas­si­schen Gen­re­ki­no zuge­wand­ter Regis­seur. Er bewegt sich ger­ne inner­halb der Gen­res, die eine sol­che Gewalt­vor­stel­lung zum Teil ver­lan­gen (Gangs­ter­film, Psy­cho­thril­ler usw). Kein Wun­der, dass er auch im Fern­se­hen mit „Board­walk Empire“ damit arbeitet.
5.Kinoliebe

Damit sind wir auch schon beim letz­ten essen­ti­el­len Begriff zur Umschrei­bung der Fil­me von Mar­tin Scor­se­se: Der Kino­lie­be. Wer Scor­se­se für sei­ne jün­ge­ren Hol­ly­woo­d­ar­bei­ten ver­kennt, der begeht mei­ner Ansicht nach einen gro­ßen Feh­ler, denn selbst in Autoren­zei­ten, in denen sicher­lich die wert­volls­ten und per­sön­lichs­ten Fil­me sei­ner Kar­rie­re ent­stan­den sind, war Scor­se­se ein Kind und ein Ver­fech­ter des ame­ri­ka­ni­schen Kinos. Sei­ne Fil­me sind in der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft ange­sie­delt, zumeist behan­deln sie gesell­schaft­li­che The­men. Scor­se­se ist an grö­ße­ren Bud­gets inter­es­siert, er braucht sie für sei­ne Visio­nen. Schon „New York, New York“, ja selbst „Ali­ce doesn’t live here any­mo­re“ sind Fil­me, die Stu­di­os der klas­si­schen Ära ver­mut­lich ange­nom­men hät­ten. Die Kino­lie­be von Scor­se­se ist eine auf­rich­tig kom­mer­zi­ell ori­en­tier­te Lie­be. Das bedeu­tet nicht, dass er nicht wie in „Kun­dun“ oder auch „Hugo“ über den Tel­ler­rand bli­cken wür­de. In „Hugo“ setzt er äußerst intel­li­gent den Beginn der kine­ma­to­gra­fi­schen Geschich­te gegen den erneu­ten Beginn des 3D-Hypes. Neben der Ver­wen­dung von Film­mu­sik und den direk­ten Film­zi­ta­ten bezie­hungs­wei­se Remakes („Cape Fear“) und Sequels („The Color of Money“), hat Scor­se­se mit „The Key to Reser­va“ gar eine hand­werk­lich per­fek­te Hitch­cock-Hom­mage gedreht. Dabei ver­filmt er für einen Wer­be­spot ein fik­tio­na­les Hitch­cock-Dreh­buch mit den Mit­teln des Meis­ters, die er in Per­fek­ti­on imi­tiert. Auch bemer­kens­wert sind sei­ne “A Per­so­nal Jour­ney with Mar­tin Scor­se­se Through Ame­ri­can Movies” und “My Voya­ge to Ita­ly”, in denen er sei­ner Lust an Film­ver­mitt­lung nach­kommt und den Zuse­her auf eine per­sön­li­che Rei­se durch die ame­ri­ka­ni­sche bezie­hungs­wei­se ita­lie­ni­sche Film­ge­schich­te mit­nimmt. Sein Enga­ge­ment und sei­ne Arbei­ten im Bereich der Film­re­stau­rie­rung und Film­ver­mitt­lung sind erstaun­lich und einen eige­nen Blog­ein­trag wert. In jeder Sekun­de atmet Mar­tin Scor­se­se Kino. Micha­el Ball­haus hat vor eini­gen Jah­ren in einem Inter­view mit dem baye­ri­schen Rund­funk erzählt wie auf­ge­regt Scor­se­se vor „The Depar­ted“ war, als er erfuhr, dass er nun mit Jack Nichol­son zusam­men­ar­bei­ten wür­de. Unab­hän­gig von sei­nen letzt­li­chen Wer­ken muss Mar­tin Scor­se­se wei­ter­hin ein Vor­bild für jeden Fil­me­ma­cher sein. Die Art und Wei­se in der er sei­ne künst­le­ri­sche Inte­gri­tät inner­halb eines zer­fres­sen­den Sys­tems bewahrt, in der er für das Kino an sich ein­steht und eine unheim­li­che Viel­falt an Wer­ken und Pro­jek­ten rea­li­sie­ren konn­te, die unschul­di­ge Lie­be zum Medi­um und die boden­stän­di­ge Suche nach den bes­ten Mög­lich­kei­ten Kino zu machen, sind ein­zig­ar­tig. Dabei behält sich Scor­se­se einen ganz eige­nen Ehren­ko­dex bei und das ist der des Kinos selbst. Viel­leicht ist man­ches davon geschickt kon­stru­iert, aber den­noch bleibt er ein Vor­bild.  
Enden möch­te ich den Ein­trag mit einer wei­te­ren Figur im Kino von Mar­tin Scor­se­se. Sei­ner Mut­ter. Wer die­ser Frau in „Ita­lian­ame­ri­can“ beim Kochen zuge­se­hen hat und sie dabei beob­ach­tet hat wie sie den Gangs­tern in „Good­fel­las“ Essen macht und wer ihr beim Reden zuge­hört hat, wer sie immer wie­der in den Fil­men von Scor­se­se gese­hen hat, der weiß, dass Cathe­ri­ne Scor­se­se Aus­druck der Per­sön­lich­keit, des Rea­lis­mus­stre­bens, der Ein­fach­heit und Ehr­lich­keit genau­so ist, wie des Unter­hal­tungs­drangs, des freu­di­gen Wahn­sinns und der Mas­sen­lie­be in den Fil­men eines der größ­ten Regis­seu­re in der Geschich­te des Films.
und wei­ter gehts: