Europa Erzählen: Über das Gehen und den Alkohol in Christian Schochers Reisender Krieger

Das Gehen ist, neben Geld und Geschich­te, eines der Moti­ve der der­zei­ti­gen Film­schau Europa Erzäh­len im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um. Wie Patrick und Ich im Inter­view mit Alex­an­der Hor­wath fest­stel­len konn­ten, wur­den die­se Moti­ve nicht aus der Lust her­aus gebo­ren, Fil­me zu schub­la­di­sie­ren (im Sin­ne eines ver­ein­fach­ten Kura­tie­rens), son­dern sie haben sich sozu­sa­gen orga­nisch aus der Film­aus­wahl und aus der Lust am Text, am Sprach­spiel erge­ben. Ich ten­die­re den­noch dazu das Gehen in einer euro­päi­schen Erzähl­tra­di­ti­on zu lesen – einer­seits ist das mei­ner lite­ra­tur- und kul­tur­his­to­ri­schen Per­spek­ti­ve geschul­det: das Gehen als lite­ra­ri­sche Tra­di­ti­on ver­kör­pert durch den Spa­zier­gän­ger und den Fla­neur (wobei das Feh­len der Spa­zier­gän­ge­rin und des weib­li­chen Fla­neurs in der Moder­ne mar­kant auf­fällt, jedoch nicht ver­wun­dert, wenn man sich den Begriff „Bord­stein­schwal­be“ in Erin­ne­rung ruft und auch bedenkt, dass Kinos – und somit auch der Weg dort­hin – einen der ers­ten öffent­lich Orte für Frau­en ohne männ­li­che Beglei­tung gebo­ten haben); ande­rer­seits liegt das an rezen­ten Medi­en­bil­dern von zu Fuß rei­sen­den Migrant_​innen, wel­che auf der sog. Bal­kan­rou­te auf­ge­nom­men wur­den und die EU vor die mora­li­sche und poli­ti­sche Fra­ge stellt(e), wie man die Flie­hen­den Will­kom­men heißt. Und schließ­lich den­ke ich, anknüp­fend an Bazin, an ein Gehen um des Gehens wil­len, das eng mit dem ver­knüpft ist, was man als Ästhe­tik eines (neo‑, sur‑, super‑, hyper-) rea­lis­ti­schen Kino bezeich­nen möch­te: Die Zei­chen­haf­tig­keit des Gehens, wie man sie oft im Abspann des klas­si­schen Hol­ly­wood-Kinos sieht, wird zuguns­ten einer Geh­be­we­gung auf­ge­ho­ben, die kon­kre­te Eigen­schaf­ten besitzt, wel­che erst im kine­ma­to­gra­fi­schen Gefü­ge von Zeit und Raum her­vor­ge­bracht werden.

Rei­sen­der Krie­ger von Chris­ti­an Scho­ch­er klei­det sich, dem Zeit­geist der frü­hen 1980er ent­spre­chend, schein­bar in das Gewand eines Road­mo­vies, obwohl er eigent­lich eine Odys­see ist – aller­dings ohne sich mit Refe­ren­zen auf­zu­drän­gen. Man sieht zu Beginn eine Tota­le der Wohn­in­sel Weber­müh­le, dann Stra­ßen, Stre­cken, Ver­kehrs­zei­chen, Auto­bahn­rast­stät­ten, Durch­fahr­ten, Tun­nel, Brü­cken, Autos, eine Viel­zahl von Begeg­nun­gen in Kauf­häu­sern, Salons, Knei­pen und schließ­lich wie­der die Tota­le der Wohn­in­sel Weber­müh­le. Doch was man mei­ner Erin­ne­rung nach sehr sel­ten sieht, sind die fah­ren­den Per­so­nen im Auto. Das Auto, ein klei­ner, schnit­ti­ger schwar­zer Renault mit der Auf­schrift Blue Eye (der Name der Kos­me­tik­fir­ma, für die Krie­ger arbei­tet) und einem Zür­cher Kenn­zei­chen ist oft im Bild, fah­rend und war­tend. Es ist ein Zei­chen für das Unter­wegs­sein, ähn­lich ande­ren (Raum)Schiff-Aufnahmen im Kino, die Zei­chen für Irr­fahr­ten sind.

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Dar­über hin­aus erlangt das Auto als (inter­ner und exter­ner) Schau­platz ‚zwi­schen-männ­li­cher Bezie­hun­gen‘ Bedeu­tung: zum einen durch den Almöhi-Hip­pie, der Krie­ger zum Schmu­sen über­re­den will und dabei dem ans Fahr­zeug Gelehn­ten auf die Pel­le rückt, indem er einen Fuß auf dem Auto abstellt, sodass Krie­ger fast voll­stän­dig umzir­kelt ist: Das Auto im Rücken, den Hip­pie vor und neben sich. Zum ande­ren durch Jür­gen, den deut­schen Tromm­ler, der eben­falls einen Nar­ren an dem betrun­ke­nen Kos­me­tik­ver­tre­ter gefres­sen hat, ihm durch das Zür­cher Nacht­le­ben folgt und ihn schließ­lich nach Hau­se fah­ren darf (die­se Begeg­nung wird als Wand­lung des Topos des Ver­lo­re­nen Soh­nes gele­sen: „Bring mich heim, Bub“). Wäh­rend der Heim­fahrt ent­wi­ckelt sich eine der inti­men Sze­nen, die im Film so oft ange­schnit­ten, doch nie aus­agiert wer­den. Jür­gen fährt, Krie­ger sitzt dane­ben, die Ziga­ret­te in der Hand, die Füße auf dem Ama­tu­ren­brett. Man sieht bei­de von der Rück­bank aus. Sie fan­gen an zu sin­gen: „Som­be­bo­dy loves me – I won­der why (who)?“

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Abge­se­hen davon, sieht man Krie­ger sehr oft gehend. Sein Gang hat eine spe­zi­fi­sche Qua­li­tät – weit aus­schrei­tend gegen den eisi­gen Wind in Beglei­tung sei­nes Kol­le­gen, ziel­stre­big bei Rot über die Ampel, tas­tend im Zim­mer der Bau­ern­fa­mi­lie, betrun­ken mit Jür­gen und wie­der betrun­ken auf der Stra­ße tor­kelnd und dabei einen Don Qui­cho­te-arti­gen Wider­streit gegen die Autos füh­rend bzw. wenn man sich an die Odys­see hal­ten möch­te, gegen die Sturm­flut des Posei­don.

Alex­an­der Hor­wath nennt letz­te­re in einem Essay über Chris­ti­an Scho­ch­er die „inten­sivs­te Sequenz“ des Films: „[Krie­ger] steigt bei fins­te­rer Nacht eine Stra­ße hin­auf, mit­ten auf der Fahr­bahn. Immer wie­der wird das Bild völ­lig schwarz. Krie­ger schreit „Licht!“, weil er an sei­ne Gren­ze gelangt ist und die Film­ap­pa­ra­tur an die ihre. Ein Auto­schein­wer­fer ant­wor­tet ihm „in der Geschich­te“ und der Kame­ra drau­ßen in ihrer Auf­nah­me­not. Ein röh­ren­der Glo­cken­klang setzt ein, Krie­ger wankt wei­ter, das Schein­wer­fer­licht zeigt sche­men­haft eine Kir­che, er rüt­telt an der Tür, wie­der zwan­zig Sekun­den Fins­ter­nis. In die­ser Sze­ne kommt das Exis­ten­ti­el­le an Krie­gers Situa­ti­on und das Exis­ten­ti­el­le an Scho­ch­ers Kino zu hoher Syn­chro­ni­zi­tät. Es ent­steht der Ein­druck blank gescheu­er­ter fil­mi­scher Wahrheit.“

Die­ser exis­ten­ti­el­le Effekt schreibt sich nicht nur in das Mate­ri­al und die Ästhe­tik ein, son­dern auch in die Figur Krie­gers. Die char­man­te Lar­moy­anz, die er zu Beginn der Arbeits­wo­che an den Tag legt – sein Stan­dard­satz zum Blue Dream Par­füm lau­tet auf schwy­zer­dit­sch „Eso schmeckts dä Win­ter i dr Schwyz“ – brö­ckelt von Sta­ti­on zu Sta­ti­on, von einem ver­trun­ke­nen Abend zum ande­ren. In Bruch­stü­cken erfährt man wei­te­re Bruch­stü­cke des Cha­rak­ters Krie­gers, der vom Lai­en­dar­stel­ler Wil­ly Zieg­ler dar­ge­stellt wird. Angeb­lich spie­le die­ser nur sich selbst, doch ange­sichts der teils deut­li­chen Cha­rak­te­ri­sie­run­gen möch­te man ihm abseits sei­ner fas­zi­nie­ren­den Phy­sio­gno­mie hohes Schau­spiel­ta­lent zuspre­chen oder zumin­dest eine hohe Affi­ni­tät im Umgang mit der Kame­ra­si­tua­ti­on. Mit sei­nem ele­gan­ten Anzug, dem Trench­coat und dem dau­er­ge­well­ten Afrolöck­chen, passt er optisch so gut in sei­ne Umwelt wie er aus die­ser hin­aus­fällt. Das Hin­aus­fal­len bewir­ken ins­be­son­de­re sei­ne gro­ßen, oft als trau­rig bezeich­ne­ten, von dunk­len Rin­gen und tie­fen Trä­nen­sä­cken umfurch­ten Augen. Anfangs scheint die­ser Krie­ger klar umris­sen zu sein – ein Ver­tre­ter auf Rei­sen, ohne beson­de­res Ver­kaufs­ta­lent, ohne Lei­den­schaft bei der Arbeit. Doch dann ent­glei­ten ihm Gesichts­aus­drü­cke (das ers­te Augen­ver­dre­hen in der ers­ten Knei­pen­sze­ne wegen des betrun­ke­nen Rockers), er raucht zu viel, sei­ne Haa­re ver­ra­ten Eitel­keit, sei­ne Hal­tung Ein­sam­keit, Distan­ziert­heit. Er ist ein Beob­ach­ter – ein Voy­eur glei­cher­ma­ßen wie ein Voy­a­ge­ur, wie Kars­ten Wit­te in sei­ner zeit­ge­nös­si­schen Film­kri­tik tref­fend bemerkt. Im Gespräch mit sei­nem Kol­le­gen lässt ein Neben­satz auf­hor­chen: Krie­ger war bei der Frem­den­le­gi­on im Alge­ri­en­krieg. Krie­ger war Krie­ger. Ist er es noch?

Kämp­fen möch­te er um sei­ne Arbeit, die ihm und sei­ner Frau (die man nie sieht) anschei­nend ein sorg­lo­ses Leben ermög­licht. Des­halb wird der sonst so sanft­mü­ti­ge Krie­ger am Tele­fon mit sei­ner Fir­ma erst­mals laut, des­halb stürmt er spä­ter erfolg­los durch das Büro und des­halb schmeißt er am Mor­gen nach der ver­sof­fe­nen Nacht mit Jür­gen die lee­re Fla­sche gegen das Ein­gangs­por­tal der Fir­ma Blue Eye.

Kurz nach­dem er sich gewahr wird, dass sein bis­he­ri­ger Lebens­stil in Gefahr ist, hat er sei­nen ers­ten, stil­len Absturz. Der Mor­gen danach zeigt Krie­ger beim Auf­ste­hen, Baden, Rasie­ren, Par­fü­mie­ren, sich wie­der in eine reprä­sen­ta­ble Form Pres­sen. Die Fri­seu­rin, mit der er anschlie­ßend Cham­pa­gner trinkt, kann er aller­dings nicht täu­schen. Müde sähe er aus, aus­ge­brannt. Bei der „Arsch­lochig­keit der Welt“ auch kein Wun­der, befin­det sie zum Abschluss, nach­dem sie Krie­gers Leben in einer des­il­lu­sio­nier­ten Tira­de kri­ti­siert hat. Dar­auf­hin sieht man ihn in der oben beschrie­be­nen Sze­ne auf der Stra­ße wan­ken und nach einem har­ten Schnitt mit­ten in einer ver­schnei­ten alpi­nen Gegend im Auto auf­wa­chen. Krie­gers anfangs ziel­ge­rich­te­tes Gehen und Fah­ren wird immer ziel­lo­ser. Grund dafür ist immer wie­der der Alko­hol. An sei­nem letz­ten Abend ver­schlägt es ihn von einer Knei­pe in die ande­re, stän­dig wird er dabei von Jür­gen (dem spä­te­ren BAP Schlag­zeu­ger) ver­folgt. Er tanzt in einer Bar und schla­wen­zelt spä­ter streit­lus­tig um eine Grup­pe Ara­ber her­um, mit denen er sich auf­grund inkor­po­rier­ter Res­sen­ti­ments prü­geln möch­te (er kämpf­te wohl auf fran­zö­si­scher Sei­te). Wie ein Pen­del schwankt er zwi­schen Jür­gen, der ihn fort­zie­hen möch­te, und dem poten­ti­el­len Kampf hin und her. Müde, aus­ge­brannt, betrun­ken, aber eher bereit für die Rau­fe­rei als für das Heim­keh­ren. Am Ende kann er dann nicht mehr fah­ren, sein Schiff/​Auto muss von Jür­gen gesteu­ert wer­den, der ihn zurück in den Hei­mat­ha­fen der Wohn­in­sel Weber­müh­le chauf­fiert. Als letz­tes Bild sieht man wie­der die Tota­le des Wohn­blocks, der Film schließt die Tür vor dem Pri­va­ten, die Fra­ge nach Pene­lo­pe stellt sich nur im Kopf. Und dabei wäre es bereits ent­lar­vend gewe­sen zu sehen, wie Krie­ger sei­ne Woh­nung betritt: tas­tend, wan­kend, abwar­tend oder ziel­si­cher und bestimmt – ?

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