Die unwirkliche Wucht des Remco Evenepoel: Lüttich-Bastogne-Lüttich 2022

Was die TV-Übertragungen von Radrennen besonders ansprechend und gleichermaßen absurd macht, sind all die für den Sport essentiellen Aspekte, die die Kameras nicht einfangen können. Das Unfilmbare, Nur-Erzählbare des Sports. Diejenigen, wortwörtlichen Elemente, die die sowieso schon geradezu lächerlich passive Position des Betrachters im Angesicht des auf den Bildschirmen flimmernden Leidens noch weiter von den Sportlern entfernt. Dazu gehören der Wind (den man nur in extremeren Ausprägungen anhand sich bewegender Bäume sehen kann), die Steilheit der Straßen (der Begriff „False flat“ zeigt, dass hier nicht nur das Kameraauge getäuscht werden kann), Hunger, Durst, Dreck, der Geruch nach Pisse (der sich entleerenden Fahrer) und Dung (vom Straßenrand), das Laktat (man sieht es nicht) sowie all jene Geschichten, die den Kameras entgehen, weil sie sich zu weit hinten oder zwischen den Ereignissen abspielen.

Die diesjährige Austragung von Lüttich-Bastogne-Lüttich, La Doyenne wie das seit 1892 ausgetragene Rennen mehr liebevoll als demütig genannt wird, steckte voller solcher, für die Heimzuschauer unsichtbarer Wesenszüge. Als der spätere Sieger Remco Evenepoel, der pausbackene, blondschopfige Goldjunge des belgischen Radsports, im Ziel vom Gegenwind erzählte, klang das fast wie eine Mär. Zum einen war praktisch während der gesamten Übertragung nichts von diesem Wind zu sehen, zum anderen wuchtete er sich durch selbigen, als wäre da nichts außer die schiere Kraft der Beine und des Willens. Während des Rennens nannten die Kommentaren unentwegt die zurückgelegten Höhenmeter, ganz einfach deshalb, weil man sie mit bloßem Auge nicht wahrnehmen kann.

Eine andere Unsichtbarkeit des Rennens war besorgniserregender. Ein heftiger Sturz, der das halbe Peleton auf einer enorm schnellen, leicht abfallenden Passage zu Fall brachte, forderte einige Opfer und schlimme Verletzungen. Mit betroffen war Julian Alaphilippe, der die Frühjahrssaison bereits im März mit einem spektakulären, glimpflicher verlaufenden Sturz einläutete. Er stürzte gegen einen Baum und zog sich einige schlimme Verletzungen zu, die auch seine Lunge beeinträchtigten. Ein unscharfes Helikopterbild, das den besorgten Romain Bardet (der eigentlich für ein anderes Team fährt und sich derart seiner Chancen beraubte, um den Sieg zu fahren) zeigt, wie er versucht seinem auf dem Boden liegenden Kollegen zu helfen, gehört zugleich zu den wichtigeren wie schockierenderen des bisherigen Jahres. Dies waren die einzigen Bilder Alaphilippes und erst die Berichte über seinen einigermaßen stabilen Zustand ermöglichten eine erneute Konzentration auf das Rennen.

Lüttich-Bastogne-Lüttich ist ein trügerisches Rennen. Im Gegensatz zu anderen Horten großen europäischen Radsports wie die Kopfsteinpflaster in Flandern oder Nordfrankreich, die Serpentinen der Alpen oder die schmalen Ziegenpfade der Pyrenäen, wirkt der Parcours im Kirschblütenlicht eines gemäßigten Aprils geradezu freundlich. Die Wallonen an der Strecke haben sich längst nicht dem gleichen Flaggenkult verschrieben, wie ihre löwenschwenkenden Nachbarn aus Flandern. Sie applaudieren brav und begeistern sich, natürlich umso mehr, wenn, wie in diesem Jahr, zum ersten Mal seit Joseph Bruyère, Freddy Maertens und Frans Verbeeck 1976 drei Belgier auf dem Podium landeten, aber außer einiger ins Bild gehaltener, nackter Ärsche und dem inzwischen obligatorischen Klimaaktivisten, der es wieder schaffte, hinter dem Sieger über die Ziellinie zu laufen, wirkte das Rennen geradezu zahm. Selbst die am Streckenrand aufgeschreckten Pferde, Alpakas und Kühe wirken entspannt in ihrer Panik.

Obwohl die Belgier seit Philippe Gilberts Siegesfahrt 2011 nun 11 Jahre warten mussten bis sie wieder einen (und dann gleich drei) ihrer nationalen Vertreter auf dem Podest bejubeln konnten, haftet dem Rennen ein lokalerer Geschmack an, als anderen Eintagesrennen. Es gibt weniger Pilger, die quer über den Kontinent reisen, um an den Côtes zu stehen, als an den Pavés, Hellingen oder Alpenpässen. Gilbert übrigens fuhr dieses Jahr sein letztes Lüttich-Bastogne-Lüttich. Die legendäre Côte de La Redoute, die dieses Jahr, dazu gleich, noch legendärer wurde, als sie es ohnehin schon ist, war wie jährlich vollgeschrieben mit dem Namen dieses großen Radsportlers.
Phil
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Phil ein ganzer Anstieg lang, ein Name, der sich in diese Straßen geschrieben hat, sodass man jedesmal, wenn man ihn ausspricht, ein Stück näher an das Ende der Straße gelangt. Man kann nur ahnen, was Gilbert, der in der Region geboren ist, durch den Kopf ging, als er derart verabschiedet wurde (er beendete das Rennen auf Rang 46 und in der Ewigkeit zugleich).

Weiter vorne hatte Evenepoel in die Pedale getreten, als wäre in ihnen all die Ungerechtigkeit der Welt verborgen. Er presste den auf ihm liegenden Druck aus en Oberschenkeln. Er stampfte mit der Wucht einer Dampflock, sodass man fürchten musste, sein Rad könne jederzeit in zwei Teile brechen. Die heroisch kämpfenden Streiter der ehemaligen Ausreißergruppe (insbesondere Bruno Amirail, der es tatsächlich noch unter den besten Zwanzig ins Ziel schaffte), die Evenepoel aufklaubte wie von den Bäumen gefallene Kastanien, zerbrachen an seinem Hinterrad in tausend Teile. Evenepoel blieb über 257,2 Kilometer in seinem Sattel sitzen, nur einmal, als er seine entscheidende Attacke über die Kuppe eben jener Côte de La Redoute (1,6km, Durchschnittsteigung 9,5 %, Maximalsteigung 22 %) setzte, erhob er sich mit solchem Aplomb aus dem Sattel, das sein Rad ihm und der Straße und der ganzen Physik menschlicher Leistungsfähigkeit zu entgleiten drohte.

Alle anderen platzen auf wie reifes Springkraut. Niemand konnte sein Hinterrad halten. Nicht die großen Kletterer, die sich immer etwas ausrechnen bei diesem letzten der Frühjahrsklassiker, nicht Superstar Wout van Aert, nicht einer aus dem Starensemble des Teams Bahrain – Victorious, die zuvor in einer Serie beinahe ulkiger Dauerattacken (Mikel „Hans“ Landa tänzelte kilometerlang vor dem Feld und bewies damit, dass man auch ironisch radfahren kann, postmodern gewissermaßen, nur so tuend, als ob, aber doch dadurch tuend) das Feld dezimierten. Selten ist es Fahrern gelungen eine Attacke an der Redoute, ins Ziel zu bringen. Sie ist ein Hügel der Vorentscheidung und nicht der Entscheidung. Dieses Jahr war alles anders, vielleicht auch wegen des Gegenwinds, den man nicht sah, aber spüren musste. Vor allem aber wegen Evenepoel, der bewies, dass man stampfend fliegen kann.

Während der Siegerehrung sang Evenepoel die belgische Nationalhymne neben seinen zwei stummbleibenden Landsmännern (Überraschungszweiter Quinten Hermans sowie van Aert, der seine eindrucksvolle Top-10-Serie bei Klassikern fortsetzt) auf dem Podium stehend so innbrünstig mit, dass van Aert sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Evenepoel besitzt die Ausstrahlung alter Volkshelden. Die Marketingleiter von Suppenfirmen wären dumm, wenn sie ihn nicht sofort unter Vertrag nähmen. Auf dem Weg zum Fußballprofi hat sich dieser erst 22jährige Komet, dessen Vater Patrick bereits Radsportler war, für die Straße entschieden. Kein Versprechen leuchtet derzeit heller am Radsporthimmel und obwohl er 2020 während der Lombardei-Rundfahrt ähnlich wie sein Teamkollege Alaphilippe in diesem Rennen, schwer stürzte und sich das Becken brach (die Bilder seines regungslosen Körpers am Fuße einer Böschung gehören zu jenen filmbaren Aspekten des Sports, die ihn allerdings nicht näher an die Zuschauer bringen, sondern verstärkt unwirklich erscheinen lassen), scheint sein Weg in den Radsportolymp vorgezeichnet. Wenn man Vorschusslorbeeren essen könnte, wäre Evenepoel bereits geplatzt. Mit diesem Triumph bei seinem Debüt bei Lüttich-Bastogne-Lüttich allerdings löst er ein erstes, großes Versprechen ein. Man darf gespannt sein, was das mit ihm macht.

Das Frühjahr hat jedenfalls gezeigt, dass die problematische, aber berauschende Unwirklichkeit der Nullerjahre zurück in den Sport gekehrt ist. Waren es damals Bergsprints zwischen Alberto Contador und Michael Rasmussen, sind es heute einige titanenhafte Überfahrer wie van Aert, Mathieu van der Poel, Evenepoel oder Tadej Pogačar (der als Vorjahressieger aufgrund eines Trauerfalls in der Familie nicht starten konnte in Lüttich), die die Vorstellung des Machbaren ausreizen. Gleichzeitig haben diese Fahrer erstaunlich selten gewonnen in diesem Frühjahr. Sie kämpfen (noch) mit der Wirklichkeit. Die einschlafenden Beine van Aerts im Finale dieses Rennens, das gesenkte Haupt van der Poels vergangene Woche in Roubaix, der wackelnde Körper Pogačars an der Mur de Huy, all das zeigt, dass Menschlichkeit und Wirklichkeit existieren, gerade dort, wo man sie nicht erwarten oder sehen kann.

There Is No Sea In Roubaix: Paris-Roubaix 2022

(Text: Victor Morozov)

“The success of the race was so, that the organisers announced by megaphone that Paris-Roubaix would be held annually, and would take place at Easter, on a fixed date”. Quite a lot has happened in the period separating us from the moment when these words were spoken, some 130 years back. Most of it is now lost in the dust of the cobbles, or treasured in the shaded memories of our fathers and grandfathers. Some of it can still be found in a series of literary works on sport, such as Pierre Chany’s magnificent La fabuleuse histoire du cyclisme, where I stumbled upon this idealistic quotation. As time goes by, causing the dust to be lifted year after year by the stampede of wheels rushing towards a small town in the North, it is these few books that become the passeurs, in the sense that Serge Daney envisioned it – they pass memory, history, and some of the joys, sorrows, and passions that those times were composed of, on to the next generations, hoping someone will still be there to receive the message and keep the flame alight.

There’s a sense of bittersweet melancholy in the town of Roubaix. It is the kind of melancholy that each post-industrial settlement is familiar with, once it is left to feed off its working-class past, as fleeting as the smoke of the last furnace to close. It surrounds you early on, as soon as you get off the subway at the Eurotéléport station. This name has fascinated me since I first discovered Roubaix by foot, some six months ago, during the most epic race edition in recent memory. As if the city administration had merged several nostalgic meanings into a barbaric word that needs to be experienced like a televised clip from the nineties about a European harbour nowhere to be found. Could this feeling of having finally reached the end of the world be encompassed in this strange name, with its resonance of faraway dreams? There is no sea in Roubaix, and the town, for all its centrality on the continent, seems somehow disconnected from the massive flows of goods operating all around, starting in the neighbouring Lille and the Belgian lande that lies, flat and devoid of a recent past, right beyond the margins of the town.

Roubaix is so heavy with memories belonging to the last century – from factories to organised crime – that this acceleration of History, to the point where it becomes invisible for the human eye, left the town in awe, scrambling for its glorious days, when Émile Zola could sit at the railway station and write down the train schedule… I arrived in Roubaix knowing what everybody knows – that it is a frontrunner of sorts as far as French urban poverty is concerned –, and was willing to discover what everybody seemed to forget. I knew Roubaix from when I used to watch, during high school, Arnaud Desplechin’s autobiographic films: back then, “Roubaix” felt like a silky texture, which quite inevitably alluded to a place where dawns are mellow and youth is free. (Since then I revised my enthusiastic judgment on Desplechin’s Trois souvenirs de ma jeunesse, but this vintage aura of his still gets me as soon as I begin to remember.)

Paris-Roubaix is more than a cycling event: it’s common knowledge. It stems from the story of accelerated economic growth, when a town like Roubaix could only go on the up and up, boosted, among other things, by the great inventions of the fin-de-siècle: the bicycle and the cinema, which could only appeal, for their different practicalities, to the worker. It comes as no surprise, then, that the first movie in history should present the vignette of workers leaving the factory, some of them accompanied by their cheap and efficient two-wheel means of transport.

When Dylan van Baarle from Team Ineos Grenadiers entered the Roubaix velodrome – the sports venue that prompted entrepreneurs Théodore Vienne and Maurice Perez to initiate the famous race –, it’s fair to assume he wasn’t carrying the burden of these melancholic thoughts on his lightweight Pinarello model. I believe that, if he – or anybody else, really – had the time to ponder the inner musicality and contradiction of the word “Eurotéléport”, he wouldn’t feel like racing on the cobbles, for their harshness is nothing like a Western Europe elegy. He would probably just want to take a walk on the quiet streets of Roubaix, in the light of dusk, which happens to be particularly heartbreaking out there, with its cityscape opening up on to nothing. But then I also believe that no one at all – from the spectators to the team staff – really had time to think those thoughts at that moment. The noise of the velodrome – an impetuous wave of shouting and applause and emotion – was simply too powerful. Unlike the Ronde van Vlaanderen, which works its way into your heart like a smooth wavelength of enthusiasm diffused generously through the landscape, on fields and in Flemish cafés, Paris-Roubaix has something of a hot core. What else could this giant TV screen installed by the velodrome – with its live broadcast and its desire to monopolize all attention – scream in our ears, if not the indisputable fact that the true action was taking place right then and there?

Inside the Velodrome (Photo: Victor Morozov)

Taking everything into account, however, Paris-Roubaix does seem like the most beautiful race in the world. Its truth is more simple, more transparent, than any other: some 250 kilometres of racing on flat terrain, and that’s it. No artifice – just the sun and the dust, or (if luckier) the rain and the mud. The legs decide who will win. Yet for all this apparent rawness of the mise en scène, no other race has ever embraced so eagerly the myth of the leader, the heroization of the contenders, the epic challenge of the itinerary. The race is hellish, and looking at Pauline Ballet’s or James Startt’s photos from the finish area – faces worn out by physical effort, relieved that it is over –, it does look like the perfect setting for the most basic and universal form of art: one that emphasizes suffering, shattered boundaries of the human body, and the virtue of never ending battle, as if Homer’s heroes were suddenly alive again.

I had been waiting for six months, since that wet, slippery, dangerous edition of Paris-Roubaix, to attain once again that kind of intensity. This Easter edition – the French presidential election oblige – did not disappoint. Never had a plain stage caused more trouble – accidents, innumerable punctures, folded wheels, as if they suddenly became liquid (Wout Van Aert and Christophe Laporte). Yves Lampaert’s mishap, following a slight touch with the arm of a spectator, less than seven kilometres before the finish line, proved once again how cruel cycling can be. I kept rewinding the footage of his acrobatic fall, as he was in second place, watching it in slow motion, decomposing the movement like I was some kind of a cinema pioneer. That body of his suddenly felt very vulnerable as it touched the ground in a fraction of a second, after maintaining the posture of the half-human-half-machine creature for hours on end.

And there he was, reaching vainly for balance, then hitting the ground in the most spectacular of manner, with a gesture so fluid, so helpless, only capable of leaving me in breathless admiration and deep regret. When he finally entered the velodrome (in tenth place), the crowd kept cheering: “Yves! Yves! Yves!”, as a sign of deep recognition: it was a human body that had been put to the test, while up until that point in the race it was the machine, with its more-than-perfect mechanisms, that kept failing.

A final word of appreciation for van Baarle’s deserved win. As Lampaert’s fall summarized a catastrophic spring campaign for Patrick Lefevere’s Wolfpack, so van Baarle, placing almost two minutes between him and Van Aert’s second place, was crowned after a brilliant stint of results at the Classics for his team. As the French say, van Baarle comes from afar – a revenant of sorts. Before taking second in De Ronde two weeks ago, he had been present at the start in Compiègne last October. Yet he reached the finish line outside the time limit, the last one to do so.

I left the Centre de sport municipal, the venue where the velodrome is located. I sat down on a bench on a square, watching kids play football. Paris-Roubaix already belonged to the past. It was unclear whether the melancholy was indeed mine, because the town was now a witness of what the 20th century had been, or ours, because the paved classics season had once again come to an end. The dust had covered the cobbles. It was all quiet on the old country roads.

Émplastron

Das Ende der Welt: Auf der Unterseite tausender im Boden versunkener Pflastersteine laben sich kleine Würmer, friedlich und feucht. Sie werden erweckt von einem Zittern, einem anschwellenden Rumoren. Es kommt einmal im Jahr, sie kennen es schon, aber haben es vergessen. Sie vergessen zu schnell, diese Würmer. Hunderte Räder, das Tosen der Menge, ein Sonntag im April, in der Hölle. Die Würmer flüchten schnell. Tiefer, tiefer in die Erde, nur weg von diesen Steinen.

Die Körper der Menschen sind nicht für diese Straßen gebaut. Auch sie zittern. Sie zittern wie die Steine. Die Lippen werden rissig vom aufwirbelnden Staub. Wenn die Sieger im Ziel ihre Partner küssen, schmeckt alles nach Erde. Sie schmecken nichts. Nur das Leiden und den Stolz, es überstanden zu haben. Vielleicht auch ein wenig Dankbarkeit, aber sie haben vergessen für was.

Es ist lächerlich, im Angesicht der Liebe und des Schmerzes auf ein Rad zu steigen, um schneller über Kopfsteinpflaster zu fahren als andere. Aber für die, die es tun, gibt es da keinen Unterschied zwischen der Liebe, dem Schmerz und diesem Kopfsteinpflaster. Das muss man akzeptieren, bei all dem Pathos.

Wer es nicht akzeptiert, sieht nur Staub und alte Straßen im Nichts.

Es ist keine Zeit für Helden. Es muss andere Worte geben. Nur Muskeln und Material am Rand des Möglichen. Ein Test der Sinne. Der Geruch: Frühlingsfelder, Asphalt, Bremsbelag, das billige Dosenbier derer, die die Felder der Bauern zertrampeln für drei Sekunden Schweißgeruch. Der Geschmack: Geschichte, die unwichtige Geschichte, aber Geschichte. Das Hören: Schreie, Quietschen, Rauschen, das Krachen zerbrechender Gabeln, der Ruf nach der Geschichte, nach ein wenig Würde im Schlamm, nach ein bisschen Gerechtigkeit in der Lotterie des Lebens und dieser Straßen. Das Fühlen: der frische Wind, die erste Sonne, ein paar Tropfen Dreck auf der Wange, die aufgeschürften Knie, die gebrochenen Schlüsselbeine, die ausgetrockneten Lippen. Das Sehen: nichts mehr, rein gar nichts mehr, nur Schwarz vor den Augen.

Diese Steine, Pavé sagen die Einheimischen, sind grau, blau, braun oder schwarz. Es kommt darauf an wie man sich fühlt, wenn man über sie fährt.

Das alles bedeutet nichts. Es ist der gemeinsame Traum einiger Unverbesserlicher. Manche von ihnen gehen auf der Strecke verloren. Wenn sie am Ziel ankommen, sind die Tore bereits verschlossen. Niemand wartet auf sie.

Im Wald von Arenberg führt eine 2400m lange Schneise zu diesem Ende der Welt. Jean Stablinski hatte diesen Weg entdeckt. Er arbeitete einige Kilometer entfernt in einem Bergwerk. Man weiß, dass er der einzige Fahrer war, der diesen Weg sowohl über als auch unter der Erde zurücklegte. Im Himmel und in der Hölle. Seine Mutter hasste, dass er mit dem Rad fuhr. Sie zertrümmerte seinen Lenker, vergeblich.

„Wenn du mit dem Aufzug 500 Meter tief unter die Erde fährst, weißt du nicht, ob du jemals wieder nach oben kommst. In Arenberg ist es ähnlich. Aber du darfst darüber nicht nachdenken, denn sonst fährst du nicht weiter.“ (Stablinski)

Es gibt keinen Gott, es gibt nur Glück und Material und Lungenvolumen. Manche helfen nach, manche steigen ab.

Die eingangs frischgeölten Ketten haben nur eines im Sinn. Sie wollen abspringen, sich abseilen, das alles hinter sich lassen. Manche werden in Roubaix von den Rädern montiert wie ausgeleierte Saiten einer zerbrochenen Gitarre. Manche schwören, dass sie dampfen, auch wenn Ketten gar nicht dampfen können. Das Öl sickert in die Erde zu den Kohleresten und verschreckten Würmern.

Auch die, die unter der Erde verschüttet wurden, erwachen an diesem Sonntag und wohnen dem Spektakel bei. Man sagt, dass sie den Ausgang beeinflussen. Dann rutscht wieder ein Vorderrad weg, als wäre da nur Luft und nicht diese alten, furchterregenden Steine.

Allerdings gibt es die, die es leicht aussehen lassen. Sie schweben über den Asphalt. Sie verstehen, dass man mit dem Pflaster umgehen muss wie mit einem Hund. Man darf keine Angst haben, man darf nicht angsteinflößend sein. Es ist eine Harmonie, die aus gegenseitigem Vertrauen erwächst.

Man sagt, dass die gewinnen, die sich besonders gut verstecken können. Man sagt, dass die gewinnen, die immer vorne fahren. Man sagt, dass die gewinnen, die am meisten Kraft haben. Man sagt, dass die gewinnen, die am meisten Glück haben.

Die Sieger erhalten, welch Hohn, einen Pflasterstein. Trotzdem weinen sie fast immer vor Glück, weil dieser Stein so schön ist.

Wenn alles vorbei ist, dauert es Tage bis sich die Würmer wieder an die Steine kuscheln. Aber sie können sich nicht helfen. Da sind die Würmer wie die Menschen, die ebenso einige Monate später wieder mit ihren dünnen Reifen über diese Straßen fahren, die dafür nicht gebaut sind.

Ronde van Vlaanderen 2022: Flemish at Heart

(Text: Victor Morozov)

The absurdity of watching a cycling race by the road can only be grasped after the passage of the last rider. How long did it take? Twenty seconds, maybe. Then they are gone: a moving tapestry of flashy colours, lines, and dots disappearing around the corner. All you have left – for evidence – is perhaps a shaky video or a blurry photo and, in any case, the sensation of being sandwiched against the protection fence by those whom you suddenly feel a kinship with. The crowd quickly disperses, each one going his or her way. What was that all about? A question not to be asked on such occasions; for with road cycling, as with love, we tend to be driven by passion, acting irrationally in search of the mythical precise moment.

I once read a wonderful essay of “cinephile semiology” by film theorist Patrice Blouin, where he stated, in regards to the Tour de France, that “[t]he open field spectator pays for his amateurism with the high price of frustration: hours of waiting for a lightning passage.” This is certainly true in most cases of professional road cycling – as opposed to the “mountain spectator”, who “benefits from a natural effect of slow-motion” –, but not for the Ronde van Vlaanderen. As I was quick to discover by myself, the appeal of the Flemish sea level, with its picturesque small towns and crowded pubs and this well-known desire for cycling – as spectacle, praxis, topic of conversation – is not something you can shrug off without an effort. That’s how I ended up spending the afternoon in Oudenaarde, the finishing location of the race, although I originally meant to reach Koppenberg, one of the decisive climbs of the course. But the prospect of a Kwaremont (6,6%) – the beer, obviously, not the homonymous climb – to be sipped amongst the locals, and the shiny showcase of the De ronde store – a Parthenope of sorts for cycling consumerism – took the better of my intentions to head uphill.

Now, I have to say that back in October 2021, when I watched the Paris-Roubaix finale on the famous velodrome, soaking wet as I was from hours spent in the stubborn rain of the Nord, I realized that these on-site experiences could serve – if certain conditions were met – as pipes filled with sheer emotion flowing in your direction. These conditions, of course, come together under the ideal of a beautiful race, whatever that means. Beautiful, this year’s Ronde surely was. I could already see it coming some hours earlier when, overlooking the fully packed Grote Markt in Antwerp, Florian Vermeersch of Lotto-Soudal blew a ram horn (!) and was answered by his teammates’ haka-like celebration, quickly adopted by the crowd. Yet it’s not the entertainment sequence per se that interests me, nor its charismatic host, Victor Campenaerts, whom I hoped to see up front at the end but didn’t; it’s this simple gesture by which Vermeersch put his horn into his back pocket with a matter-of-fact pose, as if the textile feature had been conceived for this purpose all along.

With the horn placed where gels and bars are usually kept, Vermeersch drove his team off-stage, concluding a moment of interactivity which otherwise contrasted with a monotonous series of riders taking a smooth right turn, waving their hand, then going away. For all its resemblance of principle with televised cycling – the same landscape (open field), gesture (pedaling) and visual shape (peloton) for hours – this presentation could only underline the massive, almost shocking dichotomy between the rider as showman (or, in any case, homme de parole) and the rider as athlete. It was not these fundamental platitudes – “amazing spectators”, “I love this race”, “glad to be here” – which everyone kept saying over and over, amounting to a hypnotizing show of excess, that ultimately intrigued me. It was the superimposition between, say, Pogačar receiving a huge bottle of champagne, and the same Pogačar dominating all the climbs that did, as it lingered in my mind throughout the day in the form of an irreducible montage.

The presentation was more than just glamorous show – it was also a ghostly ceremony, as the name of Wout van Aert, the absent VIP of the race, landed on everyone’s lips, either in dismay or in relief. Yet the men contending for the cobble prize this year seemed determined to outlive his shadow. They rode with particular generosity towards energy waste. Pogačar – who else? – proved capable of changing the rules of the game by himself, storming past the peloton as if on an electric bike. Only Kasper Asgreen, for a brief period, and Mathieu Van der Poel, the revenant, were able to respond. Yet it all got out of hand in the last few hundred meters, after what looked like a perfect collaboration between the two leaders, who controlled the last 30 kilometers at a steady pace. But after all this effort, so intense it made everyone in Oudenaarde’s central square keep silent in awe, Pogačar tried to play it safe: the gratuitous gesture turned into selfishness. It doesn’t take more to invoke the wrath of the gods of cycling. There was this incredible moment when, thanks to the frontal video camera, all notions of perspective became ineffective, and it was suddenly unclear whether the two in front were within reach for the two men who set off in pursuit. As it turned out, the gap had indeed closed in – so much so that Pogačar found himself in the unlikely position of losing both a massive sprint and a tight breakaway. De Ronde was actually testing hybrid vehicles in its own way.

The image of the day was not, however, the one with Pogačar raising his arms in deep frustration, although it did occur almost simultaneously. Indeed, one could make out the silhouette of a man jumping beyond the protection fence and advancing down the road just as the remaining carré des as was sprinting for victory. And if this act became an image, it was not by means of recklessness – what’s this compared to the woman who caused the crash of the entire peloton on the last Tour de France? – but through a sort of poetic reverse shot to the actual race. Of course, the message that was displayed in big capital letters on this man’s chest – CLIMATE JUSTICE NOW – was no news in itself, and it would have probably gone unnoticed in the vicinity of a Formula 1 pit-stop. Yet demanding climate change awareness behind the non-motorized wheels of Van der Poel and the likes suddenly seemed to call for an in-depth examination. This person clearly belonged to another scenario of De Ronde. But he somehow participated in the same global movement of discarding utopias that we experience everywhere now. His message alluded to the end of the dream: we were to go back into the real world, with its wars and its diseases. It was painful, like light bursting into the movie theater at the end of an old classic. Eating a cone of French fries on a pub terrace in Oudenaarde, trying to catch a glimpse of the action as it unfolded on a small TV screen that was obstructed by fans moving all around, I suddenly had the vision of a fleeting moment of beauty that blossomed in the midst of chaos.

Paris-Nice 2022 in a bouquet of highlights (and a bonus)

Text: Victor Morozov

The medium

Cycling was not made for Video on demand. The temptation to skim through the race is too strong, as if denying, through a click, half a century of efforts to take hold of the spectator. Yet perhaps, by diving through the images of races as freely as possible, as I did in the course of the last week, we somehow reach the essence of the cycling event as it was when it all started: loose impressions, bits and pieces. Some glimpses you picked from the newspaper, via majestic thrills that only the purest literature – the one written by storytellers dreaming of epic heroes – can ever produce. Others you glimpsed by the road – the dusty, sloppy road that cut through the fields–, but only if you had it in you, this understanding of the inhuman pain that cycling seemed to stem from. With the arrival of VoD, one no longer depends – as far as cycling matters go – on the unique truth of television (the live broadcast), nor on the unique truth of old-school journalism (the sports column of the morning after). Following years and years of relevance achieved by maintaining an insurmountable gap between those who had access to the race itself, and those who didn’t, is this sport about to lose its media soul, after losing its popular one? Caution is advised. For ultimately, what the erratic mode of VoD watching has to teach us is hardly news: namely, that the fragment, taken out of context, is for show, while the essence of this sport, its unflinching capacity to amaze us, comes from duration. Montage interdit, as a famous film critic wrote.

Timing

These days, Slovenian Primož Roglič is a familiar view in yellow (or red), yet he doesn’t seem to be made from the same implacable material as some older (Coppi, Merckx) or younger (Pogačar) champions we’ve seen. Indeed, you never know with Roglič, and this doubt, this permanent possibility of fallacy, is what makes him so likeable. Roglič does not compete often – few ticks on his calendar –, and, of course, he always sets out to win. But he still gives the impression that each race is a stage too long. (Or too short: perhaps one of the finest moments in cycling from last year was the Olympic time trial race in Tokyo, when he maintained his maddening pace well beyond the finish line – he had won gold –, in a trancelike pose.) This last-minute improvisation from Roglič turns him not only into a sympathetic character – somehow similar to you and me –, but also into a finer showman than average. It’s as if, unlike Pogačar, who has already made it clear he has no regards for the notion of suspense, Roglič was there to make sure it all comes down to the last kilometer.

Bibliophile intermezzo

In the past few years, Guillaume Martin from Cofidis became famous not only as the highest ranking Frenchman on the general classification of the Tour de France (9th of the last edition), but also because he seems particularly adroit with words. At the end of the ITT stage in Paris-Nice this year, he found himself on the podium. Not in his cyclist capacity though, since he only took 57th – “a performance within the usual standards of the discipline”, as he said –, but as a writer for his (already!) second book, „La Société du peloton“.

A man of his words

Back to sport and, to our man Roglič. Because unlike Martin, who has been nicknamed “le vélosophe du peloton”, the Slovenian is much less a spender with his ideas. Understandably, not everyone can match Patrick Lefevere, the ultra-charismatic cycling manager. Yet watching this man talk – and keeping in mind that English might be a barrier –, one cannot help but remember those brilliant athletes whose craft, and indeed artistry, were so intense that they bore no possibility of being put into words. After taking the yellow jersey from Wout van Aert during stage 5, Roglič praised teammate Rohan Dennis as “half human, half motor”. Cut to three days later, after he secured the overall lead in Paris-Nice, and there he is again, describing van Aert with the exact same words about a motorized centaur. He should, however, pay closer attention to his metaphors: there have to be better ways to describe such wonderful a team play than this quasi-Freudian slip. The UCI is known for taking things literally.

From Roglič & Co. to BikeExchange-Jayco

All in all, it was a strange race. There lay an emptiness at its core, with the pandemic, the invasion of Ukraine and the not-so-distant horizon of death being inscribed directly into its course of events. The roads felt ghostly as only 59 riders got to the finish line, and the Course au soleil turned into a rainy battle towards the closest hot shower. The flu took out many riders. For the AG2R-Citroën Team alone, Ben O’Connor, Clément Champoussin, Stan Dewulf, Oliver Naesen and Damien Touzé had to abandon, turning the remaining crew into a fragile duo. This only reduced the stakes to around a handful of contenders. After two full stage podiums for Jumbo-Visma, finishing in yellow was still no formality for Roglič, as he barely dodged a well-coordinated attack from Simon Yates on the last climb. It all got quite emotional after Wout van Aert, the homme à tout faire, dragged his struggling team leader beyond the Col d’Èze and onto the finish line. As always with van Aert, cycling’s tension between the individual and the collective was once more put to the test.

Bonus from the Tirreno-Adriatico

At the same time, on the sunnier and more populated Italian roads, another battle was being fought, with perplexing results. It concerned the most impressive young riders out there: Remco Evenepoel, Jonas Vingegaard, and, of course, Tadej Pogačar. They were on the attack. They were cruising past everyone else. And then they missed a turn and found themselves off track. A rare moment of truth, reminiscent of an era of unmarked roads, so unbelievable it happened off-camera. For Evenepoel, the last one from the trio to realize the mistake, it was a fatal blow. He was going so fast all landmarks disappeared into a blur.