Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Keine Lichtblicke

Text: Ron­ny Günl

Kann das Kino ein Gefäng­nis sein? Wahr­schein­lich nicht, denn die Tür bleibt offen und es steht jedem frei zu gehen. Doch Sel­ma Doboracs Film De Fac­to errich­tet mit sei­ner außer­ge­wöhn­li­che­ren Form­stren­ge eine gera­de­zu undurch­brech­li­che Wand vor und um das Publi­kum, die zum Blei­ben nötigt, wenn man am liebs­ten sei­nen Platz ver­las­sen wür­de. Damit drückt sich viel­leicht ein Zwie­spalt der Erfah­rung im Kino aus, der einen Film auf der Lein­wand belässt, ohne ihn in den betrach­ten­den Köp­fen zu tran­szen­die­ren, und trotz­dem das eige­ne Sehen und Hören ver­ein­nahmt. Bar jeder Illu­si­on: Da ist die äuße­re Welt, hier ist die inne­re Welt, getrennt durch ein Fens­ter. Bei­de Sei­ten spre­chen nicht mit­ein­an­der, sie sit­zen sich gegen­über, als han­de­le es sich um eine Ver­dopp­lung des sze­ni­schen Arran­ge­ments im Film selbst. Zwei Män­ner befin­den sich im Vor­raum eines Anten­tem­pel-för­mi­gen Bau­werks. Die Wän­de sind mit gro­ßen Fens­tern durch­bro­chen, dahin­ter öff­net sich eine nicht näher bestimm­te Umge­bung. Nur im Wind rascheln­des Laub ist zu ver­neh­men. In der Mit­te des Raums steht ein spie­geln­der Tisch, im Hin­ter­grund ver­ein­zelt unbe­setz­te Stüh­le. Ob sich bei­de Män­ner tat­säch­lich in die­ser mild aus­ge­leuch­te­ten Pro­na­os begeg­nen, bleibt unge­klärt. Der Film zeigt die Spie­ler nur für sich in jeweils drei abwech­seln­den Bil­dern als Schuss und Gegenschuss.

Auf eine sich gegen­sei­tig bedin­gen­de Wei­se ste­hen in die­sem Film Offen­heit und Ein­schluss ein­an­der gegen­über. Von bei­den Spie­lern wer­den nahe­zu absatz­los, guss­ei­sern vor­ge­tra­ge­ne Wort­blö­cke über die Ton­spur geschmet­tert, als wären es falsch ver­schluck­te Gedan­ken, die sich aus ihrem Hals auf ein­mal Bahn bre­chen. In einem rasen­den Tem­po rei­hen sich Wor­te anein­an­der, die sich über ihren erschüt­tern­den Inhalt – Kriegs­ver­bre­chen, Lager­le­ben, Miss­hand­lun­gen, Abgrün­de des Mensch­li­chen – legen und unauf­hör­lich mehr und mehr Wör­ter anhäu­fen. Es han­delt sich um eine unheim­li­che Art des Spre­chens. Sie ent­springt aus einem Schre­cken, vor dem die Spra­che eigent­lich ver­sa­gen müss­te. Der unent­weg­ba­re Wort­fluss kann nicht unter­bro­chen wer­den. Aus Angst zu ver­stum­men? Eine gewis­se Dumpf­heit macht sich statt­des­sen bemerk­bar. Sie wird deut­lich an den unter­kühl­ten Gefühls­re­gun­gen der bei­den Prot­ago­nis­ten, aber auch am eige­nen stil­len Wunsch, nichts mehr hören zu wol­len. Inso­fern spie­gelt sich das Dring­li­che oder eher Drän­gen­de des Films im Wech­sel­spiel von Bedrän­gung und Ver­drän­gung. So spannt der Film sein Publi­kum ein, indem er es zum Ver­ste­hen zwin­gen will, was sich nicht ver­ste­hen lässt.

Gegen die­se Form des zwang­haf­ten Spre­chens und Hörens regt sich bei mir unwill­kür­lich Wider­stand: Ver­zwei­fel­tes Sehen (Glot­zen oder Weg­schau­en) ver­hilft nicht zur Flucht. Nur die Spra­che selbst sucht sich in weni­gen Augen­bli­cken einen Aus­weg – immer dann, wenn ein Feh­ler im Sprech­rhyth­mus auf­tritt, wenn ein Wort ver­ges­sen, falsch ver­wen­det oder mit einem ande­ren ver­näht wird. Damit öff­nen klei­ne Irri­ta­tio­nen und Unter­bre­chun­gen für den Bruch­teil einer Sekun­de die Fugen im Gemäu­er und geben etwas frei, ohne aber das Dahin­ter­lie­gen­de zu ratio­na­li­sie­ren. So als könn­te nur für einen Moment ein Wind­hauch in ein Zim­mer mit abge­stan­de­ner Luft hin­ein­fah­ren und den Staub auf­wir­beln, wie sich auch im Film an eini­gen Stel­len Wind­bö­en, Gewit­ter­don­ner oder Kirch­turm­läu­ten bemerk­bar machen. Eben­so tre­ten immer wie­der kur­ze Pau­sen zwi­schen den gespro­che­nen Absatz­blö­cken sowie eini­ge Sekun­den Schwarz­bild zwi­schen den Ein­stel­lun­gen auf. Etwas schiebt sich ein und ermög­licht viel­leicht erst dann ein Sehen, wenn es eigent­lich nichts mehr zu sehen gibt. Wür­de man sich De Fac­to als Buch vor­stel­len, dann setz­te sich erst mit dem Auf­bli­cken vom Text etwas aus der blei­er­nen Ver­sen­kung zusammen.

Sprech­feh­ler besit­zen eine eigen­ar­ti­ge Dyna­mik. Sie kön­nen als unge­woll­te Pau­sen auf­tre­ten, als Wort­ver­wechs­lung oder auch als Wort­neu­schöp­fung. In der Regel wer­den sie nicht oder erst zu spät bemerkt, um sie zu kor­ri­gie­ren. Als soge­nann­te Para­pha­si­en kön­nen sie unter ande­rem als Sym­ptom schi­zo­ider Per­sön­lich­keits­stö­run­gen erschei­nen und sich dabei in unter­schied­lich star­ken Aus­prä­gun­gen zei­gen. Nur mit gro­ßer Mühe lässt sich am Ende noch ein erfass­ba­rer Sinn aus­ma­chen. Für Sig­mund Freud sind die­se sprach­li­chen Fehl­leis­tun­gen auch in ihrer Mini­mal­form zwangs­läu­fi­ge Pro­duk­te der ver­dich­te­ten Erfah­rung des ein­zel­nen Men­schen. Auch wenn etwas nicht gesagt wer­den soll­te, sucht sich der Gehalt einen Weg durch die Spra­che und ver­mit­telt sich über einen Umweg. Über­ra­schen­de Ergeb­nis­se tre­ten zu Tage. Was gesagt wer­den woll­te, aber nicht durf­te, kommt trotz­dem zur Spra­che – sogar beim Schwei­gen. Freud legt hier­bei eine Par­al­le­le zum Witz nah, der ähn­lich wie bei der Traum­ar­beit eine Ver­dich­tung vor­nimmt, um an ent­schei­den­der Stel­le eine Aus­las­sung zu pro­du­zie­ren. In De Fac­to rufen die sprach­li­chen Unter­bre­chung – der Lap­sus – vor allem ver­deck­ten Erin­ne­rungs­lü­cken auf, die somit ein befremd­li­ches, bruch­stück­haf­tes und letzt­lich auch beschä­dig­tes Lein­wand­bild for­mie­ren. An kei­ner Stel­le wird ein Durch­bruch voll­zo­gen, der das Publi­kum end­lich von einer vor­geb­li­chen Schuld der Teil­ha­be ent­las­ten könn­te. Viel mehr setzt sich der Film mit sei­ner unzu­rei­chen­den Abbil­dungs­auf­ga­be aus­ein­an­der, die zwangs­läu­fig auf die indi­vi­du­el­le Vor­stel­lungs­kraft ver­weist. Womög­lich ist der Film damit, sei­nem Wort­reich­tum zum Trotz, in ers­ter Linie ein Film über das Nicht-Spre­chen. Inhalt und Form des Film begeg­nen sich auf den Kör­pern der bei­den Dar­stel­ler, die nur noch wie spre­chen­de Hül­len im sze­ni­schen Arran­ge­ment plat­ziert wur­den. Nicht weni­ger mit­tel­bar, als alles ande­re im Raum. Man könn­te den­ken, die bei­den Män­ner hät­ten wie im Halb­schlaf ver­ges­sen, wo sie sich befin­den. Aber plötz­lich wer­den sie wie­der von einer durch­drin­gend tönen­den Erin­ne­rung über­mannt, als wür­den sie sich wun­dern, wer in die­sem Film über­haupt spricht. Wer in die­sem Film spricht, mag des­halb viel­leicht die ers­te Fra­ge sein. Doch will die Fra­ge nicht auch über das Spre­chen und Gespro­che­ne hin­weg­täu­schen? Gleich­sam der bei­den Dar­stel­ler haf­tet an der Fra­ge etwas Betäu­ben­des. Wäh­rend die Geräusch­ku­lis­se immer lau­ter wird, ver­dun­kelt sich das Bild anstatt erhellen.

(Der Text ent­stand im Rah­men des Schreib­work­shops bei der Dia­go­na­le 2023.)

De Facto, Filmstill, Copyright Selma Doborac 2023