Keine Lichtblicke

Text: Ronny Günl

Kann das Kino ein Gefängnis sein? Wahrscheinlich nicht, denn die Tür bleibt offen und es steht jedem frei zu gehen. Doch Selma Doboracs Film De Facto errichtet mit seiner außergewöhnlicheren Formstrenge eine geradezu undurchbrechliche Wand vor und um das Publikum, die zum Bleiben nötigt, wenn man am liebsten seinen Platz verlassen würde. Damit drückt sich vielleicht ein Zwiespalt der Erfahrung im Kino aus, der einen Film auf der Leinwand belässt, ohne ihn in den betrachtenden Köpfen zu transzendieren, und trotzdem das eigene Sehen und Hören vereinnahmt. Bar jeder Illusion: Da ist die äußere Welt, hier ist die innere Welt, getrennt durch ein Fenster. Beide Seiten sprechen nicht miteinander, sie sitzen sich gegenüber, als handele es sich um eine Verdopplung des szenischen Arrangements im Film selbst. Zwei Männer befinden sich im Vorraum eines Antentempel-förmigen Bauwerks. Die Wände sind mit großen Fenstern durchbrochen, dahinter öffnet sich eine nicht näher bestimmte Umgebung. Nur im Wind raschelndes Laub ist zu vernehmen. In der Mitte des Raums steht ein spiegelnder Tisch, im Hintergrund vereinzelt unbesetzte Stühle. Ob sich beide Männer tatsächlich in dieser mild ausgeleuchteten Pronaos begegnen, bleibt ungeklärt. Der Film zeigt die Spieler nur für sich in jeweils drei abwechselnden Bildern als Schuss und Gegenschuss.

Auf eine sich gegenseitig bedingende Weise stehen in diesem Film Offenheit und Einschluss einander gegenüber. Von beiden Spielern werden nahezu absatzlos, gusseisern vorgetragene Wortblöcke über die Tonspur geschmettert, als wären es falsch verschluckte Gedanken, die sich aus ihrem Hals auf einmal Bahn brechen. In einem rasenden Tempo reihen sich Worte aneinander, die sich über ihren erschütternden Inhalt – Kriegsverbrechen, Lagerleben, Misshandlungen, Abgründe des Menschlichen – legen und unaufhörlich mehr und mehr Wörter anhäufen. Es handelt sich um eine unheimliche Art des Sprechens. Sie entspringt aus einem Schrecken, vor dem die Sprache eigentlich versagen müsste. Der unentwegbare Wortfluss kann nicht unterbrochen werden. Aus Angst zu verstummen? Eine gewisse Dumpfheit macht sich stattdessen bemerkbar. Sie wird deutlich an den unterkühlten Gefühlsregungen der beiden Protagonisten, aber auch am eigenen stillen Wunsch, nichts mehr hören zu wollen. Insofern spiegelt sich das Dringliche oder eher Drängende des Films im Wechselspiel von Bedrängung und Verdrängung. So spannt der Film sein Publikum ein, indem er es zum Verstehen zwingen will, was sich nicht verstehen lässt.

Gegen diese Form des zwanghaften Sprechens und Hörens regt sich bei mir unwillkürlich Widerstand: Verzweifeltes Sehen (Glotzen oder Wegschauen) verhilft nicht zur Flucht. Nur die Sprache selbst sucht sich in wenigen Augenblicken einen Ausweg – immer dann, wenn ein Fehler im Sprechrhythmus auftritt, wenn ein Wort vergessen, falsch verwendet oder mit einem anderen vernäht wird. Damit öffnen kleine Irritationen und Unterbrechungen für den Bruchteil einer Sekunde die Fugen im Gemäuer und geben etwas frei, ohne aber das Dahinterliegende zu rationalisieren. So als könnte nur für einen Moment ein Windhauch in ein Zimmer mit abgestandener Luft hineinfahren und den Staub aufwirbeln, wie sich auch im Film an einigen Stellen Windböen, Gewitterdonner oder Kirchturmläuten bemerkbar machen. Ebenso treten immer wieder kurze Pausen zwischen den gesprochenen Absatzblöcken sowie einige Sekunden Schwarzbild zwischen den Einstellungen auf. Etwas schiebt sich ein und ermöglicht vielleicht erst dann ein Sehen, wenn es eigentlich nichts mehr zu sehen gibt. Würde man sich De Facto als Buch vorstellen, dann setzte sich erst mit dem Aufblicken vom Text etwas aus der bleiernen Versenkung zusammen.

Sprechfehler besitzen eine eigenartige Dynamik. Sie können als ungewollte Pausen auftreten, als Wortverwechslung oder auch als Wortneuschöpfung. In der Regel werden sie nicht oder erst zu spät bemerkt, um sie zu korrigieren. Als sogenannte Paraphasien können sie unter anderem als Symptom schizoider Persönlichkeitsstörungen erscheinen und sich dabei in unterschiedlich starken Ausprägungen zeigen. Nur mit großer Mühe lässt sich am Ende noch ein erfassbarer Sinn ausmachen. Für Sigmund Freud sind diese sprachlichen Fehlleistungen auch in ihrer Minimalform zwangsläufige Produkte der verdichteten Erfahrung des einzelnen Menschen. Auch wenn etwas nicht gesagt werden sollte, sucht sich der Gehalt einen Weg durch die Sprache und vermittelt sich über einen Umweg. Überraschende Ergebnisse treten zu Tage. Was gesagt werden wollte, aber nicht durfte, kommt trotzdem zur Sprache – sogar beim Schweigen. Freud legt hierbei eine Parallele zum Witz nah, der ähnlich wie bei der Traumarbeit eine Verdichtung vornimmt, um an entscheidender Stelle eine Auslassung zu produzieren. In De Facto rufen die sprachlichen Unterbrechung – der Lapsus – vor allem verdeckten Erinnerungslücken auf, die somit ein befremdliches, bruchstückhaftes und letztlich auch beschädigtes Leinwandbild formieren. An keiner Stelle wird ein Durchbruch vollzogen, der das Publikum endlich von einer vorgeblichen Schuld der Teilhabe entlasten könnte. Viel mehr setzt sich der Film mit seiner unzureichenden Abbildungsaufgabe auseinander, die zwangsläufig auf die individuelle Vorstellungskraft verweist. Womöglich ist der Film damit, seinem Wortreichtum zum Trotz, in erster Linie ein Film über das Nicht-Sprechen. Inhalt und Form des Film begegnen sich auf den Körpern der beiden Darsteller, die nur noch wie sprechende Hüllen im szenischen Arrangement platziert wurden. Nicht weniger mittelbar, als alles andere im Raum. Man könnte denken, die beiden Männer hätten wie im Halbschlaf vergessen, wo sie sich befinden. Aber plötzlich werden sie wieder von einer durchdringend tönenden Erinnerung übermannt, als würden sie sich wundern, wer in diesem Film überhaupt spricht. Wer in diesem Film spricht, mag deshalb vielleicht die erste Frage sein. Doch will die Frage nicht auch über das Sprechen und Gesprochene hinwegtäuschen? Gleichsam der beiden Darsteller haftet an der Frage etwas Betäubendes. Während die Geräuschkulisse immer lauter wird, verdunkelt sich das Bild anstatt erhellen.

(Der Text entstand im Rahmen des Schreibworkshops bei der Diagonale 2023.)

De Facto, Filmstill, Copyright Selma Doborac 2023