Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Der unsichtbare Dritte

Text: Sebas­ti­an Bobik

Schuss-Gegen­schuss ist eines der klas­si­schen Mit­tel kon­ven­tio­nel­ler Film­spra­che. Wenn wir im Kino Dia­log­sze­nen sehen, wer­den die­se fast aus­nahms­los so gefilmt: Zwei Men­schen ste­hen oder sit­zen sich gegen­über und sehen ein­an­der an. Das wird oft in einer tota­len Ein­stel­lung eta­bliert, in der wir bei­de Gesprächs­teil­neh­mer im sel­ben Raum sehen. Danach wird in nähe­re Auf­nah­men geschnit­ten, die sich inner­halb einer ima­gi­nä­ren Ach­se, der soge­nann­ten Blick­ach­se abspie­len. Die “180-Grad Regel” beschreibt, wie sich die Kame­ra inner­halb die­ses Gesprächs posi­tio­nie­ren darf, um eine kon­ti­nu­ier­li­che (also für das Publi­kum ver­ständ­li­che) Bild­spra­che zu gewähr­leis­ten. Ver­ein­facht beschrie­ben: Wenn zwei Per­so­nen spre­chen und eine Per­son in ihren Ein­stel­lun­gen links aus dem Bild schaut, wird im Gegen­schuss die ande­re Per­son in einem ähn­li­chen Win­kel rechts aus dem Bild schau­en. So behal­ten wir (das Publi­kum) die Ori­en­tie­rung, indem wir ihren Bli­cken fol­gend, davon aus­ge­hen kön­nen, dass die bei­den Per­so­nen ein­an­der anschau­en. Manch­mal wird sogar aus einer Per­spek­ti­ve gedreht, wo wir im Vor­der­grund im Anschnitt die Schul­ter oder einen Teil des Kop­fes der Per­son sehen, deren Gesicht wir nicht gera­de sehen. So kann noch kla­rer gezeigt wer­den, wie die­se bei­den Gesprächs­part­ner sich im Raum zuein­an­der verhalten.

Wür­den bei­de Figu­ren, die mit­ein­an­der reden, sich schein­bar anse­hen, aber bei­de links aus ihren jewei­li­gen Ein­stel­lun­gen schau­en, wären wir ver­wirrt. Die Blick­rich­tun­gen stim­men nicht mehr. 

De Fac­to ist ein Film, der aus sie­ben Ein­stel­lun­gen besteht. Davon zei­gen sechs Ein­stel­lun­gen jeweils einen Men­schen. Wir sehen abwech­selnd zwei Schau­spie­ler. Sie sit­zen in einem hel­len Raum mit offe­nen Fens­tern und Türen und erzäh­len von furcht­ba­ren Gräu­el­ta­ten, die sie in einem Krieg began­gen haben. Wir wis­sen nicht, von wel­chem Krieg sie berich­ten. Die zwei Män­ner sind nie in der­sel­ben Ein­stel­lung zu sehen. Den­noch fra­gen wir uns, ob sie mit­ein­an­der spre­chen. Sie wer­den näm­lich im Lau­fe des Fil­mes so posi­tio­niert, dass wir anfan­gen, an einen Schuss-Gegen­schuss zu denken.

Die Fra­ge nach ihrem mög­li­chen Dia­log stellt sich aller­dings erst nach eini­ger Zeit. Die ers­te Ein­stel­lung des Fil­mes zeigt einen der bei­den Män­ner. Er sitzt an einem schwar­zen, spie­geln­den Tisch und spricht. Hin­ter ihm öff­net sich der Raum und Bäu­me sind zu sehen. Die­ser Ort scheint sich in einem Wald zu befin­den. Wir sehen den Mann in einem Drei­vier­tel­pro­fil. Er blickt links an der Kame­ra vor­bei. Die ers­ten fünf­zehn oder zwan­zig Minu­ten des Fil­mes bestehen nur aus die­ser Ein­stel­lung. Er spricht schnell und ent­schlos­sen. Wir wis­sen nicht mit wem. Es könn­te ein Mono­log sein. Er erzählt von Gewalt­ta­ten und Kriegs­ver­bre­chen, an denen er betei­ligt war. Die Gewalt ist sys­te­ma­tisch, unmensch­lich und manch­mal sexua­li­siert. Dann folgt die nächs­te Ein­stel­lung. Die Kame­ra ist fron­tal auf einen ande­ren Mann gerich­tet, er ist älter. Den­noch blickt er rechts an der Kame­ra vor­bei. Er sitzt schein­bar am sel­ben Tisch. Auch er spricht lan­ge und erzählt von furcht­ba­ren Ver­ge­hen. Auch er mono­lo­gi­siert. Doch ent­steht im Anein­an­der­rei­hen die­ser Ein­stel­lun­gen, die­ser zwei Mono­lo­ge ein Dia­log? Die zwei Män­ner sind nicht in einem klas­si­schen Schuss-Gegen­schuss auf­ge­löst. Den­noch impli­zie­ren ihre Bli­cke, dass sie sich gegen­sei­tig ansehen.

Im wei­te­ren Lauf des Fil­mes, begin­nen die Ein­stel­lun­gen ein­an­der zu spie­geln. Wir sehen in einer spä­te­ren Ein­stel­lung den ers­ten, jün­ge­ren Mann aus einer ähn­li­chen fron­ta­len Per­spek­ti­ve, aus der wir schon den älte­ren Mann in der zwei­ten Ein­stel­lung des Films sahen. Der älte­re Mann blick­te zuvor rechts aus dem Bild. Der Jün­ge­re blickt links aus dem ähn­lich kom­po­nier­ten Bild. Mit dem Spie­geln der Ein­stel­lun­gen wird die­se Fra­ge nach einem mög­li­chen Dia­log immer dring­li­cher. Doch wir spü­ren in den Bil­dern nie die Anwe­sen­heit des jeweils ande­ren Man­nes. Es gibt kei­ne direk­ten Ver­wei­se in Ton oder Bild, die bei­de gleich­zei­tig am sel­ben Ort zei­gen. Kei­ne Over-the-Should­er-Ein­stel­lung, die uns im Anschnitt die ande­re Per­son zeigt. Doch es gibt zahl­rei­che mög­li­che Indi­zi­en: Sie sind offen­sicht­lich am sel­ben Ort. Sie sit­zen am sel­ben Tisch. Die­sel­ben Ses­sel sind in der Kulis­se. Wenn wir das Wet­ter im Hin­ter­grund betrach­ten, könn­ten wir anneh­men, dass der Tag der­sel­be sein könn­te. Im Lau­fe des Fil­mes wird es dün­k­ler. Der Tag ver­geht, die Hel­lig­keit schwindet.

In die­sem Film, in dem zwei Men­schen am sel­ben Ort sind, womög­lich zur sel­ben Zeit, aber eben auch nicht am sel­ben Ort, oder nicht zur sel­ben Zeit, wird also mit Schuss – Gegen­schuss oder zumin­dest so etwas ähn­li­chem wie die­ser klas­si­schen Tech­nik gear­bei­tet. Wenn man aber genau hin­sieht und die Ein­stel­lun­gen anein­an­der reiht, merkt man, dass die­ser Schuss-Gegen­schuss nicht wirk­lich einer ist. Die Blick­ach­sen stim­men nicht ganz. Sie sind leicht ver­scho­ben, tref­fen sich nur schein­bar, ver­pas­sen sich aber.

Eine wei­te­re Inten­ti­on des klas­si­schen Schuss-Gegen­schuss ist es, die Schnit­te, die den Film zusam­men­hal­ten, zu ver­ber­gen. Die Tech­nik hält eine ange­neh­me visu­el­le Kon­ti­nui­tät auf­recht. Es wird auf Bewe­gun­gen und Bli­cke geschnit­ten. Alles um den Ein­druck eines flie­ßen­den Fort­gangs des Fil­mes zu gewähr­leis­ten und die Form des Fil­mes mög­lichst zu verstecken.

Das gilt nicht für De Fac­to. In einem Film mit nur sie­ben Ein­stel­lun­gen ist jeder Schnitt ein Ereig­nis, dass uns die nächs­te Ein­stel­lung offen­bart, in der wir län­ge­re Zeit ver­brin­gen wer­den. Doch die Ein­stel­lun­gen schnei­den nie direkt auf­ein­an­der. Sie sind getrennt (wie die bei­den Gesprächs­part­ner). Zwi­schen den Ein­stel­lun­gen fin­den sich immer ein paar Sekun­den Schwarz­bild. Kei­ne Ein­stel­lung folgt also direkt der ande­ren. Zwi­schen ihnen liegt immer ein Schwarz­bild, eine Pau­se, eine Leere.

Und doch gibt es in die­sem Film noch eine wei­te­re Per­son, die hier bis­her nicht erwähnt wur­de. Bei­de Män­ner adres­sie­ren immer wie­der in ihren Mono­lo­gen eine/​n Andere/​n. Sie reden nicht ein­fach zu sich selbst, son­dern bezie­hen sich auf ein Gegen­über, das viel­leicht im Film nicht zu sehen ist

Die­se drit­te Per­son spricht nicht, sie hört nur. Sie ist nie sicht­bar, nie hör­bar, nur über ihr Ange­spro­chen­sein anwe­send. Wer ist sie? Ein Rich­ter? Ein Jour­na­list? Das Publikum?

Der jün­ge­re Mann rich­tet sich ein­mal im Film mit Wor­ten an die unsicht­ba­re drit­te Per­son, die fol­gen­des zum Aus­druck brin­gen: Er wäre beein­druckt, dass sie noch da wäre und sich das alles anhö­re. Er wis­se, es sei nicht ein­fach. Er sagt das in einer Ein­stel­lung, die ihn rela­tiv fron­tal ins Bild setzt. Er blickt knapp über die Kame­ra und links an ihr vor­bei. Er redet bei­na­he mit dem Publi­kum. Sind wir diese/​r unsicht­ba­re Drit­te? An die­ser Stel­le im Film wer­den wir gera­de­zu direkt adres­siert. Wir sind hier um von den Gräu­el­ta­ten des Krie­ges zu hören, um eine Art indi­rek­te Zeu­gen­schaft zu leis­ten. Der Film for­dert uns auf, die­se Berich­te anzu­hö­ren und eben nicht die Flucht zu ergrei­fen, son­dern zu bleiben.

Wir hören von die­sen Tätern, die jedoch auch in gewis­ser Art Zeu­gen sind. Doch es kommt noch eine Ebe­ne dazu in De Fac­to, da die­se Män­ner kei­ne Zeit­zeu­gen sind. Sie sind Schau­spie­ler, die Täter ver­kör­pern. Der Film ist auch ein Vor­schlag für eine neue Art des Umgangs mit kol­lek­ti­vem Gedächt­nis. Wenn Zeit­zeu­gen ster­ben und ihre Berich­te blei­ben, müs­sen wir auch neue Wege fin­den, in denen wir uns mit die­sen aus­ein­an­der­set­zen können.

Die direk­te Wen­dung an das Publi­kum sind auch ein Auf­zei­gen von Din­gen, die nor­ma­ler­wei­se ver­bor­gen blei­ben. Der klas­si­sche Schuss-Gegen­schuss lässt näm­lich nicht nur die Schnit­te zwi­schen den Ein­stel­lun­gen ver­schwin­den, son­dern auch uns, die Unsicht­ba­ren. Im schein­ba­ren Schuss-Gegen­schuss von De Fac­to wer­den neben den Schnit­ten auch wir sicht­bar. Wir wer­den uns unse­rer Rol­le als Publi­kum, als Zeu­gen bewusst.

(Der Text ent­stand im Rah­men des Schreib­work­shops bei der Dia­go­na­le 2023.)

De Facto, Filmstill, Copyright Selma Doborac 2023