Notiz zu Dying, oder: Ich bin das, was du vergessen hast

Text: Leo­nie Jenning

2. April 2026, Flo­ri­da

Die NASA star­tet um 00:35 Uhr mit­tel­eu­ro­päi­scher Som­mer­zeit die Arte­mis-II-Mis­si­on mit der Rake­te „Space Launch Sys­tem“. An Bord des Raum­schiffs Ori­on befin­den sich vier Astro­nau­ten: Reid Wise­man, Vic­tor Glover, Chris­ti­na Koch und Jere­my Han­sen. Die Mis­si­on soll zehn Tage dau­ern und führt die Crew ein­mal um den Mond und wie­der zurück. Nach mehr als fünf­zig Jah­ren wer­den erst­mals wie­der Men­schen zum Mond geschossen.

2. April 2026, Berlin

Heu­te lag plötz­lich ALLES auf der Hand.

1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32, 33, 34, 35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 58, 59, 60, 61, 62, 63, 64, 65, 66, 67, 68, 69, 70, 71, 72, 73, 74, 75, 76, 77, 78, 79, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86, 87, 88, 89, 90, 91, 92, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 99, 100 …

(im Durch­schnitt) 28.800 Tage lebt ein Mensch auf der Erde.

Das Leben kann also eine Wei­le dau­ern. Aber es kann auch jeder­zeit uner­war­tet enden. Die Absur­di­tät des­sen kann uns über­all kalt erwi­schen an der roten Ampel, am Kühl­re­gal im Super­markt, bei einer Poli­zei­kon­trol­le, im Bett oder irgend­wo dazwi­schen. Es sind die­se kur­zen, uner­war­te­ten Unter­bre­chun­gen, in denen sich das Ende scham­los vor einem aus­brei­tet; und es einem trotz fes­tem Boden unter den Füßen schwin­de­lig wird. Plötz­lich rich­tet sich das Den­ken nur noch auf das, was sich uns gänz­lich ent­zieht: auf das, was ist. Das ver­schwin­den­de Jetzt und die Zukunft, der wir hin­ter­her­lau­fen und hin­ter­her­den­ken. Zeit frisst. Zeit ver­wischt. Zeit ver­geht und ihre Rich­tung zeigt immer nur gen Zer­fall und Auf­lö­sung, in die unend­li­che, über­mäch­ti­ge Natur und schließ­lich ins abs­trak­te Nichts. Und das ist ALLES.

7. April 2026, Hin­term Mond

Heu­te Nacht gegen 0:45 Uhr näher­te sich die Arte­mis-II-Mis­si­on dem Mond und begann die Umlauf­pha­se. Für etwa vier­zig Minu­ten bestand kei­ne Funk­ver­bin­dung zur Erde, da sich die Ori­on-Kap­sel mit den vier Astro­nau­ten aus Sicht der Erde hin­ter dem Mond befand und somit abge­schirmt war. Kurz davor erleb­te die Crew noch einen beson­de­ren Moment: den Anblick des Erd­un­ter­gangs. Vor ihren Augen ver­schwand die Erde lang­sam hin­ter dem Hori­zont des Mondes.

07. April 2026, Berlin

Wie spät ist es? 23:21 Uhr.

Vor weni­gen Minu­ten habe ich den Lap­top zuge­klappt und bin, theo­re­tisch, bereit zum Schla­fen. Dann ent­schei­de ich mich aber, noch schnell ein paar Noti­zen über den Film, den ich gera­de gese­hen habe, in mein Han­dy zu tippen:

Noti­zen zum Film: Dying von Micha­el Roemer

  • ein Epi­so­den­film über das Ster­ben, ohne dass es tat­säch­lich statt­fin­det → eigen­tüm­li­che Form von ewi­ger Gegenwart
  • drei Lebens­ge­schich­ten: Sal­ly, Bill und Rever­end Bryant → drei unter­schied­li­che Exis­ten­zen im Ange­sicht des Todes

»As far as dying, ever­y­bo­dy has to die it’s just like when you look at a litt­le baby some­day that baby will be an old man or an old woman if they lived long enough, so I have no fear of death.« – Sally

  • sie ist 46 Jah­re alt
  • hat mit einem Hirn­tu­mor zu kämpfen
  • begeg­net ihrem nahen­den Ende mit einer ent­waff­nen­den Gelassenheit
  • ent­zieht sich mit Humor der dra­ma­ti­schen Zuspit­zung ihres Zustands → kei­ne Ver­drän­gung, son­dern eine radi­ka­le Akzep­tanz: Leben und Tod erschei­nen bei ihr nicht als Gegen­sät­ze, son­dern als Kontinuum
  • letzt­lich stirbt sie in ihrem Elternhaus

»Yeah, but the situa­ti­on is real­ly bad. The only time that I am reli­e­ved and can get this out of my mind is when he is gone. [] I know what’s gon­na hap­pen and then I may be left with two teenage boys and I’m sor­ry, but I am just not loo­king for­ward to that. I would rather be left now and then I have a chan­ce to may­be get them ano­ther father or some­thing, but left with two teenage boys in this kind of world…« – Har­riet (Bills Frau)

  • Bill ist Anfang 30 und Vater von zwei Kindern
  • körper­li­cher Ver­fall durch ein Melanom
  • er kommt in dem Film nie wirk­lich zu Wort → wird durch die Augen sei­ner Frau Har­riet gezeigt, deren Wut und Ver­zweif­lung die eigent­li­che Kri­se sind

»I can say right now that I’m living some of the grea­test moments in life […] I’m the most hap­piest man in the world, even though the doc­tor has told me that I did­n’t have long to live.« –Rever­end Bryant

  • Pre­di­ger
  • der Krebs hat sich auf sei­ne Leber ausgebreitet
  • sei­ne letz­te Pre­digt und die Rück­kehr in den Süden zu sei­nen Ursprün­gen sind kei­ne Abschie­de, son­dern Bewe­gun­gen in eine ande­re Form von Gegenwart
  • am Ende des Films wird sei­ne Beer­di­gung gezeigt → wirkt weni­ger wie ein Ende als eine Fort­set­zung: Zere­mo­nie erscheint als Leben nach dem Tod
  • Film ist das Resul­tat von zwei Jah­ren (1974−1976) inten­si­ver Begeg­nun­gen mit vier­zig unheil­bar kran­ken Patient:innen in Boston
  • Kame­ra zeich­net nur das auf, was da ist → die­se Form von Mate­ria­lität ver­weist auf etwas, das sich ihr entzieht
  • Micha­el Roe­mer kommt den Protagonist:innen sehr nah → unter­läuft jede distan­zie­ren­de Objektivität
  • die letz­ten Momen­te der Protagonist:innen wer­den nie gezeigt → Undar­stell­bar­keit des Todes (Man kann kei­ne Theo­rie für ihn fin­den oder ihn mit Bil­dern oder Wor­ten beschrei­ben, er kann nur selbst erlebt werden.)
  • die Kapi­tel enden mit ein­ge­blen­de­ten Todesdaten
  • der Film han­delt vom Ster­ben, zeigt aber das Leben → durch das Medi­um Film wird den Protagonist:innen sogar über das Leben hin­aus eine eigen­tüm­li­che Form von leben­di­ger Unsterb­lich­keit ver­lie­hen → ihr Leben ent­zieht sich einer linea­ren Zeit­rech­nung → jede:r, der den Film sieht, ist mit ihnen heu­te zwi­schen Dies­seits und Jenseits
  • Geschich­ten über Men­schen blei­ben immer Ver­kür­zun­gen. Sal­lys, Bills und Refe­rent Bri­ans Leben ver­dich­tet sich auf zwan­zig Minu­ten, die Micha­el Roe­mer ihnen in sei­nem Film Dying lässt. Mehr bleibt nicht von ihnen übrig. Sie erschei­nen dar­in als Repräsentant:innen des Todes und gleich­zei­tig als die Träger:innen des Lebens → die Kon­fron­ta­ti­on mit dem Ende wirft sie und uns ins Leben zurück

11. April 2026, irgend­wo im Pazifik 

Knapp neun Tage nach dem Start ist die vier­köp­fi­ge Besat­zung der Arte­mis-II-Mis­si­on sicher zur Erde zurück­ge­kehrt. Am 11. April um 2:07 Uhr mit­tel­eu­ro­päi­scher Som­mer­zeit lan­de­te die Ori­on-Raum­kap­sel, gebremst von meh­re­ren Fall­schir­men, im Pazi­fik vor der Küs­te Kali­for­ni­ens. Nach zwei Erd­um­run­dun­gen nahm das Raum­schiff Kurs auf den Mond, den es in einem wei­ten Bogen umrun­de­te, ohne zu lan­den. Dabei stell­te die Mis­si­on einen neu­en Rekord auf: Noch nie zuvor hat­ten sich Men­schen so weit von der Erde ent­fernt. Die NASA-Mis­si­on, die die 406.000 Kilo­me­ter lan­ge Rei­se von der Erde ermög­lich­te, kos­te­te schät­zungs­wei­se etwa 90 Mil­li­ar­den US-Dollar.

11. April 2026, Zürich

Die meis­ten ken­nen sich selbst zu gut. So gut, dass sie sich selbst fremd gewor­den sind. Und nicht nur sich selbst, son­dern auch der Welt, in der sie leben. Alles fällt die gan­ze Zeit aus­ein­an­der. Und alles wird immer schlim­mer, weil die Mensch­heit ALLES in Beschlag neh­men und kon­trol­lie­ren will. In unse­rem Wett­lauf gegen die Zeit und gegen die eige­ne Sterb­lich­keit machen wir alles kaputt und rei­ßen letzt­end­lich die gan­ze Erde mit in den Abgrund. Frei nach dem Mot­to: Wer dem Ende ent­ge­gen­sieht, muss dafür sor­gen, dass kei­ne Zukunft mehr übrig bleibt, für nie­man­den, auch nicht für die­je­ni­gen, die noch nicht ein­mal das Licht der Welt erblickt haben. In nur vier Jah­ren soll schon die nächs­te Mond­mis­si­on statt­fin­den … als wäre der Auf­bruch ins All, ins gro­ße Nichts, die Ant­wort auf das, womit wir hier unten nicht zurecht­kom­men. Auf der Erde muss man immer so tun, als ob: Ich bin etwas. Dabei wis­sen wir alle, dass wir eigent­lich NICHTS sind. Und weil der west­li­che Mensch die­sen Gedan­ken vehe­ment ver­wei­gert, hat er sich selbst über­flüs­sig gemacht.

Es ist noch recht früh am Mor­gen. Das Radio läuft, und Leo­nard Cohen singt: »In the human frame. A mil­li­on cand­les bur­ning. For the help that never came, You want it dar­ker. We kill the flame.«

Ich ken­ne es gut, dass sich mei­ne Gedan­ken gegen mich selbst rich­ten. Dass ich etwas tun müss­te, gegen all das. Dass ich nicht gut genug bin, nicht schnell genug, nicht hübsch genug. Der eigent­li­che Hor­ror spielt sich meist vor allem in mir selbst ab. Weil ich es bin, die das ALLES und NICHTS auf mei­ner Hand und in mei­nem Mund trägt.

Adieu für heu­te. Ich kom­me wie­der, in ande­ren For­men, und daue­re es Mil­lio­nen von Jahre.