Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Notiz zu Otoshi-Ana von Hiroshi Teshigahara

Text: Lucas Barwenczik

Der Tod hat das Gleich­ma­chen ver­lernt, noch im Jen­seits hun­gern die Armen. Die ent­täusch­ten Geis­ter in Hiro­shi Teshi­ga­ha­ra Oto­shi-Ana unter­schei­det viel zu wenig von den Leben­den. Wer sich nicht mit noch pochen­dem Puls den Bauch voll­ge­schla­gen hat, wird für immer unge­sät­tigt blei­ben. Ein Film über Men­schen, die nichts zu fres­sen haben. 

Der namen­lo­se Prot­ago­nist hat einen klei­nen Sohn und ein­fa­che Träu­me. Er schuf­tet in einer Mine und kann kaum an eine ande­re Exis­tenz glau­ben. Aber er möch­te zumin­dest von einer Gewerk­schaft geschützt wer­den und wenigs­tens ein­mal sei­nem Boss „in den Hin­tern tre­ten“. Ein ver­lo­cken­des Arbeits­an­ge­bot führt ihn schluss­end­lich in eine rui­nier­te Geis­ter­stadt. Wenn sich nachts sei­ne Augen schlie­ßen, sieht er rie­seln­de Stein­koh­le, leer­ste­hen­de Städ­te und auf­ge­bläh­te Kin­der­bäu­che. Dafür wer­den tat­säch­li­che Nach­rich­ten­bil­der gezeigt, Tesig­aha­ra nann­te sei­nen Debüt­film eine „Doku­men­tar­fan­ta­sie“. 

Sur­rea­le Kaprio­len auf einem rea­lis­ti­schen Fun­da­ment also, oft mit stu­fen­lo­sen Über­gän­gen. Über­all sti­lis­ti­sche Jump­cuts: Tod wird plötz­lich Leben, Zeit ver­fliegt, geord­ne­tes zer­springt in erschüt­ter­te Bild­split­ter. Oto­shi-Ana ver­wan­delt sich immer wie­der, ver­mengt Ideen, Ästhe­ti­ken und Sphä­ren. Anstel­le von Geschich­ten wer­den Pan­nen und Zufäl­le erzählt, die Men­schen irren ver­lo­ren von Ver­wechs­lung zu Ver­wechs­lung. Es gibt Mor­de und Ermitt­lun­gen, denen die Ersto­che­nen leicht brüs­kiert bei­woh­nen. Die Will­kür des Todes ist schmerz­lich, wenn so viel in unse­rem Leben dazu dient, das unver­meid­ba­re Ende mit Bedeu­tung auf­zu­la­den. Es gibt einen in weiß geklei­de­ten Mör­der mit unkla­ren Moti­ven und es gibt eine phal­li­sche Kame­ra, von der so wenig Ant­wor­ten zu erwar­ten sind wie von den Bergen. 

Was Tote und Leben­de ver­eint ist, dass sie ihre Mit­men­schen teil­nahms­los betrach­ten, als wären sie nicht echt. Es ist ein Film des Hin­durch­se­hens, Bli­cke fal­len durch Jalou­sien, Spal­te im Holz oder ein­ge­staub­tes Fens­ter­glas. Mehr liegt eigent­lich nicht zwi­schen den Toten und Leben­den, den­noch schei­nen sie ein­an­der unend­lich fern. Der uto­pi­sche Hori­zont ist ver­stellt und Soli­da­ri­tät bleibt eines unter vie­len Gespens­tern. Zwei Unter­grup­pen einer zer­split­ter­ten Gewerk­schaft gera­ten anein­an­der und brin­gen sich gegen­sei­tig um. Ein lan­ger, kräf­te­zeh­ren­der und wei­test­ge­hend sinn­lo­ser Kampf – lin­ke Poli­tik. Danach schwimmt ein Band mit dem Auf­druck „Ein­heit“ in bra­cki­gem Was­ser. Ein spöt­ti­sches und melan­cho­li­sches Bild. Tesig­aha­ra ist einer die­ser unvoll­ende­ten Zyni­ker, die ihre Trau­er nie ganz ver­ber­gen können. 

Dem tür­men­den Pes­si­mis­mus der „Geschich­te“ tritt ein Opti­mis­mus der Form ent­ge­gen. In Stun­den der Ver­zweif­lung muss der Mensch erfin­de­risch wer­den. Der Fil­me­ma­cher wühlt im Instru­men­ta­ri­um des Kinos wie ein Kind in der Bon­bon-Aus­la­ge. Die Kame­ra wird her­um­ge­ris­sen, zuckt und zoomt, die Bil­der sprin­gen und lau­fen rück­wärts. Men­schen wer­den aus dem Blick ver­lo­ren und wie­der ent­deckt, die Welt ver­wischt. Die Revo­lu­ti­on wird nicht mehr kom­men, aber zumin­dest neue Bil­der. Kuchen statt Brot, ein schwa­cher Trost. 

Bevor der Film endet, läuft der Jun­ge des Berg­manns davon. Er hat den Tod gese­hen und früh gelernt, was Men­schen ein­an­der antun kön­nen. Was in ihm vor­geht und wer er ein­mal wer­den wird, ver­rät sein star­res Kin­der­ge­sicht nicht. Die Kame­ra folgt ihm, bis er in der Fer­ne ver­schwin­det, ent­lang von Ser­pen­ti­nen, die sich am Hori­zont ver­lau­fen. Zuvor hat er sich sei­ne Taschen mit Süßig­kei­ten voll­ge­stopft, gie­rig und mit vol­len Hän­den. Zumin­dest er wird im Jen­seits kei­nen Hun­ger leiden.