Text: Julia Milz

Nah­auf­nah­me: Eine Frau sitzt in einem Flug­zeug. Ich schaue über eine Minu­te lang in ein Gesicht, des­sen Aus­druck stän­dig zwi­schen Rüh­rung, Trau­er, Belus­ti­gung, Sehn­sucht, Ver­zweif­lung und Schmerz wech­selt. Ein gan­zes Leben scheint sich durch die­ses Gesicht zu zie­hen, in dem das Geleb­te mal flie­ßend inein­an­der über­geht oder als plötz­li­cher Umbruch in einer Ges­te sicht­bar wird. Die Frau hin­ter dem Gesicht reagiert auf äuße­re oder inne­re Bil­der, die dem Blick der Kame­ra ver­bor­gen blei­ben. Für einen Moment las­se ich mich dazu hin­rei­ßen, eige­ne Bil­der in die­ses Gesicht zu pro­ji­zie­ren: So sehe ich die Ver­zü­ckung der hei­li­gen The­re­sa von Ávila, deren Kör­per vom gött­li­chen Pfeil durch­bohrt und ihr Gesicht in lust­vol­ler Eksta­se und Schmerz ver­zerrt ist. Das blaue Kleid erin­nert mich an die Jung­frau Maria, die im eben­so blau­en Gewand den Ver­lust ihres Kin­des beweint. Ich könn­te noch eine gan­ze Wei­le in die­ses Gesicht schau­en und Bil­der aus mei­nen in fer­ner Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Kunst­ge­schich­te-Semi­na­ren wie Paus­pa­pier über ihre Emp­fin­dun­gen legen, die Frau im Bild bleibt mir dabei jedoch fremd. Beglei­tet wird die­ses Schau­spiel von Djan­go Rein­hardts Moon­glow: eine Melo­die, die ver­träumt-erra­tisch zu den Aus­drü­cken die­ses Gesichts zu tan­zen scheint, oder anders­her­um – scheint das Lied doch in ihrem Kopf zu spielen. 

Plötz­lich bricht die Stim­me der Flug­be­glei­te­rin die­se Reve­rie, mit der Ankün­di­gung, dass das Flug­zeug sei­nen Lan­de­an­flug beginnt und die Pas­sa­gie­re ihre Sitz­po­si­tio­nen ein­zu­neh­men haben. Die Frau nimmt einen letz­ten Schluck von ihrem Getränk und es wird deut­lich, dass die ver­meint­li­che gött­li­che Ver­zü­ckung auf den Alko­hol­ein­fluss zurück­zu­füh­ren ist. Auch muss sie genau jetzt aufs Klo, wider­setzt sich der Ansa­ge und steht auf, um sofort wie­der auf ihren Platz ver­wie­sen zu wer­den. Sie lacht über sich selbst oder die Situa­ti­on – oder mich? – und ich bin voll­ends ent­zückt. Sowie­so bin ich seit Beginn die­ses Films über­rascht, sogar über­wäl­tigt von die­ser Figur, die mich im Lau­fe des Films immer wie­der über­ra­schen und über­wäl­ti­gen wird. Zwar erfah­re ich von Sze­ne zu Sze­ne etwas mehr über die Bio­gra­fie die­ser Frem­den, aber ein ganz­heit­li­ches Bild bekom­me ich von ihr nicht. Ihre Bio­gra­fie wird nicht aus­er­zählt, ihre mit­un­ter enig­ma­ti­schen Hand­lun­gen nie gerecht­fer­tigt, aber vor allem wird sie sich mei­nen Pro­jek­tio­nen der hei­li­gen Mut­ter wider­set­zen, eben­so wie all den Zuschrei­bun­gen, die sie von ande­ren Film­fi­gu­ren erhält.

Mary Jo, die «Mary» zurück­ge­las­sen hat und nur noch Jo heißt, kehrt zurück nach Dover in New Eng­land, um ihre leib­li­che Mut­ter zu tref­fen und sich von ihrer im Ster­ben lie­gen­den Adop­tiv­mut­ter zu ver­ab­schie­den. Die Ver­gan­gen­heit holt sie ein: als Figu­ren­samm­lung der Jung­frau Maria im streng katho­li­schen Haus­halt, in Gestalt der from­men Schwes­ter, die mit rosa Wan­gen ihr Frisch­ge­bo­re­nes stillt – Sinn­bild des­sen, was Jo mit sech­zehn zurück­ge­las­sen hat, als sie ein Kind zur Adop­ti­on frei­gab. Es gilt also, alte Wun­den zu schlie­ßen. Schnell wird jedoch deut­lich, dass in der Ver­gan­gen­heit nichts wie­der­gut­zu­ma­chen ist. Was statt­des­sen geschieht, ist, was man im Eng­li­schen «unra­ve­ling» nennt, wofür es im Deut­schen zwei unter­schied­li­che Defi­ni­tio­nen gibt: Ent­wir­rung und Zusam­men­bruch, die in Micha­el Roe­mers Ven­ge­an­ce is Mine jedoch zusam­men­fal­len.

An einem beson­ders tie­fen Punkt ange­langt, rauscht die Nach­bars­toch­ter Jackie in Jos Leben und bei­de adop­tie­ren ein­an­der sofort, denn Jackies Mut­ter Don­na befin­det sich inmit­ten einer Kri­se und kann sich nicht um ihre Toch­ter küm­mern. Dann taucht Jos gewalt­tä­ti­ger Ex-Mann auf und drängt sie zur Rück­kehr. Die­se ent­schei­det sich jedoch gegen die Ver­gan­gen­heit. In einer bru­ta­len Aus­ein­an­der­set­zung schnei­det er ihr die Haa­re ab. Aus­ge­rech­net Don­na ver­passt ihr dar­auf­hin eine neue Fri­sur, und es ent­steht eine Freund­schaft, die sie bis an die Küs­te von Rho­de Island und zum tota­len Zusam­men­bruch führt, als Don­na sich zuneh­mend in ihrer psy­chi­schen Krank­heit ver­liert und Jo, die ihr wie eine Mut­ter The­re­sa gegen­über­steht, an Jackies Zunei­gung und für sie unge­wohn­te Fami­li­en­aus­flü­ge zusam­men mit Don­nas Ex-Mann gewinnt. Über die­se Abfol­ge dra­ma­ti­scher Ereig­nis­se legt sich die Erin­ne­rung an Jos Gesicht ganz am Anfang des Films, des­sen Aus­druck rück­bli­ckend pro­phe­tisch wirkt. 

Eini­ge Dra­men und ein erneu­ter Abschied vom ver­meint­li­chen Mut­ter­sein spä­ter setzt der Film wie­der da an, wo er begann. Jo sitzt wie­der im Flug­zeug, wie­der das blaue Kleid, wie­der Moon­glow. Ihr Blick ist ernst und glei­tet zum Fens­ter. Die Kame­ra erlaubt mir kurz zu sehen, was sie sieht: Eine dunk­le Land­schaft unter einem von Gold durch­flu­te­ten Him­mel. Die Son­ne geht auf und mit ihrem Licht wan­dert ein ruhi­ges, viel­leicht zufrie­de­nes Lächeln über Jos Gesicht. Jetzt kann sie Frie­den schlie­ßen, möch­te ich dar­in lesen, doch dann rutscht mein Paus­pa­pier weg und Jo über­wäl­tigt mich wie­der, indem sie ihren Blick zur Kame­ra rich­tet. Das Lächeln schwin­det lang­sam mit dem Licht und sie schaut ein­dring­lich zurück. Zwi­schen Ankunft und Abflug ist wie­der ein Leben ver­gan­gen – ein Leben, das sich wider­setzt und das nur Jo gehört.