Schneegestöber und Durchlichtbilder: All the Beauty and the Bloodshed von Laura Poitras

In der ers­ten Ein­stel­lung schneit es. Man sieht ein Gebäu­de von außen, ein Stra­ßen­licht leuch­tet, es leuch­tet das Schnee­ge­stö­ber an. Klei­ne Flo­cken flie­gen her­nie­der, wäh­rend sie ihre kaum sicht­ba­ren Schat­ten auf die Schnee­de­cke wer­fen. Jede Flo­cke ist ein­zig­ar­tig. Das hat­te ich als Kind gelernt und dabei ver­geb­lich ver­sucht, ihre Form mit blo­ßem Auge zu ent­zif­fern. Bevor ich eine ein­zel­ne Flo­cke aus dem Gewim­mel iso­lie­ren konn­te, schmol­zen sie alle in mei­ner Hand zusam­men zu einem klei­nen Tropfen.

Es schneit wei­ter und nun sieht man in das Inne­re des Gebäu­des. Nan Gol­din sitzt in einem abge­dun­kel­ten Raum. Der Licht­strahl eines Dia­pro­jek­tors leuch­tet, das Rauch­ge­schwa­der ihrer Ziga­ret­te füllt den Raum. Cem­ba­lo­mu­sik erklingt. Der Klang des Cem­ba­los wird durch ein Zup­fen erzeugt, das Ende einer Feder – das­sel­be Ende, das man zum Schrei­ben in Tin­te taucht – reißt die Sai­te mit sich. Ein klei­ner Tup­fer erklingt. Mein Kla­vier­leh­rer erklär­te mir, dass es des­halb in den Stü­cken für Cem­ba­los vie­le Ver­zie­run­gen gibt. Ein Ton­tup­fer hält nicht lang. Indem man schnell zwei Halb­tö­ne abwech­selnd erklin­gen lässt, erzeugt man die Illu­si­on eines lan­gen Tones.

Die spit­zen und fra­gi­len Töne ver­mi­schen sich mit dem rhyth­misch-mecha­ni­schen Kli­cken des Pro­jek­tors. Es ist ein mir frem­des Geräusch. Ich war nie mit dem end­lo­sen Krei­sen einer sol­chen Appa­ra­tur ver­traut. Es hat etwas Unauf­halt­sa­mes, die Maschi­ne, die einem gera­de genug Zeit gibt, sich zu erin­nern. Es ist ein Mit­tel kon­stan­ter Über­for­de­rung und Kon­fron­ta­ti­on. Viel­leicht ist es daher das rich­ti­ge Mit­tel, sich mit ver­gan­ge­nen Geschich­ten zu beschäf­ti­gen. Lau­ra Poi­t­ras erzählt den Film in Dias, in Kapi­teln, in Foto­samm­lun­gen. Das Licht erleuch­tet die Durch­licht­bil­der, eines nach dem ande­ren, und eine Ruhe legt sich über mich, wie eine Schnee­de­cke. Man legt sich in die Dun­kel­heit und schaut.

Gol­din beginnt mit ihrer Kind­heit. Sie erzählt von ihrer Schwes­ter, ihrer Rebel­li­on und ihrem tra­gi­schen Schick­sal, wor­über ihre Eltern schwei­gen. Sie selbst sei lan­ge Zeit ver­stumm. Es macht Sinn, alles um einen scheint sich zu dre­hen, man bleibt ruhig und sieht dabei zu. Eine gelieb­te Per­son ver­schwin­det spur­los aus dem Leben und alle schau­en weg, als ob nichts pas­siert wäre. Ist es die Trau­er, die einen dann wort­los über­fällt? Ist es die Taub­heit in den Fin­ger­spit­zen, die Taub­heit in einem, die bewirkt, dass man ver­sucht, die eige­ne Wahr­neh­mung fest­zu­hal­ten? Die Fin­ger­spit­zen, die den Weg zum Aus­lö­ser fin­den und abdrü­cken. Erst mit ihrem neu­en Namen, der ihr von ihrem Freund gege­ben wird – Nan –, scheint sie die­je­ni­ge zu sein, die ihr Karus­sell selbst antreibt. Sie ent­flieht dem Vor­ort, lebt mit ihren Freun­den in New York, lebt mit Künstler*innen zusam­men. Sie dre­hen Fil­me, machen Kunst und Fotos, ver­an­stal­ten Par­ties, um ihre Arbei­ten zu zei­gen. Ein­mal ver­dient sie ihr Geld mit einer But­ton­ma­schi­ne. Aus Fotos wer­den But­tons, die sie auf der Stra­ße ver­kauft. Sie ver­wan­deln sich zum Gegen­stand, zu Samm­lun­gen, zu trag­ba­ren Erin­ne­run­gen. Klei­nes Krei­se, die den Moment fest­hal­ten. Ihre Erin­ne­run­gen sprit­zen mit Lust, ste­chen mir mit ihren far­ben­vol­len Bil­dern direkt ins Herz.

Zwi­schen den Dias sind Bil­der der Gegen­wart geschal­tet. Die akti­vis­ti­sche Grup­pe um Nan Gol­din, die sich gegen die Sack­lers und ihren Ein­fluss ein­setzt und sie zur Rechen­schaft für ihre Ver­bre­chen zieht, wirft Fly­er, klebt blu­ti­ges Falsch­geld auf ihre Lei­ber, wirft lee­re Medi­ka­men­ten­do­sen ins die Kunst­hal­len. Mit dem Geld, das die Sack­lers mit Oxy­c­o­don ver­die­nen, mit der Sucht der Men­schen, die die­se Dro­ge aus­löst, benen­nen sie die Flü­gel und Hal­len der Muse­en und Uni­ver­si­tä­ten. Im Film fällt ein Aus­druck – »Bliz­zard of Pre­scrip­ti­on«. Ein schreck­li­ches Bild, über­all ein Film von hart­nä­cki­gem Papier, das sich auf die Men­schen nie­der­legt. Mit ihren Aktio­nen machen sie das Bild kon­kret, man sieht wie sich die Zer­stö­rungs­kraft der Dro­ge manifestiert.

Der Film zeigt die Geschich­te Gold­ins Lebens, ihrer Kunst und ihres Akti­vis­mus. Der Tod und die Gewalt sind ver­wo­ben mit ihrer Geschich­te. Sei es ihre Kind­heit in den 1950ern in den Vor­or­ten, die Erin­ne­run­gen an ihre Schwes­ter oder die an ihre Freun­de und Wahl­fa­mi­lie in New York wäh­rend der AIDS Epi­de­mie. Oder ihre eige­ne Sucht. Eine Sucht die in Ber­lin beginnt, nach­dem sie von ihrem Freund geschla­gen wird, dabei bei­na­he erblin­det. Man gibt ihr die Pil­len, die sie abhän­gig macht. Ber­lin, Blind, The Bal­lad of Sexu­al Depen­den­cy. Eine Bal­la­de, die beißt, die blu­tet, die zerrt, die zer­rüt­tet. Bal­lad, Bat­te­red, Body. Im Film tref­fen fra­gi­le Momen­te zusam­men mit der Gewalt des US-ame­ri­ka­ni­schen Gesund­heits­sys­tems und einer Gesell­schaft, die Pro­ble­me nicht anspricht, son­dern betrof­fe­ne Men­schen noch wei­ter mar­gi­na­li­siert und zum Schwei­gen bringt. Zum Schluss wen­det sich der Film noch­mal Gold­ins Schwes­ter zu, den Akten, die wäh­rend ihres Kli­nik­auf­ent­hal­tes über sie ver­fasst wur­den. Gol­din fin­det ihre Wor­te: All the Beau­ty and the Bloodshed – die bei­den Extre­me, das uner­träg­li­che Gefühl, das Gold­ins Schwes­ter beschreibt. Die Frag­men­te von ihr fin­den zu uns.