Damouré parle du SIDA von Jean Rouch

Protect Yourself: Damouré parle du SIDA von Jean Rouch

Ein bemer­kens­wer­ter, als unfer­tig gel­ten­der Kurz­film: Jean Rouch filmt eine Demons­tra­ti­on sei­nes Freun­des Damou­ré Zika (den man als prak­ti­zie­ren­den Arzt auch in Méde­ci­nes et méde­cins sehen kann; dar­über hin­aus auch als lang­jäh­ri­gen Kol­la­bo­ra­teur von Rouch zum Bei­spiel in Coco­ri­co! Mon­sieur Pou­let oder Madame L’Eau) zum The­ma Aids. Das Cre­do des auch durch die Hil­fe von Rouch aus­ge­bil­de­ten Sani­tä­ters lau­tet: AIDS ist eine Krank­heit der Lie­be, die nur durch Lie­be geheilt wer­den kann.

Er sitzt an einem Tisch in sei­ner Pra­xis in Nia­mey, der Ven­ti­la­tor läuft im Hin­ter­grund, er spricht über die Krank­heit. Mit ihm sit­zen zwei Män­ner, die man nicht mehr als jung beschrei­ben kann, es sind Freun­de von Damou­ré (auch wenn sie kei­ne Freun­de spie­len, son­dern Pati­en­ten) denen er mit Klar­heit und doch nicht einer gewis­sen Komik ent­beh­rend den Gebrauch von Kon­do­men erläu­tert. Auch am Tisch sitzt sei­ne Frau, Lobo, eine Kran­ken­schwes­ter, sei­ne Arzt­hel­fe­rin. Ein­mal erhebt sie die Stim­me und fragt wie sich Frau­en vor der Krank­heit schüt­zen kön­nen. Die Ant­wort fällt zunächst deut­lich aus. Frau­en soll­ten nicht mit frem­den Män­nern schla­fen. Wenn aber doch, so Damou­ré, dann soll­ten sie ein Kon­dom haben und es dem Mann anbie­ten. Am Ende bewegt sich die Kame­ra auf einen an der Wand hän­gen­den Fly­er zu, auf dem steht: Die Frau­en und AIDS. Der Film beginnt bereits vor­her. Die bei­den Män­ner betre­ten die Pra­xis und bit­ten um eine Auf­klä­rung in Sachen AIDS. Lobo emp­fängt sie, notiert ihre Namen und holt dann ihren Gat­ten. Wie so oft bei Rouch ist die Sze­ne der­art offen­sicht­lich gestellt, dass sich eine neue Ebe­ne auf­tut. Eine, die letzt­lich in jedem Film ent­hal­ten ist, aber bei Rouch betont wird: Die Fik­ti­on als Doku­men­ta­ti­on des Schauspiels.

Damouré parle du SIDA von Jean Rouch

Ein Dok­tor spricht über AIDS, mehr pas­siert nicht, der Titel ver­spricht genau das, was der Film hält. Man kann wahr­lich nicht von einem Film spre­chen. Was wäre dann aber ein Film? Oder eine ande­re Fra­ge, die immer wie­der in Ver­bin­dung mit Rouch gestellt wird: Ist das eth­no­gra­phi­sches Kino? Oder eine wei­te­re Fra­ge, die man sich womög­lich dring­li­cher stel­len müss­te: Was bringt die­ses Vor­ge­hen des Fil­me­ma­chers? Das Nach­spie­len des eige­nen Lebens, das Sich-Vor­spie­len, zum Teil auch ein Er-Spie­len, ein mit­ein­an­der Spie­len, dafür schafft Rouch einen Raum. Die Fra­ge ist immer wie sehr er selbst die­sen Raum bespielt und wie sehr er ihn nur zur Ver­fü­gung stellt, damit Damou­ré und sei­ne Freun­de ihn mit Spiel fül­len. Ist es also eine kol­la­bo­ra­ti­ve Arbeit oder nicht? Dar­an hän­gen ethi­sche Fra­gen. Rouch wur­de von afri­ka­ni­schen Fil­me­ma­cher immer wie­der ange­klagt, eine Art fil­mi­schen Kolo­nia­lis­mus zu voll­füh­ren; benutzt Rouch viel­leicht gar einen Raum, der ihm gar nicht gehört?

Ein Schü­ler von Mar­cel Mauss war es immer das Anlie­gen von Rouch, dass man nicht von der Dif­fe­renz zwi­schen sich selbst und denen, die man betrach­te­te, aus­geht, son­dern von den Fra­gen, die man stellt, um Schrit­te zu tun, die­se Dif­fe­renz zu über­brü­cken. Damou­ré par­le du SIDA stellt eine sol­che Fra­ge: Wie sieht es aus, wenn Men­schen in Nige­ria sich über AIDS auf­klä­ren? Ent­stan­den 1992 war das eine mehr als logi­sche, eine wich­ti­ge und rich­ti­ge Fra­ge. Rouch Film ist dann aber eine Fik­ti­on. Er sagt nicht: So sieht das aus. Son­dern: So könn­te das aus­se­hen. Auf die­se Fik­ti­on, die auch vor­gibt etwas zu sein, was sie nicht ist, stößt man immer wie­der. Stellt man zum Bei­spiel die poli­ti­schen Agen­den von Fil­me­ma­chern wie Želi­mir Žil­nik und Pedro Cos­ta gegen­über bemerkt man zwei aus­ein­an­der­drif­ten­de Hal­tun­gen. Beim ser­bi­schen Fil­me­ma­cher ist es eine direk­te Hal­tung, die dar­auf pocht, dass es einen Unter­schied zwi­schen Fil­men­den und Gefilm­ten gibt, die regis­triert, auf­zeigt und sich einer doku­men­ta­ri­schen Wahr­heit ver­pflich­tet. Bei Cos­ta dage­gen ist es die Beto­nung eines Spiels, mar­kiert durch die Form der Fil­me, die nur auf poe­ti­scher Ebe­ne behaup­ten kann, dass sie die Wahr­heit zeigt und viel­mehr eine mög­li­che Wahr­heit zeigt, in der Unter­schie­de auf­ge­ho­ben wer­den, in der es die Uto­pie einer Stim­me für die Unter­drück­ten gibt. Um die­se diver­gie­ren­den Ansät­ze noch zu ver­kom­pli­zie­ren, ist es jedoch Cos­ta, der bestän­dig einen Unter­schied zwi­schen sich und den Ande­ren spür­bar macht und Žil­nik, der bewun­derns­wert dar­über hinweggeht.

Rouch liegt irgend­wo dazwi­schen, ist sowie­so kaum zu fas­sen. In sei­nen Fil­men liegt der sur­rea­lis­tisch ange­hauch­te Geist eines roman­ti­schen Aben­teu­rers. Mal wid­met er sich mit größ­ter wis­sen­schaft­li­cher Sorg­falt der Bedeu­tung sei­ner Rei­sen, mal bewegt er sich fla­nie­rend ein­zig sei­ner Neu­gier fol­gend. Er macht gefähr­li­ches Kino und stellt die Fra­ge, wie­viel man tat­säch­lich dar­über nach­den­ken muss, wenn man die Kame­ra auf „die Ande­ren“ rich­tet und wie sehr man sich von Gefühl lei­ten las­sen kann.