Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Chihwaseon von Im Kwon-taek

„Ständig durch’s Leben schwanken ist auch eine Lebensart“: Der koreanische Regisseur Im Kwon-taek

Die­je­ni­gen, die Im Kwon-taek (Jahr­gang 1934) auf Fes­ti­vals und im Inter­view begeg­nen, beschrei­ben ihn als warm­her­zig und von gera­de­zu ent­waff­nen­der Beschei­den­heit. Im selbst weist nur zu gern auf sei­ne fil­mi­sche Unbe­darft­heit in sei­nen Anfangs­jah­ren als Regis­seur hin, auf sei­nen dama­li­gen nicht vor­han­de­nen Ehr­geiz und den ein­zi­gen Wunsch, ein­fach sei­nen Lebens­un­ter­halt zu verdienen.

Zunächst arbei­te­te Im Kwon-taek 1956 als Requi­si­teur für die Pro­duk­ti­on The Sto­ry of Jangh­wa and Hon­gry­un. Der Regis­seur Chung Chang-hwa soll­te ihn bei sei­nen Assis­ten­ten beschäf­ti­gen, aber er schien schon aus­rei­chend ver­sorgt. Im hat­te sich zunächst um die Requi­si­ten und auch um die Ver­pfle­gung der Crew zu küm­mern. Chung Chang-hwa tat sich beson­ders als Regis­seur von Action­fil­men und Melo­dra­men her­vor. Er leis­te­te mit sei­ner Arbeit einen wesent­li­chen Bei­trag zum Sie­ges­zug des Kung­fu-Films im Hong­kong-Kino der 70er Jah­re, wel­cher nach­fol­gend den Schwert­kampf-Film der 60er ablö­sen soll­te. Im assis­tier­te bei ins­ge­samt 7 Pro­duk­tio­nen, bis er schließ­lich selbst Regie führ­te. Sei­ne von ihm ver­las­se­ne Assis­ten­ten­stel­le wur­de von Kang Dae-jin besetzt: die­ser soll­te spä­ter den Gol­de­nen Bären in Ber­lin für sei­nen Film A Coach­man erhalten.

Aber nun als Regis­seur zu arbei­ten: das änder­te angeb­lich nichts an Im Kwon-taeks Grund­ein­stel­lung, dass es sich beim Film nur um ein Hand­werk han­de­le, und nicht etwa um eine künst­le­ri­sche Aus­drucks­form, geschwei­ge denn, um ein öffent­li­ches Sprach­rohr. Zehn Jah­re soll­te das so gehen, bis er sich dann doch dazu ent­schloss, sich sei­ner Ver­ant­wor­tung als popu­lä­rer Fil­me­ma­cher bewusst zu wer­den. Es geht ihm um das natio­na­le Bewusst­sein, und somit um die Geschich­te sei­nes Lan­des. Kul­tu­rel­le Iden­ti­tät und die damit ver­bun­de­nen Klas­sen­un­ter­schie­de bis zu den ver­teil­ten Rol­len von Mann und Frau: Im schlägt sich schnell auf die Sei­te der Frau­en, um anhand ein­zel­ner Schick­sa­le immer wie­der zur Geschich­te sei­nes Lan­des zu fin­den. Die Geschich­ten, die er seit­dem erzählt sind ohne die Grund­la­ge des Kon­fu­zia­nis­mus nicht zu den­ken geschwei­ge denn zu ver­ste­hen. Kon­fu­zi­us’ Leh­re baut auf den so genann­ten Grund­tu­gen­den wie Mensch­lich­keit, das Moral­ge­fühl und der Sinn für sozia­le Gerech­tig­keit. Zu wis­sen, was mensch­lich ist, soll eben­so geschult wer­den, wie das Wis­sen um gerech­te Hand­lun­gen, die Ein­sicht und die Erkennt­nis. Die­se Tugen­den aber sind nur durch Bil­dung zu erlan­gen: die Ent­wick­lung zu einem mora­li­schen Vor­bild (der Mon­arch gegen­über dem ein­fa­chen Volk und der Mann gegen­über der Frau) voll­zieht sich in die­sem Lern­pro­zess in drei Stu­fen: das Erlan­gen von Wis­sen führt zur mora­li­scher Erkennt­nis, die­se zu einer star­ken und wei­sen Aus­strah­lung und somit Füh­rungs­kraft und schließ­lich zu dem in sei­ner Weis­heit ruhen­den Menschen.

Somit wird auch noch heu­te der Bil­dung ein hoher Stel­len­wert ein­ge­räumt, genau­so wie einer sozia­len Loya­li­tät und Grup­pen­ori­en­tie­rung, die man in Ims Fil­men eben­so ent­deckt und die dem west­li­chen Zuschau­er beim Ver­ständ­nis sei­ner Geschich­ten hin und wie­der Schwie­rig­kei­ten berei­ten wird. Der Zugang aber zu den ein­zel­nen The­men wird einem nicht unbe­dingt erschwert. Die Wert­schät­zung der schö­nen Küns­te, ihre tie­fe Ver­bun­den­heit zu den eige­nen kul­tu­rel­len Wur­zeln, nimmt Im Kwon-taek ger­ne als Stoff, um per­sön­li­che Schick­sa­le zu zei­gen, die aber nie von ihrer Zeit und den poli­ti­schen Ereig­nis­sen los­ge­löst wären. In Chih­wa­se­on etwa wid­met er sich der klas­si­schen Male­rei. In der Ent­wick­lung sei­ner Male­rei­sti­le (Pflan­zen- und Blu­men­ma­le­rei, Land­schafts- und Gen­re­ma­le­rei sowie Kal­li­gra­phien) gilt Korea als Brü­cke zwi­schen Chi­na und Japan. Ein­zel­ne Künst­ler wur­den bewun­dert und hoch ver­ehrt, ihre Arbeit in den All­tag der Auf­trag­ge­ber mit ein­be­zo­gen, selbst weni­ger rei­che Fami­li­en leis­te­ten sich regel­mä­ßig Kal­li­gra­phien zum Neu­jahrs­fest. Die Por­trät­ma­le­rei war dem Hofe vor­be­hal­ten: man hielt sich meh­re­re ange­se­he­ne Künst­ler, um auch Wand­schir­me und Roll­bil­der anfer­ti­gen zu las­sen. In der Geschich­te des Malers Jang Seung-up (1843−1897) ver­knüpft Im gleich meh­re­re mensch­li­che Kon­flik­te: der Kampf des Künst­lers nach Voll­kom­men­heit, der Zwei­fel an die­ser und der Fort­füh­rung sei­nes Wer­kes und schließ­lich die Fra­ge nach poli­ti­scher Ver­ant­wor­tung als eine Per­sön­lich­keit des öffent­li­chen Lebens.

Ticket von Im Kwon-taek
Ticket

„Diese wertvolle Hand…“

In einem Rück­blick erzählt das Maler­ge­nie Seung-up, wie er vom geprü­gel­ten Stra­ßen­kind zum berühm­tes­ten Künst­ler des Lan­des auf­stieg. Im nimmt sich wie­der Zeit, bringt das von ihm oft zitier­te korea­ni­sche Tem­po zum vol­len Ein­satz. Dabei gibt es kein Emp­fin­den von Lang­sam­keit im Sin­ne von Lan­ge­wei­le: die Sze­nen spie­len sich selbst aus, ohne vor­an­ge­trie­ben zu wer­den, sie fin­den ihr eige­nes Ende, ohne die Geschich­te in ihrer Ent­wick­lung zu behin­dern. In gran­dio­ser Dar­stel­lung der Haupt­rol­le von Choi Min-sik sehen wir ein Korea in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts. Kann man zuerst die Nase rümp­fen über die übli­chen Zuta­ten lei­den­schaft­li­cher Künst­ler­bio­gra­phien (Alko­hol, Sex und Untreue, zer­stö­re­ri­sche Selbst­zwei­fel ver­bun­den mit Auto­ag­gres­si­on), so ändert sich doch zei­tig der Blick: unter ande­rem ist dies der schon genann­ten Unauf­ge­regt­heit der ein­zel­nen Sze­nen­fol­gen zu ver­dan­ken. Als Stra­ßen­kind gezeich­net von Hun­ger und nicht nur kör­per­li­cher Gewalt, nimmt sich sei­ner der ange­se­he­ne Künst­ler Kim Byung-moon, dar­ge­stellt von Ahn Seong-ki, an. Die­ser erkennt, auf­grund des Inter­es­ses des Jun­gen an der Arbeit sei­nes Meis­ters, das zeich­ne­ri­sche Talent des Jun­gen. Dies beruht zunächst nur auf einem pho­to­gra­phi­schen Gedächt­nis, wird aber in sei­ner zeich­ne­ri­schen Hand­ha­bung vom Meis­ter geför­dert. Damit zieht er sich zunächst das Miss­trau­en und den enor­men Unmut sei­ner Kol­le­gen her­an: wie soll ein unge­bil­de­tes, uned­les Kind in der Lage sein, die gött­li­che Natur wider­zu­ge­ben? Unter stän­dig miss­bil­li­gen­den Augen rennt der klei­ne Seung-up schließ­lich fort. Als jun­ger Erwach­se­ner kehrt er wie­der, jene Zeit bleibt für den Zuschau­er ein dunk­les Loch. Doch sein Meis­ter nimmt ihn wie­der auf, um ihn zur Aus­bil­dung zu einem chi­ne­si­schen Adli­gen zu schi­cken. Seung-up ver­liebt sich wäh­rend sei­ner Stu­di­en in die Schwes­ter des Haus­herrn; die­se Lie­be wird zwar erwi­dert, aber eben­so als unstan­des­ge­mäß auf­ge­fasst. Seung-up muss ihre Hoch­zeit mit­er­le­ben und rennt schließ­lich wie­der davon. Er hält sich mit dem Kopie­ren von chi­ne­si­schen Tusche­zeich­nun­gen über Was­ser und stellt sich zum ers­ten Male die Fra­ge, ob es Sinn macht, Kunst eines ande­ren Künst­lers zu imi­tie­ren. Gro­ße Selbst­zwei­fel an der eige­nen Fähig­keit, Neu­es zu erschaf­fen, füh­ren die ers­ten exzes­si­ven Erfah­run­gen mit Alko­hol mit sich, und, ach, ja, natür­lich die ers­ten Bor­dell­be­su­che nicht zu vergessen.

In den ernst­haf­ten Lie­bes­ge­schich­ten auf sei­nem Lebens­weg baut Im Kwon-taek his­to­ri­sches Gesche­hen mit ein. So erfah­ren wir noch von der Lie­be zu einer Chris­tin, die schließ­lich auf­grund ihres Glau­bens geköpft wird. Den tief emp­fun­de­nen Schmerz betäubt er mit wei­te­ren Lieb­schaf­ten und wird schließ­lich von einer spä­te­ren Lebens­ge­fähr­tin betro­gen, die sich das Recht neh­men will, eben­so wie er ihre sexu­el­le Frei­heit zu erpro­ben. Aufs Neue ver­letzt begibt er sich auf eine Wan­der­schaft durch das auf­ge­wühl­te Land, auf der Suche nach Erlö­sung in der Natur. In sei­ner Roman­tik und Suche nach inne­rer Treue hofft er auf die Sub­li­mie­rung der natür­li­chen Strö­mun­gen, malt und zer­stört sei­ne Arbeit immer wie­der. Wäh­rend­des­sen bil­det sich bereits ein Mythos um sei­ne Arbeit und sei­nen har­ten Kampf mit sich selbst. Er sucht nach neu­en Aus­drucks­mög­lich­kei­ten, benutzt statt Pin­sel aus­ge­frans­te Äste. Er fühlt sich wei­ter­hin miss­ver­stan­den, unfä­hig sei­nen inne­ren Drang zur Male­rei in Wor­ten und beru­hi­gend wir­ken­den Gesprä­chen Aus­druck zu ver­lei­hen, wie sei­ne gebil­de­ten Kol­le­gen. Den­noch wird er schließ­lich zum Hof ein­ge­la­den. Er soll mit ande­ren Künst­lern Auf­trags­ar­bei­ten für den König erfül­len. Wie­der ist er auf der Flucht. Wäh­rend einer der Bau­ern­auf­stän­de (der Unmut über die hohe Steu­er­last, die unglei­che Land­ver­tei­lung inner­halb des von Chi­na, Japan und Russ­land besetz­ten Korea und schließ­lich die gro­ßen Dür­ren von 1877 und 1889 ent­la­den sich hier) ent­kommt er nur knapp sei­ner Ermor­dung. Man sieht ihn nicht mehr als einen Künst­ler des Vol­kes son­dern als einen para­si­tä­ren Günst­ling des Königs. Auf sei­ner Flucht begeg­net er sei­nem Meis­ter Kim, der nun sei­ner­seits im Exil und in Armut lebt. Ein letz­tes Mal kehrt er zurück nach Seo­ul, sei­ne Gesund­heit ist schwer ange­schla­gen und er fin­det noch ein­mal ein wenig Ruhe bei sei­ner gro­ßen Lie­be Mae-hyang. Um nie­man­den mehr zur Last zu fal­len ver­lässt er sie und lebt uner­kannt auf dem Land. Er schließt sich Kera­mi­kern an, um sich dort auf Vasen und Töp­fen sein Kön­nen zu Nut­ze zu machen. Doch sein Pin­sel gehorcht ihm nicht mehr. His­to­risch belegt ist, dass man nie­mals wie­der von Seung-up gehört hat. Im Kwon-taek lässt ihn den Frei­tod wäh­len, indem er völ­lig apa­thisch in den Brenn­ofen steigt. Im Kwon-taek zeich­net ein his­to­risch-dich­tes Gemäl­de des 19. Jahr­hun­derts: dies beinhal­tet die Bau­ern­auf­stän­de, die Japa­ni­sche Beset­zung und die Chris­ten­ver­fol­gung. Die­se Gescheh­nis­se schla­gen sich nicht in Seung-ups Arbeit nie­der, aber bil­den unaus­weich­lich den Rah­men sei­ner hart erkämpf­ten Selbst­fin­dung, oder zumin­dest den Ver­such hier­zu. Der enor­me Ehr­geiz in sei­ner Arbeit spricht gegen das völ­li­ge Des­in­ter­es­se am finan­zi­el­len Erfolg sei­ner Male­rei. Die­ser auf­ge­wühl­te Cha­rak­ter lässt einen recht schnell an die Dar­stel­lun­gen des Japa­ners Mifu­ne Toshiro den­ken, ohne ihn jedoch etwa nach­zu­ah­men. Nicht der Künst­ler als Genie steht hier im Mit­tel­punkt, son­dern der Künst­ler im Selbst­zwei­fel an sei­ner sozia­len Bedeu­tung. Wäh­rend man im Wes­ten inner­halb von Künst­ler­bio­gra­phien eher davor zurück­schreckt, den „Maler“ bei der Arbeit zu zei­gen, da eine solch gewoll­te Authen­ti­zi­tät nur zu unglaub­wür­dig erscheint, ist Im Kwon-taek in sei­ner Meis­ter­schaft hier­zu in der Lage, ohne dass man sich betro­gen fühlt. Der Film wird ger­ne als Ims eige­ner Kampf inner­halb des Fil­me­ma­chens gese­hen, aber so weit muss man nun doch nicht gehen. Er hat wie­der ein­mal beson­ders fein­füh­lig eine Figur aus­ge­wählt, um in ers­ter Linie den Kampf einer Nati­on zu ver­an­schau­li­chen. Anhand einer kul­tu­rell beding­ten Aus­drucks­form gibt Im Kwon-taek hier einer natio­na­len Aus­drucks­mög­lich­keit eine Platt­form, um den immer wäh­ren­den Kampf zu zei­gen zwi­schen Indi­vi­dua­lis­mus und sozia­lem Gruppengefüge.

Sopyonje von Im Kwon-taek
Sopyon­je

„Liebe, ich trage Dich auf dem Rücken…“

In Sopyon­je gewährt Im Kwon-taek den sozi­al-kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Zugang zu sei­ner Geschich­te über die Musik: den scha­ma­nisch beein­fluss­ten Pan­so­ri. Hier­bei han­delt es sich um einen rezi­ta­ti­ven Gesang, bei dem die beglei­ten­de Trom­mel Ges­ten und ein­zel­ne Voka­le der Sän­ge­rin unter­streicht. Die Trom­mel treibt weder an noch bleibt sie in immer glei­cher Geschwin­dig­keit: viel­mehr gibt sie in Har­mo­nie mit dem Gesang eine eige­ne Inter­pre­ta­ti­on des jewei­li­gen Lie­des wider. Im Kwon-taek ver­filmt hier eine etwa zehn­sei­ti­ge Novel­le von Lee Chung-jun. Sopyon­je selbst beschreibt eine bäu­er­li­che Lebens- und Sprech­wei­se, eine Art Dia­lekt. Im stammt selbst aus die­ser Regi­on und sah sich (nach der beschwer­li­chen Suche nach Schau­spie­lern, die die­sen Dia­lekt und den Pan­so­ri beherrsch­ten) gera­de­zu auf­ge­for­dert, die­se Novel­le zu ver­fil­men. Der Dreh­buch­au­tor selbst (Kim Myung-gon) über­nahm die Haupt­rol­le, die des Yu-bong. Ein jun­ger Mann aus Seo­ul (Kim Kyu-cheol) lan­det auf der angeb­li­chen Suche nach Heil­kräu­tern auf sei­ner Rei­se durch die länd­li­che Sopyon­jege­gend in einem klei­nen Gast­hof. Er ist auf der Suche nach Song-hwa (Oh Jeong-hae), mit der er in sei­ner Kind­heit zusam­men auf­ge­wach­sen ist. In einem abend­li­chen Gespräch mit einer Pan­so­ri-Sän­ge­rin ver­sucht er sich genau zu erin­nern, und in Rück­blen­den wird die Geschich­te erzählt: Er war noch ein Kind als eines Tages ein Pan­so­ri-Sän­ger namens Yu-bong mit sei­ner Toch­ter in sein Dorf kam. Sei­ne ver­wit­we­te Mut­ter ver­lieb­te sich damals, und so zogen sie schließ­lich gemein­sam wei­ter. Die Land­schaft wird in gera­de­zu her­aus­for­dernd lan­gen Ein­stel­lun­gen wider­ge­ge­ben, und die Far­ben in den jewei­li­gen Jah­res­zei­ten bei­ßen sich von der Lein­wand ihren Weg durch die Geschichte.

In den frü­hen 50er Jah­ren, als nach dem Ende des zwei­ten Welt­krie­ges die Japa­ner das Land ver­lie­ßen, fand der Pan­so­ri wie­der sei­ne ange­stamm­te Auf­merk­sam­keit. Die Fami­lie zieht durchs Land, ver­schla­fe­ne Dör­fer, die nichts von ihrer Ursprüng­lich­keit ein­ge­büßt haben, und in denen die Indus­trie zunächst kei­ne nen­nens­wer­ten Spu­ren hin­ter­las­sen hat. Erst in den 60ern zeig­te sich das ers­te Des­in­ter­es­se an der eige­nen Kul­tur, bestärkt durch den dama­li­gen japa­ni­schen und nun west­li­chen Ein­fluss, und sich den Lebens­un­ter­halt mit einer korea­ni­schen Tra­di­ti­on zu ver­die­nen ist nicht mehr ein­fach. Als die Mut­ter bei der Geburt eines zwei­ten nun gemein­sa­men Kin­des stirbt, bleibt Dong-ho bei dem Meis­ter und sei­ner Toch­ter. Um eben­falls zu etwas nüt­ze zu sein, ent­schließt er sich zu dem Nahe­lie­gends­ten: er erlernt das Trom­mel­spiel und soll sei­ne Halb­schwes­ter zukünf­tig bei ihrem Gesang beglei­ten. Sie durch­strei­fen das Land, aber nie­mals wird man genau Zeu­ge der jewei­li­gen poli­ti­schen Umstän­de, wie etwa des Bür­ger­kriegs. Der Film zeigt ein­zig die per­sön­li­che Geschich­te drei­er Musi­ker. Nur das sich bei­läu­fig zei­gen­de Des­in­ter­es­se an ihren Auf­füh­run­gen spricht von einem gleich­zei­ti­gen Ver­lust natio­na­ler Iden­ti­tät. Nach einem Streit mit dem Meis­ter, fast könn­te man Riva­li­tät zwi­schen den bei­den Män­nern ver­mu­ten, ver­lässt Dong-ho nun als Wai­se sei­ne Ersatz­fa­mi­lie und lässt Song-hwa bei ihrem Vater zurück. In sei­nem Ehr­geiz geht die­ser soweit, sei­ne Toch­ter selbst zu blen­den, aber anders, als man dies etwa ver­mu­tet. Er ver­ge­wal­tigt sie und in ihrer Abhän­gig­keit ver­hin­dert er, dass auch sie ihn ver­läßt. Zur Voll­kom­men­heit soll sie nun gelan­gen, und blind wie sie ist, sei sie wirk­lich in der Lage, wah­res Leid in ihrem Gesang aus­zu­drü­cken. Ein wei­te­res Leid gesellt sich hin­zu, in zunächst sub­ti­len Andeu­tun­gen: nach der Blen­dung ver­än­dert sich ihre Fri­sur: sie trägt ihr Haar nicht mehr offen, son­dern hoch­ge­steckt mit einem tra­di­tio­nel­len pin­yo. Dies ist das tra­di­tio­nel­le Zei­chen der Ent­jung­fe­rung, das Zei­chen einer erwach­se­nen Frau, einer Gelieb­ten. Bei der Ver­ge­wal­ti­gung ist es nicht geblie­ben: er erhebt sie noch zusätz­lich in den Stand sei­ner Gelieb­ten. Um Pan­so­ri zu sin­gen soll­te sie alle mög­li­chen Lei­den ken­nen, Hass und Lie­be, aber auch die Lust. Nun ist sie sei­ne Gelieb­te, aber gleich­zei­tig setzt er sie den Bli­cken eines Publi­kums aus, die sie selbst nicht mehr erwi­dern kann. Im völ­li­gen Zwie­spalt an ihn geket­tet, lebt sie nach sei­nem Tod am Exis­tenz­mi­ni­mum. Im Kwon-taek beschäf­tigt sich ein­mal mehr mit der gesell­schaft­lich auf­ge­zwun­ge­nen Abhän­gig­keit der Frau. Der Mann als ewig Unglück brin­gen­des Wesen, indem er die Frau, die er liebt, schwän­gert und sie die­se Geburt nicht über­lebt. Oder auch als wei­te­re Ver­stüm­me­lung, hier nimmt er ihr das Augen­licht (!), um eine etwa­ige Selbst­stän­dig­keit zu ver­hin­dern. Der sexu­el­le Miss­brauch als Waf­fe und als gleich­zei­ti­ge Ver­bin­dung, und doch die Unfä­hig­keit der Frau, sich dage­gen zu wehren.

Aber Dong-ho soll sie wie­der­tref­fen, und gemein­sam sin­gen und spie­len sie den Pan­so­ri, unter Trä­nen und mit weit auf­ge­ris­se­nen Augen beob­ach­tet Dong-ho dabei ihr Gesicht. Das Lied scheint ein dem eigent­li­chen Geschlechts­akt vor­an­ge­hen­der Akt, viel­leicht um so viel inni­ger und kraft­vol­ler. Sie ver­brin­gen eine Nacht gemein­sam, um sich aber dann zu tren­nen. Sein Leben ist bereits ein ande­res, und wie weit ist sie nur eine Erlö­sung für sein schlech­tes Gewis­sen, und eine nutz­lo­se Hoff­nung, ihm sei­ne Unschuld zurück­zu­ge­ben? Er lebt in der Stadt, hat nun eine Fami­lie und Song-hwa setzt angeb­lich ihr Wan­der­le­ben fort. Sie kann für ihn eine unaus­lösch­bar roman­tisch-ursprüng­li­che Erin­ne­rung blei­ben. Auf sei­ner nun enden­den Suche nach Hei­mat scheint nichts süßer als der aus­füh­ren­de Liebesschmerz …

Chunhyang von Im Kwon-taek
Chun­hyang Deon

„Diese Mädchen sind neu.“

Sexua­li­tät und Schmerz führt bei Im auch zur Pro­sti­tu­ti­on. In Ticket von 1986 treibt er die­se Kom­bi­na­ti­on noch auf die Spit­ze, in dem er eine Frau auf ihrer Suche nach Unab­hän­gig­keit in die sexu­el­le Aus­beu­tung steu­ern lässt. Unab­hän­gig­keit heißt natür­lich erst ein­mal unab­hän­gig von Män­nern zu sein! Dass die­se Unab­hän­gig­keit dann nur Dank der Män­ner über­haupt funk­tio­niert, lässt ein unan­ge­neh­mes Gefühl zurück. Im zeigt die not­ge­drun­ge­ne „Ver­ro­hung“ der Frau nach dem Krieg, indem sie ihre sexu­el­le Macht bewusst zu ihrem finan­zi­el­len Vor­teil ein­setzt. Ist etwa kei­ne „Ver­ro­hung“ der Män­ner im Spiel, die solch ein Sys­tem ermög­li­chen und nut­zen? Ji-suk (Kim Ji-mi) ist Eigen­tü­me­rin eines Tee­hau­ses in einer klei­nen Hafen­stadt an der Ost­küs­te Kore­as. Vier jun­ge Kell­ne­rin­nen, die sie zu Beginn des Fil­mes ein­stellt, ser­vie­ren im Tee­haus und belie­fern auch Büros, Hotel­zim­mer und im Hafen lie­gen­de Fischer­boo­te. Der Tee ist natür­lich Neben­sa­che: von den Frau­en wird Sex erwar­tet, den haben die Kun­den zuvor anhand von „Tickets“ erwor­ben, und bezah­len damit angeb­lich die anfal­len­de Zeit, die die Frau­en nicht im Tee­haus ver­brin­gen. Ji-suk erfährt, dass ihr Exmann nun wie­der gehei­ra­tet hat: eine rei­che Frau, mit der er nun zwei Kin­der hat. Ob sie sich noch Hoff­nun­gen gemacht hat, wer weiß, zumin­dest ver­fällt Ji-suk dem Alko­hol. Eine ihrer Kell­ne­rin­nen finan­ziert ihrem Freund, der noch nichts genau­es von ihrem Job weiß, das teu­re Stu­di­um und wird natür­lich von ihm ver­las­sen, als er erfährt, wie sie ihr Geld ver­dient. Ji-suk fühlt sich ver­ant­wort­lich (!) und trifft sich mit dem jun­gen Mann, um ihn zu einer Rück­kehr zu bewe­gen. Das Gespräch ver­läuft anders, als erwar­tet: von sei­ner Gefühls­käl­te und sei­nem Ekel gegen­über sei­ner Freun­din völ­lig auf­ge­bracht, ertränkt Ji-suk ihn im seich­ten Ufer. Dies alles ver­kraf­tet Ji-suk nicht und wird schließ­lich in eine psych­ia­tri­sche Anstalt ein­ge­lie­fert (von wem?!).

Kim Ji-mi gehört seit ihrem Debut im Jah­re 1928 in Come, My Star zu den füh­ren­den korea­ni­schen Schau­spie­le­rin­nen. Für die­se Rol­le braucht es auch ein ent­spre­chen­des Kali­ber, will Im hier doch nicht nur eine Gesell­schaft anpran­gern, die die­se Form von Aus­beu­tung erlaubt, son­dern genau­so die Tee­haus­be­sit­ze­rin, die die­se Situa­ti­on unter­stützt. Ganz schnell könn­te die Ver­kör­pe­rung einer sol­chen Rol­le ansons­ten in rei­ne Vor­mit­tags­un­ter­hal­tung rut­schen. Um die Män­ner­rol­len küm­mert Im sich hier nicht so aus­gie­big, sie sind gei­le und gefühl­lo­se Böcke, grap­schen und meckern nur her­um, und tun ein­fach genau das, was Män­ner sofort unsym­pa­thisch machen könn­te. Eine sen­si­ble­re und aus­ge­gli­che­ne­re Gewich­tung könn­te man sich hier wün­schen. Im zeigt zwar die Hin­fäl­lig­keit über­hol­ter Sit­ten und Rol­len­ver­tei­lun­gen, beklagt das angeb­li­che Nicht­vor­han­den­sein mora­li­scher Wer­te, aber eine Lösung bie­tet er auch nicht an, im Gegen­teil: wer meint, gerecht zu han­deln, lan­det mal wie­der im Irren­haus. Aber viel­leicht braucht es eine sol­che Dar­stel­lung von poli­ti­schen und sexu­el­len Ungleich­hei­ten, um sie här­ter erfahr­bar und vor allem all­ge­mein ver­ständ­lich zu machen.

Chunhyang von Im Kwon-taek
Chun­hyang Deon

„Ich kehre zu meinen Wurzeln zurück.“

Was für uns West­ler Romeo und Julia dar­stellt, mit sei­ner immer­wäh­ren­den Lie­be bis über den Tod hin­aus, das ist in der korea­ni­schen Geschich­te Chun­hyang Deon. Unzäh­li­ge Male wur­de die Geschich­te von Chun­hyang ver­filmt, die ers­te Stumm­film­ver­si­on wur­de 1923 unter japa­ni­scher Okku­pa­ti­on pro­du­ziert. Auch heu­te gilt die­se Geschich­te für man­che Büh­nen- und Film­re­gis­seu­re als abso­lu­te Her­aus­for­de­rung. Die Geschich­te ist recht ein­fach: Im 17. Jahr­hun­dert ver­liebt sich der jun­ge Mong-ryong in die eben­so jun­ge Chun-hyang. Er stammt aus einer Herr­scher­fa­mi­lie, sie ist die hoch­ge­bil­de­te Toch­ter einer Kur­ti­sa­ne. Als er nach Seo­ul zie­hen muss, soll Chun-hyang die Gelieb­te des neu­en Gou­ver­neurs wer­den, dem sie sich aber aus Lie­be zu ihrem Freund ver­wei­gert. Sie muss eine lan­ge Zeit des Schmer­zes durch­ma­chen, ehe sie bei­de wie­der in ihrer Lie­be ver­eint sind. Im fühl­te sich die­sem his­to­ri­schen Stoff beson­ders hei­mat­lich ver­bun­den, spielt die Hand­lung doch in der Gegend, in der er selbst auf­wuchs. Wäh­rend des korea­ni­schen Bür­ger­krie­ges spie­len sich die ver­hee­rends­ten Kämp­fe in der süd­li­chen Chol­la-Gegend ab, nahe Jangs­ung, wo sich auch die­se Geschich­te abspielt. Beson­ders für das weib­li­che Publi­kum ist die Figur der Chun-hyang ein Vor­bild für den Kampf gegen das Patri­ar­chat, eine Iko­ne für die Eman­zi­pa­ti­on der Frau. Im hat sei­ne Ver­si­on in der Form des Pan­so­ri ent­wi­ckelt, jener korea­ni­schen Gesangs­form, der er schon in Sopyon­je hul­digt. Die Dia­lo­ge und Hand­lungs­ab­läu­fe sind hier ganz auf die Erzähl­struk­tur und Rhyth­men des Pan­so­ri ein­ge­stimmt, die Far­ben­pracht des Films ist schier über­bor­dend! Und trotz kul­tu­rel­ler Unter­schie­de zum Romeo-Julia-Stoff gibt es auch hier das immer wie­der­keh­ren­de Pro­blem mit der Jun­gend der Dar­stel­ler: wie kann man zwei Kin­der sexu­el­les Ver­lan­gen und Lei­den­schaft dar­stel­len las­sen? Das Spiel der Schau­spie­ler muss sich zudem ganz dem Rhyth­mus des Pan­so­ri anpas­sen, ein Gefühl, dass einen den Film lie­ben lässt, oder man wird wahn­sin­nig! Da die­ser tra­di­tio­nel­le Gesang aber die ein­zig legi­ti­me Über­lie­fe­rungs­form die­ser Geschich­te dar­stellt, ist sie ohne Pan­so­ri ein­fach nicht denk­bar, oder wäre zumin­dest nicht authen­tisch. Die Geschich­te unter­lief im Lau­fe der Jahr­hun­der­te gewis­sen Ände­run­gen, um sie den jewei­li­gen aktu­el­len Gesell­schafts­auf­fas­sun­gen anzu­pas­sen. War Chun-hyang zunächst eine Gesell­schafts­da­me, so wird sie spä­ter zu einer ille­gi­ti­men Toch­ter eines edlen Bür­ger­meis­ters, denn eine Gesell­schafts­da­me war nichts ande­res als eine Skla­vin und wur­de als Eigen­tum des Staa­tes ange­se­hen. Ihre sozia­le Stel­lung wird also geän­dert, um eine Hei­rat mit einem Prin­zen zu ermög­li­chen. Ihre kon­fu­zia­ni­sche Tra­di­ti­on als Frau in der Gesell­schaft bleibt. Dass ihr Gelieb­ter ihr wie­der ein­mal zu Hil­fe eilen muss, wird bei den eman­zi­pa­to­ri­schen Unter­tö­nen nicht mehr so eng gese­hen. Sie hat den Mut und die Kraft zum Auf­stand und führt ihn auch aus. Das muss genü­gen, um ihr einen eige­nen Wil­len zuzu­ge­ste­hen: wem sie sich hin­ge­ben will …

Sibaji von Im Kwon-taek
Siba­ji

„Weißt denn du, was die Männer wollen?“

Frau­en­schick­sa­le beschäf­ti­gen Im Kwon-taek immer wie­der. Nicht nur dass ihnen Gewalt ange­tan wird, in wel­cher Form auch immer, son­dern auch, dass sie aller Mit­tel ent­ho­ben wer­den, sich zur Wehr zu set­zen. Die Dis­kri­mi­nie­rung der Frau wird inner­halb des Kon­fu­zia­nis­mus mit einem Rol­len­bild erklärt, das Duld­sam­keit und Opfer­be­reit­schaft als weib­li­che Tugen­den idea­li­siert. In Ims Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sem The­ma ist es also kein Zufall, wenn Frau­en immer wie­der mit Gewalt, kör­per­lich und auch psy­chisch, kon­fron­tiert wer­den. Nur zu oft treibt sie ihr Leid in den Wahn­sinn und auch in den Tod. Im Kwon-taek ver­sucht, die Mecha­nis­men einer Gesell­schaft auf­zu­le­gen, die eine sol­che Unter­drü­ckung begüns­tigt. Wie­der inner­halb eines his­to­ri­schen Stof­fes beschäf­tigt er sich mit dem The­ma der Leih­mut­ter­schaft in Siba­ji. Der Sohn einer adli­gen und rei­chen Fami­lie und sei­ne Frau kön­nen kei­nen Sohn, also kei­nen Erben, bekom­men. Sein Onkel beschließt, eine Leih­mut­ter zu enga­gie­ren. Zunächst wehrt sich der Sohn gegen eine sol­che Akti­on: er liebt sei­ne Frau und möch­te noch wei­ter­hin ver­su­chen, mit sei­ner Ehe­frau einen Sohn zu zeu­gen. Sie ist es schließ­lich selbst, die ihn dazu über­re­det, da sie fürch­tet, von sei­ner Fami­lie ver­sto­ßen zu wer­den. In der jun­gen und hüb­schen Oknyo wird man denn auch schnell fün­dig. Tref­fen­der­wei­se lebt sie in einem Tal von der Form einer Vagi­na, genannt das „Frau­en­tal“. Wenn Onkel und Stamm­hal­ter sich auf den Weg machen, so tre­ten sie fes­ten Schrit­tes durch die­ses Tal, um sich eine Gebä­ren­de aus­zu­su­chen. Okny­os Mut­ter war selbst eine Leih­mut­ter bis zu jenem Tage, da sie Oknyo zur Welt brach­te, und man befürch­ten muss­te, dass sie von nun an nur noch Mäd­chen zur Welt brin­gen soll­te. Die Leih­mut­ter­schaft ist nur dazu aus­ge­rich­tet, Söh­ne zu gebä­ren, um der auf­trag­ge­ben­den Fami­lie die Für­bit­te im Jen­seits zu ermög­li­chen. Jene Für­bit­te bei den Ahnen ist nur durch einen Jun­gen mög­lich, und der tie­fe Glau­be hier­an ist auch heu­te noch verbreitet.

Doch der Sohn ver­liebt sich in das jun­ge auf­müp­fi­ge Mäd­chen. Oknyo beru­higt ihre Mut­ter, schließ­lich ver­spricht man ihnen als Bezah­lung ein eige­nes Stück Land, und dafür wür­de sie alles tun, um ihre Mut­ter und sich aus der Armut zu befrei­en. Der Onkel begibt sich auf die Suche und wird auf Oknyo auf­merk­sam, da sie laut­hals ein klei­nes davon­lau­fen­des Kalb ver­folgt. Das Brand­mal des Kal­bes weist nur zu deut­lich auf die spä­ter fol­gen­de Täto­wie­rung, die man Oknyo ver­passt, um sie als Leih­mut­ter zu kenn­zeich­nen. Mit ver­bun­de­nen Augen bringt man sie auf das Anwe­sen der Adels­fa­mi­lie, und ver­bie­tet ihr von nun an, bei Tage ihre Kam­mer zu ver­las­sen. Nur nachts darf sie hin­aus, um unter einem hell leuch­ten­den Voll­mond die Göt­ter des Mon­des um die Zeu­gung eines eben­so kraft­vol­len Jun­gen zu bit­ten. Oknyo fällt dabei in Ohn­macht. Die Natur spie­gelt auch hier die see­li­sche Ver­fas­sung der Prot­ago­nis­ten wider: oft fällt strö­men­der Regen am Tag, fast wie um zum Trost und um die Gescheh­nis­se der Nacht fort zu waschen. Der jun­ge Mann wird in einem Ritu­al zur Frucht­bar­keit in Beglei­tung sei­ner Frau zu Oknyo gebracht, und ist die ers­te Nacht noch schmerz­er­füllt und ängst­lich (sei­ne Frau sitzt abwar­tend und lei­dend vor der ver­schlos­se­nen Tür), so ändert sich dies schon bei der zwei­ten Nacht. Das unfrei­wil­li­ge Paar lächelt sich bereits an und nach dem voll­zo­ge­nen Akt blei­ben sie noch eng umarmt zusam­men lie­gen. Sie ver­lie­ben sich inein­an­der. Oknyo ist sieb­zehn Jah­re alt, und der nun erfah­re­ne Luxus und die Auf­merk­sam­keit, die man schein­bar ihrer Per­son ent­ge­gen­bringt, erfül­len sie mit Stolz. Sie glaubt an sei­ne Lie­be und sieht sich hoff­nungs­voll als bald wer­den­de Mut­ter, damit er sich zu ihr beken­nen kann. Die frü­he­ren War­nun­gen ihrer Mut­ter, sich nicht in ihren Her­ren zu ver­lie­ben, lässt sie nun unbe­ach­tet, und fühlt sich als rüh­men­de Aus­nah­me, die nicht nur eige­nes Lie­bes­glück erfährt, son­dern auch ihrer Mut­ter ein bes­se­res Leben wird bie­ten kön­nen. Trotz Prü­gel­stra­fe für ihre ver­bo­te­ne Lie­be tref­fen sie sich wei­ter­hin. Der jun­ge Mann darf sich eine Moral­pre­digt anhö­ren und muss sich wei­ter­hin sei­ner Zeu­gungs­pflicht wid­men. Oknyo wird tat­säch­lich schwan­ger, und er wird aufs Land geschickt, um jeden Kon­takt wei­ter­hin zu unter­bin­den. Sei­ne Ehe­frau muss nun das Spiel der Schwan­ger­schaft mit­ma­chen: man bin­det ihr mit den Mona­ten einen dicken Bauch um, lässt sie Schmer­zen und Übel­keit vor der Die­ner­schaft spie­len, wäh­rend die Tan­te wis­send alle Fäden in der Hand hält. Doch Oknyo hat Heim­weh und sehnt sich nach ihrer Mut­ter. Die­se wird tat­säch­lich geholt, mehr aus Angst, Okny­os Leid könn­te eine Schwan­ger­schaft ver­hin­dern, als aus Mit­ge­fühl. Die Mut­ter ver­sucht, ihre Toch­ter zu schüt­zen, erin­nert immer wie­der an ihr eige­nes erfah­re­nes Leid. Auch ihr Leid wird jetzt nicht auf­hö­ren Oknyo bringt tat­säch­lich einen gesun­den Jun­gen zur Welt, aber das Kind wird ihr sofort weg­ge­nom­men und der recht­mä­ßi­gen Mut­ter anver­traut. Deren Eifer­sucht und Hass auf Oknyo lässt sie ihr gegen­über völ­lig mit­leid­los han­deln, und sie hat alle Hän­de voll zu tun, sich in die Mut­ter­rol­le hin­ein­zu­fü­gen. Oknyo muss das Haus wie­der ver­las­sen, so, wie sie gekom­men ist: in der Nacht und mit ver­bun­de­nen Augen. Ihre Mut­ter hat­te die­se Qual durch­ge­stan­den, Oknyo aber wird sich das Leben neh­men. Der ein­zi­ge ihr blei­ben­de Pro­test ist, sich in dem Dorf zu erhän­gen, in dem sie ihren Sohn zur Welt gebracht hat. Mit ihrer Täto­wie­rung auf der Schulter …

Aje Aje Bara Aje von Im Kwon-taek
Aje Aje Bara Aje

Etwas Ganzes verlassen, um etwas Ganzes zu bekommen.

In Aje Aje Bara Aje zeigt uns Im die Suche einer jun­gen Frau nach inne­rer Frei­heit und Läu­te­rung. Anhand des Zen-Bud­dhis­mus reiht er hier die schon bekann­ten Sta­tio­nen der weib­li­chen Unfrei­heit auf: Ein­sam­keit, männ­li­che Gewalt und Gesetz­ge­bung, kul­tu­rel­le und sozia­le Fra­gen, Lie­be. Die jun­ge Frau ist sich noch nicht klar dar­über, ob ihre Beru­fung in der Suche nach Erleuch­tung in klös­ter­li­cher Aske­se oder in der Hin­ga­be an die Mensch­heit liegt. Sie wählt den zwei­ten Weg und wird bis zur sexu­el­len Aus­beu­tung miss­braucht. Auf rein theo­lo­gi­scher Ebe­ne geht es in die­sem Film auch um die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Hin­a­ya­na- und Maha­ya­na-Bud­dhis­mus. Die ers­te Form sucht vor allem die eige­ne, die zwei­te die Erlö­sung mög­lichst vie­ler Men­schen. Die 16jährige Lee (Kang Su-yeon) kommt mit ihrer kal­ten und zurück­wei­sen­den Mut­ter nicht zurecht. Der Vater ist seit Jah­ren ver­schwun­den, und so fin­det Lee eine Art Ersatz­va­ter in einem Mönch, dem Freund der Fami­lie. Mit einem Leh­rer von ihrer Schu­le unter­nimmt Lee eines Tages einen Aus­flug, was natür­lich sofort als Skan­dal inter­pre­tiert wird, und Lee die Schu­le ver­las­sen lässt. Sie tritt einem Klos­ter bei, um Non­ne zu wer­den, wird aber beharr­lich von einem jun­gen Mann umwor­ben, so dass Lee wie­der ein­mal aus einer Gemein­schaft aus­ge­schlos­sen wird, wegen eines Man­nes. Die bei­den hei­ra­ten, doch Lee bringt ein totes Kind zur Welt, und ihr Mann kommt bei einem Unglück im Berg­werk ums Leben. Die Ket­te der Ereig­nis­se reißt aber noch nicht ab: Lee lernt bei einem Job einen Chauf­feur ken­nen, doch kurz dar­auf stirbt auch die­ser Mann. Lee kehrt schließ­lich ins Klos­ter zurück, um ihre Leh­re­rin dort auf dem Ster­be­bett anzu­tref­fen. Die Suche wird noch kein Ende fin­den… .Im stellt die Beweg­grün­de zu reli­giö­sem Han­deln in Fra­ge, und das macht den Film so inter­es­sant. Soll­te Reli­gi­on doch nur ein Weg sein, um zu sich selbst zu füh­ren, ein Mensch zu wer­den. Die ste­te Fra­ge nach dem Weg ist mit der Grund, war­um Im ger­ne als Huma­nist bezeich­net wird. Im selbst wuchs in einem von der Mut­ter streng kon­fu­zia­nisch geführ­ten Haus­halt auf, und sein Vater ver­such­te sich erfolg­los im Berg­bau als Geschäftsführer.

Gaebyeok von Im Kwon-taek
Gae­byeok

„Die Partei hat immer Recht.“

Im Kwon-taek hat sich in sei­nem nun 100 Fil­me umfas­sen­den Werk auch dazu gefun­den, schul­buch­ar­tig den Bür­ger­krieg (1948−1953) und die so mög­li­che Tei­lung des Lan­des in Nord und Süd zu erzäh­len, Tae­baek San­maek. In dem drei­stün­di­gen Film schil­dert er den Kampf zwei­er Brü­der gegen­ein­an­der, und doku­men­tar­film­ar­tig den Fort­gang des Krie­ges bis zur Tei­lung des Lan­des und des­sen Hin­ter­grün­de. Die Pro­duk­ti­on wur­de miss­trau­isch beäugt, angeb­lich lager­ten Poli­zei­wa­gen gan­ze Näch­te vor den Sets. Man griff nicht ein, aber zeig­te Prä­sens. Im Kwon-taek berich­tet von der geschei­ter­ten Land­re­form, die gegen­sei­ti­gen Denun­zie­run­gen inner­halb der kom­mu­nis­ti­schen Par­ti­sa­nen­kämp­fe gegen die Süd­ko­rea­ni­sche Rechts­re­gie­rung. Im ver­ar­bei­tet hier mit Sicher­heit eige­ne Erfah­run­gen. Genaue Erleb­nis­se kann man even­tu­ell nur erah­nen, wenn man bedenkt, dass sei­ne Fami­lie im anti-kom­mu­nis­ti­schen Süd­ko­rea für die Sache der Kom­mu­nis­ten gekämpft hat­te. In sei­nen Fil­men und vor allem inner­halb der Auf­merk­sam­keit, die ihnen zukommt, ist er heu­te in der Lage, Ideo­lo­gien anzu­pran­gern, die auf Kos­ten von Men­schen­le­ben durch­ge­setzt wer­den sol­len. Nicht immer stößt er damit bei sei­nen Lands­leu­ten auf Begeis­te­rung, wie wir es ja aus unse­rer eige­nen Geschich­te wohl nur zu gut ken­nen. Mit sei­ner scho­nungs­lo­sen Auf­zäh­lung von Gräu­el­ta­ten der lin­ken und rech­ten Mili­zen, und das alles noch inner­halb der Dar­stel­lung des korea­ni­schen Super­stars Ahn Seong-ki rief er eine Men­ge Pro­test her­vor, von Nord- und Süd­ko­rea glei­cher­ma­ßen. Auch hier fin­den sich Ims gro­ße The­men wie­der, so auch die der kul­tu­rel­len reli­giö­sen Wur­zeln: eine Scha­ma­nin schlägt sich auf die Sei­te der Kom­mu­nis­ten. Das The­ma der Fami­li­en­kon­tro­ver­sen legt Im geschickt anhand eines zer­fal­le­nen Patri­ar­chats dar, im Gegen­satz hier­zu eines vor Männ­lich­keit strot­zen­den Fami­li­en­zwei­ges. In der Yosu-Syn­chon-Rebel­li­on zur Boden­re­form wäh­rend der sowje­ti­schen Besat­zung zeigt sich auch wie­der das beson­de­re Lei­den der Frau­en. Ver­ge­wal­ti­gung als Kriegs­waf­fe kommt auch hier zum Ein­satz, erst recht, wenn die Frau (wie die Scha­ma­nin) sich als all­zu selbst­si­cher in ihrem Kampf erweist. Doch in all dem Schmerz ver­weist Im auch immer wie­der auf den Glau­ben an Zunei­gung und Schutz, dem Wil­len, nicht zu ver­let­zen, auch wenn man die­se kur­zen Momen­te der inne­ren Ruhe nur sel­ten spürt oder gar sieht. In sei­ner Ver­gan­gen­heit sieht Im Kwon-taek nun die Ver­ant­wor­tung für sei­ne Arbeit. Es gibt Geschich­ten, die erzählt wer­den müs­sen, und nun, da sein Erzäh­ler die größ­te Aner­ken­nung genießt, wohl erst recht.