Youki Workshop 2023: Bäume in Filmen

von Leon Moses Fasthuber

Im Oktober 2023 besuchten Bianca Jasmina Rauch und Patrick Holzapfel das Youki Internationales Jugend Medien Festival in Wels, um auf Einladung einen Workshop zu halten. Es ging um Filmtexte, das Sehen, Wahrnehmen, kritisches Denken…und Bäume. Einer der Teilnehmer, Leon Moses Fasthuber, schickte uns daraufhin einen Text über seine Recherche zu Bäumen in Filmen. Es ist sein erster Filmtext und wir freuen uns, ihn veröffentlichen zu können.

Meine Augen richten sich nun auf die Bäume, die ich auf der großen Leinwand zu sehen bekomme. Ich frage mich: „Hmm, habe ich beim Filmeschauen schon mal auf die Bäume geachtet?“ So wirklich, hab ich das noch nie und mit diesem nicht vorhandenen Vorwissen bin ich beauftragt worden, folgenden Text über Bäume zu verfassen.

Wo beginnen? Auf der Autobahn? Warum nicht? So mancher mag schon mal auf der A1 Richtung Wien West gefahren sein. Die Aussicht bleibt fast das ganze Jahr über relativ uninteressant, doch zur Herbstzeit verwandelt sich der Wienerwald in ein Bob-Ross-Gemälde. Da verliert man sich gerne drin. Die Farbenpracht unserer Wälder wird auch in so einigen deutschsprachigen Filmproduktionen herausgehoben. Für viele, wie auch für die Filmemacherin Elisabeth Scharang, kann der Wald ein Zufluchtsort darstellen. Der Baum wird zum Symbol der Ruhe, er stellt eine Verbindung mit unseren Ahnen her. Doch der Wald wird in Filmen oft auch als Ort eines Verbrechens gezeigt. Tatortseher schwärmen von den Drohnenaufnahmen über Deutschlands Wäldern. Das Auge kann gar nicht all diese bedrohlichen Grünschattierungen erfassen.

Das mag sein, aber ich muss noch mehr herausfinden. Also mache ich, was heute so ziemlich alle Filmliebhaber machen würden. Ich recherchiere auf Letterboxd. Die Seite schlägt einem die verschiedensten Listen vor: Filme die „der Baum“ heißen, Filme, die Bäume auf ihrem Plakat haben, Filme, in denen keine Bäume vorkommen. In den meisten Filmen fällt den Bäumen keine wichtige Rolle zu, dennoch fühlt es sich unnatürlich an, wenn sie nicht da sind. Denn Bäume sind nicht nur in Filmen, sondern auch in unserem Alltag stille Wegbegleiter. Sind sie mal nicht da, fühlt man sich komisch, das gezeigte Bild kommt einem entrückt vor. Als wäre die Realität gekrümmt. Ich denke beispielsweise an Blade Runner 2049 von Denis Villeneuve. Am Fuße eines letzten, schon toten Baumes, findet der Protagonist, Officer K, eine Blume. In einer Welt, in der das Leben schwer zu finden ist, wirkt das Erscheinen dieser Blume, in leuchtenden Farben, wie ein Wunder. Ein anderes nicht so drastisches Beispiel liefert Brokeback Mountain von Ang Lee. Hier wird ein Kontrast gezeichnet zwischen idyllischen Wäldern und flachen Feldern. Dieser Kontrast soll den aktuellen Beziehungsstand der zwei Protagonisten veräußerlichen.

Ich suche weiter nach Bäumen in Filmen, nun bei diversen Streaminganbietern. Doch das einzige was man bei Disney+ findet, ist der animierte Kurzfilm Far from the Tree. Dieser hat zwar das Wort Baum im Titel, doch spielen Gehölze in dieser Geschichte eine eher nebensächliche Rolle. Mama Waschbär und ihr Kind sind auf der Suche nach Nahrung und begeben sich zum Strand, wo sie von einem Fressfeind bedroht werden. Schlussendlich gelingt ihnen in letzter Sekunde die Flucht, indem sie auf einen Baum klettern. Auf Prime Video werden einem einige Dokumentationen zum Thema Wälder und Natur angezeigt. Wie im Wahn suche ich nach allem Filmen, in denen ein Baum vorkommt. Im Film Undir trénu von Hafsteinn Gunnar Sigurðsson, löst ein Baum ein Drama zwischen zwei Familien aus und wird am Ende noch zum Mörder. Diese ganze Recherche raubt mir die Phantasie, also denke ich zurück. Ich stelle mir die Frage: „Welche Filme kommen mir in den Sinn, wenn ich an Bäume denke.“ Wes Andersons Stop-Motion-Film Fantastic Mr. Fox schießt mir in den Kopf. Darin verkörpert der Baum ein luxuriöses Haus. Durch die Eskapaden von Mr. Fox, wird sein Haus jedoch relativ schnell zur Bedrohung. Dann kommt mir auch Avatar von James Cameron in den Sinn, indem die Na´vi den Baum der Seelen anbeten. Dieser wirkt allmählich lebendig, wie er mit seiner Außenwelt durch neuronale Verbindungen kommunizieren. Im Kino ist fast alles möglich, hier können Bäume gehen und sprechen und schießen. Von Groot aus Guardians of the Galaxy bis zu Pinocchio ist menschgewordenes Holz ein Begriff für jung und alt. Bäume tun Gutes und sind für die Menschheit existenziell wichtig. Sie stehen für Wiedergeburt und Schöpfung, wie das Tree of Life von Terrence Malick verdeutlicht. Doch das Gegenteil kann auch der Fall sein. An so manchen Bäumen haben sich Menschen schon erhängt wie in The Conjuring von James Wan.

Wie man merkt, bin ich voll und ganz ins Baum-Rabbithole gefallen. So weit, dass ich nun bei Éric Rohmers Les Contes des quatre saisons angekommen bin. Die Filmreihe wurde von 1990 bis 1998 realisiert. Jeder Film erzählt eine Geschichte zur jeweiligen Jahreszeit. Ich denke, durch die vier Jahreszeiten können Bäume uns lehren, wie wichtig sie für unseren Alltag sind. Gerade an heißen Sommertagen, gibt es nichts Besseres, als sich in den Schatten eines Baumes zu legen. So wie das Elio und Oliver in Call Me by Your Name von Luca Guadagnino machen. Im Herbst verfärben sich die Blätter und laden den einen oder anderen auf einen Spaziergang ein. Wenn dieser sich dann wie bei Suzy und Sam in Moonrise Kingdom von Wes Anderson über die ganze Insel zieht, können einem schon mal die Füße schmerzen.

Im Winter verlieren viele Bäume ihre Blätter, Schnee liegt auf den Ästen und für eine kurze Zeit wird es kahl und kalt. Christliche Menschen haben einen Weg gefunden, das ganze Jahr über einen grünen Baum bei sich zu haben. Denn der Christbaum, der in der Adventszeit unsere Wohnzimmer schmückt, verliert nicht sein grünes Kleid. Über die Fülle an Weihnachtsfilmen muss man jetzt nicht schreiben. Es gibt unzählige. Manche sind gut und manche sollte man in den Müll schmeißen. So wie das die Menschen leider mit ihren Weihnachtsbäumen machen, wenn Weihnachten vorbei ist. Dann kommt der Frühling. Die Zeit, in der Kirschen blühen und der Wind die rosa Blüten davonträgt. Vorbei an dem sich bewegenden Koloss in Hauru no Ugoku Shiro von Hayao Miyazaki. Ich schreibe von einer Zeit, in der die Natur wieder ihre Farbpracht zeigt. Der Frühlingsduft, der sich in die Nase bohrt. Die Blüten und die Knospen, die zu sprießen beginnen. Das alles kann schon richtige Frühlingsgefühle in uns auslösen. Umgeben von Wäldern können diese Gefühle zu Liebesbeziehungen führen, wie bei Tarzan und Jane oder – wenn auch ungleich fragiler – bei Fljora und Glascha in Idi i smotri von Elem Klimow.

Ich ziehe mir Film über Film rein und denke dabei zurück. Vor meinem geistigen Auge spielen sich Szenen meiner Vergangenheit ab. Als ich noch ein Kind war, gingen wir oft auf Kirschblütenwanderung durch die Scharten in Oberösterreich. Studio Ghibli löst in mir starke Gefühle von Nostalgie auf.

Als ich begann diesen Text zu schreiben, war ich total überfordert. Was soll man schon über Bäume in Filmen schreiben. Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, dass es keine Welt ohne Bäume gibt. Auch im Film. Bäume sind überall: In Wäldern oder verarbeitet als Holz zu Häusern, Möbel, Türen, Fenster, Spielwaren, Büchern, Papier und zu Textilien. Selbst wenn man nicht nach Bäumen sucht, findet man sie in jedem erdenklichen Bereich. Bäume decken so ziemlich jedes uns bekannte Thema ab. Von der Kunst bis zum Klimawandel. Es ist gut möglich über dieses Thema noch länger, vielfältiger und ausführlicher zu schreiben, doch ich finde es wichtig, jedem etwas Raum für eigene Überlegungen zu lassen. Also leg ich mich jetzt unter den nächstbesten Baum und philosophiere über das Leben.